1.

Arbeit

Randy Orton war genervt. Warum zum Teufel mussten manche Frauen so anhänglich sein? Konnten die ihn nicht einfach in Ruhe lassen? Vor allem diese eine? Normalerweise hätte er ja nichts gegen weibliche Gesellschaft gehabt, doch gerade diese eine Frau ging ihm tierisch auf die Nerven. Kurz verdrehte er die Augen und wandte sich ab, als hätte er die Diva, die ihn von ihrer Garderobentür aus begehrlich anstarrte, gar nicht wahrgenommen. Etwas anderes blieb ihm nicht übrig - immerhin wollte er ihr nicht signalisieren, dass er ihre Anwesenheit registriert hatte. Sonst hätte sie ihn sicher gar nicht mehr in Ruhe gelassen. So schlimm es auch war: Er bereute es, Candice verführt zu haben. Gut, sie war wirklich eine Herausforderung gewesen - sie war die einzige von allen WWE-Diven, die ihm nicht sofort nachgegeben hatte -, und das hatte ihn doch ziemlich gereizt. Gern hätte er die Arme vor der Brust verschränkt, um Candice noch einmal anzuzeigen, dass sie ihn überhaupt nicht interessierte, doch leider war ihm das nicht möglich.

Dieser verdammte Schlüsselbeinbruch! Er hasste jede Sekunde davon. Gerade hatte er den größten Push seiner Karriere erhalten - und das noch in seiner bevorzugten Rolle als Heel! -, und dann passierte ihm dieses Missgeschick, diese verunglückte Landung beim PPV, und alles war dahin. Der Mann, der seine Karriere nur ins Rollen gebracht hatte, weil er Stephanies Ehemann geworden war, hatte den Titel und bekam die Anerkennung, die eigentlich ihm - Randy! - gebührt hätte. Er bekam nichts davon zu spüren - er saß die meiste Zeit untätig zu Hause, wo ihm fast die Decke auf den Kopf fiel und konnte nicht viel anderes machen als den ganzen Tag vor dem Fernseher und der Playstation zu hocken. Sein alltägliches Training fiel momentan aus, und das machte ihn ziemlich unruhig, wenn er ehrlich war. Wenn er nicht vor dem Fernseher saß, konsultierte Randy einen Arzt nach dem Anderen in der Hoffnung, es möge ihm einer eine bessere Prognose als drei bis vier Monate Auszeit geben.

Das war extrem frustrierend. Deswegen war der Ex-Champion froh, dass Vince ihn für den Draft nach San Antonio beordert hatte. Wie hatte er es am Telefon so schön gesagt? Verletzte Wrestler sind vom Draft nicht ausgenommen. Es kann jeden treffen. Na ja, fast jeden. Es gab zwei Leute, die kreative Kontrolle hatten - Paul und der Undertaker, Mark William Calaway. Wenn vor allem Letzterer nicht wechseln wollte, musste er es nicht tun. Gott, wie sehr Randy den Mann verabscheute! Nicht wegen seiner Charaktereigenschaften - Mark war ja ein netter Kerl, der sich immer für die anderen einsetzte -, aber er hasste den Status, den der legendäre Undertaker im Unternehmen innehatte. Ja, der hätte ihm selbst auch gefallen. Aber da er leider nur ein Angestellter von vielen war, hatte er keine Chance, jemals wirklich den Status eines Triple H oder eines Undertakers zu erreichen.

Warum konnte Vince eigentlich nicht noch eine Tochter haben? Leider war er für Steph ein paar Jahre zu spät gekommen, die hatte sich schon mit Paul eingelassen, als er - Randy - in der WWE angefangen hatte. Verdammt! Aber gut, Randy hatte in Paul selbst einen ziemlich großen Fürsprecher, obwohl zwischen ihnen nie etwas gelaufen war. Randy war nicht schwul, nicht einmal bi, und anscheinend hatte Paul das respektiert. Vermutlich war er von der jüngeren Garde der Einzige, der nicht in den Genuss von Pauls ‚Willkommensbehandlung' gekommen war. Randy blickte sich unter seinen Kollegen um. Ja, von den Jüngeren hatte es garantiert alle erwischt, auch wenn darüber selbstverständlich nicht gesprochen wurde. Klar, wer hätte auch eingestehen wollen, Pauls Opfer geworden zu sein? Randy wusste es nur von einem einzigen von ihnen hundertprozentig.

