2. Erwachen.

„… zurückgekommen? Er ist doch nach der Beisetzung verschwunden, und niemand wusste wohin. Also, woher wusste er dann, dass er gerade jetzt hierher kommen musste?"

Diese Stimme kannte er, auch wenn er sie noch etwas undeutlich hörte. Es war der Junge… nein, der junge Mann. Harry Potter. Lilys Sohn. Ein Junge war er längst nicht mehr; er und seine Freunde waren so schnell erwachsen geworden, schneller als alle anderen Schüler, schneller sogar als Snape selbst. Doch war es ein Wunder? Hatten sie jemals eine andere Wahl gehabt, als ihre Kindheit rasch hinter sich zu lassen, wo doch das Bestehen der Welt von ihren Entscheidungen abhing? Doch weshalb war Potter am Leben?

Auch dieses Mal brachte er nicht mehr fertig, als einen Millimeter die Augen zu öffnen. Alles andere war zu mühsam. Sein Körper brannte, seine Kehle fühlte sich an, als hätte jemand sie mit Sandpapier ausgerieben, er hatte mit Übelkeit erregendem Schwindel zu kämpfen, und seine Gedanken taumelten wie große tropische Schmetterlinge träge und ziellos durch seinen Geist, so dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte.

Die Einrichtung des Zimmers kam ihm vage bekannt vor, auch wenn sein Blick sich rasch wieder trübte und schwarze Punkte durch sein ohnehin eingeschränktes Sichtfeld huschten. Er ließ die Lider wieder sinken und versuchte sich zu erinnern, was er gesehen hatte: die Farben seines Hauses, smaragdgrün und silber, das konnte er zumindest mit Sicherheit sagen. Und es schien sich um ein Schlafzimmer zu handeln. Also war er zumindest nicht in Askaban gelandet – noch nicht.

„Damit kenn ich mich nicht aus", antwortete die Stimme einer Frau bedauernd, doch er konnte ein Lächeln heraushören, „bei uns in Neuengland gibt´s keine mehr, nicht mal im Sanktuarium von Rowan. Sie galten als ausgestorben, schon seit langem. Es heißt, sie seien sehr klug, treu und intuitiv. Aber auch wenn wir über die näheren Umstände nie etwas erfahren werden, jedenfalls war´s doch gut, dass er da war. Oder?"

„Das steht mal fest", gab der Junge zurück; seine Schritte kamen näher. „Wie geht´s ihm, Monica? Wird er das überleben?"

Die Frau – sie schien noch recht jung zu sein – seufzte leise. „Naja, es ist schon ein Problem, dass wir ihn nicht ins St. Mungo bringen konnten. Die haben auf jeden Fall bessere Möglichkeiten und hätten schneller handeln können… aber ich denke, das kriegen wir auch hier hin, dauert eben etwas länger. Fawkes hat gute Vorarbeit geleistet, zum Glück. Wobei es schon an ein Wunder grenzt, dass Minerva und du es geschafft habt, ihn hierher zu bringen. Hilfst du mir mal kurz?"

„Sicher." Die Stimme des Jungen war nun direkt neben ihm, zu seiner Rechten, während die Frau auf der anderen Seite stand.

Es mussten Harry Potters Hände sein, die seinen Nacken stützten und seinen Oberkörper anhoben. Die Finger der Frau – Monica? - begannen sein Hemd aufzuknöpfen und streiften es schließlich vorsichtig über seine Schultern und Arme hinunter, dann hörte er, wie ein Kissen aufgeschüttelt wurde, und der Junge ließ ihn behutsam wieder in sein Bett zurücksinken. „Ich muss los", hörte er ihn sagen, „die warten schon." Schritte verließen leise den Raum und eine Tür schloss sich.

Severus hörte Wasser plätschern und spürte, wie jemand sein Gesicht wusch. Zarte Finger tasteten über seinen schmerzhaft pochenden Hals, und etwas zupfte an seiner Haut; es fühlte sich an, als würde ihn eine Maus in den Hals zwicken, und automatisch spannten sich seine Muskeln an.

„Gleich vorbei", sagte Monicas Stimme leise, „ich muss nur kurz unter die Verbände sehen, ja?" Leise zischend holte sie Luft. „Verdammt, dieses blöde Vieh! – Fawkes?" Ein leiser, angenehm melodischer Vogelruf war zu hören, dann ein Flattern, und etwas landete auf der Matratze neben ihm. Gleich darauf spürte er wieder diese warmen Tropfen über seinen Hals rinnen.

Also war es gar nicht der Junge gewesen, dort draußen in der Hütte, sondern Fawkes? Was er für einen rot-goldenen Schal gehalten hatte, waren die Federn des Phönix gewesen, und nun spürte er dessen heilende Tränen auf seiner Haut. Aber wo kam der Vogel her? Und weshalb? Was war überhaupt inzwischen alles geschehen?

