A/N: So, hier kommt auch schon das zweite Kapitel ;) Viel Spaß beim Lesen!
Mistelzauber
eine HP-FanFiktion von Hillie
Kapitel 2
Wie hatte er diesen riesigen Zweig nur übersehen können, fragte sich Severus entsetzt und ungläubig. Naja, antwortete eine Stimme in ihm, du hast einfach nicht darauf geachtet, als Remus mit dir geredet hat.
Er atmete tief ein und versuchte, nicht die Kontrolle über seine Gesichtszüge zu verlieren, als sich langsam umdrehte. Seltsamerweise bewegten sich seine Beine und Füße nun mit ihm; anscheinend war er nicht komplett gelähmt, sondern nur am Weggehen gehindert worden.
Er bemühte sich, seinen tödlich finsteren Gesichtsausdruck beizubehalten, als er Remus nun direkt gegenüberstand. Er war fast auf Augenhöhe, registrierte ein Teil von Severus, den dieser jetzt doch nicht beachten wollte. Die perfekte Größe zum Küssen…
Nein, ich kann das nicht, dachte Severus ärgerlich. Das halte ich nicht aus. Am Ende benehme ich mich noch wie Draco oder Potter und mache mich zum Gespött der ganzen Schule. Ganz abgesehen davon, wie grausam es wäre, diesen einen erzwungenen Kuss mit Remus zu teilen, um dann genau zu wissen, was ich den Rest meines Lebens vermissen würde…
Der Werwolf starrte mit aufgerissenen Augen zu ihm hoch. „Ich habe den Zweig ja nicht gesehen. Aber du hättest ja auch aufpassen können."
„Jaja, von Ihrem Lamentieren haben wir jetzt alle sehr viel!" Der Tränkemeister bemühte sich, seinem Tonfall einen genervten und angewiderten Klang zu geben. Doch so ganz ließ sich die Panik nicht aus seiner Stimme verbannen. „Verdammt, da muss doch was zu machen sein… Albus, wo bist du?"
Der Direktor schob sich in sein Blickfeld. Obwohl er sich bemühte, mitfühlend auszusehen, konnte Severus genau sein zufriedenes Lächeln sehen. Er knurrte verzweifelt.
„So Leid es mir tut, mein Junge, aber die Regeln gelten für alle… ich kann für dich keine Ausnahme machen… ich wüsste sowieso nicht, wie das geht.", aufmunternd lächelte Dumbledore ihnen zu. „Also los!"
Noch einmal versuchte Severus aufzubegehren. „Aber ich steh hier mit… mit dem da!", er gestikulierte aufgebracht zu Remus hinüber. „Ein Mann."
Er stutzte. Das fiel ihm jetzt erst auf. Was hatte Dumbledore gesagt? Nur potentielle Partner? Wo die Vorlieben lagen und so weiter? Hieß das…
„Lupin! Sind Sie etwa schwul oder was?" Er sah den anderen Mann durchdringend an.
Dieser blinzelte überrascht. „Ja, natürlich. Wie man sieht." Remus machte eine Kopfbewegung, die die gesamte Situation einschloss. Dann lächelte er. „Du aber auch, Severus, sonst ständest du nicht hier…"
„Ähm. Das steht hier jetzt nicht zur Debatte." Severus hatte wirklich keine Lust, sich vor den versammelten Schülern – mittlerweile schien sich die ganze Schule eingefunden zu haben – über seine sexuellen Vorlieben auszutauschen. Der Kuss war schlimm genug… aber er würde ihn wohl oder übel überstehen müssen. Er konnte nur hoffen, dass niemand, und schon gar nicht Remus, etwas von seinen Gefühlen bemerkte. Also, los geht's, dachte er bei sich. Setz dein Pokerface auf, Augen zu und durch.
Severus räusperte sich. „Also gut, wir kommen da jetzt wohl nicht drumherum. Ich hoffe, es reicht ein Kuss auf die Wange?", fragte er mit einem Seitenblick auf den Direktor. Dieser zuckte die Achseln.
„Das habe ich noch nicht herausgefunden. Allerdings scheint das von der Größe der Zweige abzuhängen."