Hinter sich hörte er den schon zwei Stunden dauernden Jubel von Barbara Blank und Oscar Gutierrez - besser bekannt als Kelly Kelly und Rey Mysterio -, der einfach nicht verstummen wollte. Gott, die Zwei gingen ihm auf die Nerven! Anscheinend war es an der Zeit, sich einen besseren Platz zu suchen. Oscar war der erste Pick gewesen und würde in Zukunft statt bei Smackdown bei RAW arbeiten, was Barbie - wie man sie tatsächlich nennen sollte - ziemlich freute. Eigentlich war sie bei der ECW angestellt, doch weil sie dort die einzige Diva war, wurde sie häufiger bei RAW eingesetzt. Sprich, jetzt würde sie Oscar öfter sehen können. Die Affäre, die sie vor einiger Zeit mit dem kleinen Mexikaner angefangen hatte - er war nur drei Zentimeter größer als seine Freundin -, fand Randy verdammt lächerlich. Ihm war absolut nicht klar, was Barbie, die zu allem Überfluss auch noch wirklich blond war, mit dem Gartenzwerg wollte. Anscheinend war der Typ ziemlich gut im Bett - anders konnte Randy sich diese Anziehung nicht erklären.

Dass Barbie jedenfalls eine echte Granate im Bett war, hatte er selbst ja schon erfahren dürfen, und anscheinend kam momentan Oscar in den Genuss dieser Künste. Randy konnte sich rühmen, jede WWE-Diva, die seit seiner Ankunft in der Firma tätig gewesen war, vernascht zu haben. Keine hatte ihm auf Dauer widerstehen können. Und bis auf Candice hatte er auch bei allen leichtes Spiel gehabt - er hatte bei manchen gar nicht gerechnet, dass sie ihm so schnell nachgeben würden, wie sie es im Endeffekt getan hatten. Immerhin waren einige doch mit anderen Männern liiert gewesen, und trotzdem hatte er es geschafft, jede einzelne von ihnen flachzulegen - Beziehung hin oder her. Er selbst hielt nichts von Beziehungen, die waren ihm viel zu viel Arbeit. Monogamie sah er als absolut überbewertet an.

Warum sollte man sein Leben an eine einzige Frau binden? Das war doch langweilig! Es gab doch noch so viele andere auszuprobieren! Der Legend Killer war immerhin noch ziemlich jung, sprich, bei Randall Keith Orton stand momentan absolut der Spaß im Vordergrund. Und den hatte er, wann immer eine neue Diva in der WWE auftauchte. Wenn Vince mal kein Frischfleisch verpflichtete - was ziemlich selten vorkam, denn auch der Chef sah sich wie alle Männer gern brustoperierte, künstliche, wunderschöne Frauen an -, hielt Randy sich eben an eines seiner unzähligen Groupies, die er in so ziemlich jeder großen Stadt hatte und jederzeit zu sich ins Hotel beordern konnte. Auf Sex verzichtete er sicher nicht, nur weil er verletzt war. Immerhin konnten die Frauen da auch mal die Arbeit machen - war für ihn sogar eine nette Abwechslung, nachdem normalerweise immer er den Hauptteil verrichtete.

