Es ist nicht leicht zu sagen, wann eigentlich meine Geschichte angefangen hat, denn im Leben gibt es natürlich keine ersten Seiten. Die meisten Dinge die geschehen, sind das Resultat von vielen Entscheidungen und dem was man Schicksal oder Zufall nennt.
Ich könnte weit in die Vergangenheit gehen, um zu analysieren was eigentlich genau dazu geführt hat, dass alles so gekommen ist.
Aber natürlich ist das müßig und nicht besonders aufregend, daher behaupte ich einfach, alles hätte an jenem Freitagmorgen Ende Februar begonnen, an dem die Testamentseröffnung meiner Mutter stattfand.

Meine Mutter war in der Nacht zum Sonntag, Anfang Februar gestorben.
An jenem Samstagabend, als Mike und ich meine Mutter das letzte Mal im Krankenhaus besuchten, hatte sie meine Hand genommen und mich lange angesehen.
"Jeannette", hatte sie gesagt,"Ich bin so froh, dass du so bist wie du eben bist, mein Liebling. Die meisten Erwachsenen schaffen es nicht, mir beim Sterben zuzusehen. Sie wenden sich unsicher und beschämt ab. Du bist so Tapfer..."
Ich hatte nicht eine Sekunde, je das Gefühl gehabt, besonders Tapfer zu sein, nein ganz und gar nicht. Die meiste Zeit kam ich mir klein und schrecklich hilflos vor.
"Aber Mom", habe ich damals geantwortet,"Du stirbst ja gar nicht jetzt , oder?"
Sie hat mir damals nicht geantwortet.
Vermutlich hat sie an diesem Abend irgendwie gespürt, das wir uns das allerletzte Mal sehen würden und ich hatte nicht begriffen, dass sie sich von mir verabschieden wollte.
Natürlich hatte ich gewusst, wie krank sie war und Mike hatte schon Wochen vorher mit mir über die Möglichkeit gesprochen.

Verstanden hatte ich es allerdings nicht.
Der Tod ist eine seltsame, abstrakte Sache. Besonders wenn man erst dreizehn Jahre alt ist.
Es gab noch so unendlich viele Dinge, die ich ihr hatte sagen wollen.

Ich hätte sie wenigstens noch einmal richtig in den Arm nehmen sollen.
Jetzt würde sie niemals wieder kommen, mich nie wieder in den Arm nehmen oder mir einen Kuss geben-Mir nie wieder übers Haar streichen oder sich mit mir streiten.
Und niemals ist eine geradezu unvorstellbare Größe.
So war es kein Wunder, das ich Gefühl hatte, ein Teil von mir wäre mit ihr gestorben. Damals in diesem anonymen, eierschalend gestrichenen Krankenzimmer in Peterson.

Ich erwachte von dem unerbittlichen elektronischen Piepsen meines Weckers und raffte mich seufzend auf.
Wie beinahe an jedem Morgen in diesem Winter kämpfte ich mit Kopfschmerzen, Schwindel und leichter Übelkeit.
So stand ich schließlich auf und öffnete gähnend die Vorhänge vor meinem Fenster.
Draussen war es grau und dämmrig, die Sonne ging wohl gerade hinter den stahlgrauen tiefhängenden Schneewolken auf.
In der Nacht hatte es wieder geschneit.
Nicht genug um den Rasen darunter vollständig zu bedecken, aber genug, um mich daran zu erinnern, das immer noch tiefster Winter war.
Alle Tage schienen in diesem Jahr bitterkalt und grau zu sein.
Ich sehnte mich so sehr nach Wärme, nach Licht und dem Frühjahr. Aber dieser Winter wollte und wollte nicht enden.
Müde und traurig trottete ich ins Badezimmer und begann mir mit halb geschloßenen Augen die Zähne zu putzen.
Der Geschmack, den ich im Mund hatte, war unerträglich und jeder einzelne Zahn in meinem Mund tat mir weh, obwohl es Wochen her sein musste, das meine Zahnspange neu angezogen worden war.
So wie sich mein Mund anfühlte, würde ich wohl zum Zahnarzt müssen, aber das war das Letzte was ich wollte.
Ich wollte zu keinem Arzt. Ich wollte meine Ruhe.
Sogar den Termin bei Dr. Poole hatte ich in der letzten Woche ausfallen lassen.
Mike wusste nicht, dass ich einfach nicht hingegangen war, aber ich hatte das Gefühl, selbst wenn er es gewusst hätte- es wäre ihm auch ziemlich egal gewesen.
Vermutlich hatte er den besorgten Anruf in der letzten Woche längst vergessen.

