Kapitel 1

Natürlich hatte er die Cullens auf der Schule noch gesehen, von der Ferne und auch nur wenn er Glück gehabt hatte, doch gesprochen hatte er noch nie mit ihnen. Auch nicht mit deren Adoptivvater, selbst wenn er regelmäßig in dem Krankenhaus, in dem der Arzt arbeitete, auftauchte. Eigentlich hatte er es auch noch nie versucht, er hatte keine Lust auf den Tratsch, der dann immer folgte und außerdem waren sie alle etwas… seltsam. Fast schon gruselig. Zumindest für sein jüngeres Ich, jetzt konnte er das nicht mehr beurteilen, immerhin hatten sie schon vor drei Jahren ihren Abschluss gemacht. Doch die Gerüchteküche kochte immer noch über, wenn es um die rätselhaften Cullens ging. Und um Bella Swan, wohl jetzt Cullen, die es als Einzige geschafft hatte, den Mädchenschwarm Edward für sich zu begeistern und ihn sogar kurz nach ihrem letzten Schuljahr zu heiraten. Es gab immer noch allerlei Theorien, von ungeplanten Schwangerschaften bis zu einem Kult, der ein jungfräuliches Opfer brauchte, absoluter Schwachsinn, wenn man ihn fragte.
Das waren Dinge, mit denen er sich in Momenten wie diesem beschäftigte. Das Warten im Untersuchungszimmer war ja so öde. Doch nachdem er unvorsichtig gewesen war hatte er jetzt den Schlammassel und saß auf der sterilen Liege. Sein leises Seufzen löste einen heftigen Stich in seiner Seite aus, der Grund, warum er hier war. Jeder wusste, woher die ganzen Brüche, Prellungen und blauen Flecke kamen, auch wenn sein offizielles Statement jedes Mal „Ich bin von der Treppe gefallen" hieß. Und da sich Dick immer benahm, wenn die Polizei vorbeischaute und die Jungs dichthielten, um nicht getrennt zu werden, konnte niemand etwas dagegen tun.

Und nachdem jemand in der Umkleide diesen riesigen dunklen, fast schwarzen Fleck auf seiner Seite gesehen und ihn beim Sportlehrer verpetzt hatte war er sofort ins Krankenhaus geschickt worden. Er hatte natürlich protestiert aber davon wollte niemand etwas hören. Also saß er jetzt hier, nachdem er den ganzen Tag erfolgreich seine Schmerzensschreie bei jedem Rempler und falschem Schritt zurück gehalten hatte nur um dann im Sportunterricht aufzufliegen, und wartete auf seine Ärztin. Es war etwas ungewöhnlich, doch er hatte es tatsächlich geschafft, dass er jedes Mal nur von Dr. Kleers, oder Lacy, wie er sie nennen durfte, behandelt wurde, selbst bei solchen Untersuchungen wie heute. Sie stellte mittlerweile auch keine Fragen mehr, sondern sah ihn nur traurig an, wenn er wieder bemüht fröhlich sagte: „Sie wissen ja, Treppen hassen mich einfach." Früher hatte er auch andere Ärzte gehabt, wie in jedem Krankenhaus bei einfachen Untersuchungen üblich war, doch nach seinem ersten stationären Aufenthalt war er endgültig bei der freundlichen Frau mittleren Alters hängen geblieben.

