„Mitch, komm einmal her."
Mitch schlenderte zu seinen Freunden, die vor dem Schulhaus standen. „Was ist denn los? Müssen wir etwa schon wieder rein?"
„Nein, schau mal da vorne unser neues Liebespärchen. Meinst du, wir sollten den beiden nicht mal gratulieren?"
Mitch schaute zu Koko und Adam hinüber, die auf dem Hof standen und ihre Pausenbrote aßen. „Nö, keine Lust."
Sein Freund Buck lachte laut los. „Jungs, habt ihr das gehört? Der große Mitch Sanders hat Angst vor dem Halbblut. Und ich dachte, du wolltest dich noch für das blaue Auge, das sie dir vor zwei Wochen verpasst hat, rächen."
Mitch hatte wirklich Angst vor Koko. Was die Jungens nicht wussten, war dass sie ihm einen Tag später gedroht hatte, wenn er Adam nicht in Ruhe ließe, sie ihrem Großvater Bescheid sagen würde, der dann mit dem ganzen Stamm in der Nacht in sein Zimmer käme. Aber er konnte jetzt auch nicht wie ein kleiner Feigling vor seinen Freunden dastehen. „Ich habe keine Angst. Es ist doch nur langweilig, da sich Cartwright ja nie wehrt."
Buck lächelte fies. „Ach, ich habe da schon eine Idee, wie du zu einer guten Prügelei mit Adam kommen könntest. Kommt mit."
„Adam, hast du heute Nachmittag Zeit? Wir könnten ausreiten und ich zeige dir die besten Plätze, wo wir im Frühjahr angeln gehen können."
Er sah sie deprimiert an. „Das geht leider nicht. Ich muss meinem Vater auf der Ranch helfen. Er will am Stall noch weiter bauen und da braucht er mich und dann muss ich auch noch auf meinen kleinen Bruder aufpassen."
„Du hast kaum einmal Zeit für dich oder?"
„Koko, du weißt doch, wir sind erst seit dem Frühjahr hier und mein Pa und ich mussten zuerst alles alleine bewerkstelligen, weil er sich noch keine Arbeiter leisten konnte. Deswegen bin ich ja jetzt erst zur Schule gekommen. Seit dem Sommer wohnt Hop Sing bei uns und Pa hat sich mit den Nachbarn angefreundet und so Hilfe beim Bau des Hauses und dem Stall bekommen. Aber fertig sind wir noch lange nicht. Er braucht mich. Nächstes Frühjahr will er dann mit der Rinderzucht anfangen und dann werde ich sicher auch mal am Nachmittag zum Angeln können."
Mit einen Mal veränderten sich Adams Gesichtszüge.
„Was ist los Adam. Stimmt etwas nicht?"
„Mmh ja. Mitch und seine Freunde kommen auf uns zu."
„Na ihr zwei. Macht ihr schon Hochzeitspläne? Was wird dein Vater dazu sagen, dass du in ein Halbblut verliebt bist."
Adam holte tief Luft und wollte sich auf keinen Fall von Mitch provozieren lassen. „Mitch, kannst du uns nicht einfach in Ruhe lassen?"
„Warum sollte ich das tun? Ihr seid doch meine Freunde und mit Freunden verbringt man doch die Pause oder etwa nicht?" Er drehte sich zu Koko. „Hey Halbblut, was gibt es denn heute bei dir zum Frühstück?" Er stieß sie so an, dass ihr Brot zu Boden fiel. „Oh, das tut mir jetzt aber leid."
Er sah seine Freunde an und alle lachten laut los. Adam ging einen Schritt näher an Mitch heran. „Was soll das Mitch? Heb es sofort wieder auf."
Mitch hob seine Hände hoch und grinste ihn hämisch an. „Uhhhh, was willst du denn machen Cartwright? Mit mir schimpfen? Weil, prügeln kannst du dich ja nicht. Hat dir ja dein Papi verboten."
Koko konnte sehen, wie Adam seine Hand zur Faust ballte. „Adam komm, lass uns gehen. Ich habe sowieso keinen Hunger mehr."
„Cartwright du willst doch nicht auf ein Mädchen hören?"
Adam stellte sich nun ganz dicht an Mitch ran. „Ich lasse mich von dir nicht provozieren."
Mitch sah zu Buck. Der nickte nur. „Halbblut, warum hast du denn diese blöde Mütze auf." Mit einem Ruck riss Buck Koko die Mütze vom Kopf. „Da kann man ja deine schönen langen schwarzen Haare gar nicht sehen."
„Mensch Buck, wer will die schon sehen?"