Mike ist mein Stiefvater.
Meine Mutter hat ihn geheiratet, als ich etwa neun Jahre alt war. Vorher waren sie schon eine ganze Weile miteinander ausgegangen.

Er ist nicht der Typ der viel mit Grundschulkindern anfangen kann und ich mochte ihn Anfangs nicht besonders.

Er war ein Fremder, der in die Welt von meiner Mutter und mir eingedrungen war. Eine Welt, die auch ganz fantastisch ohne ein männliches Elternteil funktioniert hatte.
Erst als ich älter wurde, begriff ich, das er gar nicht so ein übler Kerl war und dieses Gefühl beruhte wohl irgendwann auf Gegenseitigkeit.
Wir gingen zusammen zum Baseball und ich hörte oft beeindruckt zu, wenn er über Gott und die Welt sinnierte.
Schließlich hatte uns die Krankheit meiner Mutter zu Verbündeten gemacht.

Mike ist Sozialarbeiter. Er arbeitet mit straffälligen Jugendlichen und hilft ihnen zurück in ein normales geregeltes Leben zu finden. Er ist ziemlich gut in dem was er tut, vielleicht weil er sich allzu gut in dem Leben auskennt, das seine Klienten führen.
Er selbst stammt aus einer kinderreichen Familie.

Sein Vater war Kanalarbeiter, bis er früh an einem Leberleiden starb.
Mike ist einer von diesen Leuten, die sich aus eigenen Antrieb und mit diversen Nebenjobs durch das College geboxt haben.
Er weiss genau wie es ist arm zu sein und ohne Perspektive.
Obwohl es ihm in seinem Job sicher sehr hilfreich ist, hindert ihn seine eigene Geschichte daran, über seine eigenen Gefühle, besonders die dunklen, zu sprechen.
Ich kann die Male nicht zählen, die sich Mike und meine Mutter genau um dieses Thema gestritten haben.
Sie war ein sehr kommunikativer Mensch und es verunsicherte zutiefst, wenn Mike seine Probleme damit kompensierte, sich in sein Arbeitszimmer ein zuschliessen und die Anlage aufzudrehen.

Jetzt war ich ihm beinahe dankbar dafür, dass er nicht den ganzen Tag überbesorgt hinter mir her wuselte, wie meine Mutter es in dieser Situation sicher getan hätte.

Ich hatte meine Ruhe vor ihm. Wenn er von der Arbeit kam, schloss er sich meist ein, hörte Musik und schrieb an seinem Buch um die Leere in seinem Herzen nicht hören zu müssen.
Wir lebten damals zwar im selben Haus, aber jeder von uns versuchte auf seine Weise mit der tiefen Wunde fertig zu werden, die der Tod meiner Mutter in unseren Herzen hinterlassen hatte.
Wie zwei Schiffbrüchige, jeder an seine eigene Planke geklammert, trieben wir dahin ohne uns wirklich helfen zu können.

Wenn ich wirklich jemanden zum Reden brauchte, dann ging ich sowieso herüber zu meiner besten Freundin Lea und weinte mich bei ihr aus.
Leah wohnte keinen Steinwurf von uns entfernt, denn der Garten ihrer Eltern grenzte direkt an unseren. Wenn ich aus dem Fenster sah, dann konnte ich in ihr Zimmer sehen.
Als wir jünger waren, hatte ich sogar eine Art Morsemaschine gebaut, damit wir uns von Haus zu Haus unterhalten konnten. Jetzt hatten wir natürlich beide längst ein Handy.