Die Frau namens Monica klebte die dicken Pflaster wieder fest. Er hörte einen Korken, der aus einer Flasche gezogen wurde, dann ein Gluckern, und jetzt sprach sie ihn direkt an: „Okay, Professor, ich geb Ihnen jetzt diesen Blutbildungstrank, ja? Dank dieser dämlichen Schlange und ihrem Gift fangen die Wunden ständig wieder an zu bluten. Warten Sie, ich helf Ihnen."

Sanft hob sie seinen Kopf an und stützte ihn, während er versuchte, das leicht metallisch schmeckende Gebräu zu schlucken. Es war schwieriger als gedacht, denn seine raue Kehle brannte beim Kontakt mit der Flüssigkeit wie Feuer. Doch er leerte folgsam das Glas und trank danach gierig das Wasser, das sie ihm reichte. Das war schon besser, das Brennen im Hals ließ etwas nach, und auch sein Mund war nicht mehr so ausgetrocknet wie vorher.

Der Trank schien zu wirken, denn seine Übelkeit verebbte und nur ein leichtes Schwindelgefühl blieb zurück. Seine Gedanken kehrten langsam in etwas geordnetere Bahnen zurück, auch wenn er sich immer noch ziemlich benommen fühlte.

Wieder einmal versuchte er die Augen zu öffnen. Diesmal gelang es ein wenig besser. Seine Lider wollten noch nicht so richtig, doch er erlaubte ihnen nicht, sich zu schließen. Es war eine gewaltige Anstrengung, aber nach ein paar Ansätzen schaffte er es, die Augen wenigstens halb offen zu behalten. Dennoch musste er kämpfen, damit sie nicht gleich wieder zufielen.

Ein ovales Gesicht schwamm in sein Blickfeld: rötlichbraunes, leicht gewelltes Haar, braune Augen hinter einer smaragdgrünen Brille mit rechteckigen Gläsern, freundliches Lächeln. Das musste dann wohl Monica sein.

„Hey, willkommen im Leben", sagte sie mit einem Augenzwinkern und legte die Hand prüfend auf seine Stirn. „Wie fühlen Sie sich?"

Während er über die Frage nachdachte, überrollte ihn eine neue Woge der Übelkeit, und er schloss erschöpft die Augen. Seine Schulter schmerzte, wenn er sich auch nur ein wenig bewegte. „Versuchen Sie langsam und tief zu atmen", hörte er Monicas Stimme, und ihre Hand griff nach der seinen, während sich erneut glühende Höllenhitze in seinem Körper ausbreitete. Mühsam versuchte er ihrer Anweisung Folge zu leisten, und tatsächlich wurde es ein wenig besser.

„Das liegt am Gift dieser Schlange", erklärte ihm die junge Frau, die immer noch seine Hand fest in ihrer eigenen hielt, „es verhindert nicht nur, dass die Bisswunden heilen, sondern verursacht auch Fieber und Übelkeit. Hermine ist im St. Mungo und versucht dort an das Rezept zu kommen, das sie damals bei Arthur Weasley angewendet haben. Bis dahin sollten Sie jede Anstrengung vermeiden, ja?"

Langsam nickte er, während die Hitze in ihm hochstieg und er wieder zu zittern begann. Kalter Schweiß bildete Tröpfchen auf seiner Haut, und er zitterte heftiger. Dann spürte er etwas Kühles auf seiner Stirn, offenbar ein feuchtes Tuch. Sie wusch ihm den Schweiß von Gesicht und Oberkörper und zog danach die Bettdecke bis zu seinen Schultern hoch. Sie war leicht und trotzdem warm. Ganz langsam ließ das Zittern ein wenig nach, als er sich unter der Decke entspannte.

„Hier, trinken Sie das." Monicas Hand schob sich erneut unter seinen Nacken und hob seinen Kopf ein wenig an. Der Rand eines Bechers berührte seine trockenen Lippen. Widerstandslos schluckte er die Flüssigkeit. Sie schmeckte wie lauwarmer Jasmintee, nicht unangenehm, und sie schien auch seine schmerzende Schulter zu beruhigen. Seine Gedanken wurden träge, langsam, verworren, und er fühlte sich wieder ein wenig schwindlig… er war müde… so müde… schlafen…

Er versuchte zu sprechen, doch seine Zunge gehorchte ihm nicht; er war völlig hilflos, wie betäubt, und verlor komplett die Orientierung. Panik stieg in ihm hoch. Doch da war eine kühle Hand, die seine festhielt.

„Ganz ruhig", hörte er wie aus weiter Ferne Monicas Stimme, „alles okay. Sie sind in Sicherheit. Schlafen Sie ein bisschen, in Ordnung? Ich bleib bei Ihnen, keine Sorge." Und dann war da nur noch Dunkelheit und Stille.