Mast- und Schotbruch, Kapitel 1: In der Nacht

Das leise Schwappen der Wellen gegen den Schiffsrumpf war das einzige Geräusch, das zu hören war. Jeder an Bord harrte bewegungslos auf seinem Platz aus, bemüht in der samtschwarzen Nacht die kleinste Bewegung auf dem Wasser auszumachen. Kein einziges Licht brannte an Deck, nur in der Ferne waren vereinzelt die Lichter der Stadt zu sehen, halb abgeschirmt durch den zwischen ihnen liegenden Teil der Landzunge. Jedes Husten, jedes Knacken eines versteiften Gelenkes ließ die Köpfe nervös herum fahren, bevor sie sich wieder zu ihrer schweigenden Wacht wandten.

Bereits seit mehreren Stunden warteten die Männer voller Anspannung auf die Rückkehr ihres Captains und des ersten Maats.

Sie hatten sich nach Einbruch der Dunkelheit der Insel genähert, immer darauf bedacht, den Patrouillenbooten aus dem Weg zu gehen, die seit neuestem den Bereich vor dem natürlichen Hafen Port Royals kontrollierten. Nun lagen sie westlich der Stadt, außerhalb des Hafenbeckens und aus der Sicht und dem Weg der Marine, doch noch so nah, dass ein Ruderboot ohne Mühe in die Nähe der Häuser gelangen konnte. Sofern es nicht entdeckt wurde.

Kaum einer der Piraten hatte eine Ahnung, was Sparrow so dringend in dieser Stadt zu suchen hatte, die seit der Etablierung der East India Trading Company mit ihrem starken militärischen Arm für Männer ihrer Profession noch viel gefährlicher geworden war als zuvor. Der Captain hatte lediglich eine verwirrende Bemerkung fallen gelassen, dass er sich „die Muse zurückholen" wolle, und war weiteren Fragen weitschweifig ausgewichen. Wer oder was die Muse war, wusste keiner, ein oder zwei meinten allerdings, dass es etwas mit Herumliegen in der Hängematte zu tun hätte. Doch Sparrow ignorierte die neugierigen Blicke seiner Leute, niemand wurde eingeweiht. Nur das Insistieren AnaMarias und Gibbs' hatte den Captain schließlich dazu bewogen, seinen Maat als Begleitung zu akzeptieren, jeden weiteren Mann hatte er abgelehnt. So waren sie gezwungen im Ungewissen zu warten, bereit sofort loszusegeln, sobald Sparrow wieder an Bord war, ständig in besorgter Erwartung, dass ein Schrei ihre Entdeckung verkünden und die Garnison mobilisieren würde.

Auch Ray war extrem angespannt auf ihrem Posten an der Reling. Im Gegensatz zu den anderen wusste sie zwar ziemlich genau, was eine Muse war, und hatte seit ein paar Tagen sogar eine Vermutung, warum der Captain hinter einer Muse her war – weshalb er sie allerdings ausgerechnet hier zu finden hoffte, war ihr schleierhaft. Sie zuckte mit verspannten Schultern. Der unangenehme Druck in ihrem Nacken hatte sich in den letzten Stunden zu einem dumpfen Pochen gesteigert. Ihre durch das lange, ereignislose Starren ermüdeten Augen gaukelten ihr dunklere Schatten und graue neblige Schemen im Schwarz der Nacht vor, die bei einer Wendung des Kopfes sofort verschwanden um nach kurzem wieder aufzutauchen. Als ihr jemand von hinten die Hand auf die Schulter legte, fuhr sie zusammen.

„Psst, Ray. Ich bin's. Komm!" Anamaria bedeutete ihr, ihr zu folgen und führte sie unter Deck, wo eine einzige düstere Lampe die wenigen Gestalten beleuchtete, die versuchten hier etwas Ruhe zu finden. Niemand schnarchte, nur das Knarzen der Kojen unterbrach ab und an die Stille, wenn sich jemand unruhig herumwälzte. Im Halbdunkel bemerkte Ray einen Mann, der offenbar auf sie beide wartete, Stevens. Als sie bei ihm angelangt waren, begann Anamaria leise zu flüstern.

„Hört zu, mir gefällt das Ganze nicht. Der Captain hätte schon längst zurück sein müssen, nachdem was er gesagt hat. Wir müssen hier vor Anbruch der Dämmerung verschwunden sein, und wenn er bis dahin nicht da ist..." Stevens, ein älterer, bedächtiger Seemann, setzte an, sie zu unterbrechen, doch mit einer Handbewegung brachte sie ihn zum Schweigen. „Besser wir finden nicht heraus, was dann passiert. Ihr zwei geht nach Port Royal und sucht ihn."

„Was? Warum wir? Wir kennen die Stadt nicht einmal." Ray fühlte sich etwas überfordert bei dem Gedanken in einer vor Militär überquellenden unbekannten Stadt ihren nicht eben unauffälligen Captain samt erstem Maat aufzuspüren, aus irgendeiner gefährlichen Situation zu befreien und ungesehen herauszubringen. Seinem Blick nach zu urteilen war Stevens ebenfalls nicht angetan von der Aussicht. Anamaria sah sie beide jedoch aus schmalen Augen an, so dass ihnen jeder weitere Kommentar verging.

„Nun, gerade deswegen. Die Stadt kennt euch nicht. Ich habe keine Lust noch mehr Männer dorthin zu schicken, deren Bild bei der East India Trading Company bekannter ist, als das des Königs. Ihr könnt zur Not als halbwegs ehrbare Leute durchgehen, wenn man euch sieht. Mein Rat wäre allerdings euch nicht sehen zu lassen, denn ehrbare Leute sind um diese Zeit in Port Royal nicht mehr auf der Straße."

