2. Dezember
Liebe ist ...
von Nici Cavanaugh
Disclaimer: Nichts gehört mir, sondern JKR. Ich verdiene kein Geld damit und will es auch gar nicht. Ich gebe alles nach Gebrauch, gewaschen und gebügelt zurück. Versprochen. Nur die Idee ist meine.
Warnung: Enthält Spoiler zu Buch 7 – nicht lesen, wenn ihr das Buch noch nicht gelesen habt oder nicht gespoilert werden möchtet!!
Bemerkung: Die Geschichte ist nicht beta gelesen. Sollten Fehler zu finden sein, bitte ich Euch großzügig darüber hinweg zu sehen.
Ich möchte die Geschichte gerne Isa widmen! Du weißt schon, warum ...
Weihnachtsduft.
Weihnachtstradition.
Weihnachtsgebäck.
Weihnachtsschmuck
Weihnachts ...
Angewidert wandte die dunkle Gestalt sich von dem kleinen, hell erleuchteten Haus ab und ging den Weg in Richtung Waldrand zurück, der er erst Minuten zuvor gekommen war, und achtete dabei sorgsam darauf, die Spuren, die er in dem tiefen Schnee hinterließ, mit ein paar Schlenkern aus den Handgelenk heraus zum Verschwinden zu bringen.
Eigentlich wäre es nicht nötig, die Spuren zu verwischen – der Schnee, den die dicken, dunklen und tief hängenden Wolken über ihm ankündigten, würden die Arbeit schon für ihn erledigen, doch dieses Unsichtbar sein, die Vorsicht und Sorgfalt, mit der er jede Spur, die zu ihm führen könnte, vernichtete, waren ihm so sehr ins Blut übergegangen, dass er mehr automatisch, als wirklich bewusst Dinge tat, um seine Existenz vor der Welt geheim zu halten.
Zehn Jahre lang lebte er nun schon so; verdeckt, im Verborgenen, unerkannt und abgeschieden.
Zehn Jahre lang zählte er schon die Tage und Stunden, und jede kam ihm so unendlich, so nutzlos, so quälend vor.
Zehn Jahre lang wartete er nun schon auf Erlösung.
Zehn Jahre lang quälte er sich schon, plante, verwarf er, schmiedete neue Pläne ... nur um diese hinterher wieder aufzugeben und sich dann später, wenn er alleine auf seinem kargen Bett lag und, die Decke anstarrend, auf den Schlaf wartete, darüber zu ärgern.
Zehn Jahre hatte er gebraucht, bis er endlich den Mut gefunden hatte, diesen Ort aufzusuchen.
Ob er nun endlich Frieden finden würde? Ob der Sinn seines Lebens nun endlich erfüllt war und man – wer auch immer der Verborgene hinter dem Vorhang war – ihn endlich sterben ließ?
Während er langsam die ersten vereinzelten Bäume und kahlen Büsche hinter sich ließ und weiter zu der Lichtung stampfte, von wo aus er in sein Heim zurückkehren würde, kamen ihm Zweifel, ob er nicht doch einen Fehler gemacht hatte, ob es nicht falsch war und leichtsinnig. Vielleicht würde man ihn verfolgen und finden. Vielleicht hatte er seine Spuren doch nicht so gut verwischt, wie er geglaubt hatte.
Aber vielleicht doch ... vielleicht sah er einfach nur Gespenster und musste endlich seine Paranoia aufgeben, die ihm während seines ganzen Lebens doch nur mehr geschadet als genutzt hatte. Er hatte heute schon so viel getan, so viel an seinem Leben geändert, dass diese Sache doch eine Leichtigkeit für ihn sein würde. Er hatte so viel in seinem Leben durchgemacht, dass es langsam Zeit wurde, aufzuhören, sich Sorgen zu machen.
Und doch ...
Er zuckte zusammen, als ein Ast hinter ihm leise knackte und gleich darauf ein Vogel von einem der fast blattlosen Äste über ihm aufstieg und in die dunkle Nacht verschwand.
„Wer da?", fragte er leise, aber doch mit energischem Unterton, während er seinen Zauberstab bereit hielt und angestrengt in die Dunkelheit starrte.
Doch da war nichts ... Nichts zu sehen oder zu hören bis auf das Schlagen einer Turmuhr, die zwölf gleichmäßige, dumpfe Schläge in die dunkle Weihnachtsnacht schickte. Er musste sich verhört haben. Vielleicht hatte sein Verstand ihm einen Streich gespielt. Oder er wurde langsam doch alt oder verrückt, wegen dieser langen und stillen Einsamkeit, die ihn seit zehn Jahren umgab. Einsam war er sein Leben lang gewesen und hatte sich auch in seinem alten Leben, mit den vielen Leuten um sich herum, immer einsam und alleine gefühlt. Doch es war eine gewollte Einsamkeit gewesen, deswegen konnte und wollte er sich darüber nicht beschweren. Und dennoch ... manchmal wünschte er sich, jemanden zu haben, mit dem er reden konnte oder der einfach nur da war und ihn aus seinem Grübeln herausriss, ihm zeigte, was es hieß zu leben, zu lieben und ihm bewusst machte, dass man nicht hinter jedem Geräusch, jedem Gefühl eine Liste oder Falle vermuten musste. So wie jetzt in diesem Moment ...