Buck zog ein Taschenmesser aus seiner Hose. Die zwei anderen Freunde von Mitch und Buck hielten Koko an den Armen fest. „Du hast Recht. Ich denke, es ist Zeit für einen Haarschnitt."
Adam schubste Mitch zur Seite und stürzte sich auf Buck. Es dauerte nicht lange und alle Kinder auf dem Schulhof bildeten einen Kreis um die beiden und sahen bei der Schlägerei zu. Plötzlich schrie Buck auf. Er hatte sich das Messer selbst in den Oberschenkel gerammt. Adam stand auf und sah erschrocken zu ihm hinunter. In dem Moment kam Mr. Fletcher dazu und brüllte Adam sofort an. „Was ist hier passiert? Was hast du dummer Junge getan?
Mit einem übertriebenen Mienenspiel stand Mitch neben Mr. Fletcher. „Cartwright hat Buck mit dem Messer bedroht und als Buck ihm es wegnehmen wollte, schlug er einfach zu."
Adam fand keine Worte. Völlig entgeistert sah er Mitch und Mr. Fletcher an.
„Das stimmt doch gar nicht. Das ist Bucks Messer."
„Jessica Yuma, du hältst dich da raus. Meinst du nicht, mir ist noch nicht aufgefallen, dass du dich mit Adam angefreundet hast. Da war mir aber sofort klar, dass dabei nichts Gutes herauskommen wird. Es würde mich nicht wundern, wenn du ihm das Messer gegeben hättest." Mr. Fletcher sah wieder zu Buck, der immer noch wimmernd am Boden lag. „Kinder helft ihm auf und bringt ihn in die Klasse. Mitch, du läufst bitte zum Doktor und holst ihn. Danach gehst du Bucks Vater holen."
„Mach ich doch sofort Sir."
Bevor er jedoch losrannte, grinste er Adam und Koko noch frech an.
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Koko und Adam standen mit den Pferden am Biberbach. „Adam dein Vater wird dir schon glauben, dass du nicht schuld bist."
Völlig geknickt saß Adam im Sattel. „Da bin ich mir im Moment nicht sicher. Er hat so viel um die Ohren, dass er gar keine Zeit hat, mir richtig zuzuhören."
„Aber er kennt dich doch. Er muss doch wissen, dass du ihn nicht anlügen würdest."
„Seit wir hier sind, ist alles etwas anders. Wir waren kaum angekommen, da hat er schon angefangen, seinen Traum zu verwirklichen. Er hatte sich nicht einmal die Zeit genommen, mit mir über das Land zu reiten, um sich alles anzusehen. Mein Vater arbeitet nur noch von morgens bis abends. Ich vermisse unsere Gespräche, die wir immer hatten, wenn wir zusammen auf dem Planwagen saßen oder abends am Feuer. Es gibt Momente, da denke ich, ich bin nur eine Belastung für ihn."
Koko lenkte ihr Pferd ganz dicht an Adam heran und legte ihre Hand auf seinen Arm. „Adam, das bist du bestimmt nicht. Du hast mir so viel von deinem Vater erzählt. Daher weiß ich, dass er dich lieb haben muss.
Adam, es gibt zwei Weisheiten, die mir mein Vater immer sagt und ich denke, die treffen auf dich im Moment zu. Das eine ist, mit Tränen in den Augen kannst du nicht in die Zukunft blicken und im Leben eines Indianers gibt es keine schlechten Tage. Auch wenn die Zeiten noch so schwierig sind. Jeder Tag ist gut. Weil du am Leben bist, ist jeder Tag gut!"
Ein leichtes Lächeln huschte über Adams Gesicht. „Danke. Ich werde mich auf dem Weg zum Stall daran erinnern."
„Wir sehen uns morgen früh Adam. Ich denke an dich."
„Bis morgen Koko und danke."
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Adam hatte gerade Hoss ins Bett gebracht, als er hörte, wie die Haustür unten zuschlug. Er nahm den Brief von Mr. Fletcher und machte sich auf den Weg zu seinem Vater. Adam war froh, dass er doch bis zum Abend Zeit gehabt hatte, um seinem Vater den Vorfall zu berichten. Die Arbeit am Schuppen wurde auf morgen verlegt, weil Ben einen anderen Termin hatte. „Guten Abend mein Sohn. Schläft Hoss schon?"
„Ja Sir."
Ben wusste sofort, dass etwas nicht stimmte, als er die leise Stimme von Adam hörte. „Adam?"