Das klang nicht gut… Der Zweig war schließlich ziemlich groß. Aber was blieb ihm anderes übrig?
Severus sah mit einem betont angewiderten und hasserfüllten – so hoffte er jedenfalls – Blick zu Remus hinunter, der ihn trotzdem sanft anlächelte. Nun, vielleicht sollte er an diesem Blick noch einmal arbeiten… aber jetzt hieß es, sich zu konzentrieren.
„Also, jetzt…", brachte er heraus. Mit einem Mal war sein Mund wie ausgedörrt, sein Hals schmerzte und seine Stimme klang heiser.
Er registrierte kurz noch, wie Remus sich ihm erwartungsvoll entgegenreckte. Dann beugte er sich ein wenig vor, platzierte einen trockenen Kuss auf der Wange des anderen und zuckte zurück.
Für kurze Zeit war er mit seinen Gedanken woanders, dann war er wieder in der Realität, sich selbst innerlich für seine mangelnde Selbstkontrolle ohrfeigend, und bemerkte, dass sich nichts verändert hatte.
Kein Signal, kein Funkenregen, und er war noch immer gelähmt. Er schnaubte frustriert.
Remus grinste zu ihm auf. „Tja, das hat wohl nicht gereicht. Also los, komm schon…" Er legte den Kopf ein wenig in den Nacken und bot Severus unmissverständlich seine Lippen dar.
„Wa…?" Severus starrte darauf. In ihm schrie es oh ja, oh ja, schnapp ihn dir und küss ihn, solange es geht! Aber er wusste, dass das nicht gut war.
„Nein, das werde ich bestimmt nicht!" Er versuchte zurückzuweichen, was natürlich nicht gelang, und sah sich panisch um. Erst jetzt fielen ihm die Schüler wieder auf. Offenbar waren nun sämtliche Schüler von Hogwarts anwesend, dicht um die beiden versammelt und in absolutem Stillschweigen verharrend. Solch eine Szene würde man wohl nie wieder zu sehen bekommen.
„Severus", seufzte der Werwolf. „Nun mach schon. Das wird ja wohl nicht so schlimm sein…" Er musterte den Slytherin mit einem undeutbaren Blick.
Der Tränkemeister starrte ihn grimmig an. Nein, natürlich war das nicht schlimm, dachte er, im Gegenteil. Nur nachher würde es schlimm werden, das wusste er jetzt schon. Wieder landete sein Blick auf den vollen, rostroten Lippen des anderen und er musste unwillkürlich schlucken.
Ein anderer, beunruhigender Gedanke keimte in ihm. Remus würde das bestimmt eklig finden. Seine eigenen Lippen waren nicht so weich und voll und sanft… Severus mochte seine Lippen nicht. Sie waren schmal, blass und rau. Natürlich hatte er sich nie für Lippenbalsam oder ähnliches interessiert, wozu auch? Es war doch sowieso alles hoffnungslos. Remus würde einen Kuss von ihm hassen…
Was suhlte er sich hier eigentlich im Selbstmitleid? Was dachte er da überhaupt? Jetzt war wohl kaum der richtige Zeitpunkt, um über Lippenpflege nachzudenken! Verdammt, das war doch nicht normal, wie er sich benahm. Und die ganze Zeit glotzte er auf Remus' Mund… Remus schaute ihn schon komisch an.
Severus sammelte sich. Dann neigte er sich wieder zu Remus und drückte seine Lippen kurz auf die des anderen. Remus' Lippen waren warm und nachgiebig an den seinen.
Er riss sich ruckartig zurück. Wie lange hatte er an Remus' Lippen verweilt? Er wusste es nicht. Sein umnebelter Verstand registrierte gerade noch, dass der andere ihn sanft zurückküsste, dann stand er wieder gerade und aufrecht vor dem Gryffindor. Mit brennenden Lippen. Die Abwesenheit von Remus' Mund schmerzte jetzt schon.
Reiß dich zusammen, Severus, dachte er, wütend über sich selbst. Das Gesicht zu einer Maske erstarrt blickte er sich um, kaum verwundert, dass sich immer noch nichts verändert hatte. Irgendwie war das klar gewesen, dachte er. Ein Zungenkuss mit Remus, oh Merlin!
