Drohender Krieg
„Noch etwas Tee, Frau Ministerin?" Samuel Hirschmann beugte sich über den kleinen Tisch, die Kanne schon in der Hand. „Er ist sicher nicht so gut wie der chinesische, aber ich hoffe, er beleidigt Ihre Geschmackssinne nicht allzu sehr."
„Sie sind viel zu bescheiden, Herr Präsident." Akiko Fuyama lächelte ihr bezauberndes japanisches Lächeln und lehnte sich seufzend in ihrem Sessel zurück. Das Metro klang aus ihrem Mund so angenehm, dass Hirschmann jedes Gespräch mit ihr ein Genuss war. Dankend nahm sie den Tee an. „Ah, wie ich es genieße, endlich einmal entspannt mit einem Präsidenten der EAAU sprechen zu können, so ganz ohne jede Feindseligkeit. Es ist ein großer Gewinn für uns alle, dass Sie in dieses Amt gewählt wurden!"
Hirschmann ließ seinen Blick über die prächtige Dachterrasse des Parlamentsgebäudes schweifen, die an diesem Junitag im Duft von unzähligen Blüten schwelgte. Seit gestern waren einige Pflanzkübel dazugekommen, ein persönliches Geschenk der Ministerin: Japanische Zierkirschen und einige seltene Orchideenarten aus ganz Asien. Die Zusammenarbeit beider Machtblöcke zeigte ihre Spuren auch an diesem friedlichen Ort der Erholung. Hirschmann kannte Fuyama schon seit Jahren, noch aus seiner Zeit als Regierungsberater, sie galt als Vorreiterin der neuen Politik in den VOR, eine freundliche, aber entschlossene Frau, die sich von den Hardlinern um den Ministerpräsidenten nicht beeindrucken ließ. Angeblich war sie eine enge Freundin des geheimnisvollen Tschou Wang Fu, des neuen Verteidigungsministers, von dem niemand etwas genaues wußte. Es konnte sich also nur positiv auswirken, einen guten Kontakt mit ihr zu halten, was Hirschmann nicht schwer fiel, da er Fuyama sehr schätzte.
„Ich bin sicher, wir werden beide von der neuen Entspannungspolitik profitieren. Was hält der Ministerpräsident von dem geplanten Austausch junger Wissenschaftler?"
„Bei meinem letzten Besuch äußerte er sich sehr positiv darüber." Fuyama nippte an ihrem Tee und ließ ein paar Sekunden verstreichen, bevor sie fortfuhr: „Allerdings ermahnte er mich auch, nicht zu euphorisch zu sein, da noch viele ungeklärte Fragen im Raum stünden. Er sorgt sich um gewisse Kreise in Ihrer Armee, die seiner Meinung nach eine Bedrohung des Friedens darstellen, ja er fürchtet sogar das Schlimmste."
Hirschmanns Lächeln gefror, da er nicht gern an diesen wunden Punkt erinnert wurde, ja dazu neigte, das Problem zu verdrängen. Schließlich machte er eine wegwerfende Handbewegung. „Meinte er, es könne einen Putsch geben?" Er lachte freudlos. „Nun, wir hatten da einen sehr unerfreulichen Zwischenfall im Jahre 2045, wie Sie wissen, aber letztlich stellte sich die Bande um diesen Wallis doch nur als eine Splittergruppe heraus, die keinerlei Rückhalt in der Armee hatte. Wie ich gehört habe, ist Wallis letztes Jahr friedlich in seiner Gefängniszelle verstorben und damit wurde auch seine kuriose Partei Geschichte."
Fuyama senkte den Blick und stellte ihre Tasse ab. Es schien fast, als wolle sie Hirschmann bei ihren nächsten Worten nicht in die Augen sehen. „Ich widerspreche Ihnen nicht gern, Präsident, und bin auch von Ihrer Aufrichtigkeit überzeugt, aber nehmen Sie die Sache nicht auf die leichte Schulter, wie man bei Ihnen sagt?"
„Die EAAU ist eine Demokratie und ihre Bürger hängen an den demokratischen Werten." Hirschmann bemerkte wider Willen, dass er mit diesen Worten nicht nur die Ministerin beruhigen wollte, sondern auch sich selbst. „Selbst wenn es jemand versuchen sollte, so würden sich die Menschen hier ihm mit aller Entschiedenheit entgegenstellen, davon bin ich überzeugt."
„Was sie ja bewiesen haben, indem sie Sie gewählt haben." Fuyama gönnte ihm ein kleines besänftigendes Lächeln. „Aber der Ministerpräsident meinte auch nicht Wallis, sondern einige der Generäle, besonders einen."
„Smith!" seufzte Hirschmann auf und widerstand der Versuchung, die Hände über dem Kopf zu ringen. Sein Großvater hatte noch Jiddisch gesprochen, die Sprache der osteuropäischen Juden, die sicherlich einen reichen Schatz an Schimpfworten für Männer wie den General aufwies. Meschuggener Schmock! Sollst sejn wi a lomp, hängen bei Tog und brennen bei Nacht! „Der hat mir tatsächlich schon einiges an Kopfzerbrechen bereitet. Aber dennoch glaube ich nicht, dass er nach dem Präsidentenposten strebt, er ist kein Politiker."
