Kapitel 1 - Hochzeitspläne

Einige Monate vergingen, ohne dass irgendetwas Nennenswertes geschehen war. Helen und Lucas genossen ihre gemeinsame Zeit und ließen sich durch nichts und niemanden ihr Glück verderben. Den Tag verbrachten sie auf der Erde, ihre freien Nachmittage in Jederland und die Nächte in der Unterwelt. Es war wirklich perfekt. Gerade jetzt war wieder einer dieser Nachmittage, in denen die beiden wieder auf der Wiese im Stadtpark von Jedestadt lagen und einfach nur die Wolken beobachteten, die an ihnen vorbeizogen.

„Guck, die sieht aus, wie eine Rose. Wie wunderschön." Helen zeigte auf die eine Wolke, die gerade direkt vor der Sonne lag. „Nicht so schön wie du.", stritt Lucas sofort ab. Er lag im weichen Gras und Helen hatte ihren Kopf auf seine Brust gelegt. „Du musst mir keine Komplimente mehr machen. Ich habe bereits ‚Ja' gesagt.", konterte sie. „Also darf ich meiner Verlobten keine Komplimente mehr machen? Ok, ich werde es mir merken. Keine Komplimente mehr.", lachte er. Helen musste auch lachen, denn sie wurde von seiner bebenden Brust immer auf und ab geschaukelt. „Weißt du, eigentlich mag ich es aber." „Nein, jetzt ist es zu spät.", sagte Lucas toternst, bekam aber gleich danach wieder einen Lachanfall. „Sehr überzeugend, mein Verlobter", lachte Helen.

„Hoffentlich bin ich das nicht mehr lange.", seufzte der Junge irgendwann. „Hast du schon einen Termin für die Hochzeit? Der Winter ist fast vorbei. Wir haben schon wieder Januar." Helen setzte sich auf. „Ich würde gerne heiraten, wenn es schon wieder wärmer ist. So warm, dass ich im Brautkleid draußen nicht friere. Juni oder Juli.", schlug sie vor. „Das gefällt mir. Und wenn du doch frieren solltest, halte ich dich warm." Damit zog er sie wieder zu sich runter. „Lucas, wir müssen das wirklich besprechen.", beharrte sie, aber da küsste er sie auch schon und ihr war alles anderes egal.

„OK, jetzt können wir das besprechen.", verkündete Lucas, nachdem er sich von ihr gelöst und aufgesetzt hatte. „ Juni oder Juli? Hört sich gut an. Ich würde den Juli bevorzugen. Eine schöne Sommerhochzeit." Helen gefiel die Idee sofort. „Ja, so machen wir es.", stimmte sie zu. „Juli. Das sind nur noch 6 Monate. In 6 Monaten bist du mein Ehemann.", schwärmte sie. „Und du meine Ehefrau. Meine wundervolle Ehefrau." „Aber es nützt nunmal alles nichts. Wir müssen langsam anfangen, zu planen. Wir sollten mit einem festen Datum anfangen, und einer Gästeliste." Helen konnte manchmal so vernünftig sein und dann wieder gar nicht. Genau das liebte er so an ihr.

Lucas wollte zwar nicht, aber dennoch stand er auf, half Helen auf die Beine. „Gehen wir nach Hause, wenn du mit der Planung beginnen willst?", schlug er vor. Helen nickte und im Nu saßen sie beide im Wohnzimmer der Delos-Familie. „Also, der 4. Juli fällt raus. Wie wäre es die Woche drauf. Samstag, der 14. Juli?", fragte Helen, nachdem sie auf einem Kalender alle möglichen Termine angestrichen hatte. „Wenn dieser Tag dir gefällt, gefällt er mir auch. Eine andere Frage: Wo wird die Zeremonie stattfinden?" Helen senkte verlegen den Kopf. „Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Es gibt hier so viele tolle Locations und es muss perfekt werden." „Das wird es für mich schon, wenn du da bist und ein weißes Kleid trägst.", sagte Lucas mit einem verliebten Lächeln auf den Lippen. „Lucas, bitte, ein bisschen Ernst.", lachte Helen und konnte selbst nicht Ernst bleiben. Ihr Lachen blieb nicht unbemerkt. Orion und Cassandra kamen ins Wohnzimmer und ihre Blicke fielen auf den Kalender und Lucas' Laptop und einige Notizen, die dort ausgebreitet waren.

