Mister Moony
Kapitel 2:
Die Sonne stieg zwischen den Bergen empor, als ein dunkler Reiter begleitet von einem großen Wolf zwischen den Felsen oberhalb einer kleinen Ortschaft auftauchte. Der Mann saß auf dem Rücken seines prächtigen Hippogreifs und überblickte das Dorf zu Füßen der teilweise sehr felsigen Abhänge.
Harry schlenderte derweilen in der Morgensonne durch Hogsmeade. In der letzten Nacht hatte er keine Unterkunft mehr gefunden, so dass er sich in einer alten Scheune am Ortsrand hatte verstecken müssen. Jetzt wollte er sich aber unbedingt andere Kleider und etwas zu essen organisieren. Doch woher nehmen, wenn nicht stehlen? So spazierte Harry ganz gemütlich durch den Garten einer Zaubererfamilie, der weder durch einen Zaun noch durch ein paar Sträucher eingegrenzt wurde. Die beiden Kinder der Familie, ein Junge und ein Mädchen, spielten im Freien. Sie sahen Harry und wunderten sich, was dieser auf dem Grund und Boden ihrer Eltern zu suchen hatte. Aus einiger Entfernung beobachteten sie ihn, dabei bekamen die Kinder nicht mit, wie Harry mit ein paar flinken Bewegungen einige Kleidungsstücke von der Wäscheleine riss und unter seiner schmuddeligen Robe verschwinden ließ.
„Was machst du hier?", fragte der kleine Junge Harry jetzt. Er hatte allen Mut zusammengenommen und war auf diesen zugetreten. Seine kleine Schwester schielte unsicher hinter ihm hervor.
„Och, nichts! Wollte nur einen Morgenspaziergang machen."
Die Kleinen schienen Harry die Geschichte nicht ganz abzukaufen und beäugten ihn misstrauisch.
„Ich geh dann mal weiter. Tschüß ihr beiden!"
Mit schnellen Schritten eilte Harry davon, schwer darauf bedacht, dass die Geschwister nicht sahen, wie er sich noch das Paar Schuhe aneignete, welches vor der Tür des Hauses gestanden hatte. Mit der nicht ganz rechtmäßig erstandenen Garderobe bewaffnet, verschwand Harry hinter dem nächstmöglichen Busch, wo er in die frischen Kleider schlüpfte. Die schmutzige und zerschlissene Bekleidung, welche er bis dahin getragen hatte, schnürte er zusammen. So machte er sich erneut auf, dieses Mal zu einem ortsansässigen Wirtshaus, dem „Eberkopf", um nun dort eine warme Mahlzeit einzunehmen.
Harry trat durch die Tür des schäbigen Gasthauses und eine kleine Glocke kündigte sein Eintreten an.
Der alte, weißhaarige Wirt wandte sich dem Neuankömmling zu und musterte ihn mit Neugierde und Zweifel, ob dieser Jüngling wohl seine Zeche bezahlen könnte.
„Guten Morgen! Ich hätte gern ein Butterbier und etwas von ihrem Eintopf, am besten eine doppelte Portion."
Der Wirt hob eine erstaunte Braue.
„So? Und wie willst du das Ganze bezahlen?"
Harry griff in seine Tasche und öffnete die Geldbörse, um die er Rabastan Lestrange erleichtert hatte. Als der Wirt die vielen Galleonen in dem Lederbeutel sah, änderte sich sein Gebaren gegenüber Harry umgehend. „Gut, junger Herr. Nehmen Sie Platz, ich bringe gleich ihre Bestellung."
Harry wandte sich derweilen zu den anderen Gästen um. Viele der Anwesenden hatten die Kapuzen ihrer Roben weit ins Gesicht gezogen, so dass man nicht erkennen konnte, wer sich eigentlich darunter verbarg. Harry war dies nicht ganz geheuer. Auch wenn die Todesser ihn ganz offensichtlich für tot hielten, ertrunken in der stürmischen See, so war es nicht sicher, dass er ihnen nicht doch irgendwo versehentlich über den Weg lief und sie ihn erkannten.