„Aber Ärger bereitet er dennoch genug. Wie oft hat Ihr Vorgänger sich seinetwegen entschuldigen müssen?" Fuyama neigte sich vor und legte Hirschmann besänftigend die Hand auf den Arm. „Wenn wir einen dauerhaften Frieden wollen, dann muss er weg. Und mit ihm alle seine Gesinnungsfreunde."
Hirschmann verabscheute Smith Weltbild, aber dennoch fand er die Forderung gewagt. Auch wenn das straffere, autoritäre System der VOR seine Generalität besser unter Kontrolle hielt als die EAAU, so gab es dort mit Sicherheit auch den einen oder anderen Hardliner. Dennoch lag es ihm fern, sich in diese inneren Angelegenheiten der Asiaten einzumischen. „Hören Sie, Ministerin, ich arbeite bereits an einer Lösung. Der General hat seit gestern einen Vorschlag auf dem Tisch liegen, den er nicht ablehnen dürfte. Berentung bei vollem Sold, wahlweise eine Dozentenstelle an der Militärakademie von Sandhurst. Wir geben ihm die Möglichkeit, sich in Würde aus dem aktiven Dienst zurückzuziehen."
„Das heißt, Sie belohnen ihn auch noch für seine Regelverstöße?"
Die Ministerin schnaubte verächtlich.
„Der kalte Krieg der letzten Jahrzehnte hat Menschen wie ihn in ihrer Ideologie bestärkt – diese Menschen sind so etwas wie eine stete Erinnerung daran, was wir in der Politik an eigenen Fehlern begangen haben."
„Ihre Weisheit in allen Ehren, aber..." Fuyama wurde vom Signalton ihres Mobiltelefons unterbrochen und entschuldigte sich kurz, um den Anruf entgegenzunehmen. Fast in der gleichen Sekunde öffnete sich die Tür zur Terrasse und zwei Männer aus Hirschmanns Stab eilten auf den Präsidenten zu. Ihre wie versteinert wirkenden Gesichter verhießen nicht Gutes. Einer der beiden beugte sich zu Hirschmann hinunter und flüsterte ihm etwas zu, das ihm zunächst unglaublich erschien.
„Und Sie sind sicher, dass das kein Gerücht ist?" fragte er zurück, während sein Herz zu schmerzen begann. Neben ihm schrie Fuyama etwas auf Chinesisch in ihr Telefon. Hirschmann befürchtete, sie habe eben die selbe Nachricht erhalten. Er war nahe daran, in Tränen auszubrechen, als er begriff, dass soeben die Arbeit von Jahrzehnten zunichte gemacht worden war, zugleich gab er sich die Schuld an der Entwicklung. Der General lehnte sein Angebot nicht nur auf drastische Weise ab, nein, er fühlte sich durch es beleidigt und zeigte es nur zu deutlich. Hirschmann schämte sich fast, diese Konsequenz nicht bedacht zu haben und nun standen beide Weltmächte am Rande eines Krieges.
Fuyama war leichenblass geworden. „Ich muss sofort zurück nach Peking", sagte sie leise. „Unsere Streitkräfte sind in Alarmbereitschaft und ich weiß nicht, ob ich den Ministerpräsidenten davon abhalten kann, einen Gegenschlag anzuordnen. Beten Sie, Präsident, dass er von ihrer Aufrichtigkeit so überzeugt ist wie ich."
Sie wartete noch den Bericht der beiden Beamten ab, bevor sie einen von ihnen beauftragte, ihren Wagen zu holen. Eine reguläre Patrouille der EAAU hatte die SK Herkules und ihre beiden Begleitschiffe im Grenzgebiet gestellt und aufgefordert, ihr sofort nach Metropolis zu folgen. Niemand hatte Widerstand geleistet, aber das änderte nun auch nichts mehr. In einer Stunde würden die Schiffe landen, erst dann konnte man in Erfahrung bringen, was wirklich geschehen war. Der Commander der Patrouille konnte nur sagen, dass es einen verheerenden Angriff auf Indira gegeben hatte, den niemand überlebt hatte. Fuyama konnte nur unter äußerster Selbstbeherrschung ihre Tränen zurückhalten.
„Der Ministerpräsident wird sicherlich bis zu meiner Ankunft nichts unternehmen", sagte sie, während sie Hirschmann die Hand reichte. „Jetzt können wir nur hoffen, dass er mir glaubt, dass es sich um einen Alleingang dieses Wahnsinnigen gehandelt hat. Glauben Sie mir, mir liegt ebenso wenig am Ausbruch eines Weltkrieges wie Ihnen."
„Ich würde mich gerne bei Ihnen entschuldigen, wenn es nicht so leer klingen würde", erwiderte Hirschmann. „Aber für diese Ereignisse gibt es keine Entschuldigung."
Die sonst so zurückhaltende Japanerin umarmte Hirschmann zum Abschied, aber dadurch fühlte er sich nur noch elender.