Der Gryffindor starrte aus riesigen Augen in sein ausdrucksloses Gesicht hinauf. „Also, Severus", murmelte er ein wenig heiser. „Nächster Versuch!"
Severus hörte seinen eigenen Herzschlag in den Ohren wummern, als er sich Remus' Gesicht näherte. Der andere lehnte sich ihm entgegen, die Augen halb geschlossen, die Lippen leicht geöffnet. Lass deine Augen auf, Severus, sonst wirst du dich komplett lächerlich machen! Mit beträchtlicher Erleichterung registrierte Severus, dass er trotz Remus' Nähe noch zu logischen Überlegungen fähig war, und gehorchte seiner inneren Stimme.
Bemüht, seine Augen offenzuhalten, drückte er seine Lippen auf Remus' einladenden Mund. Er konnte spüren, wie sanft Remus' Lippen waren, wie nachgiebig, wie weich… Lass deine verdammten Augen auf!, ertönte wieder die lästige… nein, die äußerst hilfreiche Stimme in seinem Kopf. Severus hielt die Augen weit aufgerissen, konzentrierte sich auf den Anblick von Remus' geraden, braunen Wimpern direkt in seinem Sichtfeld, den dichten, geschwungenen Augenbrauen… erstaunlicherweise war es tatsächlich fast möglich, das Gefühl von Remus' Mund an seinem auszublenden.
Dann spürte er, wie sich Remus' Lippen etwas weiter öffneten, und Remus' Zunge, warm und weich an seinen Lippen! Okay, das war eindeutig. Severus öffnete langsam seine Kiefer und drückte Remus seine Zunge entgegen. Selbstbeherrschung, Selbstbeherrschung!, skandierte die Stimme in seinem Kopf, als sich ihre Zungen berührten, warm und glatt gegeneinander glitten. Die Augen weiterhin aufgerissen, sah Severus genau, wie Remus' Augenlider zitterten.
Severus' Augenbrauen zogen sich zusammen, als Remus begann, die Zunge leicht gegen seine kreisen zu lassen. Er konnte nicht verhindern, leicht zusammenzuzucken, als er Remus' Hand in seinem Nacken spürte, und Remus' Oberkörper, der sich gegen seine Brust lehnte. Seine Hände, die er hinterm Rücken verschränkt hatte, krampften sich zusammen.
Es schien eine kleine Ewigkeit zu vergehen, bis endlich das laute Signal ertönte. Augenblicklich zuckte Severus zurück und trat zur Sicherheit noch einen Schritt von Remus weg, nicht ohne misstrauisch an die Decke zu schauen. Dann erst warf er seinen besten Mörderblick in die Runde der ehrfürchtig schweigenden Schüler.
„Ich hoffe, ihr hattet alle euren Spaß!", sagte er bissig, warf noch einen verächtlichen Blick in Remus' Richtung und trat dann mit wirbelndem Umhang seinen Abgang an.
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Auf seinem Weg zu den Kerkern traf Severus keinen einzigen Schüler, was wohl daran lag, dass tatsächlich jeder der peinlichen Situation unter dem Mistelzweig beigewohnt hatte. In Anbetracht seiner gegenwärtigen Laune jedoch konnte dies nur positiv sein, da es ansonsten wahrscheinlich noch Tote gegeben hätte.
Ja, Severus kochte vor Wut. Verdammt, dachte er, warum musste so etwas immer ihm passieren! Irgendeine höhere Macht hatte eindeutig etwas gegen ihn.
Laut hallten seine Schritte durch die verlassenen Kerkergänge, als er die Tür zu seinen privaten Räumen erreichte und schlecht gelaunt sein Passwort zischte. Er betrat seine Räume, ließ zu die Tür mit einem gewaltigen Krachen zufallen und schmiss sich selbst in den nächstbesten Sessel.
Beruhige dich, Severus! Auch hier ließ ihn diese Stimme also nicht in Ruhe. Severus vergrub sein Gesicht in den Händen und stöhnte auf.
Er konnte es nicht verhindern, dass die Erinnerung an Remus' Kuss immer noch deutlich spürbar auf seinen Lippen lag. Überdeutlich meinte er die Weichheit des anderen Mundes zu spüren, die sanfte Art und Weise, mit der Remus' Zunge über seine Lippen und Zähne gestrichen hatte. Der leichte, kaum wahrnehmbare Duft des anderen, der ihn eingehüllt hatte.
