Blutige Nächte
Fanfiction von Slytherene
Buona sera!
Es läuft nicht, bei ‚Frühlingserwachen', derzeit, und da die Resonanz auf ‚Blutige Nächte' so positiv war, hier ein weiteres Kapitel mit der bösen, unheimlichen Marina Bertucci.
(at)Pete: danke für deine Reviews. Da Du ‚anonymus' reviewst, kann ich Dir nicht direkt antworten.
Und jetzt viel Vergnügen…
Musicus: Eros Ramazotti mit „Adresso tu"
2. Unerwartete Allianzen
Draco blickte panisch von Marina Bertucci zu Remus Lupin. Ein Knall ertönte, als die Apparitionssperre, die einer der getöteten Schwarzmagier errichtet haben musste, in sich zusammen brach. Der junge Slytherin, ohne seinen Stab nicht in der Lage, diesen Vorteil zu nutzen, lief in die Dunkelheit davon.
„Noch kriegen wir ihn", rief Remus atemlos. „Er weiß sicher eine Menge. Außerdem wird er Voldemort brühwarm berichten, dass Sie hier sind."
„Genau das ist der Zweck dessen, ihn entkommen zu lassen. Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass sein Herz andernfalls noch schlüge?" Sie lächelte beinahe unschuldig.
Remus erschauerte. Diese Frau war grausam und berechnend. Was bei Merlin hatte Dumbledore geritten, sie nach London zu bestellen?
„Lassen Sie uns nach den Toten sehen", knurrte er und schritt eilends in das Lokal zurück, das nun den Anblick eines Schlachtfelds bot.
Die Leichen lagen kreuz und quer übereinander: Personal, Gäste, Todesser. Er entdeckte Gilderoy neben dem Tisch, an dem er gegessen hatte, zwischen einigen wirklich attraktiven Hexen. Sein Gesicht zeigte einen Ausdruck von Verwunderung und den Anflug eines eitlen Lächelns. Diesmal würde man dem Zauberer im St. Mungos nicht helfen können. Seine Augen waren blicklos und starr.
„Sie sind alle tot", sagte Remus tonlos.
„Natürlich", hörte er Miss Bertuccis Stimme kühl hinter sich. Er drehte sich um. Sie lehnte entspannt im Türrahmen und feilte ihre langen, dunkel lackierten Fingernägel. „Meine Flüche sind stets perfekt."
Remus erhob sich und ging langsam auf sie zu. Als er direkt vor ihr stand, fixierte er ihre schwarzen, seltsam irrisierenden Augen. ‚Wie die schillernden Ringe in einer Altölpfütze', dachte er.
„Ich weiß nicht, was Sie sind, Miss Bertucci. Ich habe noch niemals einen Zauber gesehen, der dem Ihren auch nur annähernd gliche. Mein Auftrag ist jedoch beendet. Ich werde weder moralische Positionen mit Ihnen erörtern, noch eine Diskussion mit Ihnen über die Ethik der Zauberergesellschaft erwägen. Ich besitze zwar die Vollmacht, Sie ins Hauptquartier des Ordens zu bringen, aber wenn Professor Dumbledore dieses wünscht, muss er sie selbst einladen."
Sie sah ihn an, ein kaltes Lächeln auf dem ausdruckslosen Gesicht. „Man hat mir berichtet, Sie seien ein ausgesprochen höflicher, diplomatischer Mann, Mr. Lupin. Der Inbegriff des englischen Gentlemans mit angenehmen Umgangsformen. Ich sehe, dass man mich falsch informiert hat. Sie unterscheiden sich in Nichts vom Rest Ihrer flohbesetzten Spezies. Von der schäbigen Robe über die magere Gestalt bis zu Ihrer Unverschämtheit ein typischer Werwolf." Sie machte auf dem Absatz kehrt und marschierte auf die dunkle Straße hinaus.
Nach ein paar Metern wandte sie sich noch einmal um und bemerkte über die Schulter:
„Richten Sie Albus aus, er erreicht mich im ‚Vier Jahrszeiten'. Eine Botentätigkeit werden Sie hoffentlich bewerkstelligen können."