Ruth O'Hara blickte irritiert von ihrem Terminal auf, als der heulende Alarm die Stille des Prüfungsraums zerriss. Das ist kein Feueralarm, dachte sie zunächst mit einem unguten Gefühl im Bauch, aber sie wusste den auf und abschwellenden Ton nicht gleich zu identifizieren. Mist, und das mitten in der Klausur, nun konnte sie sich erst recht nicht mehr konzentrieren, dabei lief es ohnehin heute schon nicht so gut. Das Thema lag ihr nicht, dementsprechend war sie miserabel vorbereitet. Die Schriftliche setze ich in den Sand, dachte sie wütend, bloß weil ich gestern ein Stündchen länger mit Mark zusammengesessen habe! Und dann noch der Rückflug von Metropolis in einem überfüllten Nachtshuttle, sie fühlte sich wie gerädert. Nun, genau genommen, hatte sie in den letzten Wochen niemals so oft gelernt, wie sie es hätte tun sollen...Auch Mark hatte Sorgen, sein neuer Commander ließ ihn deutlich spüren, was er von einem degradierten Piloten hielt und rieb ihm sein angebliches Fehlverhalten von vor fünf Jahren ständig unter die Nase. Mark flog ständig unter Druck, bei jedem noch so kleinen Fehler hieß es, er sei unzuverlässig und stur. Auch gestern war er frustriert von einem Testflug mit der neuen Delta VI Reihe heimgekehrt und stand kurz davor, seinen Job als Pilot an den Nagel zu hängen. Mark liebte seinen Beruf, und es musste schon allerhand vorgefallen sein, wenn er so sprach. Als Ruth in in seinem Appartement besuchte, war er gerade dabei gewesen, die Stellenanzeigen privater Transportfirmen durchzusehen, ob die nicht einen Piloten für ihre Frachter suchten und fluchte leise vor sich hin. Ruth erinnerte ihn daran, dass auch noch die Möglichkeit einer internen Versetzung bestand, aber dazu war er zu stolz. Jeder bei VEGA kannte seine Geschichte, aber nicht jeder verstand, was ihn damals bewogen hatte, seine Karriere aufs Spiel zu setzen. Diese verfluchte Rublew-Expedition! Sie selbst hatte nie begriffen, was einen Menschen dazu bewegen konnte, sein ganzes Leben auf Raumschiffen zuzubringen, die noch nicht einmal unbedingt flugsicher waren. Das Risiko, einmal nicht von einem Testflug zurückzukommen, weil irgendein Teil des Schiffs noch nicht ausgereift war, ließ Ruth jedes Mal tausend Ängste ausstehen, bis sie Mark wieder sicher am Boden wußte. Allerdings verstand Mark ebenso wenig, was sie daran fand, später einmal gelangweilten Studenten die Politik im alten Rom nahezubringen. Dazu musste sie allerdings erst einmal diese verdammte Prüfung schaffen!
Neben Ruth wurden auch die anderen Studenten unruhig, der Alarm hielt an und wollte nicht verstummen. Was sollte der Unsinn? Warum beraumte die Universitätsleitung ausgerechnet heute einen Probealarm an, es war doch bekannt, dass die Hälfte aller Abschlussjahrgänge an diesem Tag ihre Prüfungen hatten?
„Was soll der Sch...!" fluchte der junge Mann neben ihr. „Hey, kriegen wir die Zeit hinten drangehängt?"
Sein Fluch brach das Schweigen, binnen Sekunden war der Saal angefüllt mit den lauten Protesten der Studenten, einige hieben sogar vor lauter Wut auf ihre Tastaturen. Ruth hörte einige derbe Schimpfworte, die in diesen ehrwürdigen Hallen der Londoner Universität irgendwie fehl am Platz schienen. Tief in ihrem Inneren gestand sie sich ein, dass ihr die Unterbrechung ganz gelegen kam, sie hing ohnehin mit ihren Gedanken fest. Mitten in den Tumult heulte weiterhin der Alarm hinein.
Die Professorin versuchte sich mit den Armen rudernd Gehör zu verschaffen, während sie gleichzeitig ihr Mobiltelefon ans Ohr hielt und Erklärungen einzuholen versuchte. Offensichtlich ging sie auch von einem Probealarm aus und machte ihrer Verärgerung schimpfend Luft. Ruth sah sie hektisch in das kleine Gerät sprechen. Während ihrer Pausen – in denen ihr Gesprächspartner antwortete, wurde ihr Gesicht immer ernster.
Währenddessen begannen die Prüflinge Theorien auszutauschen, was das alles zu bedeuten habe – an eine Fortsetzung der Klausur war wohl nicht mehr zu denken. Eine Studentin in der Reihe vor Ruth versuchte dennoch verzweifelt, ihre Arbeit fortzusetzen, Ruth kannte sie, ihr Stipendium würde bald auslaufen und ohne Abschluss stand sie mittellos da.
„Man könnte meinen, der dritte Weltkrieg wäre ausgebrochen", sagte jemand hinter Ruth. „Sind die Chinesen in Metropolis gelandet, oder was?"
Inzwischen holten auch andere Studenten ihre Mobiltelefone aus der Tasche, da nun ohnehin niemand mehr auf die Einhaltung der Klausurregeln achtete. Einige tauschten auch unverhohlen ihre Lösungsideen aus. Auch Ruths Handy fing an zu summen. Sie überlegte kurz, ob sie den Anruf annehmen sollte und entschied sich dafür. Marks Gesicht erschien auf dem Display, aber bei all dem Hintergrundlärm konnte sie ihn kaum verstehen.