Vorsichtig drängte Randy sich durch die Menschenmenge vor dem Bildschirm - natürlich nicht, weil er auf seine Kollegen achtete. Nein, er hatte keine Lust auf Schmerzen in seinem Arm und deshalb versuchte er, so wenig wie möglich gegen andere Wrestler zu stoßen, hatte auch keine Aufmerksamkeit für sie übrig, auch wenn er ein paar von ihnen gerne den Ellbogen in die Rippen gerammt hätte. Doch das konnte er natürlich nicht tun. Auf Gespräche mit diesen Dummköpfen, die nie so gut sein würden wie er, konnte er ebenfalls gern verzichten. Im Augenwinkel bekam er mit, wie John aus seiner Garderobe kam, und sofort wandte er sich ihm ganz zu. Irgendetwas kam ihm seltsam vor, hatte sein Interesse geweckt, auch wenn er den Typen schon lange nicht mehr wirklich leiden konnte.

Ja, John Felix Anthony Cena Jr. war auch jemand, der einen Status besaß, den Randy nicht hatte, und das nahm ihm dieser immer noch übel. Hey, Randy war talentierter als er, jünger als er und sah außerdem seiner Meinung nach um eine ganze Ecke besser aus als sein ehemaliger Zimmerkollege aus der Farmliga. Außerdem hatte er nicht diese Voraussetzung, die der WWE sicher einige Schwierigkeiten bereiten würde, sollte sie jemals öffentlich werden. All diese Eckpunkte trafen auf ihn - Randy - nicht zu. Trotzdem war John bereits dreifacher WWE-Champion und hatte zwei Regentschaften, die beide verdammt lange gedauert hatten - eine davon ein Jahr, die zweite nicht viel weniger -, zu Buche stehen, während er - Randy - seinen ersten der wichtigen Titel nach drei Wochen, seinen zweiten nach fünf Monaten wieder hatte abgeben dürfen.

Das Aussehen spielte auch jetzt eine Rolle, und Randy konnte nicht umhin, den Ex-WWE-Champion genauer in Augenschein zu nehmen. John sah irgendwie … angegriffen aus. Er war ziemlich bleich, hatte einen seltsam erschreckten Ausdruck in den Augen, auch wenn er versuchte, sich seine Schirmmütze tief ins Gesicht zu ziehen, damit ihm niemand einen genaueren Blick schenkte, um unsichtbar zu sein. Doch Randy kannte den Mann - er wusste Bescheid. Sein Verhalten entsprach absolut nicht dem, das er sonst an den Tag legte. Sonst war John freundlich, fröhlich, trotz seiner gewissen Vorliebe ungemein beliebt bei fast allen Wrestlern, suchte immer Anschluss. Heute war das anders. Heute versuchte er, allein zu sein. Irgendwie konnte Randy sich vorstellen, was geschehen war. Ja, ihm kam ein Verdacht. Endgültig Bescheid wusste er, als nur ein paar Minuten nach John Paul in Ringklamotten und mit dem Titelgürtel aus der Garderobe kam.

War es etwa wieder passiert? Randy beschloss, sich Gesellschaft zu suchen. Das interessierte ihn doch. Nicht, dass er Pauls Praktiken gutgeheißen hätte - er selbst hatte es lieber, wenn seine Gespielinnen von vornherein willig waren und er sie nicht erst dazu zwingen musste -, doch er wollte erfahren, was da los war. Außerdem gab ihm das die Chance, Candice' begehrlichen Blicken nicht mehr ausgesetzt zu sein. Die gingen ihm langsam schon auf die Nerven. Nur weil er einmal mit ihr geschlafen hatte, musste sie gleich Gefühle entwickeln? Das passte ihm überhaupt nicht. Aber gut, er war nun einmal der Ladykiller der WWE, da war es verständlich, dass gebrochene Herzen seinen Weg pflasterten. Doch von den Diven war sie die Einzige, die sich so angestellt hatte. Alle anderen hatten schnell akzeptiert, dass sie für ihn niemals mehr als eine Bettgespielin sein würden.

