Gefangene der Angst

die Reise

Auf Pierres Empfehlung hin verwendeten Raoul und Christine eine schlichte Kutsche, wie es viele gab. Ein Kutscher, keine Diener und nur Pierre als Begleitung, wobei Pierre auf einem Pferd neben der Kutsche ritt. Das Pferd hatte Pierre selbst in den Ställen des Comte de Chagny ausgewählt und zwar gegen den ausdrücklichen Rat des Eigentümers. Das Pferd war ein großer, grauer Hengst, der allgemein als bissig und gefährlich galt, sodass er eigentlich erschossen werden sollte. Warum auch immer, Pierre meinte, dieses unansehliche, struppige und aggressive Pferd passe wunderbar zu seinen drei struppigen, großen Hunden, drei Rüden, die auf die Namen Scylla, Carybdis und Cerberus hörten. Zum Erstaunen aller konnte Pierre das Tier so weit beruhigen, dass er es satteln und aufzäumen und reiten konnte, wobei er jedoch anfangs große Schwierigkeiten hatte, das das Tier sehr genau wusste, wie es einen Reiter durch Springen und Buckeln loswerden konnte. Erst gegen Mittag gab der Hengst seinen Widerstand gegen den Reiter auf.

Raoul sah aus dem Kutschenfenster nach Pierre. "Kommen Sie zurecht?" rief er besorgt. "Jaja, alles klar, ich mach das schon", antwortete Pierre und in dem Moment lief einer der Hunde zu nah an den Hengst, der erschrocken seitwärts sprang. Pierre blieb im Sattel. "Wir werden uns schon noch - Au! Scylla, komm! Carybdis, Ruhe! - zusammenraufen." Raoul setzte sich wieder und sagte zu seiner Frau: "Unser klassisch gebildeter Soldat kommt schon irgendwie zurecht. Ich kann nur hoffen, dass wir im Moment nicht verfolgt werden, er ist so sehr mit dem Pferd und den Hunden beschäftigt, er würde eine Dampflokomotive übersehen." "Gib ihm eine Chance", meinte Christine, "Es ist ja nicht so, dass wir eine Wahl hätten."

Am Abend stiegen sie bei einem kleinen Gasthof ab. Der Kutscher versorgte die Pferde, bis auf Pierres Hengst, den Pierre selbst versorgen musste, weil der Kutscher sich weigerte, sich diesem Tier auch nur zu nähern. Pierre war anzusehen, dass ihm alles weh tat von dem harten Ritt, aber er gab sich große Mühe, es sich nicht anmerken zu lassen. Raoul diskutierte mit dem Wirt, welche Zimmer er bekommen konnte, als Pierre, der sichtbar hinkte, die Stube betrat. "Und ich sage, es ist unmöglich, Ihnen ein ganzes Stockwerk zu überlassen, wo sollen denn die anderen Gäste übernachten?" sagte der Wirt.

"Er nimmt das oberste Stockwerk, das ganze!" sagte Pierre mit einer Stimme, die an das heisere Knurren eines Wolfes erinnerte. Der alte Soldat stand ganz ruhig da und zündete sich eine Zigarette an, flankiert von seinen drei Hunden. Eine braune Umhängetasche hing an seiner rechten Seite, an der linken gut sichtbar ein Pistolenhalfter und eine Pistole, am Rücken, ebenfalls deutlich sichtbar, ein Gewehr mit einem verkürzten Lauf. Der größte der Hunde fletschte die Zähne. "Sehen Sie, guter Mann," fuhr Pierre fort, "Mein Cerberus hier ist ein wenig nervös und wir wollen doch nicht, dass er mit Gebell die Gäste um den Schlaf bringt oder - Gott behüte! - jemanden beißt." "Monsieur Bertrand, das ist völlig unnötig!" befahl Raoul mit einer Schärfe in der Stimme, die Christine von ihm noch nie gehört hatte, "So lang Sie in meinen Diensten stehen, wird niemand bedroht, ist das klar?!" "Ja, Monsieur le Vicomte", antwortete Pierre mit einer angedeuteten Verbeugung und warf dem Wirt einen Blick zu, der deutlich zu verstehen gab, dass er keinesfalls bereit war, sich dem Befehl zu beugen.

