Wir erreichen unser Ziel in nur wenigen Minuten. Ich steige aus dem Fahrzeug. Eine hochgewachsene, blonde Krankenschwester kommt direkt auf mich zu und reicht mir die Hand zur Begrüßung. Fast direkt über uns bereitet sich ein Black Hawk Hubschrauber auf die Landung vor. Wegen des Lärms spricht sie sehr laut und beugt sich zu mir herüber:
"Ma'am! You must be the German anesthetist we requested. We´re so grateful, you´re here. I´m LT McCallum. Please call me Ann."
"Thank you, Ann. I´m Dr. Strauss. Another female colleague may come, too. How can I help?"
"That would be great. Please Ma'am, follow me." Ann hastet vor und ich folge ihr.
"Have you clean clothes for me? My uniform is a little underdressed for here" frage ich sie. Es ist nicht ganz leicht mit ihr Schritt zu halten ohne zum Laufen überzugehen.
Ann lächelt; "Of cause, Ma'am. I`ll get you."

Wir hetzen durch die Aufnahme. Es scheint fast so, als wären hunderte Menschen hier. Schwestern, Ärzte, Verwundete… Stöhnen und Schreie dringen in mein Ohr. Ich kann es nicht ausblenden. Genauso wenig wie die Unmengen von Blut, die überall auf dem gefliesten Boden. Es riecht nach Jod, verbrannten Fleisch, Blut und Desinfektionsmittel. Bei dem Anblick dieses organsierten Chaos, verlangsame ich unbewussst das Tempo. An sich gibt es hier nichts, dass ich noch nicht gesehen hätte. Doch die schiere Masse der Verwundeten beeindruckt mich auf eine gewisse Weise. Ich versuche mir einen Überblick zu verschaffen. Irgendwo an einem dieser Tische werde ich Kürze sicher stehen.
Dort drüben sitzt ein Mann mit einer Brandwunde am Kopf, der von einer Schwester beruhigt und versorgt wird. Der Nächste liegt auf einer Trage und windet sich in Schmerzen. Es macht den Anschein als hätte er mehrere Schusswunden. Ein Anderer hockt auf einer Pritsche. Sein Rücken ist mir zugewandt, so dass ich die Wunden sehen kann. Nicht lebensbedrohlich, würde aber sicher in einigen Stichen genäht werden müssen. In seinem Irokesen Haarschnitt klebt Blut. Für einen Moment kommt es mir so vor als würde ich ihn kennen, hätte ihn schon einmal irgendwo gesehen…

Ganz plötzlich habe ich ein sehr, sehr unwohles Gefühl im Bauch. Fast so als wäre grade jemand an mir vorbei gegangen und hätte mir spontan eine in den Magen verpasst.
Ich frage mich, woher dieses Gefühl kommen mag. Habe ich Bedenken, Fehler zu machen? Hier, wo ich mich nicht auskenne und ich meine Anordnungen zusätzlich noch auf Englisch geben muss! Nein- ich denke das ist es nicht…
Ich werde von Ann´s durchdringender Stimme aus meiner Überlegung gerissen.
Sie ruft quer durch die Aufnahme einem Mann zu.
"Craig, where is help needed? I´ve got the German anesthetist here with me!"
Craig scheint der Koordinator hier zu sein. Der Dirigent des scheinbaren Durcheinanders.
In Wirklichkeit herrscht hier alles andere als Chaos. Jeder kennt und hat seine Aufgabe. Es ist lediglich voll und hektisch.

"Trauma Bay 5! " antwortet er von der anderen Seite.
Ann spurtet sofort mit mir im Schlepptau weiter, und so wende ich den Blick ab von den Dingen die sich hier abspielen.
Mit einer Handbewegung wirft Ann die Flügeltür auf. Wir stehen mitten in einem Schockraum. Damit habe ich eher nicht gerechnet. Ich war davon ausgegangen, man wird mich mit „kleineren" Aufgaben beauftragen. Zum Beispiel die Betreuung von Intensivpatienten, die schon versorgt sind. Somit bin ich etwas überrumpelt, lasse es mir aber nicht anmerken. Wenn ich schon hier bin, und die mich hier haben wollen - Gerne!

Jemand zählt bis drei und auf sein Signal wird der Verletze in einer flüssigen Bewegung von seiner Trage in ein Intensivbett umgelagert. Unter seiner Sauerstoffmaske stöhnt er vor Schmerzen.
Sieben Leute arbeiten rund um ihn herum. Schneiden Kleidung von ihm, hängen Blutkonserven an, rufen sich Vitalparameter zu.