Aber an jenem Morgen im Badezimmer war noch etwas eigenartig.
So eigenartig, das es eigentlich gar nicht wahr sein konnte. Verwundert suchte ich nach meiner Brille, die ich wie immer auf die Ablage über dem Waschbecken am Abend davor gelegt hatte.
Ich betrachtete mein Haar erstaunt und ungläubig im Spiegel und strich die Strähnen auseinander.
Mein Haar sah aus, als hätte ich es vor nicht allzu langer Zeit gefärbt und nun würde meine natürliche Haarfarbe am Ansatz heraus wachsen.
Aber natürlich hatte ich meine Haare noch nie in meinem Leben gefärbt. Mit fünfzehn- allerfrühstens-hatte meine Mutter bestimmt gesagt, als ich mit zwölf einmal auf die Idee gekommen war.
Außerdem konnte das, was da heraus wuchs, wohl kaum meine natürliche Haarfarbe sein, denn dieser Haaransatz war eindeutig blau.
Es sah verrückter Weise aus, als würden meine Haare ausgerechnet blau nachwachsen.
Das war natürlich total undenkbar.
Verwundert und ein wenig besorgt schüttelte ich den Kopf.
Ich war aber weniger besorgt über die Farbe denn über meinen Geisteszustand, denn wenn ich schon Dinge sah, die es nicht geben konnte, musste es arg um mich stehen.
Die Erklärung war einfach. Ich war dabei, nun völlig den Verstand zu verlieren.
Stress, das wusste ich aus Mikes Fachbüchern, die er überall in der Wohnung herumliegen liess, konnte durchaus psychotische Schübe auslösen. Stress, da war ich mir sicher, hatte ich ja derzeit mehr als genug.
Obwohl ich eigentlich ein aufmerksamer Leser bin, kam mir an diesem Morgen gar nicht in den Sinn, das etwas daran nicht stimmen konnte. Ich hatte eigentlich genug über psychische Krankheiten gelesen, das ich hätte wissen müssen, das ein wirklicher Psychotiker seinen Wahn nicht in Frage stellt.
Zumindest nicht auf diese Weise, wie ich es gerade tat.
Allerdings hatte ich gar keine Zeit, mir wirklich darüber Gedanken zu machen, denn Mike rief mich zum Frühstück.
Noch in meinem gestreiften Flanellschlafanzug, schlich ich die steile Treppe zur Küche herunter.

Mike war dabei gerade dabei die letzten Knöpfe von seinem Hemd zu schließen.
Mike in einem richtigen Hemd zu sehen war eine echte Sensation.
Es stand ihm großartig und sah ungewohnt aus.
Hemden trug er zwar hin und wieder, aber meist keine weißen Anzughemden, sondern derbe Karierte oder sein heiß geliebtes grünes Cordhemd, dass so fantastisch zu seinen kurzen roten Haaren passte.
Meistens jedoch trug er, ganz in exentialistischer Tradition, schwarze Klamotten. Schwarze Rollkragenpullover, schwarze Jeans oder Cordhosen.
In all den Jahren, die ich Mike nun schon kannte, hatte ich ihn nur zweimal in einem richtigen Anzug gesehen.
Er besaß wohl auch nur einen.
Das erste Mal bei seiner eigenen Hochzeit und das zweite Mal bei der Beerdigung meiner Mutter.
Die Tatsache, dass er heute gerade so ein Hemd und die gute Hose trug, erinnerte mich auf beinahe schmerzhafte Weise daran, das heute wieder einer dieser besonderen Tage sein würde.
Stumm fletzte ich mich auf meinen Platz auf der Küchenbank und sah ihm zu wie er sich selbst einen Kaffee aus der Maschine nahm, daran nippte und ihn auf den Tisch stellte. Er blieb stehen und schloss die Manschettenknöpfe.

Obwohl der Tisch bereits fertig gedeckt dastand, konnte ich mich nicht durchringen, mir etwas zum Frühstück zu nehmen.
Unglücklicherweise hatte Mike beschlossen- auch wenn er sonst keine großen Ambitionen dazu hatte- ausgerechnet heute den Vater heraushängen zu lassen.
"Iss doch irgendwas, Jeanna" sagte er.
"Jaja", antwortete ich unwillig und strich mir meine Haare aus dem Gesicht.
Ich meinte es auch genauso. Beim Anblick von Schinken und Eiern machte mein Magen Handstand und die Vorstellung auch nur irgendetwas davon herunter zu bekommen, verstärkte nur die Übelkeit, mit der ich schon aufgestanden war.
"Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages und es wird noch anstrengend genug werden.", fuhr Mike ernst fort.
Ich verdrehte die Augen.
Wichtigste Mahlzeit hin oder her, ich konnte und ich wollte nichts.
"Mir ist übel", sagte ich und verschränkte die Arme vor der Brust.
Mike seufzte.
"Wenn deine Mutter hier wäre...", erschrocken unterbrach er sich selbst.
"Wenn meine Mutter hier wäre?, ich schüttelte den Kopf und und funkelte ihn wütend an.
"Mama ist tot-"
Er ließ die Schultern sinken und atmete tief ein.
"Bitte Jeannette, muss das sein?- Iss wenigsten einer Kleinigkeit..Du bist sowieso schon so entsetzlich dünn."