„Mark, ich verstehe dich nicht! Irgend so ein Verrückter hat hier den Probealarm ausgelöst und wir können nicht weiterarbeiten!"
„Hast du's noch nicht gehört?" fragte Mark atemlos. Er schien auf dem Weg zur VEGA zu sein, denn hinter ihm rauschte die Skyline von Metropolis vorbei. „Überall ist das Chaos ausgebrochen, es heißt, es gibt Krieg! Alle Piloten müssen sich bei VEGA melden, wahrscheinlich werden wir der strategischen Raumflotte unterstellt."
„Mark! Das ist kein Thema für Witze!" Diese Piloten hatten wirklich einen rauen Sinn für Humor! Ruth schüttelte den Kopf.
„Das ist kein Witz, Schatz, ich wollte, es wäre einer." Mark schrie jetzt fast in sein Handy. „Die ganze Hauptstadt steht Kopf, Hirschmann will wohl noch versuchen, das Schlimmste abzuwenden, aber die Chinesen kochen vor Wut."
Aus irgendeinem Grund hatte Ruth angenommen, die Aggressionen wären von den VOR ausgegangen – vielleicht weil sie wie jedes Kind in den EAAU bereits mit einem festgefügten Feindbild aufgewachsen war, aber offensichtlich hatte irgendetwas Peking in die Defensive getrieben. „Was ist denn los, Mark? Ist etwas bei den Abrüstungskonferenzen schief gelaufen?" Wahrscheinlich hatte wieder einmal einer der Minister seine Zunge nicht im Zaum halten können. Es schien fast, als arbeite Hirschmanns Kabinett mehr gegen als für ihn.
„Hier schwirren tausend Gerüchte rum, Ruth! Ein Teil des Militärs im Grenzgebiet soll geputscht haben, aber das konnte niemand bestätigen. Wahrscheinlich ist nur ein einziger General durchgedreht, aber das gründlich. Es soll über 100.000 Tote auf Seiten der VORs gegeben haben, aber auch das ist noch nicht bestätigt. Jedenfalls schäumt der Ministerpräsident in Peking und hat den Finger am Knopf."
„Mein Gott, Mark, das darf doch nicht wahr sein, gerade jetzt, da die Verträge unter Dach und Fach waren!" Ruth spürte Tränen in sich aufsteigen. Hirschmanns Worte an die Bürger der EAAU, in denen er von den Fortschritten in der gemeinsamen Versöhnungspolitik gesprochen hatte, hatten die Menschen in beiden Machtblöcken tief bewegt. Auch in den VOR hofften viele Bürger auf ein Ende des kalten Krieges, nicht nur, um der alltäglichen Angst vor einem weltweiten Konflikt endlich zu entgehen, sondern auch, weil der enorme Verteidigungsetat die asiatischen Republiken allmählich zugrunde richtete. Sogar die medizinische Versorgung der Bürger litt darunter. Auch in den EAAU wäre es bald soweit gekommen, wenn Hirschmann nicht den ersten Schritt zu einer Beendigung des Rüstungswettlaufs getan hätte. „Was ist denn bloß passiert?"
„Diese neue Raumstation der VOR ist von einer unserer Patrouillen angegriffen worden. Die Besatzung wurde wohl vollkommen überrascht und konnte nicht mehr um Hilfe rufen."
„Aber so viele Tote?"
„Es soll eine neue Waffe zum Einsatz gekommen sein, ein Kampfstoff, den es eigentlich gar nicht geben dürfte. Aber irgendein Irrer hat das Zeug an die strategische Raumflotte ausgeliefert..."
Der Alarm verstummte so plötzlich, wie er begonnen hatte, aber die Menschen im Saal begriffen es zu spät und fuhren fort, in ihre Handys zu schreien und sich gegenseitig anzubrüllen. Nur langsam sank der Geräuschpegel. Inzwischen hatte jeder ähnliche Nachrichten wie Ruth erhalten, sogar die Studentin vor ihr, die noch eifrig in ihren PC getippt hatte, kümmerte sich jetzt nicht mehr um die Prüfung und weinte stumm in ihre Hände. Es schien fast, als habe sich ein gewisser Fatalismus unter den Studenten breit gemacht – falls der große Krieg wirklich ausbrach, blieb ihnen ohnehin nicht mehr viel Zeit. So ähnlich mochten die Menschen im 20. Jahrhundert empfunden haben, die ständig mit der Angst vor einem nuklearen Erstschlag gelebt hatten.
„Was willst du jetzt tun, Mark? Musst du dich denn einziehen lassen? Du wolltest doch eh weg von dem Verein!"
„Jetzt wäre es wohl keine Kündigung mehr, sondern Fahnenflucht", erwiderte er bitter. „Mir bleibt wohl nichts anders übrig, als bei der Versammlung anzutreten."
„Verdammt, Mark, paß auf dich auf!"
„Sobald ich etwas Neues weiß, ruf ich dich an!"