Das schlimmste war jedoch das Bild, das sich nur in Sekundenbruchteilen in sein Gedächtnis gebrannt hatte: Remus, allein unter dem Mistelzweig, kurz bevor Severus gegangen war. Mit verwirrtem Blick, die Augen auf Severus gerichtet, den Mund halb geöffnet, die Lippen glänzend von seinen Kuss. Von seinem Kuss. Es war unfassbar.
Unruhig sprang Severus auf und ging mit langen Schritten in seinem Zimmer auf und ab.
Remus hatte die Hände noch halb angehoben gehabt, ausgestreckt nach ihm. Die Erinnerung daran brachte sofort die Empfindungen zurück, die Remus' Körper an seinem ausgelöst hatte. Remus' Hände, die sich in seinem Nacken leicht in sein Haar geschoben hatten.
Der Tränkemeister ertappte sich selbst dabei, wie er mit einer Hand über seinen Nacken strich, um die Berührung nachzuempfinden.
Das war zuviel!
Es hatte schließlich keinen Sinn, sich etwas einzubilden oder sich unsinnige Hoffnungen zu machen. Es war ein ganz normaler Kuss gewesen, nichts von Bedeutung für Remus. Immerhin hatte der andere keinen Ekel gezeigt, diese Demütigung wenigstens blieb ihm erspart. Doch war diese absolute Gleichgültigkeit wirklich viel besser? Wenn Severus daran dachte, dass dieser Kuss für Remus etwas Alltägliches war, dass er sich von anderen Männern küssen ließ, drehte sich ihm der Magen um. Aber was half es schon?
Es war sehr wahrscheinlich, dachte Severus, dass ein so gutaussehender Mann wie Remus jemand anderen hatte. Und zwar nicht den schmierigen Tränkemeister aus dem Kerker, das stand außer Frage. Dieser Kuss war alles, was er je von Remus haben würde, und damit sollte er verdammt noch mal zufrieden sein!
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Als Severus am nächsten Morgen erwachte, lag er ungemütlich zusammengekrümmt auf dem Sofa. Seine verspannten Muskeln schmerzten und sein Kopf dröhnte. Er setzte sich langsam auf und überlegte, wie er in diese schreckliche Verfassung geraten war, als er die angebrochene, nein, die eher fast leere Flasche Feuerwhiskey auf dem Tisch vor ihm sah.
Ah ja. Jetzt kam die Erinnerung langsam wieder. Frustriert, wie er war, hatte er gestern Abend versucht, sich etwas abzulenken und sich sich erst verschiedenen Büchern gewidmet, bevor er feststellte, dass er sich auf nichts konzentrieren konnte. Dann war er auf ein Fotoalbum seiner Schulzeit gestoßen, alte Erinnerungen waren wieder wachgeworden und er hatte beschlossen, seinen Kummer im Alkohol zu ertränken.
Nun, das war ihm offensichtlich gelungen. Was aber nicht hieß, dass er es nicht bereute. Mit schmerzverzerrtem Gesicht stand er aus und taumelte in Richtung seines kleinen Vorratsschranks. Zum Glück hatte er noch eininge Fläschchen des Kopfschmerztrankes vorrätig. Er fummelte ein wenig an dem kleinen Korken herum – diese Flasche war wirklich winzig, was hatte er sich nur dabei gedacht – bevor er den Trank mit einem Schluck hinunterstürzte.
Severus ertrog stoisch den ekelhaften Geschmack und wartete regungslos, bis die Wirkung einsetzte. Dann machte er sich auf den Weg ins Bad. Heute war Samstag, also ein schulfreier Tag. Er konnte nur besser werden als der gestrige Tag, da war Severus sich sicher.
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Bis kurz nach dem Frühstück lief alles normal. Severus zog auf dem Weg zur Großen Halle einer kleinen Schülerin aus Hufflepuff einige Punkte ab, da unerlaubterweise auf dem Gang zauberte. Beim Frühstück fehlte die Hälfte der Schüler, da diese wahrscheinlich ausschlafen wollten, und auch einige Lehrer, und die übrigen Lehrer unterhielten sich fröhlich quer über den Tisch hinweg.