Paul war in seinem Ringoutfit, und vor allem diese Tatsache bestärkte Randy in seiner Vermutung. Anscheinend hatte er sich tatsächlich wieder an John herangemacht. Andernfalls wäre er aus seiner privaten Garderobe gekommen und nicht aus der allgemeinen, die sich John mit einigen anderen Leuten teilte. Randy stieß einen abfälligen Laut aus. Es schien, als würde Paul den Mann aus Massachusetts als eine solche Bedrohung empfinden, dass er ihn einschüchtern musste. Glaubte er, John würde seinen Wechsel zu Smackdown gefährden, oder was? Das konnte Randy sich nicht vorstellen. Eigentlich war klar, dass Paul wechseln würde. Immerhin war ja auch seine Freundin bei der zweiten Show, nachdem man sie schon vor ein paar Jahren dorthin verfrachtet und nicht mehr zurückgeholt hatte. Eigentlich war aber auch das egal, denn Christy wurde vom WWE-Champion immer wieder eingeflogen, wenn er Sehnsucht nach ihr hatte. Egal, welche Show gerade dran war - Christina Lee Hemme lief da immer irgendwo herum, weil Paul hinter den Kulissen schon seit längerem Führungstraining erhielt und dafür bei allen Kadern anwesend sein musste.

Paul grinste ihm verschwörerisch zu, nickte leicht und bewies Randy somit die Richtigkeit seiner Theorie, ohne dass dieser ihn dezidiert danach fragen musste. Der WWE-Champion hatte sich John genähert, und sofort schaute Randy unbewusst auf diesen. Ja, er war gleich beisammen wie damals, nur zitterte er nicht ganz so stark - es war auch nur an seinen Händen zu erkennen, wenn man sie genau anschaute -, was aber auch an einem eingenommenen Beruhigungsmittel liegen konnte. Hätte Randy nicht gewundert. Diese Mittelchen - in Spritzen- oder Tablettenform - waren in der ganzen WWE im Umlauf, da war John keine Ausnahme, auch wenn er in Interviews immer das Gegenteil verkünden durfte und von den Dopingtests ausgenommen war, wie gewisse andere Main Eventer auch ... Randy schüttelte innerlich den Kopf, als er daran dachte. Was für ein Witz! Gerade John musste die Dinge einnehmen - bei seinem Arbeitspensum kein Wunder, das hätte er anders wahrscheinlich gar nicht geschafft. Nein, ein Job in der WWE war absolut nicht leicht. Und John war als wichtigster Angestellter neben dem Undertaker und Paul der Hauptrepräsentant der Firma.

Der Publikumsliebling von RAW stellte sich in eine Ecke, versuchte, sich nicht bemerkbar zu machen, um sicherzustellen, dass ihn niemand ansprach. Das, was er gerade erlebt hatte, hatte ihn erschüttert. Genau wie damals. Er konnte wirklich nicht fassen, dass Paul es nach all den Jahren gewagt hatte, ihn wieder zu behelligen. John zwang ein Lächeln auf die Lippen, als ihn ein paar seiner Kollegen ansprachen, doch er verzichtete darauf, sich zu ihnen zu stellen, um den Rest der Show mit ihnen zu verfolgen. Ja, er wollte Gesellschaft, doch unterhalten wollte er sich nicht. Er wollte nur nicht allein sein - er wollte nicht riskieren, dass Paul ihn doch noch erwischte. Unbewusst stieß er ein Seufzen aus, konzentrierte sich auf den Bildschirm, versuchte, den Leuten rund um sich zu vermitteln, dass er viel zu aufgeregt wegen dem Draft war, um mit einem von ihnen ein Gespräch anzufangen.