„Sag mal bist du nicht der Kleine da auf dem Poster?", fragte einer der vermummten Gäste und wies auf ein Fahndungsbild, welches an der morschen Eingangstür hing. Es sah ganz so aus, als hätten die Todesser ihn doch noch nicht ganz aufgegeben und hatten keine Zeit verloren überall sein Bild aufzuhängen. Ganz zu schweigen von der netten Summe Kopfgeld, welches sie für ihn zu zahlen bereit waren.
Harry wunderte sich weshalb ihm dieses Bild nicht schon eher aufgefallen war. Hätte er gewusst, dass überall nach ihm gesucht wurde, wäre er nicht so leichtsinnig gewesen und einfach in den „Eberkopf" spaziert. Auch wenn sein Hunger noch so groß und quälend war. Jetzt musste er nur versuchen irgendwie aus dieser Situation heil heraus zu kommen. Sein Herz pochte ihm bis zum Hals.
Hu, was ich? Nein, dass bin nicht ich", log Harry, doch mit dem Gefühl dies nicht besonders glaubwürdig zu tun. Dennoch hoffte er, dass man ihm seinen Schwindel abnahm. Er hatte keine Lust gleich wieder eingekerkert zu werden, schon allein der Gedanke daran trieb ihm den Angstschweiß auf die Stirn und in einem Kampf gegen einen erwachsenen Zauberer würde er mit großer Wahrscheinlichkeit den Kürzeren ziehen. Auch wenn er in der Zeit auf der Strasse so manche nützlichen Kniffe gelernt hatte. So blieb ihm nur noch die Hoffnung sich aus der Situation heraus zu schwindeln.
Einer der vermummten Gäste stand auf und trat näher an Harry heran und schien ihn dabei aus dem Schatten seiner Kapuze heraus genau zu mustern. Harry spürte regelrecht, wie die bohrenden Blicke auf ihm ruhten.
„Und du bist dir absolut sicher, dass dieses Bild nicht dich zeigt?", fragte die verhüllte Gestalt spöttisch während sie ihre Kapuze abstreifte und das blonde Haupt von Lucius Malfoy entblößte. Harry überkam plötzlich Panik, Schweiß schoss ihm aus sämtlichen Poren, als er erkannte in welch unglücklicher Situation er sich befand.
In der Zwischenzeit hatten sich auch andere Gäste erhoben und ihre Gesichter enthüllt. Sehr zu Harrys Unbehagen entpuppten sich die meisten der Gäste als Todesser. Sie waren ihm also doch gefolgt. Aber Harry hatte nicht vor sich kampflos wieder in dieses Höllenloch zurück bringen zu lassen. Lieber starb er hier im Kampf. Eine bis jetzt unbekannte Entschlossenheit machte sich in Harry breit.
Die Todesser zogen ihre Zauberstäbe und richteten sie gegen den Flüchtling.
Flüche und Zauber stoben durch den Schankraum des „Eberkopfes" und Harry hatte schwer zu kämpfen um nicht von einem der verschiedenfarbigen Blitze getroffen zu werden. Doch seine kleine, magere Gestalt war sehr wendig und er duckte sich hinter Tische und Bänke, die ihn schützen sollten. Die unbeteiligten Gäste sowie der Wirt zogen sich fluchtartig in eine Ecke hinter der Theke zurück; keiner von ihnen war daran interessiert zwischen die Fronten zu geraten.
Harry schoss gelegentlich den einen oder anderen Zauber zurück und stieß zwei seiner Verfolger kurzerhand um, als er versuchte sich einen Weg zur Tür zu bahnen. Die Todesser hatten zu Beginn schlechte Karten gegen ihn. Sie erinnerten eher an einen unorganisierten Haufen als an eine tödliche Gefahr.
Nachdem Harry es gelungen war, seine Verfolger noch einmal zum Narren zu halten, huschte er aus dem Wirtshaus, fest in dem Glauben wieder einmal entkommen zu sein. Doch er täuschte sich. Ihm war im Eifer des Gefechts entgangen, wie drei der Todesser schon vor ihm das Gebäude verlassen hatten, und nur darauf warteten, dass er ihnen folgte. So fand Harry sich statt in Freiheit in einem immer enger werdenden Kreis aus Todessern wieder, an ihrer Spitze Lucius Malfoy. Harry fluchte im Geiste über seine Leichtgläubigkeit die Todesser so einfach abzuhängen.