Um seinen gerade erst verschwundenen Kopfschmerz nicht zu provozieren, beließ Severus es diesen Morgen bei ein paar Tassen Kaffee. Er bemühte sich, niemanden anzusehen, und er hatte den Eindruck, dass auch die anderen den direkten Blick auf ihn vermieden. Wahrscheinlich wollte niemand den dem gestrigen Ereignis Severus Zorn auf sich ziehen.
Auch Remus war beim Frühstück nicht anwesend, was Severus grimmig realisierte. Wahrscheinlich, nein, eher mit Sicherheit war diesem der gestrige Kuss sehr peinlich und er wollte Severus nicht sehen. Severus schnaubte bitter und lenkte damit einige verstohlene Blick auf sich.
So schnell wie möglich beendete Severus das Frühstück und machte sich wieder auf den Weg in seine Privaträume. Er hatte noch eine Menge wissenschaftlicher Magazine zu lesen, die innerhalb der Woche eingetroffen waren, und außerdem einige Tests zu korrigieren. Genug Unterhaltung also für das gesamte Wochenende.
Als er durch die Eingangshalle schritt, warf er wieder einen Blick an die Decke, die immer noch gespickt mit Mistelzweigen war, unter denen sich auch schon wieder eine Menge Pärchen tummelten. So entging ihm, wer gerade in diesem Moment auf ihn zu lief.
„Hallo Severus, gut, dass ich dich treffe!", sagte Remus außer Atem und keuchte ein wenig.
Severus starrte ihn an. Wo war der hergekommen, fragte er sich. Der andere stand schnaufend vor ihm, als wäre er gerannt… seltsam genug.
„Was gibt es denn so Dringendes, Lupin?", fragte Severus steif. Er zog die Augenbrauen zusammen und warf Remus einen grimmigen Blick zu. Guck nicht grimmiger als sonst!, erinnerte ihn die Stimme in seinem Kopf, verhalte dich ganz normal, als sei nichts passiert!
„Also, es ist so…", begann Remus und kaute auf seiner Unterlippe. Severus starrte darauf. Hoffentlich fängt er nicht an, von dem Kuss zu reden, sich zu entschuldigen oder so, dachte er bitter.
Aber Remus fuhr bereits fort. „Ja, also. Ich wollte dich fragen, ob du dieses Wochenende meine Hogsmeade-Aufsicht für mich übernehmen könntest? Ich habe nämlich etwas Dringendes in London zu tun und habe vergessen, dass heute Hogsmeade-Wochenende ist. Ich übernehme dann auch das nächste Mal für dich."
„Warum fragen Sie da ausgerechnet mich?", fragte Severus unbeteiligt. Es gab schließlich genug andere Lehrer.
„Alle, die ich gefragt habe, habe auch schon etwas Wichtiges vor. Bitte, Severus, es ist dringend! Du hast doch noch nichts vor, oder?" Remus sah ihn bittend an.
„Gut, wenn es sein muss", erwiderte Severus gelangweilt. Was sollte er tun? Dann verbrachte er eben ein Wochenende in Hogsmeade, um auf schreiende Gören und pubertierende Schulkinder aufzupassen. Toll! Du willst nur nicht, dass Remus dich für ein noch größeres Arschloch hält als sowieso schon!, ärgerte ihn sein Gewissen.
„Vielen Dank, Severus!" Remus schien wirklich erleichtert. Er drückte begeistert Severus' Arm und wollte sich schnell auf den Weg machen, doch es schien, als würde er an eine durchsichtige Mauer prallen. Severus starrte ihn verwundert an. Dann dämmerte es ihm.
Als er seine Füße vom Boden zu heben versuchte, war ihm bereits klar, dass es nicht funktionieren würde. Er seufzte genervt. So ein Pech konnte aber auch nur er haben. An zwei Tagen direkt hintereinander!
Mit einem beeindruckenden Schnauben drehte er sich zu Remus um, der ihn erstaunt anblickte.
„Schon wieder", sagte Remus und sah zu dem Mistelzweig auf, der über den beiden schwebte.