Sie erinnerte sich dunkel daran, wie Mark ihr einmal erzählt habe, irgend ein Zusatzartikel in seinem Vertrag verpflichte ihn zu einem Armeeeinsatz, falls die strategische Raumflotte im Ernstfall zusätzliche Piloten benötigte, aber kaum ein Mitarbeiter dieser Organisation hatte diesem Zusatz bisher Beachtung geschenkt. Niemand rechnete mit einem solchen Ernstfall.
Um Ruth herum fielen Stichworte wie Tod, Krieg und Verzweifelung, einige hielt es auch nicht mehr im Saal, sie packten ihre Taschen und gingen heim zu ihren Lieben. Andere waren in wilde Diskussionen verwickelt. Die Professorin schrie gegen den Lärm an und verkündete das offizielle Ende der Prüfung, ein neuer Termin werde bekannt gegeben. Fast glaubte Ruth, jeden Moment könnte ein greller nuklearer Blitz vor den Fenstern aufzucken und London für immer ausradieren, aber nichts dergleichen geschah. Also beschloss auch sie, ihre Tasche zu nehmen, und sich vor den nächsten Fernseher zu setzen.
Die Nachrichtensender überschlugen sich förmlich mit Neuigkeiten, auch Tom Collins, ein Freund von Mark, der jüngst zum Anchorman von Stella-TV aufgestiegen war, überschlug sich fast. Der unbarmherzig hochauflösende Bildschirm in Ruths Wohnzimmer zeigte deutlich die Schweißperlen auf seiner Stirn, er kam kaum dazu, einen Satz zu beenden, schon wurde ihm eine neue Meldung herein gereicht. Allein die Tatsache, dass es bis jetzt noch zu keinerlei Kampfhandlungen gekommen war, ließ Ruth ein wenig aufatmen, aber als entspannt konnte man die Situation gewiss noch nicht betrachten.
Inzwischen war auch der Verursacher der Krise bekannt, ein General der strategischen Raumflotte, der so hieß es, aus persönlicher Rache für seine geplante Zwangspensionierung, im Alleingang einen Angriff auf eine unbewaffnete VOR Station angeordnet hatte. Aber auch diese Meldung hatte nicht lange Bestand, bald hieß es, man könne eine Verschwörung in höchsten Regierungskreisen nicht ausschließen, die den Sturz des Präsidenten zum Ziel hatte. Hirschmann ließ sich zunächst nicht in der Öffentlichkeit blicken, Ruth vermutete, dass er in hitzigen Verhandlungen steckte. Die Raumflotte der VOR befand sich nach wie vor in Alarmzustand und wartete auf ihren Einsatzbefehl. Wenigstens erfuhr sie jetzt auch den Grund für den Alarm, am Vormittag stießen einige Geschwader der VOR in den Raum der EAAU vor – wohl ohne Befehl aus Peking, die Piloten hatten die Nerven verloren – und griffen eine Patrouille an. Hirschmann hatte persönlich befohlen, keine Gegenwehr zu leisten, obwohl drei Taurus Zerstörer bei dem Angriff vernichtet wurden. Daraufhin besannen sich die Kampfverbände und kehrten zurück, vielleicht auch, weil der Ministerpräsident sie zurück beordert hatte. Nun tobte auch noch die Verteidigungsministerin, man dürfe sich schließlich nicht alles gefallen lassen.
Mehrmals versuchte Ruth, Mark nochmals zu erreichen, aber sie erhielt stets die selbe Ansage, der Teilnehmer sei nicht erreichbar. Schließlich versuchte sie es bei der VEGA, aber die überlastete Telefonistin am anderen Ende der Leitung hatte an diesem Tag offenbar schon Hunderte ähnlicher Anrufe erhalten und reagierte ziemlich ungeduldig. Sie sei nicht befugt, Auskünfte herauszugeben und legte ohne ein Wort der Erklärung auf. In ihrer Verzweiflung rief Ruth schließlich bei Stella-TV an und gab sich als Bekannte von Tom Collins aus. Die Telefonnummer von Toms Büro hatte Mark ihr einmal für Notfälle gegeben, so als habe er eine Situation wie diese geradezu vorausgeahnt. Sie griff nur ungern zu derlei Lügen, bisher war sie Tom nur ein einziges Mal bei einer Party begegnet, aber da sie sich sicher war, dass er über mehr Informationen verfügte als jeder andere in ihrer Bekanntschaft, sprang sie über ihren eigenen Schatten. Zunächst gab sich auch die Dame in Toms Vorzimmer verschlossen, aber der Name Mark Brandis sagte ihr etwas. Sie bat Ruth, einen Moment in der Leitung zu bleiben, Collins würde gleich zwischen zwei Sendungen in sein Büro kommen, um ein paar Minuten die Füße hochzulegen. Ruth versicherte ihr, sie wisse um die Aufregung beim Sender und entschuldigte sich für die Umstände, aber die Frau am anderen Ende winkte nur ab. Der Chef von Stella-TV sei schon seit Stunden bester Laune wegen der sensationellen Einschaltquoten, die dem Sender zudem neue Werbeverträge sichere. Und ein gut gelaunter Chef bedeute auch eine gute Chance für ihre längst ausstehende Gehaltserhöhung. Die junge Frau erzählte Ruth noch ein paar weitere Interna, die eine Warteschleife überflüssig machten und quietschte schließlich in den Hörer, Tom sei nun da. Nach einem kurzen Klicken wurde Ruth zu ihm durchgestellt, sein grinsendes Gesicht erschien auf dem kleinen Bildschirm des Tischtelefons.
