Buch 2
Der Schriftsteller legt die Feder zur Seite, greift in seinen Umhang und tastet nach dem Gürtel. Zwischen seiner rechten Hüfte und dem Oberschenkel liegt die schmale Scheide, in der sein Balisong steckt. Er öffnet die steife Lederlasche und lässt die Waffe in seine Handfläche gleiten. Das kalte Metall erwärmt sich rasch durch die Hitze seiner lebendigen Haut. Er bringt das Messer hoch über die Schreibfläche, schließt den Umhang. Mit einer scharfen Bewegung seines Handgelenks öffnet er mühelos die zusammengeklappte Klinge. In dem wässrigen Licht erscheint der titanüberzogene Stahl fast schwarz. Nur, wenn er das Messer leicht dreht, kann er den typischen kobaltblauen Stich erkennen, der so sehr an eine schwüle Hochsommernacht erinnert – eine Nacht so drückend heiß wie jene, als er das Messer von einem gut aussehenden Filipino auf einem Tsim-Tsui-Markt gekauft hatte, während seines kurzen Aufenthalts als Fluchbrecher in Hongkong.
Aus Respekt vor der scharfen Klinge legt der Schriftsteller das Messer zur Seite auf den gepolsterten Rand der Schreibunterlage. Erst dann greift er wieder zu der Feder. Schon am gestrigen Abend hat er den Schaft in heißem Wasser und noch heißerem Sand erhitzt. Die transparente Färbung der hohlen Spitze hat sich in das opake Weiß einer Perle verwandelt – ein Weiß, das fast so rein und fleckenlos ist wie die Feder selbst. Mit den Fingerspitzen drückt er den Schaft leicht zusammen und überzeugt sich, dass er weich und biegsam ist. Die Feder kann nun angeschnitten werden.
Doch bevor er den ersten Schnitt macht, entfernt er mit der stumpfen Kante der Klinge den Teil der Fahne, der der Federspitze am nächsten liegt, um Platz zu schaffen für seine Hand. Die winzigen weißen Nadeln fallen sanft auf das leere Pergamentpapier, und das Blut schießt ihm heiß durch die Adern, wie er es schon seit vielen Jahren nicht mehr gespürt hat. Er hat soeben den ersten Schritt auf einer langen und sorgfältig geplanten Reise getan, und er weiß, er kann nicht mehr zurück. Der Moment erinnert ihn an den Tag vor vielen Jahren, als er von seiner Welt Abschied nahm und in einen Muggel-Zug nach Heathrow Airport stieg, in seiner Tasche Flugtickets zu weit entfernten Städten, über die er nur in Büchern gelesen hatte. In den langen schlaflosen Nächten des Krieges waren diese fremden Städte ihm auf eine Art vertrauter geworden als seine Heimat. Als der Krieg zu Ende war und er England verließ, war es, als dürfe er endlich nach Hause gehen.
Der Schriftsteller hält seine Hände ruhig und schließt die Augen, als er sich an das heftige, rüttelnde Schaukeln des Zuges erinnert. Zwischen den vorbeiziehenden Feldern und Ortschaften tauchten immer wieder Bahnhöfe auf – strategisch platzierte Fingerzeige, dass rastlose Bewegung nicht der Natur des Menschen entspricht, und ein erfülltes Leben mit einem geruhsamen Alter belohnt wird. Wenn der Zug bei der Anfahrt der Städte, die auf seiner Strecke lagen, langsamer wurde, hatte der Schriftsteller Dinge gesehen, die er zuvor nie wahrgenommen hatte: Wäscheleinen, die wie die Nähte einer Wunde in winzigen Hinterhöfen von Mauer zu Mauer gespannt waren; Frauen mittleren Alters, die sich in den Pausen an den Hintereingänge von Fabriken und Lagerhallen trafen, rauchten und den vorbeipolternden Zügen nachsahen; die mit Müll übersäten Bahndämme und mit Graffiti besprühten Unterführungen – in weißer Farbe erschien plötzlich Ich liebe dich noch immer in der Düsternis, wie der Untertitel eines ausländischen Muggel-Films oder eine Textzeile, die der Bühnenregisseur panisch auf eine Karte kritzelt, weil die Schauspieler sie vergessen haben.