"Wir bezahlen natürlich", sagte Raoul zu dem Wirt, "Selbstverständlich bezahle ich alle Zimmer im obersten Stockwerk." Der Wirt sah zwischen Raoul und Pierre hin und her und entschied schließlich, das Geld anzunehmen. Das schien ihm sehr viel sicherer als sich auf eine Diskussion mit den bissigen Hunden einzulassen.

Christine und Raoul nahmen in der Gaststube Platz, der Kutscher verschwand mit seinem Abendessen und einem Krug Bier in Richtung der Kutschen, wo auch die Kutschen anderer Gäste standen, um sich mit seinen Kollegen zu unterhalten. Pierre holte Essensreste und Knochen für seine Hunde aus der Küche und entschied sich, bei seinen Hunden vor der Tür des Wirtshauses seine eigene Mahlzeit einzunehmen.

Es war schon spät, als Raoul ihn suchte. "Monsieur Bertrand, meine Frau und ich werden uns zurückziehen", sagte Raoul. Pierre stand auf, seine Hunde folgten sofort seiner Bewegung, ohne dass er etwas sagen musste. "Dann werde ich mir ansehen, wie Sie die Nacht sicher verbringen können", antwortete er.

Der Soldat suchte für den Vicomte und die Vicomtesse das Zimmer am Ende des Ganges im obersten Stockwerk aus. "Darf ich fragen, wozu das gut sein soll?" fragte Christine neugierig. "Je höher das Stockwerk, desto schwerer ist es, einzubrechen", erklärte Pierre, "und ich werde mit meinen Hunden die Nacht am Gang vor Ihrer Türe verbringen." Raoul richtete das Zimmer, wie er es schon gewohnt war, indem er eine kleine Lampe auf den Tisch stellte und entzündete. "Was zum Teufel soll das?" fragte Pierre erstaunt, der das durch die offene Tür beobachtete. "Wenn wir in der Nacht überrascht werden, will ich den Angreifer sehen können", erklärte Raoul. "Aber doch nicht so!" tadelte Pierre, "Sie beleuchten ja das Bett auch. Damit braucht man nur ein Gewehr, um von einem der Dächer der umliegenden Häuser aus hineinzuschießen. Zuerst: Fensterläden zu. Was man nicht sieht, kann man nicht treffen. Dann: Wenn Sie schon bei Licht schlafen, verwenden Sie doch lieber eine Blendlaterne, die nur in eine Richtung leuchtet und die richten Sie auf die Tür, damit ein Angreifer im Licht steht und Sie hinter der Laterne im Dunkeln sind." Raoul und Christine sahen sich betroffen an. Sie waren all die Monate unwissend ein Risiko eingegangen.

Pierre lief zur Kutsche um eine der Laternen zu holen, diese stellte er auf das Tischchen und richtete sie auf die Tür. "So, das ist besser", sagte er zufrieden, "Bitte gehen Sie in der Nacht nicht auf den Gang ohne vorher zu rufen. Die Hunde sind Sie noch nicht gewöhnt und das könnte unangenehm werden. Gute Nacht, Madame, Monsieur."

Die Nacht verlief alles andere als ruhig, denn zwei Mal schreckte das Knurren der Hunde Christine und Raoul aus dem Schlaf. Am Morgen war Christine schon früh auf. "Kann ich rauskommen?" rief sie durch die geschlossene Tür. Die Antwort war Hundegebell, dann ein lautes "Ruhe!" und schließlich sehr viel sanfter: "Jetzt ja!" Christine trat auf den Gang und sah Pierre in ein paar Metern Entfernung am Gang sitzen, mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Seine drei Hunde lagen am Boden neben ihm. "Guten Morgen", sagte Christine freundlich. Pierre stand mühsam auf und streckte sich. "Guten Morgen, Madame", erwiderte er den Gruß, "Heute Nacht waren zwei Betrunkene hier, die sich im Stockwerk geirrt haben, das war alles. Kein Problem."

Beim Frühstück kam die Wirtin an den Tisch zu dem Vicomte und fragte ängstlich, ob er sofort abreisen würde. "Natürlich, gleich nach dem Frühstück", antwortete der Angesprochene und staunte über den erleichterten Gesichtsausdruck der Wirtin bei seiner Antwort. "Ist etwas nicht in Ordnung?" fragte er und die Wirtin berichtete, dass zwei andere Gäste sich über die Hunde beschwert hätten, einer sei sogar gebissen worden, wolle aber keine Anzeige bei der Polizei machen, da er vor den Hunden und dem Mann Angst habe.

