Diese Kurzgeschichte ist eine von mir erdachte Szene, die so weder in Ep. III „Rache der Sith" noch im Begleitroman von Matthew Stover dazu vorkommt, zumindest zeitlich aber durchaus Platz darin hätte.
Anakin Skywalker kniete vor dem Sithlord, dem er soeben das Leben gerettet hatte.
„Ich unterwerfe mich Euch und Eurer Lehre."
„Gut, guuut", krächzte Palpatine mit tiefer Stimme. „Von jetzt an wirst du einen neuen Namen tragen – Daaaarth Vader!"
„Ich danke Euch, mein Meister. Helft mir nur, Padmé vor dem Tod zu bewahren."
Palpatines faltiges Gesicht verwandelte sich in ein eisiges Grab und die erst vor ein paar Minuten gelb gewordenen Augen glänzten noch giftiger.
„Die Macht, den Tod zu hintergehen, ist eine Macht, die bislang nur einer erlangt hat!", erklärte Palpatine mit einer tiefen Stimme, die der Dunklen Seite selbst entsprungen schien. „Aber zusammen können wir das Geheimnis lüften."
„Natürlich", erwiderte Anakin und die Zuversicht kehrte in seinen bislang etwas verhuschten Blick zurück. „Schließlich gibt es doch Sith-Holocrone. Yoda hat uns davon erzählt. Und Darth Plagueis hat doch sicherlich auch eines hinterlassen, nicht wahr, Meister?"
Sidious wandte seinen Blick für eine Weile von seinem neuen Schüler ab, um die zerstörte Fensterscheibe seines Büros zu betrachten.
„Mein Sohn, es gibt nicht mehr besonders viele Sith-Holocrone", begann der Kanzler mit einem entschuldigenden Lächeln, welches in seinem ebenfalls erst seit kurzem zerfältelten Gesicht absolut grotesk wirkte. „Da ist zum einen der Irrweg von Darth Gravid gewesen, der viel Sith-Wissen und darunter auch viele wertvolle Sith-Holocrone vernichtet hatte, um etwas ganz neues zu erschaffen, eine Synthese von …"
„Plagueis' Holocron!", unterbrach ihn Vader und das Drängen seines neues Schülers schlug Sidious entgegen wie züngelnde Flammen eines sich ausbreitenden Feuers.
„Das ist eine ganz absonderliche Geschichte", meinte Palpatine mit einem geheimnisvollen Glimmen in den gelben Augen und Vader seufzte auf, einen weiteren für ihn nutzlosen Monolog seines Meisters erwartend.
„Einst saßen mein Meister und ich zusammen in seinem Apartment hier auf Coruscant im Kaldani-Turm und ich schaute ihn an, ohne etwas zu sagen. Plagueis erriet sofort meine Gedanken. ‚Du fragst dich also, wie ich es anstelle, dass ich von Tag zu Tag jünger aussehe, während du mit jedem Tag, der vergeht, eine Falte mehr bekommst und deine roten Haare immer grauer und silbriger werden'."
„Das … hat Euch nicht gefallen", sagte Anakin, der den Zorn fühlte, den Sidious empfand, während er diese Worte seines toten Meisters zitierte.
„Er war der Meister und ich der Schüler. Also zwang ich meinen aufwallenden Zorn nieder und übte ich mich in Geduld, um zu erfahren, was mein Meister mir zu enthüllen gedachte", entgegnete Sidious und Anakin konnte ein feines diebisches Grinsen in seinen Mundwinkeln ausmachen, welches ihm einen unübersehbaren Tadel ob seiner eigenen Ungeduld entgegenschickte. Anakin schämte sich. Obi-Wan hatte ihn auch mehr als einmal der Ungeduld geziehen – meistens zu Recht. Und Obi-Wan hatte auch rote Haare – ein dummer Zufall oder eine absichtliche Erwähnung von Palpatine?