„Hi, Ruth", rief Tom fröhlich aus und schien sich ehrlich zu freuen, sie zu sehen. „Schön von dir zu hören! Was kann ich für dich tun? Brauchst du einen Ferienjob beim Sender?"
Ruth seufzte erleichtert auf, einerseits, weil sie Tom nicht lange erklären musste, wer sie war, andererseits, weil er es sicher als erster erfahren hätte, wenn die Welt unterging.
„Ehrlich gesagt, wollte ich dich nur ein bisschen ausfragen, Tom. Hoffentlich bist du nicht sauer auf mich, aber ich habe wegen dieser Kriegsgeschichte seit Stunden nichts von Mark gehört. Bei VEGA ist wohl deswegen das Chaos ausgebrochen und ich dachte, du wüsstest vielleicht mehr als ich."
„VEGA macht mobil? Da weißt du mehr als ich! Aber wenn du den dritten Weltkrieg meinst, der fällt wohl aus. Hirschmann hat's mal wieder hingebogen. Es heißt, er hätte sich den Chinesen als Geisel angeboten, um unsere Gutwilligkeit zu zeigen."
Ruth beneidete Tom um seine gelassene Sicht der Dinge, auch wenn seine Worte sie nicht vollständig beruhigen konnten. „Dann haben die VOR ihre Streitkräfte wieder zurück beordert?"
„Es sieht da oben zumindest wieder ruhiger aus. Ganz im Gegensatz zu unserem Verteidigungsministerium, da knallt es im Moment ganz ordentlich. Wahrscheinlich werden einige Staatssekretäre ihren Hut nehmen müssen, vielleicht sogar die Ministerin selbst. Böse Zungen sagen, sie würde bei diesem radikalen Spinnerverein mitmachen und hätte Smith deshalb so lange gewähren lassen."
„Smith? Hat der sich nicht schon ein paar Mal mit den VORs angelegt? Soll der nicht auch bei der Reinigenden Flamme sein?"
„Spinnerverein, sage ich doch," Tom sah aus, als wolle er verächtlich auf den Boden spucken, begnügte sich aber mit einer gequälten Grimasse. „Die Typen sind vollkommen durchgeknallt, scheinen aber überall drinzuhängen. Selbst unsere besten Reporter kriegen nichts näheres raus. Wir wissen noch nicht einmal sicher, wer der Chef von diesem Verein ist, Smith jedenfalls nicht, sonst hätte er sich nicht so weit aus dem Fenster gelehnt. Die machen sich nämlich nicht gern selbst die Hände schmutzig."
„Das klingt ja wie die Mafia, Tom. Geht dir da nicht die Fantasie ein wenig durch?"
„Die Mafia ist ein Kindergarten dagegen." Tom winkte ab. „Es war nur eine Frage der Zeit, bis die so eine Aktion starten."
„Aber was haben die von einem Weltkrieg?"
„Die haben genau gewusst, dass es letztendlich keinen Krieg geben würde, weil beide Seiten kneifen würden. Aber trotzdem haben sie ihr Ziel erreicht, die Kooperation mit den VOR ist erst mal gestorben."
„Das war aber ein riskantes Spiel!" Ruth schüttelte entsetzt den Kopf. „Was, wenn die Rechnung nicht aufgegangen wäre?"
Gleichgültig hob Tom die Schultern. „Wahrscheinlich sitzen die irgendwo in Sicherheit und haben es drauf ankommen lassen. Fast kann Smith einem Leid tun, der muss jetzt für die Aktion den Kopf hinhalten."
„Tom!" Ruth war entsetzt über seinen Zynismus. „Das ist jetzt nicht dein Ernst! Der Mann hat Zehntausende von Menschen auf dem Gewissen! Ich hoffe, sie sperren ihn für immer weg!"
„Wenn ihn die eigenen Leute nicht vorher beseitigen, damit er nicht redet! Für mich steht jedenfalls fest, dass er bei dem Haufen mitmacht und sich irgend etwas davon erhofft hat...das Klügste wäre, ihn in einen Käfig zu packen und per Luftpost nach Peking zu schicken, die würden schon die Wahrheit herausfinden." Die Vorzimmerdame erschien in einer Bildecke und flüsterte Tom etwas ins Ohr, worauf er ungeduldig nickte. „Hey, Ruthie, ich muss wieder los! Aber mach dir keine Sorgen, Mark ist schließlich Testpilot, den werden die nicht so schnell dienstverpflichten!"
„Ich hoffe, dass du Recht behältst!"
Ruth hatte kaum aufgelegt, als der Türsummer ihrer kleinen Wohnung anschlug. Ihr war überhaupt nicht danach, Besuch zu empfangen, trotzdem stand sie aus ihrem bequemen Sessel auf und drückte den Türöffner. Ein wenig Ablenkung konnte in dieser Situation nicht schaden.
„Mark!" schrie sie, als Brandis überraschend vor ihrer Tür stand. „Bist du wahnsinnig, mich so zu erschrecken?"
„Das klingt fast so, als wolltest du meinen Sonderurlaub nicht mit mir verbringen", erwiderte er enttäuscht.