Während der Kutscher die Pferde anspannte, stellte der Vicomte Pierre zur Rede. "Das geht nicht, dass Ihre Hunde einfach so jemand beißen und Sie können auch nicht einfach so Menschen bedrohen!" wies er ihn zurecht. Pierre widersprach: "Und wie soll ich Sie dann beschützen? Soll ich vielleicht einen Angreifer höflich bitten, ob er sich nicht netterweise zum Teufel scheren wolle?" Dann atmete Pierre ein paar Mal tief durch, griff in seine Brusttasche und zog ein Zigarettenetui und Streichhölzer hervor, um sich eine Zigarette anzuzünden. Nach den ersten Zügen sagte er deutlich höflicher und ruhiger: "Ich bitte um Verzeihung, das stand mir nicht zu. Ich werde in Zukunft besser aufpassen. Es tut mir leid, ich bin in der Nacht eingeschlafen und die zwei Betrunkenen haben den Gang betreten und meine Hunde haben sie sofort gestellt. Einer ist stillgestanden und nicht gebissen worden, der zweite hat nach Scylla getreten und der hat zugebissen. Wäre ich wach gewesen, wäre das nicht passiert. Es... es wird nicht mehr vorkommen."

"Da haben wir uns ja ein schönes Früchtchen eingehandelt", seufzte Raoul, als er Christine gegenüber in der Kutsche saß, "Ich weiß einfach nicht, was ich von diesem Bertrand halten soll."

An diesem Tag verlief die Reise sehr mühsam. Christine litt unter Übelkeit und sie mussten häufig anhalten, da sie frische Luft brauchte. Einmal, als sie wieder hielten, bemerkte Raoul, dass Pierre sich durch ein kleines Fernglas umsah. "Ist alles in Ordnung?" fragte er besorgt. "Jaja, ich wollte mich nur vergewissern, wer die kleine offene Kutsche dort hinten ist", beruhigte Pierre.

Als sie wieder einmal eine Pause machten, Christine saß bei geöffneten Fenstern in der Kutsche, Raoul und der Kutscher standen neben der Kutsche und diskutierten mit der Landkarte in der Hand, wo das nächstgelegene Gasthaus war, in dem sie übernachten konnten, scheute plötzlich eines der Kutschenpferde. Ein Ruck ging durch die Kutsche, als die beiden Pferde durchgingen. Der Kutscher hielt zwar die Zügel, wurde aber mitgerissen und ließ die Zügel los, damit er nicht unter die Räder der Kutsche gezogen wurde. Raoul rannte der Kutsche nach, aber zu Fuß hatte er keine Chance gegen die durchgehenden Pferde. Nur wenige Augenblicke später preschte Pierre auf seinem Hengst der Kutsche nach. Nun wurde deutlich, warum Pierre dieses Pferd ausgewählt hatte: es war wesentlich schneller als die Kutschenpferde und so holte er die Kutsche, die inzwischen gefährlich schwankte und umzukippen drohte, rasch ein. Pierre brachte sein Pferd direkt neben das Sattelpferd der Kutsche und packte dieses an der Mähne. Wie genau er es in vollem Galopp schaffte, auf das Sattelpferd zu wechseln, war für Raoul nicht erkennbar, auf einmal saß Pierre rittlings auf dem Sattelpferd und griff mit der linken Hand nach dessen Zügel, mit der rechten nach dem Zügel des Handpferdes. Sofort verlangsamte sich die Kutsche und blieb schließlich stehen. Das Sattelpferd war noch nicht ruhig und stieg hoch, Pierre drückte es wieder hinunter und beide Pferde tänzelten, ohne aber die Kutsche wieder in Bewegung zu setzen.