In dieser Hinsicht hatte er leider recht. Ich war schon mein ganzes Leben erstaunlich leicht gewesen, obwohl ich nicht außergewöhnlich wenig aß.
Im Gegenteil, ich hatte- zumindest bevor meine Mutter so krank wurde, eigentlich ständig und immer und mit großem Appetit gegessen. Meine Mutter hatte immer lachend behauptet, dass ich regelrecht fressen würde.
"Vermutlich verbrennst du all diese Kalorien, weil du keine Sekunde still sitzen und auf der Stelle stehen kannst."
Als sie schließlich im Krankenhaus lag, hatte ich von einem auf den anderen Tag plötzlich keinen Hunger mehr gehabt. So war ich, in dem letzten halben Jahr auf deutlich unter hundert Ibs abgemagert, was selbst bei meiner Größe schon erschreckend dünn war.
Unwillig griff ich also zu den Honeyloops die ebenfalls auf dem Tisch standen.
Immerhin hatte Mike mich sogar Jeannette genannt, was er eigentlich nur tat, wenn er es wirklich ernst meinte.
Herrgott, was hatte sich meiner Mutter nur darauf gebracht, mich ausgerechnet Jeannette Louise zu taufen? Louise hieß meine Großmutter, klar- aber Jeannette? Meine Mutter hatte mal erwähnt, das sie eine Jean gekannt hatte, bevor ich geboren worden war und sie hatte sich ein kleines Mädchen gewünscht, das ich ein bischen so wäre wie diese Jean.
Jean oder gar Jeanette hiessen doch nur hübsche, grazile blonde Mädchen, die freiwillig zum Balettunterricht gingen und Pferde mochten.
Richtige Mädchen eben und nicht so jemand wie ich.

Ich sah nicht wie ein richtiges Mädchen aus- und üblicherweise benahm ich mich auch nicht so. Daher war ich immer Jeanna gewesen und nie Jeanette.
Richtige Mädchen, besonders wenn sie Teenager wurden, wussten sich zu benehmen waren höflich und wohlerzogen und fingen hysterisch an zu kichern wenn sie über Jungs sprachen. Sie interessierten sich für Schminke und Kleidung- all sowas.
Ich hingegen war alles andere als damenhaft, sondern schon immer Frech und vorlaut gewesen.

Die meiste Zeit stellte ich sowieso nur irgendwelchen Blödsinn an und hatte den Kopf voller Flausen.
Seit der ersten Klasse zierten Meine Zeugnisse, der Kommentar: Jeannette stört mutwillig den Unterricht.
Erstaunlicherweise habe ich dennoch niemals wirklich schlimmen Ärger bekommen. Nicht einmal, als ich in der fünften Klasse meinen Direktor um ein Haar ins Jenseits befördert hatte, weil ich ihm aus dem zweiten Stock einen dieser Brummkreisel fast auf den Kopf geworfen hatte. Es war einer dieser Kreisel, die sich von selbst anfangen zu drehen, wenn man sie auf den Boden wirft.
Neugierig wie ich war wollte ich nur herausfinden, ob er sich auch noch drehen würde- und vor allem mit welcher Geschwindigkeit- wenn ich ihn aus dem Klassenzimmer warf.
Unglücklicherweise zerschellte das Plastik direkt vor den Füßen von Principal Delano, der gerade auf dem Weg zum Schulbüro war. Überhaupt konnte ich nicht verstehen, das irgendjemand mich auch nur annähernd für einen Streber hielt. Die meiste Zeit war ich stinkenfaul, wenn es um die Schule ging.
Es gab kein einziges Schulheft, das ich nicht illustriert hätte.
In dem letzten Jahr auf der alten Schule hatte ich mir angewöhnt, während des Unterrichts zu lesen.
Durchnittlich schaffte ich einen dieser langweiligen Romane, die man an jedem Kiosk für ein paar Cents kaufen kann.
Die meisten davon gehörten meiner Freundin Sue, die mich regelmäßig mit ihren alten Heften versorgte.
Obwohl diese Art von Schundliteratur nicht wirklich mein Geschmack war, war es zumindest eine gute Alternative, die Stunden herum zu bekommen.
Wenn wirklich einmal die Mitarbeit der Schüler verlangt wurde, beteiligte ich mich natürlich auch am Unterricht. Lehrer fühlen sich üblicherweise sofort geschmeichelt, wenn man nur das gerinste Interesse am Unterricht zeigt und diskutiert.
Einmal habe ich meinen Mathematiklehrer gefragt, warum wir eine Gleichung ausgerechnet auf so einem komplizierten Weg rechnen mussten, wo doch die Lösung beinahe auf der Hand lag. Er war rot geworden und hatte mir wütend erklärt, das ich gefälligst seinen Weg zu rechnen hätte, denn diese andere Methode würde ich schon früh genug in der elften Klasse lernen.
Genauso habe ich ziemlich lange mit meinem Chemielehrer diskutiert, weil ich es lächerlich und albern fand, Kindern zunächst das Kugelwolkenmodell beizubringen, welches ungenau ist und spätestens zwei Jahre später sowieso Sinnlos wird, wenn man sich richtiger Chemie beschäftigt.
Meine Lehrer hatten es allerdings anders gesehen.
Und so hatte ich in meinem Fall den Verdacht, dass meine Lehrer Principal Delano auf Knien dankten, dass er sich endlich durchgerungen hatte, mich auf die Highschool abzuschieben, nur um endlich meiner ständigen Fragerei zu entkommen.