„Plagueis schlug mir eine Demonstration seiner Fähigkeiten vor", raunte Sidious seinem Schüler entgegen. „Er gab mir sechzehn dickbauchige Weingläser, die ich im Quadrat zu arrangieren hatte."
„Wein soll eine gewisse durchblutungsfördernde Wirkung haben", unterbrach ihn Anakin. „Aber dass er verjüngend wirken soll … das glaube ich nicht."
Palpatines zerklüftete Züge zeigten Anzeichen deutlichen Unmuts ob dieser erneuten Unterbrechung seines Schülers, aber er fuhr in seiner Erzählung fort.
„Dann gab mir Plagueis neun Sith-Holocrone und wies mich an, sie auf den Weingläsern ebenfalls zu einem Quadrat zu arrangieren, so dass ihre vier Ecken auf je einem Glas zu stehen kommen und sich die Grundflächen der Holocrone an den Seiten berühren. Dann gab er mir vier weitere Sith-Holocrone, die ich mit der Spitze nach unten derart zwischen die neun bereits vorhandenen Holocrone stecken sollte, dass deren umgekehrte Grundflächen neben den neun Spitzen der neun aufrecht stehenden Holocrone erneut eine quadratische Grundfläche bilden würden."
Darth Vader unterdrückte ein Gähnen.
„Plagueis reichte mir weitere vier Sith-Holocrone, um sie derart auf die vier umgedrehten Sith-Holocrone zu legen, dass deren Grundflächen zu denen der Holocrone darunter deckungsgleich liegen würden. Auch dies tat ich."
Darth Sidious machte eine Kunstpause, um seinem Schüler in die skeptisch zusammengekniffenen Augen zu schauen, die sich aufgrund seines plötzlich prüfenden Blickes sogleich wieder in Interesse weiteten.
„Ich bekam danach ein weiteres Holocron in die Hand gedrückt, welches ich …"
„mit der Grundfläche nach oben derart zwischen die unteren vier Holocrone zu platzieren hatte, dass die vier zur nun unten liegenden Spitze zulaufenden Seitenkanten je an den inneren Seitenkanten der vier unteren Sith-Holocrone anlagen", vollendete Darth Vader stolz den Satz seines Meisters.
Darth Sidious beschloss, seinem neuen Schüler diesen kurzen Triumph zu gönnen.
„Sehr gut, mein Schüler! Weißt du denn auch, wie es weitergeht?", fragte er mit einem aufmunternden Augenzwinkern.
„Plagueis hat Euch noch ein Holocron gegeben. Und das habt Ihr dann auf das umgedrehte Holocron gestellt, so dass sich die Grundflächen deckungsgleich berührten. Und dann war die große Sith-Holocron-Pyramide fertig!", beendete Anakin mit glänzenden Augen seine zutreffende Annahme und Sidious hatte das Gefühl, dass sich sein neuer Schüler über diese Schlussfolgerung genauso freute, wie, als wenn er ein Raumschiff repariert oder einen neuen Droiden konstruiert hätte.
„Und jetzt?", fragte Palpatine sanft weiter.
„Ich … weiß es nicht", erwiderte Anakin ratlos.
„Du hättest es schneller gewusst, hättest du mich nicht dauernd unterbrochen!", sagte Palpatine vorwurfsvoll.
Anakin presste die Lippen aufeinander, um ihnen ja nie wieder ein vorlautes Wort entweichen zu lassen.
‚Guuut', dachte Sidious.
„Darth Plagueis hat dann eine Flasche Wein geholt und mich angewiesen, sie über der Spitze des obersten Holocrons auszugießen."
Ein Schatten von Panik huschte über Anakins Antlitz.
„Und das habt Ihr getan?", fragte er atemlos.
Palpatine nickte langsam. Anakins Augen weiteten sich im Schock.