Völlig außer Atem erreichte Raoul die Kutsche, riss die Türe auf und fand Christine bewusstlos am Boden der Kutsche liegen. Er nahm sie auf den Arm und hob sie aus der Kutsche, um sie in einiger Entfernung von der Kutsche und den immer noch verängstigten Pferden ins Gras zu legen. Nun kam auch der Kutscher zu der Kutsche und versuchte, auf den Kutschbock zu gelangen. Ohne erkennbaren Grund gingen in dem Moment die Pferde wieder durch und die Kutsche raste davon. Raoul achtete nicht weiter darauf sondern kümmerte sich um Christine, die nun die Augen wieder aufschlug. "Was ist passiert?" fragte sie schwach. "Geht es dir gut?" fragte der Vicomte besorgt. Christine setzte sich vorsichtig auf und griff sich an den Kopf. "Ich muss mir den Kopf gestoßen haben", murmelte sie.

Dann sahen sie sich nach der Kutsche um. Die Kutsche hatte gewendet und Pierre führte sie in langsamen Schritt zurück zu dem Vicomte und seiner Frau. Dort übergab er die Zügel an den Kutscher, bevor er sich schwer atmend ins Gras setzte. Die Hunde liefen sofort zu ihrem Herren, um ihn freudig zu begrüßen und sich streicheln zu lassen. "Was ist passiert?" fragte Christine besorgt. Pierre antwortete keuchend: "Ich glaube... ein Insekt ist... dem Sattel...pferd... ins Ohr geflogen." Dann ließ Pierre sich rücklings zu Boden sinken und blieb liegen, bis er wieder ruhig atmen konnte. Inzwischen war es dem Kutscher gelungen, die Pferde wieder zu beruhigen und die Kutsche in die richtige Richtung zu wenden.

"Ist es sicher, wieder in die Kutsche zu steigen?" fragte Raoul besorgt und der Kutscher meinte, die Pferde hätten sich ausgetobt und mit weiteren Ausbrüchen sei nicht zu rechnen. Pierre sah sich nach dem Reitpferd um und fand den Hengst friedlich grasend ein gutes Stück entfernt. Als er sich dem Tier näherte, wich es ihm geschickt aus. Als Raoul ihm helfen wollte, das Pferd einzufangen, lief es erst recht weg. "So wird das nichts", ärgerte sich Pierre, dann ging er zu er Kutsche und nahm etwas von dem Hafer aus dem Beutel des Kutschers. Mit dem Hafer in der Hand näherte er sich vorsichtig dem Hengst, der diesmal sichtlich hin- und hergerissen war zwischen dem Hafer und dem Wunsch, wegzulaufen. Als das Pferd schließlich den Hafer annahm, konnte Pierre die Zügel erwischen und das Pferd zu der Kutsche führen.

Raoul hatte sich inzwischen überzeugt, dass seine Frau in der Lage war, in der Kutsche weiterzufahren, blieb ihnen doch auch gar nichts anderes übrig, da sie nicht auf der Straße übernachten konnten. "Wie geht es der Vicomtesse?" fragte Pierre besorgt. "Ich lebe", antwortete Christine selbst, "aber mir tut der Kopf schrecklich weh. Was ist eigentlich passiert, ich kann mich an nichts erinnern?" "Wie geht es dem Baby?" fragte Raoul besorgt. Christine strich sich über den Bauch und meinte, keine Bauchschmerzen zu haben, aber sicherheitshalber einen Arzt aufsuchen zu wollen. "Hier gibt es keinen Arzt und in dem nächsten Dorf sicher auch nicht", gab der Kutscher zu bedenken. "Wir haben keine Wahl, wir müssen es zumindest bis zum nächsten Gasthof schaffen", entschied Raoul.

Sie erreichten eine Postkutschenstation. Diesmal gab es mit dem Wirt keine Diskussion, da nur sehr wenige Gäste da waren, war er froh, gleich ein ganzes Stockwerk vermieten zu können. Christine legte sich sofort aufs Bett, um sich auszuruhen, Raoul entschied sich, nach Pierre zu sehen. Er fand ihn im Stall, wo Pierre die Pferde bürstete. Kaum betrat er den Stall, stellten sich die Hunde drohend vor ihm auf. "Ruhe" rief Pierre und sofort veränderte sich das Verhalten der Hunde, die nun freundlich wedelnd an Raouls Beinen schnupperten. Vorsichtig ging der Vicomte zu der Pferdebox, wo Pierre arbeitete. "Das hätte schlimm ausgehen können heute", begann er, "Und ich möchte Ihnen danken, dass Sie meine Frau gerettet haben." "Ich habe nur meine Pflicht getan", winkte Pierre etwas unwirsch ab und bückte sich, um an den Bauch des Pferdes zu gelangen. "Trotzdem danke", beharrte Raoul. "In dem Fall - gern geschehen."