Dieses Mal senkte Adam nicht den Blick. Er reichte seinem Vater den Brief und dachte dabei an Kokos Worte. -Mit Tränen in den Augen kannst du nicht in die Zukunft sehen-. Er wollte stark sein und dann würde sein Vater ihm auch glauben.
Ben atmete tief aus. Was ist nur mit seinem Sohn los. Die ganzen Jahre der langen Reise konnte er sich sehr selten über ihn beklagen. Ja, er war teilweise mit der Gier nach Wissen und seinen vielen Fragen sehr anstrengend gewesen, aber über sein Benehmen konnte Ben sich vorher nie beschweren. Und jetzt. Kaum haben sie das Ziel erreicht, macht der Junge ihm nur Ärger. Ben öffnete den Brief und mit jeder Zeile konnte Adam sehen wie wütender sein Vater wurde. Er brüllte ihn nicht an. Das wäre Adam aber lieber gewesen. „Woher hattest du das Messer?"
Adam steckte seine Hände in die Tasche. Sonst hätte er seine Hände vor Wut zur Faust geballt. Er hatte ihn nicht einmal gefragt, ob er wirklich an dem Vorfall schuld war. Sein Vater glaubte Mr. Fletcher sofort. „Es war nicht mein Messer Pa. Ich habe auch nicht angefangen."
Nun wurde sein Vater doch lauter. „Lüg mich nicht an Adam. Du weißt, dass ich Lügen niemals akzeptiere. Ich erwarte von dir, dass du zu deinen Fehlern stehst. Mr. Fletcher hat geschrieben, dass die anderen Kinder gesehen haben, dass es dein Messer war und du Buck damit verletzt hast."
Noch immer sah er seinen Vater direkt an. „Die lügen Pa."
„Alle?"
„Ja."
„Adam ich bin so enttäuscht von dir. Wir sind noch nicht einmal ein Jahr hier, und schon hat mein Sohn den Ruf eines Schlägers, der andere auch noch mutwillig verletzt. Du kannst schon zum Stall vorgehen, ich komme gleich nach."
Nun stand Adam kopfschüttelnd da. „Du glaubst mir nicht Pa?"
„Nein. Zurzeit kann ich dir nicht glauben. Zu viel hast du in den letzten Wochen angestellt und jetzt geh."
Auf dem Weg zum Stall versuchte Adam sich mit Kokos zweitem Rat aufzubauen, dass jeder Tag ein guter Tag ist. Aber so richtig wollte es nicht funktionieren.
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Ben war überhaupt nicht darüber erbaut, dass er nach einem anstrengenden Tag auf der Ranch nun auch noch in die Stadt zu Mr. Fletcher reiten musste. Aber er verstand es, dass Adams Lehrer ihn nach so einem Vorfall sprechen wollte. Ben betrat das Schulhaus und nahm seinen Hut ab.
„Ah, guten Abend Mr. Cartwright. Es freut mich, dass Sie heute gleich kommen konnten."
„Guten Abend Mr. Fletcher. Seien Sie mir nicht böse, wenn ich sage, ich hätte gerne darauf verzichtet."
Mr. Fletcher zeigte auf einen Stuhl und Ben nahm Platz. „Es tut mir auch sehr leid, dass Sie extra herkommen müssen, aber ich denke, es ist wichtig, dass wir uns einmal über Adams ungebührliches Verhalten unterhalten. Ich möchte nur noch kurz warten, weil auch noch Jessicas Vater kommen sollte."
„Jessica?"
„Ach, hat ihr Sohn nicht erzählt, dass er sich mit dem Indianermädchen angefreundet hat? Das würde mich auch nicht wundern. Seit er mit ihr die Pausen verbringt, ist sein Verhalten noch schlimmer geworden, was mich natürlich nicht überrascht. Was soll er sonst von einer Person lernen, die unter Wilden groß wird. Ich bin mir sicher, dass Adam das Messer von ihr bekommen hat."
Jetzt war Ben überrascht. Adam hatte ihm nicht erzählt, dass er einen Freund gefunden hatte. So was hatte er doch sonst immer sofort gemacht. Adam fiel es doch nie leicht, richtige Freunde zu finden. Die meisten hielten ihn immer für einen Angeber, weil er schon so viel wusste und konnte.
Die Tür des Schulhauses ging auf. Ben musste kurz schlucken. Denn das letzte Mal, als er einen Indianer so dicht gesehen hatte, war der Tag, als Hoss Mutter starb. Auch Mr. Fletcher war zurückhaltender. Kokos Vater war eine imposante Erscheinung, groß und kräftig mit dunklen Augen, die die beiden Männer durchdringend ansahen.