Ehe Remus, dem tatsächlich die Zornesröte in die Wangen geschossen war, ihr eine passende Antwort geben konnte, hatte die Dunkelheit sie verschluckt.
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„Du hast was getan?" fragte Albus Dumbledore am nächsten Morgen entgeistert, als Remus ihm im Esszimmer von Nummer Zwölf Bericht erstattete.
„Diese Frau ist ein Monster!" rief Remus aus.
„Eine Einschätzung, die in der Tat aus berufenem Munde stammt", bemerkte Severus kühl.
Remus überhörte die bissige Bemerkung des Tränkemeisters, nicht ohne an einem bitteren Kloß zu schlucken.
„Sie ist gefährlich", wiederholte er warnend. „Sie hat all diese Menschen auf dem Gewissen. Sie mordet skrupellos, ohne jede Regung. Sie beherrscht einen multiplen Todesfluch." Er hatte ihnen den Zauber bereits beschrieben.
„Eben deshalb hättest du sie niemals beleidigen dürfen", beharrte Albus und in seinen Augen war nicht die Spur eines väterlichen Zwinkerns. Er seufzte. „Ich wusste, warum ich so lange gezögert habe, die Bertuccis einzuschalten. Claudio ist mein Freund, aber seine Tochter ist unberechenbar. Ich verstehe nicht, warum er sie gesandt hat."
„Weil sie die gefährlichste Waffe ist, die er uns zur Verfügung stellen kann", schnarrte Snape.
„Leider hat Lupin hier ja nichts Besseres zu tun, als sie in die Arme des Dunklen Lords zu treiben."
Remus ließ sich auf einen der hochlehnigen Stühle sinken. Er war am Ende seiner Kräfte.
Plötzlich spürte er eine Hand auf seiner Schulter.
„Keine Sorge, Lupin, Marina wird Dem-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf niemals ihre Gefolgschaft anbieten. Die Bertuccis sind seine geschworenen Feinde." Der Druck auf Remus Schulter verschwand und das hölzerne Klonk von Moodys Bein erklang bei jedem Schritt, den der grauhaarige Zauberer tat. „Aber ich gebe Remus Recht, Albus. Marina Bertucci ist so sehr Waffe wie Sicherheitsrisiko. Ich möchte sie mit all ihrer dunklen Magie nicht hier im Grimmauldplatz haben."
„Ich weiß, ich weiß", antwortete Albus und strich sich müde über die Stirn. „Aber wenn wir wollen, dass sie auf unserer Seite kämpft, müssen wir ihr vertrauen. Auf ihre Fähigkeiten zu verzichten, können wir uns einfach nicht mehr leisten."
Er schüttelte den Kopf. „Ich muss dich leider bitten, Remus, sie aufzusuchen und dich bei ihr zu entschuldigen."
„Eine seiner leichtesten Übungen. Im Staub kriechen beherrscht Lupin in Perfektion."
„Snape!" fiel Moody dem Lehrer für Zaubertränke zornig ins Wort.
„Nein", winkte Remus ab. „Schickt einen anderen. Severus, du bist doch für deine feinsinnige, diplomatische Art bekannt." Der sarkastische Unterton war unüberhörbar.
„Du vergisst, dass ich bereits genug für den Orden leiste", wies ihn der Slytherin hart zurecht. „Entsenden wir doch das andere mottenzerfressene Flohfell. Wenn sie ihn versehentlich umbringt, sind wir eine erhebliche Sorge und einen Unruhefaktor los."
Remus war kurz davor, seinen Stab zu ziehen. Er hasste es, wenn Snape über Sirius herzog. Der Slytherin musterte ihn provozierend. „Versuch's doch, Lupin. Immerhin bist du doch Spezialist für Verteidigung gegen die Dunklen Künste…ach, ich vergaß. Derzeit wegen eines unbedeutenden pelzigen Problems außer Dienst."
„Severus!" mahnte Dumbledore müde und etwas halbherzig.
Doch Remus war bereits aufgestanden und verließ mit zitternden Händen den Raum. Sirius! Er musste Sirius finden. Ihn und den Feuerwhisky. Dringend.
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„Nein", sagte Remus bestimmt und rieb sich die geröteten Augen. „Nein, auf keinen Fall!"