Länger konnte Randy sich aber nicht mit seinem ehemaligen Farmliga-Kollegen beschäftigen - wozu auch, er hatte den Beweis für seine Theorie gerade eindeutig erhalten! -, denn im nächsten Moment stellte sich Adam neben ihn und schaute immer wieder über die Schulter. Randy stieß ein unhörbares Seufzen aus. War heute Idioten-Tag, oder was? Warum musste Blondie ihn jetzt belästigen? Barbie und Oscar hatten ihm eigentlich gereicht. Und was machte der Schwergewichtschampion überhaupt hier? Hatte der nicht noch ein Match, auf das er sich vorbereiten sollte? Eine Battle Royale war nicht einfach, weil man auf viele Dinge achten musste - immerhin konnte man es sich nicht erlauben, unachtsam zu sein und vielleicht selbst aufgrund eigener Dummheit aus dem Ring zu fallen und damit das gesamte Booking über den Haufen zu werfen. Aber anscheinend hatte sich Adam bereits darauf eingestellt. Er stand im Ringoutfit da, trug wieder seinen Mantel, mit dem er jedes Mal in den Ring kam, hatte den Titelgürtel um die Hüften geschnallt. „Hey", sagte Adam, Randy nickte ihm knapp zu. Wieder schaute sich Adam genau im Gang um, und Randy verdrehte die Augen. Anscheinend hatte Blondie wieder einmal Angst vor einem bestimmten Mann.

„Frag mich gar nicht erst", stieß Randy ungehalten aus und hob verneinend die Hand, die nicht als Vorsichtsmaßnahme fixiert worden war, als Adam ansetzen wollte, um eine bestimmte Frage zu stellen, die er an diesem Tag wahrscheinlich schon jedem einzelnen Kollegen gestellt hatte. „Das war deine eigene Dummheit, Blondie." Sofort schoss Adams böser Blick auf seinen Ex-Tag Team-Partner, und dieser hätte gern mit den Schultern gezuckt, doch natürlich wurde das durch die Schlinge, mit der man seinen Arm weitgehend bewegungsunfähig gemacht hatte, verhindert. Adam verzichtete auf eine Anmerkung wegen des Spitznamens, auch wenn er ihn hasste wie die Pest. Leider war dieser schon fest eingebürgert, nachdem Randy angefangen hatte, ihn Blondie zu nennen und das alle anderen ziemlich schnell übernommen hatten. Warum glaubten eigentlich alle, er wäre dumm? „Es hat dir keiner aufgetragen, mit Michelle ins Bett zu steigen, obwohl du genau wusstest, mit wem sie damals schon zusammen war."

Adams Miene wurde düster, er zog einen Flunsch, weil Randy schon wieder über die Angelegenheit sprach, über die er selbst eigentlich nichts mehr hören wollte. Jeder machte Fehler - und das war eben einer von seinen gewesen. Mann, er hatte eigentlich nur eine simple Antwort haben wollen! Warum hielt ihm Randy hier schon wieder eine Standpauke? Es war ja nicht so, dass der Mann die Tugend in Person war. Das war das Letzte, mit dem man Randy in Verbindung brachte, ehrlich gesagt. Der Mann hatte auch schon mit genügend vergebenen Frauen geschlafen, nur hatte er es immer geschafft, diese Abenteuer vor dem betreffenden Mann zu verheimlichen. Ihm - Adam - war das leider nicht gelungen. Doch er verkniff sich eine Anmerkung in dieser Richtung, auch wenn sie ihm ziemlich drängend auf der Zunge lag. Er registrierte, dass das Interesse rund um ihn und den Jungstar herum sich von der Lottery auf ihre Unterhaltung verlagert hatte. Klar, das Ganze war sehr amüsant. Adam hatte ja schon mit einigen WWE-Diven Affären gehabt, und dummerweise hatte er sich immer die ausgesucht, die zu dem Zeitpunkt, an dem er sie verführt hatte, bereits mit einem anderen Mann zusammen gewesen waren.