„Yuma du kannst dort Platz nehmen."
So wie seine Erscheinung war, so war auch seine Stimme. Sie war tief und er sprach betont langsam. „Mr. Fletcher ich glaube, bei unserem letzten Zusammentreffen, sagte ich ihnen, dass Sie mich entweder Amarok nennen sollen oder Mr. Yuma. Ich gehe davon aus, dass ihnen dieses Gespräch gerade nur entfallen ist und Sie nicht die Absicht hatten, mich zu beleidigen."
Ohne es selber mitzubekommen, ging Mr. Fletcher einen Schritt zurück. „Entschuldigen sie bitte Mr. Yuma. Wollen Sie nicht Platz nehmen, damit wir uns unterhalten können?"
„Nein. Denn das Gespräch wird sehr kurz sein. Ich habe nicht die Absicht, mir ihre Unwahrheiten anzuhören."
Der Lehrer zog die Luft ein. „Was wollen Sie damit behaupten?"
„Dass Sie nicht die Wahrheit geschrieben haben und das Sie nicht bereit waren, meiner Tochter oder Adam zu glauben."
„Die anderen Kinder haben doch gesehen, was passiert ist."
„Wenn meine Tochter sagt, dass das Messer Buck gehörte und Adam sie nur beschützen wollte, dann ist es auch genauso passiert. Sie spricht nicht mit gespaltener Zunge."
Völlig irritiert folgte Ben dem Gespräch. Mr. Fletcher fing an zu stottern. „Ja …äh…. Dann muss … ich wohl….noch einmal äh…mit den Kindern…äh reden."
„Dann ist ja alles gesagt und ich werde gehen."
Kokos Vater verließ das Gebäude und schloss leise die Tür hinter sich. Ben sah Mr. Fletcher an. „Ja Mr. Cartwright, was soll ich sagen, kann man so einem glauben?"
„Mr. Fletcher ich weiß nicht, was ich glauben soll, aber ihre Pflicht als Lehrer sollte sein, mit den Kindern noch einmal über die Sache zu reden und sich auch Adams und Jessicas Version anzuhören. Auch ich denke, dass das Gespräch jetzt zu Ende ist."
Ben nahm seinen Hut und verabschiedete sich. Erst am Pferd fiel ihm auf, dass sie sich nicht über Adams allgemeines Verhalten unterhalten hatten. Zu beeindruckend war das Erscheinen des Indianers gewesen.
„Mr. Cartwright?"
Ben erschrak. Aus dem Dunkeln trat Jessicas Vater hervor.
„Ja."
„Unsere Kinder verbringen viel Zeit zusammen. Adam hat eine Menge von ihnen erzählt. Ich wollte den Mann kennenlernen, der so weise ist, so klug und tapfer, dass er durch das ganze Land zieht, um seinen Traum zu verwirklichen."
Ben fragte sich, was sein Sohn in letzter Zeit gemacht hatte und wann er die Gelegenheit hatte, sich mit dem Indianer zu unterhalten. Er musste doch auf der Ranch mithelfen oder auf Hoss aufpassen. Ben wurde klar, dass er nicht genau wusste, was Adam den ganzen Tag machte. Er stellte nur abends immer fest, dass alle Arbeiten erledigt waren, die er seinem Sohn gegeben hatte. Ben wusste nicht, was er darauf antworten sollte.
„Mr. Cartwright, so wie Adam Sie beschrieben hat, sind Sie ein Vater mit einem großen Herzen, aber das Herz ihres Sohnes verdunkelt sich, ohne dass Sie es merken.
Menschen, die bloß arbeiten, finden keine Zeit zum Träumen. Nur wer träumt, gelangt zur Weisheit. Wir müssen von Zeit zu Zeit eine Rast einlegen und warten, bis unsere Seelen uns wieder eingeholt haben."
Ben verstand immer noch kein Wort von dem was Jessicas Vater ihm sagen wollte. „Mr. Yuma…ich.."
Kokos Vater hob die Hand. „Denken Sie über meine Worte nach. Ich wünsche ihnen einen guten Abend." Er wollte gerade im Dunkeln verschwinden, als er sich noch einmal umdrehte. „Mr. Cartwright, es gibt noch etwas was ich ihnen sagen möchte. Wie mein Volk mit Kindern lebt. Wir sagen…. schlage ein Kind nie, und wenn es traurig oder ängstlich ist, dann nimm es einfach in den Arm. Gute Nacht."
Auf dem Weg zur Ranch, dachte Ben über die Worte des Indianers nach.