„Ich goss also den Wein über die Spitze des obersten Holocrons und der Wein lief an den Seitenrändern der Pyramiden entlang, um schlussendlich in den Gläsern zu landen, ohne dass auch nur ein winziger Tropfen Wein auf dem Tischboden gelandet wäre."
Sidious machte erneut eine Kunstpause, um zu genießen, wie Anakin, nein, Vader, seinen Atem anhielt und seinen neuen Meister mit großen blauen Augen ansah.
„Und jetzt die Preisfrage, mein Schüler: Wie viele Sith-Holocrone sind an jenem Abend wohl auf diese Art und Weise unbrauchbar gemacht worden?"
Anakin riss seine Augen auf. Er hatte es geahnt! Jocasta Nu hatte ihm und den anderen Jünglingen immer eingeschärft, keinerlei Flüssigkeiten an Holocrone kommen zu lassen, um sie nicht zu beschädigen oder gar für immer zu zerstören. Es gab da allerdings eine Ausnahme. Es handelte sich dabei um ein Holocron eines aquatischen Jedi-Meisters, welches auf Kamino … aber das war jetzt wertloser Tand für ihn. Den jungen Sith überkam die grausame Gewissheit, dass Darth Plagueis der Weise, der bislang seine einzige Hoffnung gewesen war, um Padmé zu retten, auch nicht besser gewesen war als jener Darth Gravid, von dem Sidious eingangs...
„Wie viele?", hörte er die strenge Stimme seines Meisters.
Fieberhaft begann er zu rechnen. Neun plus vier, wieder plus vier, plus zwei. Jetzt nur nichts Falsches denken oder gar sagen!
„Neunzehn", stieß er heiser hervor.
„Das hat lange gedauert, mein Schüler", rüffelte ihn Sidious. „Wenn du dir gleich nach dieser Unterhaltung so viel Zeit lässt, wenn es darum geht, alle Jedi im Tempel zu töten, bevor sie uns finden und stellen, dann ist Padmé verloren!"
„Das ist mein nächster Auftrag?", fragte Vader atemlos, nur, um von seinem Meister einen verständnislosen Blick zu ernten. Jetzt war er verwirrt.
„Willst du denn gar nicht wissen, wie es mit mir, Plagueis, den Holocronen und den gefüllten Weingläsern weiterging?"
„Ja natürlich!", erwiderte Vader mit sich überschlagender Stimme. Er fühlte, wie seine Knie angesichts des langen Kniens vor seinem Meister zu schmerzen begannen.
„Plagueis hatte mich danach angewiesen, mithilfe der Macht die Holocrone von den Gläsern zu heben, sie ins Bad schweben zu lassen und dort in der Badewanne zu einer Pyramide aufzuschichten. Nachdem ich das getan hatte, sagte er: ‚Wer von uns Beiden jetzt die meisten Gläser leert, der wird auch das meiste Wissen der Sith in sich aufsaugen, welches aus diesen Holocronen vermittels des Weins in die Gläser geflossen ist'."
‚Und das habt Ihr geglaubt?', wollte Anakin fragen, biss sich jedoch stattdessen so hart auf die Zunge, dass er sein eigenes Blut schmeckte. Hatte sein Meister nicht eben gesagt, dass bald Blut fließen würde ... Im Jedi-Tempel?
„Plagueis schaffte zwölf Gläser, ich sechs. Anschließend war ich so wackelig auf den Beinen, dass mein Meister mich ins Bett tragen musste."
Anakin verzog seinen Mund. Das war nicht die Art Sith-Lektion, die er erhofft hatte.
„Am nächsten Morgen habe ich meinen Meister dann gefragt, ob die Sith-Holocrone wirklich für immer und unwiederbringlich verloren seien. Plagueis bejahte und meinte, dass wir Zwei die letzten Sith sein würden und es somit keine Holocrone mehr bräuchte, wo wir doch jetzt alles Wissen ins uns eingetrunken hätten. Ich habe ihm daraufhin gesagt, dass ich nicht spüre, irgendetwas zusätzliches Wissen in jener Nacht in mich aufgesogen zu haben außer einem furchtbaren Kater. Und weißt du, was Plagueis mir darauf geantwortet hat?"