„So, und was machen wir mit diesem kleinen Unruhestifter jetzt? Wir können nicht riskieren,
dass du uns noch mal entkommst. Eine Idee wie wir dies verhindern können?"
Überheblich trat Malfoy auf den Jungen zu und erhob seinen Zauberstab, um den Todesfluch auszusprechen. Doch er hatte noch nicht einmal die halbe Formel zu Ende gesprochen, als schon Macnair neben ihm zusammensackte, getroffen von einem roten Lichtblitz. Ruckartig sahen die Todesser in die Richtung, aus welcher der Schockzauber gekommen war.
Ein schwarzhaariger Mann, gekleidet in eine ebenso schwarze Robe, trat auf die Gruppe zu, seine grauen Augen stachen kalt aus seinem schönen Gesicht. „Ihr lasst den Jungen gehen! Sofort!"
Harry kannte den Fremden nicht, und noch weniger verstand er, weshalb dieser ihm helfen wollte. Doch andererseits war er Merlin mehr als dankbar, dass er ihm diesen unerwarteten Retter geschickt hatte.
Lucius' aristokratisches Gesicht verzog sich zu einer unschönen Fratze, als er den Fremden erkannte. „Black! Sieh einer an. Was willst du denn hier? Ich glaube außerdem nicht, dass dies hier deine Angelegenheit ist."
Der Unbekannte, dessen Name wohl Black sein musste, zeigte sich wenig berührt. Er trat näher und richtete seinen Zauberstab auf die Todesser. „Los, Kleiner! Lauf!"
Dies ließ Harry sich nicht zwei Mal sagen, und er machte sich davon.
Malfoy trat kochend vor Wut auf Black zu und erhob ebenfalls seinen Zauberstab. Was glaubte der eigentlich wer er war? Die beiden Kontrahenten musterten sich mit kalten Blicken, als sich plötzlich einer der Todesser von der Gruppe löste und auf Black zu rannte.
„Sirius! Bist du das?"
Der Todesser sah dem Mann sehr ähnlich, als seien sie miteinander verwandt. Black sah zu dem Todesser, der ihn gerade adressiert hatte, und musterte ihn kurz mit einem Ausdruck sehr gemischter Gefühle, bevor er seine ganze Aufmerksamkeit wieder Malfoy zuwandte. Leise murmelte Black eine Formel und ein grüner Lichtblitz schoss aus seinen Zauberstab. Doch zu seinem Entsetzen musste er mit ansehen wie Malfoy den jüngeren Mann neben sich packte und ihm entgegen stieß. So traf der Avada Kedavra am Ende nicht Malfoy, sondern Regulus Black.
Sirius starrte entsetzt auf den Körper seines jüngeren Bruders, der vor ihm zusammensackte. Auch wenn Sirius und Regulus mehr als unterschiedliche Lebensansichten hatten, ließ das eben Geschehene ihn nicht kalt. Sie waren trotz alledem Brüder gewesen.
Sirius' Griff um seinen Zauberstab verstärkte sich und er feuerte erbarmungslos Flüche auf die Bande von Todessern ab, während die einen außer Gefecht oder gar tot zu Boden sanken, stürzten sich die anderen auf ihren Angreifer. Jedoch war der einfach der begabtere Zauberer und machte es den Todessern nicht gerade leicht. Lucius hielt sich anfänglich noch etwas zurück und ließ die anderen die Drecksarbeit machen, bis er genug davon hatte, dabei zuzusehen, wie Sirius seine Begleiteter vorführte. Malfoy stürzte sich Sirius entgegen, doch der ließ ohne große Umstände seine Robe in Flammen aufgehen.
Entsetzt schmiss Lucius sich auf den Boden und wälzte sich bei dem Versuch die Flammen zu löschen wie ein Tier im Dreck der Straße. Einer der verblieben Todesser versuchte per Zauber die brennende Kleidung zu löschen, während die anderen noch stehenden ängstlich zurück wichen, als Sirius einfach an ihnen vorbeistapfte. Keiner hatte mehr den Mumm sich ihm in den Weg zu stellen.