Er drehte sich vorsichtig und langsam herum und setzte erst nach erneutem Zögern seinen Weg fort, bis er die Lichtung erreichte, sich abermals umsah und wenige Sekunden später nichts als ein wenig Staub zurück ließ, den er vom trockenen Unterholz aufgewirbelt hatte.
-o-
Als der Morgen graute und viele neugierige und unausgeschlafene Kinder in die Wohnstuben tapsten, um sich um die dort aufgestellten bunt geschmückten Weihnachtsbäume zu versammeln und die bunten Geschenke auszupacken, trat ein stattlicher junger Mann mit zerzaustem schwarzen Haar hinaus in den Garten seines kleines Hauses, streckte sich gähnend und rieb sich die Augen, bevor er seine Brille aufsetzte und in den vom vielen Schnee noch zusätzlich erhellten Tag blinzelte. Er sah sich suchend nach der Feiertagsausgabe des Tagespropheten um, die die etwas tollpatschige Eule, die ihm mal pünktlich, mal verspätet mit seiner Post belieferte, garantiert wieder irgendwo auf dem nun unter tiefem Schnee verborgenen Rasen abgelegt hatte. Selbst nach zehn Jahren vermisste er seine langjährige Gefährten Hedwig noch immer – und das nicht nur, weil sie weitaus zuverlässiger gewesen war, als der graue Kauz, der sie ersetzt hatte.
Er ging ein paar Schritte den mit einer frischen Schneeschicht bedeckten Weg entlang und sah sich weiter suchend um. Doch statt seiner Zeitung fand er schließlich nur einen großen braunen Umschlag, auf dem jemand mit geschwungener Handschrift seinen Namen geschrieben und, mit einem kleinen Stein beschwert auf die Bank neben dem Weg gelegt hatte.
Harry bückte sich, nahm den Umschlag hoch und drehte ihn, um nach einem Absender zu suchen um. Doch wie er fast schon erwartet hatte, fehlte dieser und Harry wollte den Brief schon in seinem Umhang verschwinden lassen und weiter nach seiner Zeitung suchen, als ihn plötzlich eine innere Unruhe überfiel er und sich den Umschlag genauer ansah.
Sein Name war mit schwarzer Tinte und einer offensichtlich abgenutzten Feder – die Buchstaben fransten an einer Seite aus – geschrieben worden und die Handschrift kam ihm seltsam bekannt vor. So, als ...
Harry stockte.
Konnte das sein?
Aber nein ...
Und doch ... diese Schrift ... sie war ihm so vertraut ...
Noch bevor Harry es realisiert hatte, hatte er den Umschlag geöffnet und ein einzelnes Stück Pergament herausgezogen, das er auseinander faltete und verdutzt anstarrte.
Liebe ist stark. Viel stärker, als man zu glauben vermag.
Sie reißt Mauern ein.
Liebe ist mächtig. Viel mächtiger, als man zu erkennen vermag.
Sie entscheidet über Leben und Tod.
Liebe ist groß. Viel größer, als man zu begreifen mag.
Sie ist grenzenlos.
Liebe ist mehr. Mehr, als wir zu sehen vermögen.
Sie rettet Leben.
Harry überflog die Zeilen ein zweites und ein drittes Mal, während ihm langsam bewusst wurde, dass es sich herbei nicht um einen weiteren schlechten Liebesbrief handelte, wie er sie – sehr zu Ginnys Missfallen – immer noch ab und an von einem seiner so genannten 'Fans' bekam. Nein, hier ging es um etwas anderes.
Die Worte, die Tinte, die vertraute Schrift ...
Harry faltete das Blatt weiter auseinander und lass die nächsten Zeilen, bevor er langsam zu Boden sank, sich in den kalten Schnee setzte und ungläubig den Kopf schüttelte.
All die Jahre hatte er geglaubt, er wäre tot.
All die Jahre hatte er mit der Schuld leben müssen, einem Menschen Unrecht getan zu haben.
All die Jahre lang hatte er sich gewünscht, die vielen Gemeinheiten, den Hass zurücknehmen zu können.
All die Jahre hatte er bereut, nicht um Verzeihung bitten zu können.
Und nun das ...