Die Tatsache, dass er selbst, als dieses Verhalten begonnen hatte, eigentlich verheiratet gewesen war, ließ er ohnehin außen vor. Er hatte seine erste Frau mit seiner Geliebten betrogen, diese hatte er nur ein paar Wochen nach der Scheidung geheiratet. Nur ein paar Monate später hatte er dann eine Affäre mit der damaligen WWE-Diva Amy Dumas alias Lita angefangen, während diese mit Matt Hardy zusammen gewesen war. Als Matt ein paar eindeutige Sprachnachrichten auf Amys Handy gefunden hatte - Adam hatte ihr unbedingt per Telefon seine Liebe gestehen müssen -, hatte er das Ganze öffentlich gemacht. Er hatte sich ziemlich aufgeführt und war deswegen von der WWE gefeuert worden, weil es das Image des Unternehmens schädigte, wenn der Verlassene auf seiner Homepage mit seinem Auto über Amys Sachen, die noch bei ihm gewesen waren, fuhr oder Hasstiraden losließ und diese Videos tatsächlich noch online stellte, um seinen Zorn der ganzen Welt mitzuteilen.

Der WWE war nichts anderes übrig geblieben, als die Beziehung, die Amy und Adam anschließend gehabt hatten, in die Shows zu übernehmen und Lita zu Edges Managerin zu machen. Sie hatten eine lange Storyline gehabt, in welcher Adam unter anderem den WWE- sowie den Tag Team-Champion-Titel gemeinsam mit Randy Orton errungen hatte. Im November 2006 hatte sich Amy entschieden, das Wrestling zugunsten ihrer Punkband The Luchagors aufzugeben, und deshalb hatte sie ihren Vertrag nicht verlängert und auch unter die Beziehung mit Adam einen Schlussstrich gezogen. Dieser hatte sich mit diversen Frauen getröstet, auch wenn nie etwas Ernstes darunter gewesen war. Und eigentlich hatte es auch nie Probleme gegeben. Bis er sich in den Kopf gesetzt hatte, sich an eine bestimmte WWE-Diva heranzumachen. Zu allem Überfluss hatte er damit sogar noch Erfolg gehabt.

Wieder blickte der Kanadier sich im Gang um. Verdammt, warum mussten hier so viele blonde Frauen herumlaufen? Die waren alle so austauschbar. Wenn man sie schnell anschaute, konnte jede von ihnen Michelle sein. Doch auf den zweiten Blick war es keine von ihnen. Gott sei Dank. Gut, eigentlich war ihm Michelle selbst ja egal, es ging ihm nur darum, rechtzeitig zu verschwinden, falls ihr Freund, der Undertaker, auftauchen sollte, was nicht wirklich abwegig war. Es rechnete niemand damit, dass er wechseln würde - vor allem, weil die wichtigsten Drafts bis auf einen bereits erledigt waren -, aber bei VinnieMac und seiner Angewohnheit, in letzter Minute Matchcards und damit auch Storylines zu ändern, hätte es Adam auch nicht gewundert, wenn statt ihm plötzlich ein RAW-Superstar die Battle Royale gewinnen sollte und der GM sich den Undertaker als allerletzten Pick aussuchte. Gut, das würde heißen, dass er ihm bei Smackdown nicht mehr über den Weg laufen würde.

Er atmete auf, als sich die ersten Teilnehmer auf den Weg zum Ring machten und einer nach dem Anderen von seinem Theme begleitet auf die Bühne stürmte. Noch einmal warf er einen Blick durch den Gang. Immer noch kein Mark, Gott sei Dank. Dafür ein John, der alles andere als gut aussah. In Adam stieg Bedauern hoch. Ja, der Mann hatte ihm immer schon Leid getan - wegen seinem fast unmenschlichen Arbeitspensum, doch vor allem wegen dem, was in seinem Privatleben abgegangen war. Natürlich wusste Adam, was vor sechs Jahren geschehen war - so wie sie es alle insgeheim wussten. Es war ja nicht so, als hätte Paul mit seinen ‚Eroberungen' jemals hinter dem Berg gehalten. Ihm war egal, ob er das Leben seiner Opfer zerstörte oder nicht, und vor allem scherte er sich nicht wirklich darum, wer von seinen Taten wusste.