Eine Weile schwiegen beide Männer, Pierre beschäftigt mit dem Pferd, Raoul sah ihm dabei zu. Irgendwann wurde Raoul die Stille peinlich und er sagte: "Das war zirkusreif, was Sie da gemacht haben, und sehr mutig." Pierre richtete sich auf und sah den Vicomte über den Rücken des Pferdes an, als er antwortete: "Es ist leicht, tapfer zu sein, wenn man nichts zu verlieren hat." Dann ging er aus der Box, die er sorgfältig verschloss. Pierre nahm sein Zigarettenetui aus der Hemdbrusttasche und nahm eine Zigarette heraus, dann hielt er das Etui dem Vicomte hin: "Auch eine?" fragte er. Raoul nahm an, obwohl er normalerweise nicht rauchte.

"Wie meinen Sie das?" fragte der Vicomte. Der alte Mann zuckte mit den Schultern und blies den Rauch aus seinen Lungen. "Wie ich es sagte. Ich habe keine Freunde, keine Familie, ich bin wie meine Hunde nichts als ein Straßenköter. Mein Leben ist bereits so verpfuscht, dass es mir nichts mehr bedeutet." Plötzlich hatte Raoul Mitleid mit dem Mann vor ihm, wusste aber nicht, was er sagen könnte und so beschränkte er sich darauf, mit ihm zu diskutieren, wie lang sie in dem Gasthof bleiben konnten, ohne ein unnötiges Risiko einzugehen. Ein paar Tage würde Christine unbedingt brauchen um sich zu erholen, aber zu lang dürften sie auch nicht warten, sonst wäre das Risiko von einem Verfolger aufgespürt zu werden, zu groß. Plötzlich fragte Pierre: "Verzeihen Sie die indiskrete Frage - ist Ihre Frau guter Hoffnung?" "Ja, woher wissen Sie das?" "Die Hunde - meine Hunde behandeln sie so enorm sanft, so waren sie noch nie zu einem Menschen. Also müssen wir uns bei der weiteren Reise darauf einstellen, Madame zu schonen. Ich werde mein Bestes geben."

Die weitere Reise verlief für Raoul und Christine quälend langsam. Jede Etappe wurde so vorbereitet, dass die beiden in einem Gasthof blieben, Pierre ritt voraus um im nächsten Gasthof alles vorzubereiten, ritt wieder zurück und am Tag darauf fuhr die Kutsche die Strecke. Pierre legte jeden Weg dreimal zurück, allerdings ritt er allein und ließ seine drei Hunde bei Christine. Raoul war das nicht recht, denn die drei Köter belagerten seine Frau und wollten ununterbrochen spielen oder gestreichelt werden und Christine, tierlieb wie sie war, verwöhnte die Hunde. Raoul hatte gegen Hunde nichts einzuwenden, aber ein großer Wachhund war ein Wachhund und kein Schoßhündchen zum verzärteln. Andererseits begrüßte er es wiederum, dass die Hunde da waren, denn diese drei würden Christine verteidigen, wenn sich ihr jemand anderer als Pierre oder Raoul näherten, sodass Raoul sich nicht ununterbrochen Sorgen machen musste.

Eines Abends, als Pierre sein Pferd striegelte, kam Christine in den Stall. Die Hunde folgten ihr, als ob es ihre wären. "Danke, dass Sie mich gerettet haben", begann Christine. Pierre verneigte sich elegant und antwortete: "Es war mir ein Vergnügen, Madame." Dann fuhr er fort, sich um sein verschwitztes Pferd zu kümmern. Christine setzte sich auf einen Heuballen und Cerberus legte ihr den Kopf in den Schoss. Christine kraulte den Hund an den Ohren.

"Darf ich Sie etwas fragen?" begann Christine. "Ja?" "Würden Sie mir etwas über sich erzählen?" Pierre richtete sich auf und seufzte: "Ich möchte Madame nicht langweilen." "Es würde mich nicht langweilen", beharrte Christine, die wirklich Interesse an dem Schicksal anderer Menschen hatte. "Madame, lassen wir das. Sie sind eine Vicomtesse und ich bin ein Straßenköter. Sie sollten sich nicht für mich interessieren."