Ich liebe dich noch immer.
Der Schriftsteller öffnet die Augen und richtet seine Gedanken wieder auf die Aufgabe, die vor ihm liegt. Er hat sich ein Kapitel pro Tag zum Ziel gesetzt, und die Sonne ist schon von ihrem höchsten Sitz in den winterlich kahlen Ästen Richtung Nachmittag gerutscht.
Er wird später mehr als genug Zeit haben für seine Erinnerungen. Doch zuerst – zuerst wird er dieses Buch schreiben.
Der zwölfjährige Albus Severus Potter lag nach einem Quidditch-Sturz im Krankenflügel, als er das zweite Buch derAlford Ocamy-Serie las. Er war froh, dass er der Versuchung widerstanden und Der Kerker der Verdammnis nicht schon in den Weihnachtsferien gelesen hatte. Ohne das Buch, da war er sich sicher, würde er es sonst jetzt vor Langeweile und Missmut nicht aushalten. Er zwang sich, langsam zu lesen und es nicht zu verschlingen wie den ersten Band. Es musste reichen, bis er entlassen wurde. Und wer wusste schon, wie lange Madam Lannon ihn noch hier im Krankenflügel herumliegen ließ?
Doch er musste aufpassen, denn außer ihm hatte jeder in Hogwarts Der Kerker der Verdammnis schon gelesen. Deshalb wies er alle Besucher darauf hin, dass er noch nicht damit durch sei und man ihm nichts verraten solle. Bei den meisten hatte er mit diesem direkten Vorgehen Erfolg. Nur sein Bruder James platzte natürlich irgendwann damit heraus, dass Alford am Ende sterben würde, um Raph zu retten, als die Decke eines der unzähligen, uralten Gänge unter ihrer Schule einstürzte, während die beiden Jungen eine Erstklässlerin retten wollten, die von einem bösen Lehrer in die geheimnisvollen, unterirdischen Kellergewölbe gelockt worden war.
Albus starrte seinen Bruder fassungslos an. "Das ist nicht dein Ernst", sagte er. "Wie kann es sieben Bücher der Serie geben, wenn Alford schon im zweiten stirbt?"
James zuckte nur mit den Schultern und griff nach der extragroßen Weihnachtspackung Schokoladenfrösche, die Albus' Freund Scorpius mitgebracht hatte. Er stopfte sich eines der zappelnden Tierchen in den Mund. "Vielleicht kommt er als Geist zurück", sagte er und gewährte dabei Albus, Scorpius und der immer anwesenden Lily einen unappetitlichen Blick auf die zermalmte Schokoladenmasse.
"Sei doch nicht so gemein", rief Lily. Sie drehte sich zu Albus. "Hör nicht auf ihn", sagte sie. "Alford stirbt nicht und Raph auch nicht. Ganz im Gegenteil, Raph …"
"Hört ihr bitte mal auf, über das Buch zu reden", stöhnte Albus und hielt sich, so gut es ging, die Ohren zu. "Ich hab nur noch ein paar Kapitel, dann bin ich fertig."
"Können wir wenigstens über die Teile reden, die du schon gelesen hast?", fragte Scorpius.
"Klar, bloß verratet mir nichts", gab Albus nach.
"Ich fand das so toll, als Alford und Raph das kleine Bärenjunge aus der Schule herausgeschmuggelt haben", sagte Lily. "Sie haben gewusst, dass sie echt Schwierigkeiten kriegen können, aber trotzdem haben sie ihrem Lieblingslehrer geholfen."
"Aber es war wirklich idiotisch von dem Lehrer, überhaupt einen Bären in die Schule zu bringen", war eine Stimme von der Tür her zu hören. Die Kinder schauten hoch. Ihre Freundin Rose kam über Vierecke aus Sonnenlicht durch den Raum auf sie zugelaufen. Das Licht fiel durch die Fenster, die nach Westen gingen und verlieh dem stumpfen Dielenboden einen honigfarbenen Glanz.