„Aber versteh' doch, Remus", beharrte Arthur. „Wir sind auf jede Verstärkung angewiesen."
„Das sieht Dumbledore ähnlich, dich vorzuschicken, um so etwas Abwegiges von Moony zu verlangen", knurrte Sirius und fuhr sich mit ein paar ölstarrenden Fingern und das ungepflegte, lange Haar.
„Er hat mich nicht vorgeschickt, Sirius", erwiderte Arthur ruhig. „Er hatte es Remus bereits gestern morgen angetragen."
„Angetragen?" Sirius spuckte aus. „Seine Bitten haben mittlerweile den Charakter von Befehlen angenommen."
Arthur seufzte. Die beiden letzten Marauder konnten wirklich halsstarrig sein.
Tonks erschien in der Küche, die Haare heute bonbonlila, und ließ sich neben Sirius auf die Bank plumpsen.
„Hey", sagte sie als Begrüßung. Dann zog sie die Nase kraus. „Du stinkst, Sirius. Hat dir noch keiner den Vorzug von Reinigungszaubern erläutert? Diese ganze Küche hier riecht wie ein Tierasyl."
Sie rückte demonstrativ ein Stück von Sirius weg.
„Was ist los? Ihr blast Trübsaal, dass einem schlecht werden könnte."
„Moony soll bei so einer italienischen Zicke zu Kreuze kriechen, der er ordentlich die Meinung gesagt hat", beklagte Sirius.
„Italienische Zicke? Klingt interessant. Warum hast du ihr denn die Meinung gesagt? Ich meine, da muss sie ja schon was ziemlich Fieses getan haben." Tonks sah Remus fragend an.
„Sie hat mit einem einzigen Fluch eine ganze Horde Todesser erledigt."
„Und wo ist das Fiese?" fragte Tonks.
„Es sind immerhin Menschen. Sie tötet ohne Gewissen, ohne jedes Bedauern." Remus schüttelte den Kopf. „Und jetzt sagt Arthur, Dumbledore will sie tatsächlich hier haben – hier im Haus."
„Mein Haus, kommt überhaupt nicht in Frage." Sirius grinste. Es wirkte wie ein zorniges Zähneblecken.
„Warum sollte Dumbledore sie einladen, wenn sie nicht vertrauenswürdig ist?" fragte Tonks.
„Weil sie der Abgesandte des italienischen Äquivalents des Phönixordens ist", erläuterte Arthur.
„Was?" Tonks Augen wurden groß. „Die Bertuccis haben jemanden geschickt?"
„Du kennst sie?" fragte Sirius entgeistert.
„Du weißt etwas darüber?" sagte Remus im gleichen Moment.
„Natürlich weiß ich alles", erwiderte Tonks. „Mensch, Sirius, Ihr habt als Kinder mit den Bertucci-Mädchen gespielt. Ihre Eltern waren mit deinen befreundet, bevor Der-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf empor stieg. Claudio Bertucci ist der schwarze Magier im Hintergrund in Italien. Das sind jetzt Ministeriumsinformationen, natürlich vertraulich", sagte sie wichtigtuerisch.
„Was will Dumbledore dann von ihm?" fragte Remus erstaunt.
„Bertucci hält Italien konsequent todesserfrei", erwiderte Tonks. „In seinen Diensten steht eine Art Phantom, der ‚Vollstrecker'. Niemand kennt ihn, aber er muss ein ziemlich gerissener Hund sein. Oh, sorry, Sirius."
„Ich hatte keine Ahnung", sagte Arthur.
„Ich war doch vor zwei Jahren zum Aurorenaustausch in Rom. Daher kenne ich mich ein bisschen aus", erwiderte Tonks. Dann wandte sie sich wieder Sirius zu:
„Mensch, du musst dich aber doch erinnern. Die ältere Tochter war so eine arrogante Tussi mit langen blonden Haaren, eine halbe Veela, so heißt es. Die zweite Tochter hat immer mit dir und Regulus zusammen gehockt, wenn sie hier war. Sie war damals zwar schon erwachsen, ihr müsst so siebzehn, achtzehn gewesen sein. Ich erinnere mich nicht so gut, ich war ja damals erst neun oder zehn."