Ich sehe mich zur Orientierung kurz um. "Oberstabsärtzin Strauss at your service" stelle ich mich kurz bei dem Arzt vor, der sich zu mir gewandt hat und mir die Hand zur Begrüßung reicht.
Er lächelt mich freundlich an: "Lt. Commander Daily. Thank you for coming here so fast!
I´ll introduce you to the rest of the team, when we´re done"
Der Soldat versucht sich aufzurichten als er meine Stimme hört. Der Schwester fällt es offensichtlich schwer ihn davon zu überzeugen, liegen zu bleiben. Ich nehme es nur beiläufig wahr.
Das Team blickt zu mir herüber, ohne die Arbeit zu unterbrechen und nicken mir kurz zu.
Ich grüße stumm zurück. Keine Zeit für Höflichkeiten.
"You´re welcome." antwortete ich. Das unwohle Gefühl ist nun verschwunden und ich stufe es in der Kategorie ‚Anfängliche Nervosität' ein, die ich mir eigentlich schon vor Jahren abgewöhnt hatte.

"What do we have here? Can someone give me a handing over?", äußere ich meinen Wunsch nach einer Übergabe.
"I hope it's the correct size." In diesem Moment taucht Ann mit OP Kleidung auf.
"Will fit, I guess!" Ich greife mir die Sachen, um mich in einer Ecke, in der ich niemanden im Weg bin, umzuziehen. In den Sachen werde ich mich schon viel wohler fühlen, denke ich bei mir. Dann schaltet auch mein Gehirn wieder voll auf Arbeit um.
Während ich die Kleindung wechsle und meine Haare unter der Haube verstaue, liest Ann aus der Patientenakte vor:
"Atkins, James, male, 32. Got hit by shrapnel. He`s got a tourniquet on the left leg. Wound's not very deep, arterial bleeding has been stopped. But left a lot. Was unconscious until a few minutes."
Ich will grade den Knoten in die Kordel meiner Hose binden und sehe ungläubig zu ihr auf. Ann kann meinen Gesichtsausdruck offenbar nicht deuten. Wie auch? Ich schaue sie sicher an, als hätte ich grade einen Geist gesehen. Vielleicht denkt sie, ich habe etwas nicht richtig verstanden. Doch bevor sie nachfragen kann, sehe ich zu ihm herüber.

Langsam, wie in Zeitlupe gehe ich in Richtung Bett. Ich bin er noch mit dem Knoten beschäftigt. Jeder Schritt fühlt sich an, als dauere er eine Stunde und der Boden gibt unter mir nach wie eine Wasserbettmatratze. Er kann es nicht sein.
Es gibt sicher irgendjemanden, der den gleichen Namen hat wie er. Ich will Gewissheit. Meine Gedanken rasen. Die Stimmen um mich herum verschwimmen zu einem dumpfen Gebrabbel, wie durch Watte.
Er ist blass, beinahe grau. Sein Atem ist stoßweise und fällt ihm sichtbar schwer. Das ist definitiv nicht der Mann, an den ich gedacht habe.

Sein Körper ist übersät mit kleineren Schnitt- und Platzwunden. Sie bluten zwar, aber das ist nicht sein Problem. Sein Gesicht ist verschmiert mit einer Mischung aus Dreck und Blut. Seine Stirn liegt in Falten, seine Augen geschlossen. Sein angespannter Kiefermuskel verrät, dass er die Zähne aufeinander presst. Es ist nicht schwer zu erkennen, wie sehr ihm die Schmerzen zusetzen.
Ich sehe in sein Gesicht und versuche mich zu an ihn zu erinnern. Es war schon eine Weile her. Dann öffnet er seine Augen, völlig unvermittelt. Sie starren mich an. Die Zeit scheint für einen Moment still zu stehen. Genauso wie mein Atem. Nichts passiert. Wir starren uns einfach nur an. Vermutlich nur für Sekunden.

Die Stimme des Arztes holt mich aus diesem Nichts. Wie eine Hand auf meiner Schulter, die mich nach hinten von ihm weg reisst. Doch mein Blick bleibt auf ihn gerichtet.
"We suppose further inner bleedings! "stellt Daily fest. "We must go to the operation room. NOW! – Is one free?"
"Will be in about 15minutes.." antwortet jemand von irgendwoher.
Ich nehme seine Hand. Eine Hand die ich seit über zwei Jahren nicht mehr gehalten hatte. Ich muss mich stark zusammenreissen. Emotionen waren jetzt völlig deplatziert.
Mit einem tiefen Atemzug löse ich mich von ihm.
„Zusammen reissen, arbeiten, 150 Prozent- Ab JETZT!" motivierte ich mich leise selbst.
Nochmal tief durchatmen! Gut? Kann losgehen. Manchmal neigte ich zu Selbstdialogen. Aber er war ein gutes Mittel sich zu konzentrieren.