Als sie mich im Sommer von der Mittelschule auf die Highschool verbannt hatten, war meine Mutter schon sehr krank gewesen und ich hatte nicht die geringste dazu Lust gehabt, aber Mike und sie waren natürlich unheimlich stolz gewesen.
"Denk nur, du kannst alles werden", hatte Mike gesagt, als er mich am ersten Tag nach den Ferien in die Schule gefahren hatte,"so schlau wie du steht dir die ganze Welt offen."
Welche Welt?
Früher, als meine Mutter noch gesund gewesen war hatte ich jede Menge Ideen, was ich mal später werden wollte. Astronautin, Präsidentin, vielleicht irgendeine Art von Wissenschaftlerin- oder doch lieber eine Künstlerin? Ich hatte es immer schade gefunden, das man nicht alles werden konnte, sondern sich irgendwann festlegen musste-

Jetzt wollte ich gar nichts mehr werden. Die Welt drehte sich weiter ohne mich. Ich war ein Unbeteiligter Zuschauer geworden. Der Rest meines Lebens war mir wirklich egal geworden.
Zudem war die Highschool entsetzlich.
Ich hatte das Gefühl versehentlich in eine dieser Seifenopern gelandet zu sein, die morgens immer im Fernsehen laufen. Oder in Sues saublöden Romanen, die mir die Stunden in der Schule versüßt hatten.
Ständig ging es um Sachen, die ich nicht nachvollziehen konnte.
Anerkennung. Beliebt sein. Jungs.
Sicher die großen Jungen auf der Highschool waren gewiss ganz niedlich und keine Vollspacken mehr , die einem in der Chemiestunde Heftzwecken auf den Stuhl kleben.
Aber sie beachteten mich sowieso nicht.
Niemand tat das.
Sie waren alle viel zu viel mit sich selbst beschäftigt.
Ich war nur das eigenartige kleine Mädchen. Ob ich tot oder lebendig war, interessierte hier niemanden.
Wenn ich viel Glück hatte, dann wechselten diese Großen drei Worte am Tag mit mir.
Unglücklicherweise bestanden diese drei Worte üblicherweise aus:"Verpiss dich, Freak"

Lustlos rührte ich in meiner Schüssel.
Mike versuchte sich gerade verzweifelt seine Krawatte zu binden.
"Warum gibt es eigentlich so eine dämliche Testamentseröffnung?", fragte ich Mike,"Ich meine so derbst viel zu erben gibts doch eigentlich gar nicht?Und selbst wenn- es wäre mir auch vollkommen gleich. Ich will gar kein Geld haben, keine Möbel und sowas-"
Mike zog verzweifelt die Augenbrauen in die Höhe.
Offensichtlich fiel ihm darauf auch keine Antwort ein, die mir genügen würde.
Schliesslich starrte er verwirrt auf die losen Enden seiner Krawatte und seufzte erneut.
Er schien nicht die geringste Idee zu haben, wie man einen Krawattenknoten bindet.
"Wenn deine Mutter es so wollte, dann machen wir es so- es gehört vielleicht einfach mit dazu-"
Ich nickte stumm, denn eine bessere Antwort würde ich wohl nicht erhalten und stand auf.
"Weiss du was Mike?", sagte ich zärtlich und stellte mich vor Mike hin. Ich nahm ihm die beiden Enden der Krawatte in die Hand und begann sie fein säuberlich in einen ordentlichen Winsorknoten zu binden.Ich finde es lustig das dieser Knoten ja gar nicht von dem Herzog von Winsor erfunden wurde sondern in Amerika- Das hat der Herzog wohl mal selbst zugegeben.
"Du bist zweiundvierzig, es wird Zeit das du lernst, deine Krawatten selbst zu binden..."