„Nur, wenn du mir alles erklärst." Sie lachte vor Erleichterung.
Samuel Hirschmanns Herz drohte ihm den Dienst zu versagen, und er wünschte sich, er hätte die entscheidende Frage niemals gestellt: Wie hatte es soweit kommen können?
An diesem Nachmittag fühlte er sich, als versänke er in einem Sumpf aus Korruption und Fanatismus. Zugleich kam er sich wie ein naiver Schuljunge vor, der zum ersten Mal in die Geheimnisse der großen Politik eingeweiht wurde.
Der Ministerrat hatte sich zu einer Sondersitzung im Regierungspalais eingefunden. Nachdem die akute Kriegsgefahr abgewendet worden war, blieb nun noch die Frage zu beantworten wie es mit den Verhandlungen weitergehen sollte. Vor allem aber musste geklärt werden, ob General Smith an die VOR ausgeliefert werden sollte oder nicht. Akiko Fuyama hatte Hirschmann eindringlich zu diesem Schritt aufgefordert, der ein deutliches Zeichen der Reue gegenüber Peking darstellen würde. Die Überstellung des Kriegsverbrechers an ein asiatisches Gericht würde zwar einen Präzedenzfall schaffen, aber dies schien angesichts der Ungeheuerlichkeit des Angriffs das geringere Übel zu sein. Zudem erschien es als der bequemere Weg im Vergleich zu einem in den EAAU durchgeführten Verfahren, dessen Ausgang ungewiss war. Was, wenn eine Gesetzeslücke den General relativ ungeschoren davonkommen ließ? Dann stand die nächste Krise unmittelbar bevor.
Major Bogdan Bjelowski, ein ausgezeichneter Kenner der asiatischen Mentalität, der dem Präsidenten schon des Öfteren wertvolle Hinweise gegeben hatte, sprach sich dann auch deutlich für Smith Überstellung an die VOR Gerichtsbarkeit aus. Auch wenn es Hirschmann zutiefst widerstrebte, das Recht der EAAU derart zu beugen, leuchtete ihm die Argumentation ein. Zudem wünschte er sich nichts sehnlicher, als endlich an den Verhandlungstisch mit Fuyama zurückzukehren. Die ganze Angelegenheit kam ihm fast wie ein irrealer Traum vor.
Leider aber gab es auch genügend Gegner einer Auslieferung, manche schoben moralische Gründe vor – man dürfe aus Prinzip nicht gegen die Verfassung der EAAU verstoßen, die Konsequenzen seien unabsehbar. Auch sei es nicht zu verantworten, die eigenen Probleme einfach über die Grenze abzuschieben, das Problem Smith sei in den EAAU entstanden, also habe auch die EAAU es zu lösen. Andere führten gar Beispiele von Grenzverletzungen durch VOR-Militärs an, bei denen man auch keine Auslieferung der verantwortlichen Offiziere gefordert habe.
Schließlich meldete sich der Außenminister zu Wort.
„Haben Sie sich einmal überlegt, meine Damen und Herren, was geschieht, wenn Smith in Peking wirklich anfängt zu reden? Ich meine, noch können wir den VOR etwas von einem Einzeltäter erzählen, oder das ganze als eine kleine Verschwörung innerhalb der Armee verkaufen. Wenn wir Glück haben, geben die sich damit zufrieden, wie damals bei Wallis. Sollten die Smith aber selbst in die Hände bekommen und näher nachfragen, oder der Herr fängt selbst aus gekränkter Eitelkeit an zu plaudern, dann dürfte das einen ordentlichen Skandal geben."
„Wie meinen Sie das?" fragte Hirschmann vorsichtig, obwohl er bereits ahnte, worauf der Minister hinaus wollte. Die Antwort ließ ihn schaudern. Seine moralischen Bedenken drehten sich bisher eher um eine mögliche Hinrichtung des Generals in den VOR - auch wenn er durchaus die Gefühle der Menschen dort verstand, die sich nach Wiedergutmachung für den Tod ihrer Lieben auf Indira sehnten. Aber der Präsident lehnte die Todesstrafe aus Prinzip ab, selbst für einen Mann wie Smith, der sicherlich viele Gründe für deren Wiedereinführung lieferte. Das selbe galt für das Gerichtsverfahren an sich, es musste gerecht sein, auch das war in den VOR nicht gewährleistet. Trotz aller liberalen Reformen in den letzten Jahren, die VOR waren kein demokratischer Staat. Es war Hirschmann nie in den Sinn gekommen, dass man sich in Peking noch lange nach den Hintergründen des Verbrechens befassen könnte.
„Nun", der Außenminister lehnte sich zurück und warf einen Seitenblick auf Jean Habersham, „gewisse Politiker in unserem Staat haben sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert, was die Radikalen in der Armee betrifft." Ein weiterer Seitenblick traf den Justizminister. „Das gleiche gilt für unser Rechtssystem, wir haben Organisationen wie der Reinigenden Flamme einen lange Zeit einen zu großen Spielraum gewährt, aus falsch verstandener Liberalität. Aber die VOR werden in der gegenwärtigen Lage etwas anderes darin sehen, nämlich Unterstützung. Eine Untersuchung könnte außerordentlich unangenehm für uns werden, man wird fragen, warum niemand etwas gegen diese Radikalen unternommen hat."