Der Junge wurde aus seinen Gedanken gerissen als sich Schritte näherten und die Tür zum Untersuchungszimmer geöffnet wurde, nur zu seinem Schrecken kam nicht Lacy herein sondern der wandelnde feuchte Traum vieler Schwestern, Ärztinnen und auch mancher ihrer männlichen Kollegen, manchmal sogar von ihm selbst, Dr. Carlisle Cullen. Sofort spannte er sich an, was seine Seite dazu brachte, beleidigt zu protestieren und fragte, wobei er sich um eine ruhige Stimme bemühte und der Mann überhaupt nicht dazu kam, etwas zu erklären: „Haben… Haben Sie sich im Zimmer geirrt? Ich warte eigentlich auf Dr. Kleers." Das brachte den blonden Arzt dazu, sein Lächeln etwas entschuldigend werden zu lassen und warf einen kurzen Blick auf die Dokumente auf seinem Klemmbrett – sicherlich Helios' schon gut gefüllte Krankenakte.
„Ich weiß, dass Sie normalerweise von Dr. Kleers behandelt werden, aber sie ist zurzeit leider im Krankenstand und ihre Patienten wurden aufgeteilt." Großartig, und er hatte natürlich an einen der wenigen Ärzte erwischen müssen, die ihn noch nie untersucht hatten und daher weniger über ihn und seine Geschichte wussten als ihre Kollegen. Dr. Cullen bemerkte natürlich seinen gequälten Gesichtsausdruck und meinte wohl tröstlich und aufmunternd: „Keine Sorge, Mr. Hardy, ich stehe meiner Kollegin in nichts nach." Dass das eigentlich nicht das Problem war traute sich der Junge nicht offen zu sagen, sondern nickte zögerlich und stählte sich gegen die Fragen, die sicher bald kommen würden.
„Also Mr. Hardy… darf ich Sie Helios nennen? Ein sehr schöner Name übrigens, hier in der Gegend sicher nicht üblich. Gut, also Helios, hier steht, dass Sie der Aufnahme gesagt hätten, Sie wären von einer Treppe gefallen und dann von Ihrem Sportlehrer aufgrund der Verletzung im Bereich Ihrer rechten Rippen hierhergeschickt worden. Also ist der Unfall in der Schule passiert?", fragte der Arzt ruhig und hob überrascht die Augenbrauen, als von ihm ein leichtes Kopfschütteln und kaum hörbares „Gestern Zuhause" kam. „Und da sind Sie erst heute ins Krankenhaus gekommen?", fragte Carlisle ungläubig und legte das Klemmbrett zur Seite. „Ziehen Sie bitte Ihr T-Shirt aus."

Bei der Bitte spannte sich Helios erneut an, doch machte sich langsam daran, ihr nachzukommen und murmelte dabei: „Es hat eben nicht weh getan." Doch das überraschte Einatmen des Mannes sagte ganz deutlich, dass es weit schlimmer war als dieser von einem einfachen Treppensturz erwartet hatte und langsam trat er an den Jüngeren heran, um den dunklen Fleck, der sich von seiner untersten Rippe bis knapp unter dem Herzen zog, genauer zu betrachten. Kurz blickte er davon hoch in sein Gesicht und der Ausdruck in seinen Augen sagte eindeutig ‚Das soll nicht weh getan haben?', dann legte er vorsichtig seine Hände übereinander auf das obere Ende der Verletzung und tastete sie langsam ab, was den Schwarzhaarigen mehr als einmal dazu brachte, weg zu zucken und schmerzerfüllt zu keuchen. „Verzeihung. Es ist gleich vorbei", murmelte der Arzt und richtete seinen Blick danach wieder auf den Jungen selbst, bevor er wieder nach seinen Unterlagen griff und etwas eintrug.
„Es ist nichts gebrochen, es dürfte sich um eine Prellung handeln. Wir werden deine Rippen röntgen, um zu sehen, ob die Knochen vielleicht nicht doch beschädigt sind. Und diese Verletzung ist tatsächlich von einem Sturz über die Treppen?" Diese Frage ließ sofort Helios' trotzige Seite erscheinen und er streckte das Kinn etwas vor, bevor er meinte: „Natürlich, wovon denn sonst?" Um nichts auf der Welt würde er zugeben, dass sein Vater ihn in die Seite getreten hatte, nachdem er den Schwarzhaarigen dabei erwischt hatte, wie dieser abends, nachdem Jaime sich schon sicher in sein Zimmer eingeschlossen hatte, noch hinaus in den Wald schleichen wollte, um seinen Kopf frei zu bekommen.
Diese Abwehrreaktion schien den Mann ziemlich zu überraschen und er musterte ihn einmal gründlich, bevor er das Klemmbrett wieder zur Seite legte und sich halb auf den Schreibtisch im Raum setzte. „Normal erscheinen solche Flecken nicht durch einen einfachen Sturz. Ich habe ähnliches schon oft genug gesehen, um zu wissen, was sie verursacht. Du kannst es ruhig ehrlich sagen, es wird dir nichts passieren." Ein Schwenk auf das ‚Du', eine typische Taktik, um eine Verbindung aufzubauen und ihn zu knacken, ihn einbrechen zu lassen und dazu zu bekommen, alles zu erzählen. So viele hatten das und anderes probiert und jeder war gescheitert. Er würde seinen Mund halten. „Ich bekomm eben verdammt leicht blaue Flecken, da sehen die schon mal wilder aus als sie sind", meinte Helios also stur und schnappte sich sein T-Shirt, um sich wieder anzuziehen. Seine protestierenden Rippen ignorierte er mit zusammengebissenen Zähnen. Dann funkelte er den Arzt verärgert an und schnappte: „Kann ich jetzt gehen? Ich denke nicht, dass das Röntgen nötig ist."