„Ich erinnere mich überhaupt nicht mehr", brummte Sirius und fügte mit bitterem Unterton hinzu: „Muss ne gute Erinnerung gewesen sein."
„Na ja", meinte Tonks und grinste. „Ich habe euch in der Gartenlaube knutschen sehen, dich und die andere Bertucci."
„Du hattest schon immer einen desaströsen Geschmack", entfuhr es Remus, bevor er sich auf den Mund schlug. „Entschuldige, Pads", bat er mit geknickter Miene.
„Schon okay", erwiderte Sirius und klopfte ihm auf die Schulter. Dann kam er steifbeinig von der Küchenbank in die Höhe. „Ich geh' dann mal duschen."
„Gute Entscheidung", sagte Tonks und gähnte.
„Hattest du eine harte Woche?" fragte Remus höflich. Bei der einzigen Frau außer Molly, die ihm gelegentlich ein Lächeln schenkte, wollte er zumindest die Form wahren.
„Ziemlich", entgegnete sie. „Diese seltsamen Morde mit den zerfetzten Leichen machen uns echt zu schaffen.
„Was für Morde?" fragte Remus.
„Wenn du gelegentlich die Zeitung lesen würdest, anstatt dich zu betrinken, wärest du besser informiert, Lupin", schnarrte es von der Küchentür her. „Man spricht von einem räudigen Werwolf, der sich vom Mondzyklus gelöst hat. Bist du sicher, dass Lupin die letzten Nächste zuhause war, Black?"
„Verzieh dich, wenn du nichts Sinnvolles beizutragen hast, Snivellus", knurrte Sirius.
„Geh' ihm besser aus dem Weg", ulkte Tonks zu Snape gewandt, „er geht duschen. Da müssen große Ereignisse bevorstehen."
„Ich gehe diese Tussi holen", verkündete Sirius. „Das „Vierjahreszeiten" ist in Muggellondon. Ich appariere dahin, hole sie ab und komme hierher zurück. Völlig ungefährlich."
Doch Snape verstellte ihm den Weg. „Diese Aufgabe ist dem Werwolf zugedacht", zischte er.
„Ich piss mir gleich in die Hose vor Angst", sagte Sirius kalt. „Geh aus dem Weg oder ich brech' dir die hässliche Nase noch mal. Ich kenne die Dame von früher."
Snape gab den Weg frei. Ein böses Lächeln kräuselte seine schmalen Lippen, und seine Augen funkelten Unheil verkündend. „Da wünsche ich dir viel Erfolg, Black. Wie du weißt, können nur Dumbledore oder Lupin das Haus für Uneingeweihte sichtbar machen. Du wirst mit ihr vor der eigenen Tür stehen. Großer Auftritt."
Sirius verdrehte die Augen.
„Komm mit duschen, Moony. Die Fledermaus hat recht."
Blitzschnell hatte Snape seinen Stab gezogen, doch Tonks, die den Streit vorausgesehen hatte, war die Schnellste gewesen.
„Expelliarmus!" kreischte sie. Die Stäbe der Kontrahenten flogen durch die Luft und in ihre ausgestreckte Hand. „Merlin, der Orden wird die Italiener mehr als nötig haben, wenn ihr nicht endlich zusammen arbeitet, ihr Idioten!"
Snapes Gesicht war weiß vor Wut, darin unterschied er sich nur wenig von Sirius. Doch der Gryffindor zuckte schließlich mit den Schultern, schüttelte sich, wie ein Hund, der die Schelte seines Herrn abschüttelt, und stapfte die Treppe hinauf.
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„Ich will deine Sachen nicht anziehen, Pads", protestierte Remus.
„Dein Umhang ist aber nicht luxushotelkompatibel, und du willst nicht auffallen, Moony."
„Ich gehe nicht", sagte Remus zornig. „Deine Klamotten sind mir zu weit, zu lang, zu…"
„Wir ändern sie. Ein Schlenker mit dem Stab." Sirius blieb geduldig und freundlich.