„Wie kann das schon wieder passierten?", fragte Severus ärgerlich.
„Na, komm schon, Severus… Da kann doch niemand etwas für. Bringen wir es schnell hinter uns, wir können es ja eh nicht ändern", murmelte Remus und warf einen Blick zur Seite.
Ah, ja. Severus hatte bisher nicht darauf geachtet, jetzt jedoch bemerkte er, dass die Eingangshalle brechend voll war. Es schien sich ja blitzschnell herumgesprochen haben, dass die beiden Professoren wieder unter einem Mistelzweig standen.
Als Severus den Blick hob, wurde er außerdem gewahr, dass ein Fluss weiterer Schüler durch die Seitentüren und über die Treppe hineindrängte. Und täuschte er sich, oder trugen einige von ihnen nur Schlafanzüge oder nachlässig zugebundene Bademäntel?
Mit gerunzelter Stirn wandte sich Severus von der Schülermenge ab, wieder Remus zu, der wartend vor ihm stand. Also gut, tu es einfach und dann ist gut!
„Gut, kommen Sie her", forderte er Remus auf und beugte sich ihm entgegen. Die Augen des anderen schlossen sich.
Severus verharrte kurz, auf Remus' entspanntes Gesicht blickend, dann drückte er seine Lippen auf Remus' Mund. Sie fühlten sich weich und warm an, und Severus seufzte innerlich. Schnell öffnete er seinen Mund und drückte seine Zunge zwischen Remus' Lippen. Der andere kam ihm entgegen. Ihre Zungen streiften sich, umkreisten sich kurz. Severus wurde heiß. Die träge Bewegung, mit der Remus seine Zunge gegen die von Severus schob, fühlte sich so intim an, so bedeutungsvoll, voller Versprechen.
Da ertönte das Signal. Severus sprang zurück, riss die Augen auf – wann hatte er sie geschlossen? – und räusperte sich. Dann nickte er Remus grimmig zu, zog seine Roben um sich und ging durch die gaffenden Schülermassen davon.
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Der Samstag verging langsam. Severus verbrachte Stunden über Stunden in der Kälte und beaufsichtigte die Schüler, die sich in Hogsmeade herumtrieben.
Zu allem Überfluss schienen sich überall Pärchen gebildet zu haben. Nicht, dass es etwas Neues wäre, dass die Schüler sich an den Hogsmeade-Wochenenden zu Dates verabredeten. Doch jetzt kam es Severus so vor, als wäre er die einzige Person auf Erden, die ohne Partner herumlief.
Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sogar sein Patensohn offensichtlich eine Beziehung mit dem Potterjungen eingegangen war. Severus erwischte die beiden mehr als einmal beim Händchenhalten, und schließlich stolperten die beiden ihm mit roten Wangen und zerzausten Haaren aus einer Seitengasse entgegen.
Severus wandte sich verärgert ab, jedoch nicht ohne Gryffindor zwanzig Punkte wegen unsittlichen Verhaltens und Verführung eines Mitschülers abzuziehen. Der wütende Blick von Potter machte den Ausdruck seichter Empörung auf dem Gesicht seines Patensohns wieder wett.
Als sich der Tag schließlich dem Ende zuneigte und Severus auch den letzten Schüler aus dem Drei Besen gezerrt hatte, fühlte er sich ausgelaugt und müde.
Endlich wieder in seinen Räumen, schloss er die Tür hinter sich, lehnte sich stumm dagegen und blickte sich in seinem Wohnraum um. Es sah aus wie immer. Bücherregale, Vitrinen und Schränke, sein Schreibtisch und ein einziger Sessel vor dem Kamin. Das Feuer brannte nicht.
Severus fröstelte. Kurz flackerte vor seinem inneren Auge ein Bild auf. Remus, im Lichtschein des Feuers auf einem breiten Sofa kuschelnd und freudig zu ihm aufblickend, die Hand nach ihm ausgestreckt.
Alter Narr, dachte Severus bitter, durchmaß den Raum mit seinen langen Schritten, nahm sich einen Schlaftrank aus einer Vitrine und ging zu Bett.
~ to be continued ~
Soo, das war der zweite Teil… nächste Woche geht es weiter! :)