Carlisle presste die Lippen aufeinander, ob es eine Reaktion auf die Sturheit des Jungen war oder ob er es einfach nicht gewohnt war, dass jemand so mit ihm sprach wusste er nicht, doch es war ihm egal, er wollte nur weg. „Du bist achtzehn, also kann ich es dir nur anraten, aber es wäre wirklich keine gute Idee, jetzt einfach zu gehen. Es kann sein, dass du schlimmer verletzt bist als es gerade aussieht und wenn… du dann nochmal ‚stürzt' kann es zu inneren Verletzungen durch gebrochene Rippen kommen." Sein Tonfall machte ziemlich deutlich, dass er die Geschichte mit den Treppen immer noch nicht glaubte, doch der Schwarzhaarige war froh, dass es der Mann zumindest versuchte. So ließ auch sein Trotz etwas nach und langsam nickte er, als die Erklärung eingesickert und seine Logik gesiegt hatte. „Okay, vielleicht haben Sie recht", gab er schließlich zu und ein Lächeln breitete sich wieder auf den Lippen des Arztes aus, bevor dieser sofort nach einer Schwester rief und den nächsten Röntgenraum reservierte, als ob er Angst hätte, dass der Junge sich es doch noch anders überlegte.
Beim Röntgen kam heraus, was der Blonde schon vermutet hatte, die achte und neunte Rippe wiesen ein paar Haarrisse auf und zu Helios' Ärger und Sorge wurde ihm logischerweise verboten, sich weder am Sport zu beteiligen noch sich sonst irgendwie körperlich anzustrengen, für ihn mit dem gesamten Haushalt und Jaime als zusätzliche Aufgaben natürlich unmöglich. Dennoch nickte er brav und schluckte sofort zwei der Schmerztabletten, die Carlisle ihm verschrieben hatte, was dieser mit einer hochgezogenen Augenbraue quittierte.
Sein Blick schrie geradezu ‚Hat nicht weh getan, hm?' und nachdem er ein paar letzte Details notiert hatte lächelte er den Schwarzhaarigen wieder mit seinem professionellen ‚Sie sind mein wichtigster Patient, lassen Sie mich helfen'-Lächeln an. Der Junge vermutete immer, dass es die Gefühle von ‚Wehleidige Hypochonder, alle samt' verbergen sollte, die die Ärzte wahrscheinlich schon nach ihrem ersten Patienten durch den Tag begleiteten. Zumindest dachte er das immer, wenn er in der Notaufnahme saß und irgendjemand über seine Fußschmerzen jammerte, aber noch völlig normal gehen konnte oder etwas anderes in der Art geschah.

„Gut, Helios, dann können Sie jetzt gehen. Bitte versprechen Sie mir, sich wirklich zu schonen und kommen Sie in zwei Wochen zur Kontrolle, in Ordnung?" Bevor er es verhindern konnte verdrehte er seine grauen Augen und murmelte kaum hörbar ein „Jetzt also wieder ‚Sie'?'", dann erst riss er sich zusammen und nickte kurz. Dabei übersah er völlig, wie die Mundwinkel des Arztes bei seiner Bemerkung verräterisch gezuckt hatten. „Werden Sie die Kontrolle durchführen oder Dr. Kleers, wenn sie wieder da ist?" Auf die Antwort hin, dass Carlisle seinen Heilungsfortschritt gerne selbst beurteilen würde, immerhin wusste er ja genau, wie es anfangs ausgesehen hatte, nickte Helios erneut und hüpfte von der Liege, was ein schmerzerfülltes Schnappen nach Luft, verbunden mit weiteren Schmerzen, und den tadelnden Blick des Mannes zufolge hatte. „Gut, dann… bis in zwei Wochen", presste er gequält heraus und machte sich weit vorsichtiger auf dem Weg aus dem Krankenhaus heraus.