Als Ginny ihren Mann wenig später fand, saß er immer noch ruhig mitten im Garten. Sein schwarzer Umhang war mittlerweile vom Schnee durchnässt und Tränen liefen ihm über die Wangen, sammelten sich an seinem Kinn und tropften auf das Blatt Pergament, dessen Tinte schon soweit verlaufen war, dass Ginny Mühe hatte, die Worte zu entziffern.
Harry,
ich weiß, dass Sie glauben, ich wäre tot. Ich weiß, dass Sie wahrscheinlich sogar hoffen ich wäre tot. Das tue ich auch. Insgeheim wünsche ich mir, dass Nagini damals eher zugebissen hätte, dass Sie nicht da gewesen und mir zur Seite gestanden hätten. Dann könnte ich jetzt in Frieden leben – oder tot unter der Erde verrotten. Ganz wie Sie wollen ...
Doch soviel Glück scheint mir nicht zu zustehen. Seit zehn Jahre lebe ich im Verborgenen, kämpfe mich durch den Alltag und frage mich immer wieder nach dem 'Warum'.
Warum bin ich nicht gestorben?
Warum durfte ich nicht sterben?
Warum muss ich weiterleben?
Und da ist noch dieses 'Wie', das mich quält.
Wie konnte ich überleben?
Wie kann es sein, dass ein Krieg, der so vielen unschuldigen Menschen das Leben gekostet hat, jemanden wie mich leben ließ?
Ich habe lange darüber nachgedacht – einfach, weil ich die Zeit hatte, weil Nachdenken das einzige ist, was ich tun kann.
Ich glaube, ich habe die Antwort, des Rätsels Lösung gefunden, Harry.
Liebe.
Liebe hat mich gerettet.
Liebe hat mich nicht sterben lassen.
Ich weiß, dass Sie das jetzt nicht hören wollen und bei Merlins Barte ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas einmal schreiben würde, aber wir haben etwas gemeinsam, Harry. Wir sind beide gerettet worden. Durch die große Macht der Liebe, durch Lily – Ihre Mutter und wie Sie wohl mittlerweile wissen, die einzige Frau, die ich jemals geliebt habe.
Als Sie in der Heulenden Hütte an meiner Seite waren, mir beigestanden und mich angeschaut haben, als ich Sie darum bat, muss etwas passiert sein. Etwas Magisches. Etwas Großes. So, wie lange Zeit davor schon einmal. Sechzehn Jahre zuvor hat Lily Sie vor dem Tod gerettet, dafür gesorgt, dass der Dunkle Lord Sie nicht töten konnte. Und vor zehn Jahren hat sie es wieder getan: Lily hat mich gerettet. Sie hat mich nicht sterben lassen. Durch Ihren Blick, Ihre Augen, die denen Ihrer Mutter so ähnlich sind ... durch den Respekt (ich möchte hier nicht von Liebe oder Zuneigung sprechen, Harry - diese Zeilen überhaupt zu Papier zu bringen fällt mir schon schwer genug), den Sie mir entgegengebracht haben, indem Sie blieben und mir bei meinem vermeintlichen Dahinscheiden zur Seite standen, haben Sie auch mich gerettet. Irgendwie ... Ich weiß nicht, wie genau. Dumbledore hätte sicher eine Erklärung parat gehabt oder vielleicht kann Ihnen Miss Granger – oder Weasley, wie sie jetzt wohl heißt – eine geben. Ich hab keine, aber ... es muss einfach so geschehen sein.
Oder auch nicht ... ich weiß es nicht. Aber ... es ist auch egal.
Ich wollte Ihnen nur danken. Dafür, dass Sie da waren und was auch immer für mich getan haben. Weil Sie mir - trotz dass ich in dem Moment neben dem Dunklen Lord Ihr vermeintlich schlimmster Feind war – meinen letzten Wunsch erfüllt haben, trotz dass die Gefahr so nah war und Ihnen auflauerte.
Ich möchte Ihnen für all das danken und, weil Weihnachten ist, möchte ich Ihnen und Ihrer Familie zum ersten und (ich nehme an, Sie gehen sowieso davon aus) letzten Mal ein frohes Weihnachtsfest wünschen.
Leben Sie wohl, Harry!
Ihr
S. Snape
P.S. Bitte respektieren Sie meinen Wunsch, dass meine Existenz weiterhin geheim gehalten wird. Bitte suchen Sie nicht nach mir und erzählen Sie niemandem, dass ich noch lebe. Mir ist bewusst, dass es sowieso niemanden gibt, der mich vermisst, aber ... es gibt noch einige Menschen auf dieser Welt, die es nicht gerne sehen würden, dass ich noch lebe. Deswegen ... bitte vernichten Sie den Brief, sobald Sie ihn gelesen haben und erzählen Sie niemandem (dass Sie den Rest des Goldenen Trios einweihen werden, nehme ich an, deswegen verbiete ich es Ihnen erst gar nicht) davon.
Ende