„Hey, ihr Zwei. Wie laufen die Planungen?", fragte Orion. „Nicht gut. Wir haben uns zwar auf einen Termin geeinigt, aber wir wissen noch nicht, wo wir es machen wollen.", erklärte Helen. „Und Lucas ist dabei keine große Hilfe." Lucas tat beleidigt. „Danke. Ich bin also keine Hilfe." „Gerade nicht.", bestätigte das Mädchen. „Warum veranstaltet ihr die Hochzeit nicht einfach am Strand?", fragte Cassandra, nachdem sie durch sämtliche Notizen gesehen hatte. „Warum ist uns das nicht eingefallen? Der Strand. Der Great-Point-Strand. Der Ort, an dem wir einander das Leben gerettet und die Furien besiegt haben. Das ist perfekt. Was hälst du davon, Lucas?" „Das ist eine gute Idee.", sagte Lucas. „Du freust dich ja gar nicht richtig.", meinte das Mädchen enttäuscht. „Doch, doch, natürlich, Helen. Ich weiß, dass dir diese Hochzeit sehr viel bedeutet und du willst, dass alles perfekt wird, aber für mich wird es schon perfekt sein, wenn du die Braut bist. Wenn es dich glücklich macht, dann feiern wir am Strand." Helen konnte nicht anders, sie war sofort gerührt von seinen Worten. „Du bist so süß, weiß du das eigentlich?" „Ja, aber du darfst es mir ruhig öfter sagen.", lachte er und gab ihr einen schnellen Kuss. „Dann hätten wir das Wo und Wann geklärt. Das ist doch schon mal das Wichtigste. Torte? Wer macht die Hochzeitstorte?", fragte Helen.

„Wenn wir das nicht meine Mutter machen lassen, wird sie uns das niemals vergessen lassen.", lachte Lucas. „Da hast du wohl Recht. Kate wird sich da genauso anstellen." „Dann sollen sie es halt zusammen machen." „Gut, das hätten wir dann auch. Wie spät ist es?" Helen sah auf die Uhr in ihrem Handy. „Gott, schon so spät? Ich muss Kate im Laden helfen." Sie sprang hektisch von ihrem Stuhl, zog ihre Jacke an. „Ich komme zu spät." Nachdem sie schnell alle ihre Sachen zusammengesucht hatte, gab sie Lucas einen Abschiedskuss. „Wir sehen uns nachher." Dann öffnete sie das Wohnzimmerfenster und sprang raus in die Dunkelheit.

Sie flog so schnell sie konnte zum Newsstore, wo Kate schon auf sie wartete. „Lennie, da bist du ja. Ich habe mir schon Sorgen gemacht.", begrüßte sie das Mädchen. „Tut mir Leid, Kate. Lucas und ich haben die Zeit vergessen.", entschuldigte Helen sich und ging dann ins Lager. Da war der Grund, weswegen Kate Helen überhaupt gebeten hatte, ihr zu helfen. Da standen zwei riesige Säcke Mehl inmitten anderer Kisten mit Lebensmitteln, die wohl alle heute neu geliefert wurden und die Kate nicht alleine wegräumen konnte. „Danke für deine Hilfe. Ich hätte Jerry um Hilfe gebeten, aber ich musste diesen einen Kuchen sowieso noch fertig machen, weil er über Nacht in den Kühlschrank muss und Jerry ist diese Woche der Küchensklave.", erklärte Kate, während Helen die Kartons in das Regal hob. „Das ist überhaupt kein Problem. … Fertig." Da Kate noch nach ihren Kuchen sehen und dann abschließen wollte, machte Helen sich vor ihr auf den Weg nach Hause. Immerhin wartete dort schon das Abendessen auf sie.

Helen verließ das Geschäft allein. Für Hypnos hätte es gar nicht besser laufen können. Es war schon spät, Helen war müde von einem langen Tag und bemerkte gar nicht, wie er hinter ihr her schlich. Hypnos konnte sie zwar nicht töten – dafür war er nicht stark genug und wenn sie sich wehrte, hätte er schon verloren. Außerdem war es Poseidon Recht, Helen, den stärksten Scion der Erde zu besiegen – aber er konnte sie hypnotisieren. Wenn er sie in dem Glauben lassen könnte, sie wäre kein starker Scion, sondern einfach nur ein einfaches Menschenmädchen ohne besondere Begabungen hatte sein Meister eine Chance und konnte sie endlich in den Tartaros verbannen. Dorthin, wo sie hingehörte. Er wusste zwar, dass dieser Zauber nur so lange halten würde, bis die Delos-Familie sie wieder darüber aufklärte, aber bis dahin würde es schon zu spät sein.