Derweilen suchte Harry verzweifelt nach einer Fluchtmöglichkeit. Doch welche? Die Todesser hatten zwar einige ihrer Flugbesen mitgebracht, doch diese waren mit derart komplizierten Zaubern gegen Diebstahl gesichert, dass es Harry absolut unmöglich schien auch nur einen davon zu lösen. Aus der Entfernung hatte er das Gefecht seines unbekannten Retters mit angesehen und war recht beeindruckt gewesen. Doch jetzt, da dieser das Feld räumte, entschied sich auch Harry so schnell wie möglich das Weite zu suchen. Da er aber keinen Besen klauen konnte und im Moment zu aufgewühlt zum problemlosen Apparieren war, entschied er sich dazu dies zu Fuß zu tun.
In der Entfernung konnte er hören, wie Malfoy wetterte und seine Todesserkumpane anbrüllte, sie sollten die Verfolgung aufnehmen. Keine guten Aussichten für Harry. Doch erneut kam unerwartete Hilfe. Er hörte hinter sich das Trommeln von Hufen, und als er sich nach seinem vermeidlichen Verfolger umblickte, traf sein Blick auf den Mann namens Black, der ihm auf seinem Hippogreif gefolgt war. Ohne großes Federlesen packte dieser Harry am Kragen und zog ihn zu sich auf das große Tier, welches sich umgehend in die Lüfte erhob. Von seinem Platz aus konnte Harry noch beobachten, wie einige der Todesser ihre Besen an sich genommen hatten und versuchten ihnen zu folgen. Aber da tauchte wie aus dem Nichts ein großer Wolf auf der Bildfläche auf und fiel sie an. Binnen weniger Momente waren die Besen zerbrochen und die vom Unglück verfolgten Todesser wiesen einige unschöne Bisswunden und Kratzer auf. Der große Wolf derweilen lief unter dem Hippogreif den beiden hinterher.
Nachdem sie einige Zeit geflogen waren, landete Sirius den Hippogreif und sie ritten durch einen finsteren Wald. Harry begriff noch immer nicht, was dieser mysteriöse Mann von ihm wollte, dennoch war er dankbar, dass dieser ihn aus den Fängen seiner Verfolger befreit hatte. Der Wolf, welcher vorhin die Todesser daran gehindert hatte sie zu verfolgen, trottete friedlich neben ihnen her. Er wirkte dabei eher wie ein Hund, der seinem Herren folgte, als das mächtige, wilde Tier, welches er war.
Als der Tag sich langsam dem Ende zuneigte und man die einbrechende Dämmerung über den Wipfeln der Bäume erkennen konnte, kamen sie an einem ziemlich schäbigen Haus vorbei.
Vor dem Haus saß ein schmuddliger Mann, der sie mit geröteten Augen musterte. Dünne Rauchschwaden stiegen von seiner Pfeife auf, die er zwischen die Lippen geklemmt hatte. Als Harry und Sirius neben seiner dürftigen Bleibe anhielten, erhob er sich und trat näher an die beiden heran.
„Was wollt ihr hier?", fragte der Mann und eine penetrante Alkoholfahne stieg Harry in die Nase.
„Wir würden gerne die Nacht hier verbringen, wenn das möglich wäre", beantwortete Sirius die eben gestellte Frage. Der offensichtlich alkoholisierte Mann zog eine kleine, tönerne Flasche aus seinem fleckigen Umhang und nahm einen tiefen Schluck daraus.
„Geht nicht. Kein Platz", antwortete der Fremde und wandte sich von ihnen ab um wieder seinen Platz vor dem Haus einzunehmen.
Sirius griff in die Tasche seiner Robe und zog seinen Geldbeutel hervor.
„Wir würden natürlich auch für die Unterkunft bezahlen."
Auch Harry zog seine gestohlenen Galleonen hervor und ließ sie klimpern, in der Hoffnung, die Aussage von Sirius noch zu unterstreichen. Die Augen des Mannes nahmen einen begierigen Ausdruck an, als er das Geld sah. Er schien einem lukrativen Geschäft wie diesem nicht widerstehen zu können.
„Gut. Ihr könnt da in der Scheune schlafen." Mit diesen Worten zeigte der Mann mit seiner dreckigen Hand auf einen naheliegenden Verschlag.
„Vielen Dank."
TBC