„Ihr werdet es mir gleich sagen", meinte Anakin mit Fatalismus im Blick.
„Er hat mir gesagt, ich sei ja nur ein Mensch und da würde sein Experiment wohl nicht so gut anschlagen wie bei ihm als Muun. Aber das sei nicht weiter schlimm, denn er würde mich jetzt bis in alle Ewigkeit in allen Belangen beraten und unterstützen, wo er ja nicht mehr altern, sondern sich stetig verjüngen würde. Er versprach mir außerdem, schon bald ein Mittel zu entwickeln, das auch bei mir als Mensch so eine Verjüngung bewirken würde, wenn ich schon wegen meiner speziestypischen Unzulänglichkeiten auf die Wein-Methode der Sith-Wissensvermittlung nicht anspringen würde."
Palpatine zuckte mit den Schultern und bedeutete so seinem Schüler, dass er am Ende seiner Erzählung angelangt war.
„Und was habt Ihr dann gemacht, Meister?"
„Ich habe ihn umgebracht", erwiderte Palpatine lapidar.
„Ohne, dass er sein Wissen an Euch weitergegeben hat?!", schnappte Anakin.
„Nun, wie ich schon sagte: Gemeinsam können wir das Geheimnis lüften", erklärte Sidious mit wichtigtuerischer Miene.
In Anakin brodelte der Zorn hoch. Dafür also hatte er Mace Windu die Hand abgehackt und das Leben des Sithlords und Kanzlers gerettet, den er für seinen Freund hielt! Wie dumm konnte man eigentlich sein …?!
Dann blitzte einem hellen Funken gleich eine Idee in ihm auf, um die Schwärze, die sein Zorn in ihm verbreitete, in ein jähes Licht zu tauchen.
„Sagt mir Meister: Entsprach irgendetwas von Euren Geschichten über Darth Plagueis der Wahrheit?"
Palpatine lächelte ein weises Lächeln.
„Einiges davon schon. Aber das ist jetzt nicht mehr von Belang. Du hast den ersten Schritt zur Selbstbestimmung getan und jetzt wirst du den nächsten tun. Tu, was getan werden muss, Lord Vader!", sagte der Kanzler in beschwörender Dringlichkeit und sein Blick schweifte von seinem nach wie vor knienden Schüler durch die zerbrochene Fensterscheibe seines Büros in die Richtung, wo sich der Jedi-Tempel befand.
„Dann werde ich jetzt zum Jedi-Tempel gehen", sagte Darth Vader erhob sich aus seiner nun sehr unbequemen knienden Stellung.
„Möge die Macht mit dir sein, mein Schüler", erwiderte Sidious mit einem huldvollen Lächeln.
‚Das hat lange gedauert' … ‚Ich habe ihn umgebracht' … ‚nicht mehr von Belang!', schallten Sidious' Worte in Anakins Kopf, während er zum Jedi-Tempel eilte, um sein grausiges Werk zu vollbringen. Er hatte keine Ahnung, wohin ihn der Weg seines neuen Meisters führen würde. Er wusste nur eines: Er musste sich jetzt abreagieren! ‚Auf der Stelle!', fielen ihm Palpatines gebieterische Worte von vor sechs Monaten an Bord der Unsichtbaren Hand wieder ein, als ihm der Kanzler den Befehl erteilt hatte, Count Dooku hinzurichten. Und jetzt würde er eben Jedi töten! Aber dann würde er Padmé retten … Ganz bestimmt!
Note der Autorin: Es gibt Sith-Holocrone sowohl mit drei- als auch mit viereckigem Grundriss. Ich habe mich hier für die Pharaonen-Pyramidenform entschieden.