„Aber wenn sie den Captain gefangen hätten, wären sie doch schon längst auf der Suche nach uns! Das hätten wir doch gemerkt. Wahrscheinlich braucht er nur ..." Schon während Stevens das sagte, schien er an seinen eigenen Worten zu zweifeln. Die zwei Männer hätten längst zurück sein müssen. Irgendwas lief nicht so, wie Sparrow es geplant hatte, und sie hatten nur noch wenige Stunden Zeit dieses Problem zu lösen.

Anamaria bemerkte ihre Unsicherheit. „Hört zu, Ray, Stevens, unser Captain kann durch alles mögliche aufgehalten worden sein, auch ohne die Einmischung des Militärs. Aber je länger die beiden dort sind, desto wahrscheinlicher werden sie entdeckt und wir ebenso. Ihr geht also hin und tut, was zu tun ist. Lasst euch nicht erwischen. Ihr habt Zeit bis eine Stunde vor Morgengrauen, wenn ihr bis dahin nicht zurück seid, setzen wir Segel." Damit wandte sie sich zum Gehen und gab ihnen ein Zeichen, ihr zu folgen. Oh, Mist. Da hat Anamaria sich ja die Richtige ausgesucht, um als ehrbare Gestalt durch die Gassen von Port Royal zu schleichen. Ich bin kein Dieb, und wie ich einen Piratenjungen spielen soll, der einen ehrbaren Mann spielt ... – hoffentlich ist Stevens nicht zu aufmerksam. In ihre Gedanken versunken blieb Ray auf dem Weg nach oben im Halbdunkel unaufmerksam mit ihrem Ärmel am Geländer der Treppe hängen. Leise fluchend wandte sie sich um, um sich zu befreien, und konnte eben aus den Augenwinkeln den hellen Schemen eines Gesichts erkennen, das ihnen neugierig nachzublicken schien.

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Das Quietschen der Winde hallte laut durch die Dunkelheit, während sie eines der kleinen Beiboote zu Wasser ließen. Ray stand an der Reling und versuchte das nervöse Gefühl unter Kontrolle zu bringen, das sich in ihren Eingeweiden eingenistet hatte und im Moment ihren Magen in festem Griff hielt. Beinahe hätte sie aufgeschrien, als sie ein leises Flüstern neben ihrem Ohr vernahm. „He, Junge, komm mal kurz mit." Irritiert sah sie sich um, dafür hatte sie keine Zeit! Anamaria würde sie jeden Moment losschicken. Doch Blender, der strohblonde Mann der sie angesprochen hatte, zog sie an ihrem Arm weiter von den anderen fort.

„Hier, tu mir den Gefallen und nimm diesen Brief mit in die Stadt. Lass ihn einfach irgendwo liegen, wo man ihn gut sehen kann." Damit presste er ihr etwas Papierenes in die Hände, das sie im Dunkeln nicht sehen konnte.

„Was soll denn das? Glaubst du wirklich, irgendwer errät, wohin der Brief gehört, und bringt ihn dann auch noch dahin?" Ray konnte ihre Abneigung gegen ihn nicht ganz aus ihrer Stimme heraushalten, und dass er sie jetzt auch noch zu seinem Botenjungen machen wollte, passte ihr gar nicht.

Er lachte sein leises, joviales Lachen. „Junge, ob du's glaubst oder nicht, mache Leute können lesen und ich hab' die Adresse schön groß vorne drauf geschrieben. Und ich bin mir sicher, jemand wird den Brief dahin bringen, wo er hin gehört. Meine alte Mutter wird sich freuen."

Ray wusste nicht recht, was sie davon halten sollte. Wollte er etwa behaupten, dass sie nicht lesen konnte? Wie kam er nur dazu? Neulich hatte er sie schon damit aufgezogen, als sie nach der Enterung eines Handelsschiffes sehnsuchtsvoll auf eines der alten Bücher gestarrt hatte, die sie dort gefunden hatten. Ärger kroch in ihr hoch. Wie der Rest der Mannschaft so bezaubert sein konnte von diesem Kerl, war ihr schleierhaft. Aber die Erwähnung seiner Mutter hatte etwas in ihrem Herzen berührt, und schließlich, es war ja weiter nicht viel verlangt. Mit einem Seufzen verstaute sie den Brief in einer der Taschen an ihrem Gürtel. „Na gut, aber jetzt muss ich los."

Mehr tastend, als etwas sehend, suchte sie sich ihren Weg zurück. Anamaria war gerade dabei, Stevens noch einige letzte Anweisungen zuzuflüstern, und als sie Ray sah, winkte sie sie zu sich. „Da bist du ja. Schnell jetzt, macht, dass ihr los kommt. Und viel Glück." Während sie sich rasch über die Reling schwang und sich an den Abstieg über die feuchte Strickleiter machte, spürte Ray wie sich der Knoten in ihrem Magen noch verfestigte. Stevens schien ihre Nervosität zu bemerken und versuchte, die Stimmung in seiner etwas schwerfälligen Art aufzulockern, indem er sie scherzhaft seinen Gehilfen nannte und zur Übung für ihre neue Rolle gleich mal an die Ruder schickte. Mit einem schiefen Lächeln legte sie ihre an Arbeit gewohnten Hände um die rauen Holme und zog an. Der langsame, gleichmäßige Rhythmus, in dem sie ihre Muskeln anspannte und das kleine Boot entlang der Küste durch die schwarzen Fluten trieb, löste ihre Verkrampfung ein wenig, und fast wünschte sie, immer weiter rudern zu können.

Stromi – vielen Dank für die nette Kritik! Ich hoffe, die Geschichte gefällt dir auch weiterhin.