„Es sind trotzdem nicht meine", beharrte sein Freund stur. „Wenn ich deine Kleidung trage, weiß jeder, dass sie nur geliehen ist. Und ich will nicht…"
„Moony", unterbrach Sirius ihn. „Du stellst dich an. Ich weiß, es ist hart, aber sieh' mal, du hast so viel zu tun für den Orden, du könntest auch dann nicht arbeiten, wenn du es…na ja…könntest."
Er legte ihn eine Hand auf den Unterarm. „Du bist unser einziger Vollzeit-Agent. Das ist doch was", versuchte er es mit Diplomatie.
Remus seufzte, und Sirius wusste, dass er gewonnen hatte.
„Du weißt, ich würde liebend gern für dich gehen", murmelte Sirius. „Aber du hast Moody ja gehört."
Allerdings, die Standpauke, die Moody ihnen gehalten hatte, als er erfuhr, dass Sirius nach Muggellondon wollte, war nicht zu überhören gewesen.
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„Ich wünsche, Miss Bertucci zu sprechen", sagte Remus dem Portier in der chromblitzenden, mit endlosen Metern dicker, kostbarer Teppiche ausgelegten Empfangshalle."
„Und wen darf ich melden?" fragte der Mann mit näselnder Stimme und musterte Remus kritisch. Da er keinen Mangel feststellen konnte, hellte sich seine Miene unmerklich auf. Jetzt war Remus seinem Freund dankbar, dass er auf akzeptabler Kleidung bestanden hatte. Schließlich konnte Miss Bertucci nicht ahnen, dass Mantel, Hose und Hemd Leihgaben waren.
„Lupin. Remus Lupin", beantwortete der Gryffindor die Frage.
Der Portier nickte, verschwand durch eine Tür und kehrte nach einer Weile zurück.
„Miss Bertucci bittet Sie, im Salon zu warten."
Er wies in Richtung des Teesalons.
Remus nickte ergeben und machte sich dann auf den Weg.
Der Salon atmete Noblesse und edles Understatement. Remus ließ sich an einem Tisch in einer ruhigen Ecke auf einem zweifellos antiken Sofa nieder.
Eine freundliche, junge und sehr hübsche Bedienung fragte nach seinen Wünschen.
„Eine Tasse Tee, bitte."
„Wir haben einen besonders tollen Darjeeling bekommen, ein Flugtee, erste Ernte."
„Nein, danke. Bringen Sie mir bitte einen klassischen Ceylon-Assam."
Sie nickte und entfernte sich wieder.
Eine Weile später kehrte sie zurück und servierte stilvoll den Tee mit einer Kanne heißen Wassers, Milch und Zucker.
Remus lehnte sich gegen die weichen Polster. Er war müde, und diesmal konnte er den Mond nicht verantwortlich machen. Was hatte ihn nur dazu getrieben, sich mit Sirius so hemmungslos zu betrinken?
Die Flasche war – einmal mehr – der letzte Ausweg gewesen. Dumbledore und Snape, die Kombination setzte ihm zunehmend besonders zu. Man schätzte ihn im Orden – um seiner Funktion, seiner Nützlichkeit, seiner Besonderheit Willen. Aber er war müde und ausgebrannt. Sirius bei Laune zu halten, sich um die zunehmend wilderen Rudel im Norden Schottlands zu kümmern, bevor Fenrir es tat – das alles erschöpfte ihn zutiefst. Es dauerte jetzt einfach schon zu lange.
Irgendwo zwischen der Gegenwart und Godric's Hollow, irgendwo zwischen der hundertsten Absage für eine akzeptable Stelle und Snapes ewig wiederkehrendem beißenden Spott hatte er den höflichen, zurückhaltenden, aber auf irgendeine Zukunft hoffenden Remus Lupin verloren.
Und jetzt hockte er hier in dieser Lobby, trank einen Tee, den er sich nur aus Ordensmitteln leisten konnte und wartete auf eine Frau, die ihm Angst einflößte – um sie nach Grimmauldplatz zu bringen, in das einzige „zuhause", das er kannte.
„Dumbledore schickt anstatt einer Eule einen vierbeinigen Briefboten", hörte er ihre Stimme unerwartet sanft, aber doch voll Spott neben sich.