Natürlich ließ er es so aussehen, als wäre alles freiwillig geschehen, doch alle wussten, dass das in den meisten Fällen nicht zutraf. Jeder junge Wrestler, den er in die Finger bekam, war eine Bedrohung weniger, was seinen Main Event-Spot anging. Viele hatte Paul zerstört, doch John war immer noch da. Anscheinend hatte er es bei ihm nicht geschafft. John tat Adam wirklich verdammt Leid. Er hätte sich gewünscht, ihm irgendwie helfen zu können, doch er hatte sich nie getraut, ihm seine Hilfe anzubieten. Ja, sie waren während der letzten Jahre ziemlich gute Freunde geworden, aber so weit, dass Adam John bat, sich ihm anzuvertrauen, ging es dann doch nicht. Vor allem seit März. Zuvor wäre es vielleicht möglich gewesen, doch seit dieser einen Nacht hatten sie sich voneinander entfernt.

Im Nachhinein hatte Adam sich oft dafür verurteilt, diesen Abend unter dem Motto Die Nacht der Loser-Gemeinschaft ausgerufen und die Wrestlemania-Verlierer unter seinen Kollegen, zu denen neben ihm selbst eben auch John gehört hatte, in diesen Club in Miami geschleppt zu haben. Gut, der Abend selbst war verdammt lustig gewesen, doch mit dem, was später in betrunkenem Zustand zwischen ihm und John vorgefallen war, hatte niemand rechnen können. Es hatte sich einfach so ergeben - und niemand von ihnen hatte groß einen Gedanken daran verschwendet, es zu verhindern. Die Lust war eindeutig größer gewesen als der Verstand. Sie waren davon überzeugt gewesen, dass ihre Freundschaft es überstehen würde. Wie man heute sah, war das nicht eingetroffen. Sie fühlten sich immer noch unwohl, wenn sie einander gegenüber standen, obwohl sie beide sich nicht an viel von dem, was in der Nacht geschehen war, erinnern konnten. Doch das Aufwachen am Morgen war ziemlich eindeutig gewesen und hatte nur den einen Schluss, zu dem beide gekommen waren, zugelassen.

Genau deshalb hoffte Adam auch, dass es nicht John sein würde, der die Show wechseln würde. Gut, auf Paul konnte er eigentlich auch verdammt gut verzichten, aber es war immer noch besser, ihn zu haben anstatt den Mann, durch dessen Anwesenheit man immer wieder auf einen Fehler hingewiesen wurde, weil er selbst dieser Fehler gewesen war. Es war nicht Adams erstes Mal mit einem Mann gewesen - genauso wenig wie für John übrigens -, doch es war das erste Mal gewesen, dass er es im Nachhinein bereut hatte. Schon als sie sich in der Früh in die Augen gesehen hatten, war deutlich geworden, dass etwas anders geworden war, auch wenn sie sich unbeholfen versichert hatten, dass es nicht so war. Ihr Kontakt hatte sich seitdem deutlich reduziert, was sie aber natürlich auf ihre unterschiedlichen Kaderangehörigkeiten geschoben hatten, auch wenn sie wussten, dass das vor dieser einen Nacht nie eine Rolle gespielt hatte.

In diesem Moment ertönte das altbekannte You think you know me …, und Adam riss sich aus seinen Gedanken, wandte den Blick von John ab, der nicht einmal wahrgenommen hatte, dass Adam ihn angesehen hatte. Jetzt war erst einmal Arbeit angesagt, und sofort spürte der Kanadier, wie jegliche Aufregung verschwand. Kurz ging er noch einmal den Plan für die anstehende Battle Royale in seinem Kopf durch, dann holte er tief Luft und stürmte als Letzter der Teilnehmer auf die Bühne, um mit dem Main Event die wrestlingtechnische Show zu beschließen, bevor dann Paul als letzter Smackdown-Pick verkündet werden würde. Auch für Adam war es ziemlich klar, dass Triple H wechseln würde, auch wenn er sich fragte, wie man das dann mit den Titeln machen würde. Aber gut, das hatten sie vor drei Jahren auch geschafft.