Gefangen im Sternenblick" - Kapitel 2

Eine weitere Woche schob Septima das Zurückschreiben vor sich her.

Die Tage wurden nach dem langen Winter endlich wieder länger und die warme Sonne lockte die Schüler und Schülerinnen vermehrt ins Freie. Sie hatten keine Lust zu lernen und machten so den Lehrern viel Arbeit damit, sie zum Lernen zu bringen. Dabei war das Thema, das sie gerade mit ihrer vierten Klasse durchnahm, eines ihrer Liebsten: Wenlocks Schema der Zahlenlehre und ihre Einflüsse auf die Heptomologie. Nichtsdestotrotz war die Überschrift auf dem Aufsatz, den sie eben korrigierte, lustlos hin gekritzelt. So machte das keinen Spaß.

Wie so oft nahm sie den zweiten Brief zur Hand und fuhr die Worte mit ihren Fingern nach. „Mich dürstet nach Sternen..." Sie liebte diese Schrift, aber vielleicht kam das nur von ihrer Neugierde auf die Autorin. Irgendwie kam die Schrift ihr bekannt vor. So, als wäre sie selbst ihr ein Gegenüber und würde ihr mehr sagen, als der Satz an sich.

Von draußen drang durch das geöffnete Fenster Schülergelächter und das Zwitschern der Vögel hinein. Der Gedanke an Sterne war an diesem Frühlingstag fern, aber ihre Sternenfrau erschien vor ihrem inneren Auge. Wie sie aussah, war dabei nicht wichtig, nur wie sie sie anblickte: funkelnd, fest. In Reichweite, Greifweite, nah bei ihr. Direkt. Und weiblich.

„Merlin, bitte mach, dass sie eine Frau ist!", flüsterte Septima erschrocken, als ihr plötzlich aufgefallen war, dass man durch den Briefinhalt überhaupt nicht auf das Geschlecht des Autoren schließen konnte.

„Mich dürstet es nach Sternen", murmelte sie erneut.

Sie tauchte ihre Feder in ein grünes Tintenfass, das noch vom Korrigieren auf ihrem Schreibtisch stand, zog ein neues Stück Pergament hervor und schrieb:

„Will dir Sternenwasser sein.

Will in dich, will dich erreichen, will tief, will ankommen, will finden und will bleiben.

Kannst du mir den Himmel zeigen?"

Zufrieden und gleichzeitig ängstlich setzte sie noch die Unterschrift unter den Brief, die sie sich in langen Nächten überlegt hatte, Trija, und faltete das Blatt zusammen. Den Namen Trija hatte sie von ihrer geliebten Zahl 'Drei' abgeleitet. Dieses Mal musste sie ihre Eule noch einmal an den Tagespropheten schicken, doch danach würde der Vogel von selbst den Weg zur Sternendürstigen finden. Jedenfalls hatte das in der Anleitung gestanden. Aber um der Eule einen Weg zu ersparen, wollte sie auch noch ihren zweiten Antwortbrief zu Papier bekommen.

Dieser fiel ihr schwerer. Was sollte sie schreiben, wenn dieses Terrain, also Erotik zwischen Frauen, ihr vollkommen neu war? Sie wurde ja schon beim Lesen der Zeilen schüchtern! Wie sollte sie dann darauf etwas erwidern?

„Leider bin ich noch ziemlich unerfahren, was dies alles angeht. Bisher habe ich nur Erfahrungen mit Zauberern gesammelt. Aber vielleicht kannst du mir ja zeigen, wie das geht, Frauen zu berühren? Denn das ist es, was ich will."

Abschätzig betrachtete Septima das Pergament. Etwas fehlte noch. Ihr Herz klopfte laut, als sie dahinter schrieb: „Vielleicht bald? Trija"

Bevor sie sich anders entscheiden konnte, versiegelte sie den Umschlag und brachte ihn zusammen mit dem anderen Brief hoch zur Eulerei. Vielleicht sollte sie ihre Eule in ihrem Zimmer einquartieren, um sich den Weg zu sparen, überlegte sie dabei. Aber dann wäre die Chance für einen erneuten Zusammenstoß mit Sinistra gleich Null. Und so würde sie nie heraus finden, ob Sinistra immer nach Weizenfeld duftete.

„Trija, oh Trija...

Der Himmel ist weit weg, es tut mir Leid.

Die Angst vorm Strahlen lässt mich zögern, lässt mich zweifeln.

Wusstest du, dass der hellste Stern nicht weiß, dass er strahlt? Du fehlst.

Ich fehle. Und alles, was ich wollte, ist verloren am Himmel. - Es tut mir Leid.

Ich kann nicht - ich kann nicht."

Zum wiederholten Male las Septima diese Zeilen auf dem welligen Pergament. Es tut ihr Leid. Was tat ihr Leid? Sie verstand nicht, was die Fremde ihr sagen wollte. Und obwohl diese Sätze so voll und ganz unverständlich waren, berührten sie sie mindestens genauso sehr wie das heiße Werben Enigmas. Sie kannte nicht mal einen Namen, und dennoch war ihre Sprache ihr bekannt und vertraut. Das Zurückschreiben fiel ihr leicht.

Diese Frau schrieb in ihren Worten, sie verstand sie, auch wenn sie nicht verstand, was sie meinte. Es hörte sich wie ein Abschied an. Aber Septima wollte nicht, dass es jetzt schon ein Abschied war.

Auch Enigma hatte ihr geantwortet.

Sie fragte, wie sie aussehe, damit sie sich sie vorstellen konnte.

Septima fühlte sich wie ein pubertierendes Mädchen, als sie Enigmas Wunsch nachkam und sich in einem Antwortbrief selbst beschrieb. Bewusst versuchte sie ihr Aussehen dabei nicht zu schönen, konnte es doch sein, dass sie sich vielleicht sogar bald von Angesicht zu Angesicht trafen.

Enigmas Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Auf die Antwort der Anderen wartete Septima dagegen vergebens.