Pierres Worte trafen Christine wie eine Ohrfeige. "So sehen Sie mich?" fragte sie entsetzt, "Ich war nicht immer Vicomtesse, ich war Sängerin und ich weiß auch, was es heißt, arm zu sein." Pierre steckte sich eine Zigarette an und inhalierte ein paar Züge tief, bevor er antwortete: "Also gut - ich war mal jung und dumm, jetzt bin ich alt und verbittert. Ende der Geschichte." Christine fragte nach: "Haben Sie denn wirklich niemand?" Pierre drückte seine Zigarette auf dem Erdboden des Stalls aus, dann steckte er den Stummel ein, damit das Pferd ihn nicht aus versehen fressen konnte. Nun ging er um das Pferd herum und drehte Christine den Rücken zu, als er begann, die Hufe zu säubern. "Alle Soldaten hatten mal ein Mädchen, irgendwann, irgendwo", antwortete er ausweichend. "Was ist passiert?" "Sie hat einen anderen geheiratet."

Christine spürte, wie sich in ihrem Bauch etwas zusammenkrampfte, als sie den alten, verbitterten Mann sah, der ganz offensichtlich noch immer seiner verlorenen Liebe nachtrauerte. Wenn dieser alte Mann so litt, wie musste dann erst Erik leiden, den sie vor nicht einmal einem Jahr verlassen hatte? Der jungen Frau stiegen die Tränen in die Augen und sie griff nach ihrem Taschentuch, um sich zu schneuzen. "Entschuldigung, ich hätte nicht rauchen sollen in Ihrer Gegenwart", sagte Pierre ohne in seiner Arbeit innezuhalten. "Das ist es nicht", beruhigte ihn Christine, "Es ist nur... ach, nicht so wichtig..."

"Sie wollen wissen, wie lang es dauert, darüber hinweg zu kommen, nicht wahr?" riet Pierre, "Natürlich müssen Sie das wissen, damit Sie wissen, wie lang es dauert, bis Ihr Verfolger Sie aufgibt. Am besten erkläre ich es so: Wenn ich jetzt meine Pistole ziehe und Ihr Bein zerschieße, sodass es amputiert werden muss, leiden Sie die ersten sechs Monate Höllenqualen. Danach wird es leichter, aber das Bein wird nie nachwachsen, Sie können nur lernen, damit zu leben." Christine brach in Tränen aus. Nicht aus Angst sondern aus Schuldgefühl Erik gegenüber. Sie machte sich bittere Vorwürfe, dass sie ihn so leiden ließ, sie hätte es nicht tun dürfen.

In dem Moment betrat Raoul den Stall. "Alles geklärt, die zusätzlichen Kissen für die Kutsche... O, Christine, was ist los?" Raouls gute Laune verwandelte sich sofort in Sorge, als er seine Frau weinen sah. Pierre beschäftigte sich demonstrativ mit den Pferdehufen und stellte sich taub. Der Vicomte nahm seine Frau und führte sie vorsichtig weg.

"Was ist los?" fragte er besorgt, als sie in ihrem Zimmer waren. "O Raoul, ich mache mir solche Vorwürfe... Was ich Erik angetan habe, ist einfach unverzeihlich..." "Was du ihm angetan hast?" schrie Raoul, "Du ihm? Was er dir angetan hat und antun wollte ist unverzeihlich!" Dann atmete er tief durch, um sich zu beruhigen. "Entschuldige, ich wollte dich nicht anschreien... meine Nerven sind angespannt, das ist alles. Wirklich, Christine, du musst aufhören, dir Vorwürfe zu machen, du hast nichts falsch gemacht. Du bist hier das Opfer und Erik ist der Täter, lass dir nie etwas anderes einreden!" Christine wischte die Tränen weg und nickte tapfer: "Du hast ja so recht. Vom Verstand her weiß ich das auch, aber vom Gefühl her ist es anders... Ich habe immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich an Erik denke. Und dir gegenüber habe ich auch ein schlechtes Gewissen, denn du bist so lieb und so gut zu mir und ich bin so eine schlechte Ehefrau für dich." Raoul nahm sie in die Arme und tröstete sie: "Du bist keine schlechte Ehefrau. Du bist alles, was ich will und ich will dich genau so, wie du bist."