Habersham bemühte sich redlich, ihren Zorn unter Kontrolle zu halten. „Das werden die doch ohnehin tun. Den VORs war schon immer jeder Grund recht, uns in die Defensive zu drängen."
„Nun, das ist wahr", entgegnete der Minister. „Aber sie werden nichts Konkretes in der Hand haben. Aber was, verehrte Ministerin, geschieht, wenn Ihr Protegé in Peking etwas über die Einzelheiten Ihres Handels mit Ammotec ausplaudert? Haben Sie nicht KL zum Test freigegeben?"
„Aber doch nicht gegen Menschen!" rief Habersham empört. „Und schon gar nicht gegen Indira!"
„KL ist eine Waffe, die nur zum Einsatz gegen Menschen konzipiert wurde, wie die gute alte Neutronenbombe. Gebäude bleiben intakt, aber ihre Insassen sterben, so wurde das Zeug doch angepriesen. Die Testfreigabe gegen totes Material hätte also wenig Sinn gehabt."
Hirschmann senkte beschämt den Kopf. Mit welchen Menschen arbeitete er hier zusammen? Ihnen ging es weniger um den Frieden mit den VOR, als darum, den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Sollte es wirklich stimmen, dass Habersham dem General eine Blankovollmacht für Tests mit KL ausgestellt hatte, so stand ihre Karriere als erstes auf dem Spiel. Es klang dermaßen ungeheuerlich, Hirschmann wollte es nicht glauben. Aber sein Bauchgefühl sagte ihm das Gegenteil, die Ministerin galt nicht umsonst als Sympathisantin der Vertragsgegner. Eigentlich grenzte es an Hochverrat, ihn bei seinem Amtseintritt dermaßen im Unklaren über die Vorgänge in ihrem Ressort zu lassen, aber Hirschmann hatte es längst aufgegeben, sich darüber aufzuregen, sonst hätte er die Hälfte seiner Minister ins Gefängnis stecken müssen. Er hatte wahrlich kein leichtes Erbe angetreten und mit der idealistischen Begeisterung in seinen ersten Amtstagen war es längst vorbei!
Sanchez, der Außenminister, hatte aber auch in einem Recht, man durfte bei allem Idealismus die Realpolitik nicht vergessen, auch wenn das bedeutete, mit den VOR einen neuen Vertrag auf Basis einer Lüge auszuhandeln. Er hätte sich zurück lehnen können und sich selbst einreden, er habe keine Schuld an alldem, aber auch er hatte sich zu wenig Gedanken um die Fanatiker unter den Militärs gemacht. Zumindest hatte er es sich zu einfach vorgestellt, sie aus dem Verkehr zu ziehen. Hirschmann tauschte einen fragenden Blick mit Bjelowski, dem einzigen wirklichen Spezialisten am Tisch.
„Was sagen Sie, Bjelowski? Hat der Außenminister Recht mit seinen Bedenken?"
Bjelowski ließ sich Zeit mit einer Antwort, er rang mit sich, offenbar wog er auch die Fakten miteinander ab. „Wenn ich ehrlich sein soll, ich würde nichts lieber sehen als den General mit einem Strick um den Hals, egal ob hier oder in den VOR. Leider durfte ich ihn einmal persönlich kennen lernen, daher weiß ich, wie unberechenbar er ist. Vor allem aber ist er launisch und jähzornig. Seine verletzte Eitelkeit könnte ihn tatsächlich dazu bringen, einige unserer Minister mit sich ins Grab zu reißen, was für uns einen absoluten Gesichtsverlust bedeuten würde. Ich bin kein Romantiker, mir geht der Friedensvertrag über alles, aber wir würden in diesem Falle nicht nur Smith, sondern auch uns selbst mit Haut und Haaren an Peking ausliefern. Ich schlage daher einen Kompromiss vor: Lassen wir einige Vertreter der VOR den Prozess vor Ort beobachten, so dass sie den Eindruck bekommen, sie könnten in das Geschehen eingreifen. Zugleich signalisieren wir damit unsere Fairness, wir verhandeln nichts unter der Hand, sondern erlauben ihnen, selbst zu überprüfen, ob es bei dem Gerichtsverfahren mit rechten Dingen zugeht."
„Und was tun wir, wenn der General das Verfahren politisieren will?" fragte Hirschmann. „Schließlich könnte er auch hier versuchen, vor den Beobachtern diese unangenehmen Dinge ausplaudern." Die Ironie in den letzten Worten war unüberhörbar.
„Der Einwand ist sicher berechtigt, Herr Präsident", erwiderte Bjelowski. „Aber hier haben wir die Dinge besser unter Kontrolle und können rechtzeitig eingreifen. Wir werden allerdings den anklagenden Staatsanwalt sorgfältig auswählen müssen..."
„Also gut", sagte Hirschmann resigniert, „ich werde also versuchen, das Ministerin Fuyama entsprechend darzulegen. Ihnen meine Damen und Herren", er blickte in die Runde, „werde ich aber den einen oder anderen Untersuchungsausschuss nicht ersparen können!"
Fuyama würde ihm nie wieder vollkommen vertrauen können.