Helen war müde. Nicht so müde, wie sie es normalerweise um diese Uhrzeit war, sondern viel eher, als könnte sie jetzt mitten auf der Straße einschlafen. Was ist nur los mit mir?, fragte sie sich, als sie anhielt, um sich zu orientieren. Ihre Müdigkeit hatte zu Folge, dass sie ihre Umgebung nicht mehr so scharf sah, wie sie es eigentlich tat. Sie lebte jetzt schon ihr ganzes Leben auf dieser Insel und hatte zum ersten Mal das Gefühl, nicht zu wissen, wo sie war. Als sie sich umsah, erkannte sie den kleinen Spielplatz, auf dem sie als kleines Mädchen immer gespielt hatte. Sie war also fast Zuhause. Sie wollte gerade loslaufen, aber irgendwie wollte ihre Körper ihr nicht mehr gehorchen. Helen musste gähnen und ihr fielen die Augen schon zu. Nein, ich kann doch nicht hier einschlafen. Sie zwang sich, einen Schritt zu gehen und noch einen. Beim dritten allerdings gaben ihre Beine nach und sie lag der Länge nach auf dem Gehweg. Ach, Kate wird mich schon finden, waren ihre letzten Gedanken bevor sie in einen tiefen Schlaf fiel.

Hypnos verließ sein Versteck und trat vor das schlafende Mädchen. Das war einfach, dachte er sich, als er sie auf den Rücken drehte und dann in ihre Erinnerungen eintauchte. Er wollte sie ihr nicht nehmen, wie er es bei Lucas getan hatte. Sein Plan war nur, sie zu manipulieren. In ihrem Kopf merkte er dann allerdings, dass dort nicht nur Erinnerungen an ein Leben Zuhause waren, sondern von über 100. Er hatte die Vermutung, dass es alle Erinnerungen von allen Frauen mit ‚dem Gesicht' waren. Das verkomplizierte seinen Plan ganz erheblich, da er erst einmal Helens Erinnerungen – die, die er manipulieren wollte – suchen musste und er hatte absolut keine Ahnung, was mit ihrem Gedächtnis passieren würde, wenn er sich durch ihre gesammelten Erinnerungen kramte, wie bei einem Wühltisch in einem Discounter.

„HEY!", hörte er eine fremde männliche Stimme und nahm auch sofort wahr, dass dieser Typ mit einer Geschwindigkeit auf ihn rannte, die kein normaler Mensch erreichen konnte. Ein Scion. Wahrscheinlich einer von Helens Freunden. Sofort ließ er das Mädchen los und rannte, so schnell er konnte, davon.

Hector und Andy waren gerade von einem nächtlichen Badeausflug im Meer auf dem Weg nach Hause gewesen. Zur Abwechslung waren sie am anderen Ende der Insel schwimmen gegangen. Da erkannte Hector wie ein Mann sich an einem bewusstlosen Mädchen zu schaffen machte. Er konnte weder Mann und Mädchen in der Dunkelheit identifizieren, aber dennoch musste er etwas unternehmen. Er konnte nicht zulassen, dass dieses wehrlose Mädchen vergewaltigt wurde. „Hey!", rief er und hoffte schon dadurch den Vergewaltiger zu verunsichern und in die Flucht zu schlagen. Es funktionierte. Hector rannte auf das Mädchen zu und erkannte, dass es Helen war, die dort auf dem Bordstein lag und sich nicht rührte.

Das Schlimmste vermutend, beugte Hector sich zu ihr runter und fühlte ihren Puls. Ihr Herz schlug gleichmäßig. Natürlich, dachte er sich, Helen ist ja unsterblich. Er fragte sie, was passiert war und wer in der Lage war, ihr so zuzusetzen. „Hec, wer ist …?" Andy stoppte neben ihm. Sie war kein Scion und konnte nicht so schnell rennen, wie er. Deswegen war sie erst jetzt angekommen. „Helen.", stellte sie fest. „Sie ist nur bewusstlos. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass sie nur schläft. Mach dir also keine Sorgen um sie. Wir bringen sie am besten zu uns nach Hause." Er nahm Helen auf den Arm. „Andy, kannst du zu Helens Eltern gehen und ihnen sagen, dass Helen heute bei uns übernachtet?" Die Frage hatte sie allerdings erübrigt, als Kate um die Ecke bog. „Lennie! Gott, was ist passiert?", rief sie panisch, als sie das Mädchen in Hectors Armen liegen sah. „Da war so ein Mann bei ihr. Hector hat ihn verscheucht. Er sagt, sie würde nur schlafen.", erklärte Andy. „Wir werden sie trotzdem zu uns bringen. Vielleicht finden Jason und Ariadne ja etwas, was ich nicht gesehen habe."

„Das ist wohl das Beste.", bestätigte Kate. „Ich werde Jerry Bescheid sagen und wir kommen dann beide zu euch. Andy, du kannst mit uns fahren. Hector kann sie schneller dorthin bringen, wenn er nicht auf dich warten muss." Andy nickte. „Bis gleich, Hec. Und beeil dich." Damit machte Hector sich auf den Weg und war binnen weniger Minuten bei sich zu Hause angekommen.