"Stimmt schon", sagte Scorpius, "aber der Lehrer hatte das Bärenjunge nun mal in die Schule gebracht, und das Wichtigste ist doch, dass Alford und Raph zu ihm gehalten haben und ihm helfen wollten und ihn nicht an die Schulleiterin verraten haben. Immerhin hätte man den kleinen Bär wahrscheinlich umgebracht, wenn er entdeckt worden wäre."
"Ich hätte geholfen, das Bärenjunge zu retten", sagte Lily.
James gähnte und nahm sich noch einen Schokoladenfrosch.
"He, lass mir auch noch ein paar!", fuhr Albus ihn empört an.
"Reg dich ab", sagte James, und sein Mund war schon wieder voll von zermalmter Schokomasse. "Das sind doch sicher nicht die Letzten. Scorpius bekommt jede Woche so viel Taschengeld von seinen Eltern, dass er sich hundert Packungen mit Schokoladenfröschen kaufen kann …"
"Wir etwa nicht?", erwiderte Albus in einem warnenden Tonfall.
Scorpius schüttelte nur den Kopf und lachte. "Ist schon in Ordnung, Al", sagte er. "James hat recht. Ich hab noch mehr."
"Das stimmt ja vielleicht", sagte Al, doch er blitzte seinen Bruder immer noch an. "Aber hier geht es ums Prinzip." Er hatte diesen Ausdruck erst vor kurzem während der Ferien von seinem Vater gelernt und fand, dass er ziemlich gut ausdrückte, was ihn so oft an der Welt störte. Doch er musste aufpassen – wenn er den Satz zu oft sagte, dann würde ihn James hundertprozentig damit aufziehen.
"Bist du schon bei dem wichtigen Fußballspiel?", fragte Rose, die einen Stuhl vom Nachbarbett herangezogen und sich zwischen James und die inzwischen halb leere Packung mit Schokoladenfröschen gequetscht hatte.
"Ich bin gerade damit fertig", erwiderte Albus. "Ich hab mich echt gewundert, dass Alford nicht auf die Position des Mittelstürmers gewechselt ist. Er hätte das Angebot annehmen sollen, auch wenn er dann nicht neben Raph spielen kann. Als Verteidiger wird er keine Tore schießen, selbst wenn sie als offensive Außenverteidiger eingesetzt werden."
"Aber genau darum geht es doch, oder?", sagte Scorpius, wobei er sich auf eine bestimmte Art nach vorn beugte, wie immer, wenn er bei einer Diskussion recht behalten wollte. "Tore zu schießen ist für Alford nicht so wichtig, er will lieber bei seinem besten Kumpel spielen. Raph musste in den Sommerferien so viel durchmachen bei seinen bösen Pflegeeltern, er braucht seine Freunde jetzt noch viel mehr. Das hat Alford gewusst."
Albus blickte ihn skeptisch an. "Aber wenn Alford für ihre Mannschaft Tore geschossen hätte – vor allem gegen Clifton Prep –, dann hätte das Raph bestimmt auch total aufgebaut. Merlin, das sind vielleicht Wichser, diese Jungs von Clifton!"
"Andere in der Mannschaft haben ja Tore geschossen", sagte Scorpius und fuhr mit dem Finger über Albus' Bettdecke, als wolle er die Skizze eines Quidditchfelds – oder wohl eher eines Muggel-Fußballfelds – zeichnen. "
"Das war meine Lieblingsstelle, als der Kapitän von Clifton im Schlamm ausgerutscht ist", sagte James. "Al hat recht, diese Typen sind absolute Wichser."
"Nicht solche Ausdrücke." Die müde Stimme von Madam Lannon war zum x-ten Mal an diesem Nachmittag durch ihre halboffene Bürotür zu hören.
"Entschuldigung", riefen die Kinder zusammen.
"Was ist ein Wichser?", flüsterte Lily. Sie mussten alle lachen, und da merkte Albus, dass ihm die Rippen schon seit heute Morgen nicht mehr wehtaten. Er warf Scorpius einen Blick zu und grinste ihn an, worauf dieser, ohne einen Moment zu zögern, zurückgrinste.