Zu Ann gewandt frage ich: "He has eaten or drunk the last six hours?"
"We don`t know.."
"Asked him?" Ann setzt einen Blick auf, der mir eindeutig signalisiert, dass man ihn natürlich gefragt hatte.
"I´m sorry,….Don´t wanted to…" Ich werde verlegen. Wie macht man sich bei anderen unbeliebt in 5 Sekunden? Ganz einfach: Stelle ihre Kompetenz in Frage.
"It´s ok.. " Ann grinst wieder.
Sie ist mir sympathisch. Ihr dauerhaftes, ehrliches Lächeln macht mir die Arbeit hier angenehmer.
"Ok, prepare the ventilator and get me 6 further units of blood!" Er braucht mehr Blut, sonst ist es das gewesen, sage ich im Gedanken zu mir selbst.
Sein Puls steigt weiter an.

Ich ziehe ein Narkosemittel in eine Spritze auf. Dann wende ich mich wieder meinem Patienten zu. Er ist ruhig, doch sein Körper beginnt zu zittern.

"BP is 100 over 40 and falling" wird mir zugerufen.
"Get me 10 more! " Ich brauche mehr Blutkonserven. Die ersten sechs, die ich geordert habe kommen an.
Mit sanftem Druck presse ich vier durch die Zugänge in ihn hinein.
Die Restlichen lasse ich von einer Schwester anhängen und normal laufen. Währenddessen nehme ich ihm die Sauerstoffmaske kurz ab.

Er dreht seinen Kopf zu mir, es ist anstrengend für ihn zu sprechen: "Missed…"
Ihm ist schwindelig und kalt. Verdammt kalt. Sein Zittern verstärkt sich immer mehr.
Ich halte wieder seine Hand. Ich kann nicht verstehen was er sagen will, es ist einfach zu laut um uns herum. Er umklammert meine warme Hand.
Ich lehne mich über ihn und rede beruhigend und leise auf ihn ein.
"Red. It`s ok. I´ll put you to sleep now and take the pain. I´ll take care of you! Ok? The only thing for you to do, is to hang in! Understand me, Seal? Hang in!"
"Yeah.." antwortet er flüsternd während ich ihm langsam die Sedierung in einen Zugang injiziere.

Ich greife nach einem bereitliegenden Tubus und dem Laryngoskop. Die Narkose wirkt schnell. Also versuche ich jetzt ihn zu intubieren.
Im gleichen Moment wechselt das monotone Piepen des Monitors neben mir in eine alarmierende Tonfolge.
Ann erstattet sofort Bericht: „BP is falling… Pulse rising.. "
"What the Fuck! Didn´t I told you NOT TO GIVE UP? " Ich schreie ihn an.
Schnell ordere ich einige kreislaufstabilisierede Medikamente.

Der Alarmton wechselt erneut. Diesmal allerdings in einen durchgehenden Ton,
"Cardiac arrest!" ruft Ann .

Eine Schwester beginnt sofort mit der Herzdruckmassage während eine andere ihm die Medikamente verabreicht.
„Ach, verdammte Scheisse!" zische ich und werfe das Laryngoskop und den Tubus beiseite, den ich eigentlich grade versucht hatte zu platzieren.
Über meine Schulter wurde mir sofort ein Beatmungsbeutel gereicht. Ich greife ihn und beatme ihn von Hand.

"What about the surgery? WE CAN´T WAIT!" Daily bölkt durch die Tür in den Flur hinaus.
Wenige Sekunden später platzt ein Pfleger in den Schockraum :
"Surgery Team One is free for ya!"
"Ok, let´s go!" Auf Dailys Kommando hin, werden diverse Kabel und Infusionen auf das Bett geworfen. Ann schwingt sich auf das Bett und übernimmt die Herzmassage,
"We´re ready! GO!" bestätige ich für alle hörbar.
Die Flügeltür wird erneut aufgeworfen und vier Leute machen sich mit unserem Patienten auf den Weg in den OP. Ann legt ihr ganzes Gewicht immer wieder auf das stillstehende Herz. Ich befürchte, sie hat ihm mittlerweile mindestens eine Rippe gebrochen. Doch das ist jetzt das kleinere Übel, dass sich auch nur schwer vermeiden lässt.

Im OP angekommen, hat er wieder einen Puls. Ann ist in Schweiss gebadet, so wie ich. Das wäre überstanden. Für´s erste.

Während Daily mich dem Chirurgenteam vorstellt, gelingt es mir ihn zu intubieren und an das Beatmungsgerät anzuschliessen.

Die assistierenden Schwestern beginnen zeitgleich ihn vorzubereiten. Sie bedecken ihn mit sterilen Tüchern und reinigen die vorgesehene Schnittstelle und die große Wunde an seinem Bein.

Währenddessen kehrt Ann zurück zum Schockraum um für den nächsten Patienten aufzuräumen und vorzubereiten. Auf dem Weg dorthin spricht ein Soldat sie an.

"Will he make it? He`s my best friend…" Der hochgewachsene Mann mit der eigenwilligen Frisur sieht müde und besorgt aus. Er hat beobachtet, wie Red in den OP gebracht wurde.

"They will fix him up again." Sie legt eine Hand auf seine Schulter. "Please wait over there… And pray.."