Er starrte Marina Bertucci an, die in einem eleganten Kostüm jetzt ihm gegenüber Platz nahm. War sie aus dem Boden gewachsen oder trotz Verbots hier in den Salon appariert? Ihr Lächeln wollte so gar nicht zu ihrem zynischen Tonfall passen.
„Guten Abend, Miss Bertucci. Danke, dass Sie sich hierher bemüht haben." Remus würde ihr nicht die Genugtuung gönnen, dass sie merkte, wie unangenehm ihm seine Aufgabe war.
„In der Tat hat Professor Dumbledore mich gebeten, Sie abzuholen, um Sie ins Hauptquartier des Ordens zu bringen."
„Mm, und er hat Ihnen vernünftige Kleidung besorgt. Sehr löblich." Sie lächelte wieder, und Remus spürte, wie seine Selbstbeherrschung in sich zusammenfiel. Diese bösartige Frau machte ihn so wütend. Wie hatte sie den Zauber nur erkennen können? Sirius' Kleider passten ihm wie angegossen nach der Transformation.
Sie beugte sich zu ihm hinüber, so dass der Duft ihres teuren Parfüms ihn umwehte. „Man kann es nicht sehen", flüsterte sie verschwörerisch. „Aber Ihre Kleidung riecht nicht nach Wolf, sondern nach Hund." Den letzten Satz hatte sie so laut gesagt, dass der jungen Kellnerin, die an der Bar die Gläser für den Abend polierte, ein teurer Cognacschwenker herunter fiel.
Remus sprang auf. „Lassen Sie es uns hinter uns bringen, bevor ich mich vergesse", presste er zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor.
„Oh – sie wollen doch diesen exquisiten … na, Flugdarjeeling ist das wohl kaum… nicht stehen lassen?" fragte sie mit unschuldigem Augenaufschlag. „Obwohl, wenn ich mir recht besehe, scheinen Sie eher härterem Stoff zuzusprechen. Ihre Bindehäute sind ja noch ganz rot."
Remus Lupin ballte die Fäuste und zählte in Gedanken bis zehn.
„Regen Sie sich ab", sagte sie leise an seinem Ohr. Sie stand so nah, dass ihr Atem seine Haut streifte. Er erschauerte. Sie war ihm geradezu körperlich unangenehm. „Falls es Ihnen entgangen ist, ich habe dreimal nichts als die Wahrheit gesagt. Dumbledore hat Sie geschickt, Ihre Kleider sind geliehen und riechen nach Hund, und Sie möchten den Tee – auch diesen billigen Ceylon - wirklich nicht stehen lassen. Warum also ärgern Sie sich über mich?"
Sie ließ ihn stehen wie einen dummen Jungen. Mit selbstsicheren Schritten strebte sie zum Ausgang. Remus folgte ihrer schmalen Silhouette mit den Augen. Sie war eine schöne, elegante Frau, und er verabscheute sie. Es gab nicht viele Menschen, die dieses Gefühl in ihm auslösten.
Er hörte, wie sie die Kellnerin anwies, den Tee aufs Zimmer zu schreiben. Remus folgte ihr zur Rezeption, wo der Portier einen livrierten Diener rief, der ein geschätztes Duzend edler Lederkoffer auf einem Wagen durch die Lobby schob.
„Ich habe das Taxi bereits bestellt, Miss Bertucci", sagte der Portier. Dann wurde sein Blick leicht glasig. „Die Rechnung geht selbstverständlich aufs Haus", hörte Remus den Mann sagen.
„Selbstverständlich", bestätigte Miss Bertucci, und verließ die Hotelhalle.
Sie stieg in den Fond des wartenden Taxis, Remus nahm neben dem Fahrer Platz.
Er drehte sich zu ihr um. „Sollten wir nicht … eine andere Art des Transports ins Auge fassen?"
„Leider", erwiderte Miss Bertucci, „muss ich noch ein paar Besorgungen erledigen. Entspannen Sie sich, Mr. Lupin. In Roma ich habe auch stets meine kleine Hund dabei, wenn ich shoppen gehe."
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Mehr als drei Stunden später und um etliche Tüten vermutlich sündhaft teueren Inhalts reicher hielt der Wagen am Grimmauldplatz. Miss Bertucci hatte Remus schlicht erpresst.
„Wenn Sie meine Anwesenheit in ihrem Hauptquartier wünschen, dann werden Sie meinen Zeitplan akzeptieren", hatte sie gesagt.
Endlich standen sie in der schäbigen Straße.
Die Koffer waren aufgereiht und gestapelt, und Remus durchfuhr klammheimliche Freude, als er sah, dass der Straßenschmutz und der Regen dem teuren Leder sofort zusetzte. Marina Bertucci jedoch lächelte unbeirrt.
„Sieh an, Grimmauldplatz. Das Haus der Blacks stand früher hier irgendwo. Nummer Zwölf. Ich gebe zu, der Tarnzauber ist perfekt. Obwohl ich weiß, dass es hier ist, kann ich es nicht sehen."
Remus sah sie entsetzt an. Wenn sie es jetzt schon wusste, dann würde sie es verraten können, dem Zauber auf Dumbledores Zetteln zum Trotz. Das, was ihr jetzt bereits an Information zur Verfügung stand, würde weiterhin verfügbar bleiben. Gebunden war sie nur hinsichtlich dessen, was sie jetzt erst erfuhr.
„Nun machen Sie schon, ich bin keine Abgesandte von Tom Riddle", sagte sie ungeduldig.
Zögernd reichte ihr Remus die von Dumbledore handgeschriebene Notiz.
Marina Bertucci las sie und lächelte dann breit. In diesem Augenblick fiel Remus der erste Makel an ihrem sonst perfekten Gesicht auf. Ihr Mund war für die Proportionen etwas zu breit. Wahrscheinlich brauchte man ein breites Froschmaul, wenn so viele Bosheiten hinaus fielen.
„Kümmern Sie sich um mein Gepäck", sagte sie herrisch, und eine halbe Sekunde später war sie in der Haustür verschwunden.
Remus fluchte lästerlich, dann schrumpfte er ihre Bagage und levitierte sie ins Haus. Einen Haufen Koffer mit vielleicht magischem Inhalt hier draußen stehen zu lassen, war einfach zu riskant, andernfalls hätte er ihre Sachen liebend gern vom Londoner Regen fort spülen lassen.
Merlin, er hasste diese Frau!
Remus folgte Marina Bertucci in den düsteren Hausflur. Er hörte die kühle, aber respektvolle Begrüßung Moodys – hatte dieser nicht gestern erst heftig widersprochen, als es darum ging, die Römerin nach Grimmaudplatz zu bringen? Genau genommen war Moody neben Sirius der Einzige gewesen, der die Hexe nicht im Haus hatte haben wollen.
Im nächsten Moment hörte Remus einen spitzen Schrei, er hastete an den aufgespießten Elfenköpfen entlang und sah – Kreacher, halb an die Wand gepresst, der nun auf allen Vieren an Miss Bertucci heran robbte, eine Höflichkeitsfloskel nach der anderen murmelnd: „Die edle Dame kehrt ein in dieses Haus. Welch ein Segen, welch eine Labsal für Kreachers alte Augen. Endlich einmal keine flohverseuchten Halbmenschen, tierische Schädlinge" – er warf Remus einen verächtlichen Blick zu – „Verräter und Blutschänder. Kreacher ist glücklich, Euren Umhang tragen zu dürfen, Kreacher wird Euch das allerbeste Zimmer zureckt machen, Kreacher…"
„Es ist hier im Haus nicht üblich, die Hauselfen zu treten", vernahm Remus Moodys Stimme. Jetzt erst bemerkte er die beiden dunkelblauen Beulen an Kreachers Kopf: Auf seiner Stirn zeichnete sich der Abdruck von Miss Bertuccis Stiefelabsätzen ab, auf seinem Hinterkopf prangte die Beule, die er sich offenbar beim Sturz gegen die Wand zugezogen hatte.
„Oh bitte, werte Lady, Kreacher steht zu Ihren Diensten, wann immer Ihr ihn zu treten Euch herablasst, Kreacher will bestraft und getreten werden von diesen Händen, diesen Füßen, dieser Mund soll Strafen über ihn verhängen,…"
Remus drehte sich fast der Magen um, und er staunte nicht schlecht, als er Kreacher nur Sekundenbruchteile später mit einer Armada von Schrubbern und einem Putzeimer bewaffnet die Treppe hinaufhinken sah.
„Glauben Sie mir, Mr. Moody, ich weiß, wie man mit Hauselfen umgeht. Bei mir spuren sie aufs Wort", verkündete die Italienerin.
‚Das glaube ich sofort', dachte Remus. ‚Auch Hauselfen fürchten um ihr Leben.'
Im selben Moment flackerte der Kamin in der Halle auf, und die hochgewachsene Gestalt von Albus Dumbledore trat aus dem Feuer.
Er sah Marina Bertucci, grüßte Remus und Moody mit einem Kopfnicken, und schritt dann auf die Römerin zu.
„Verehrte Miss Bertucci, willkommen im Hauptquartier des Phönixordens." Er reichte ihr seine Hand, die sie ohne zu zögern ergriff. „Ich bedaure, dass ich Sie nicht selbst abholen konnte, aber ich bin sicher, Remus hat Ihnen in angemessener Weise Gesellschaft geleistet. Ich bin sicher, er wird sich auch in den nächsten Tage um alle Ihre Bedürfnisse kümmern."
Remus glaubte für einen Augenblick, sich verhört zu haben. Was hatte Dumbledore gesagt? Er, Remus, solle sich um diese grässliche Frau kümmern? Das konnte der Direktor einfach nicht ernst gemeint haben.
„Ímmerhin, einen alter Hauself und einen Werwolf als Diener, das hat man nicht alle Tage", erwiderte sie mit kühlem Lächeln.
Remus räusperte sich. „Ich muss Ihnen zu meinem Bedauern mitteilen, dass ich mit mannigfaltigen Arbeiten in meiner Eigenschaft als Buchhalter und Kassenführer des Ordens beschäftigt bin. Ich werde mich also kaum…"
„Das ist kein Problem, Remus. Minerva wird dich von diesen Pflichten entlasten", verkündete Dumbledore und sah ihn über die Gläser seiner halbmondförmigen Brille hinweg mahnend an. Dann wandte er sich wieder der Hexe zu: „Ich bin sehr erfreut, dass Ihre Familie sich zu einer Zusammenarbeit mit uns entschlossen hat, Miss Bertucci. Ich darf sagen, dass ich Ihren Vater schon seit sehr vielen Jahre kenne, und wenn wir auch nicht immer einer Meinung waren, so gab es doch stets ein gewisses Maß an Wertschätzung."
„Ich werde ihm Ihre freundlichen Worte gerne übermitteln", entgegnete Miss Bertucci. „Er wäre selbst angereist, aber unerwartete Geschäfte hielten ihn leider von dieser überaus interessanten Reise ab. Ich werde Sie jedoch gerne bei Ihrer Arbeit unterstützen, Albus, soweit es in meinen bescheidenen Möglichkeiten steht." Ihre Stimme klang jetzt zuckersüß.
„Wie man hört sind diese Möglichkeiten mit ironischem Unterton gar nicht so bescheiden", vernahm Remus eine sonore Stimme vom Treppenabsatz im ersten Stock. Dort stand Sirius, aber nicht der ungekämmte, zottelige Gefährte seiner durchzechten Nächte, sondern der in einen teuren blauen Umhang gewandtete Erbe des Hauses Black. Jemand hatte Sirius davon überzeugt, dass er deutlich imposanter wirkte, wenn er sauber und angemessen bekleidet auftrat.
Marina Bertucci sah zu dem großen, dunkelhaarigen Mann die Treppe hinauf, und zum ersten Mal erschien ein Lächeln auf ihrem schönen Gesicht, das nicht kalt und raubtierhaft wirkte. Es verwandelte sie, und Remus hatte für einen Moment die Vision einer edlen, dunklen Elbin vor Augen. Sirius musste es ähnlich ergangen sein, denn er kam nun federnden Schrittes und eilig die Treppe hinunter.
„Miss Bertucci, vermute ich", sagte er und sog ihren Anblick förmlich mit seinen Sternhimmelaugen auf.
„Sirius…Sirius Black", erwiderte sie, und ihre Stimme war weich wie Samt. „Wie sehr ich mich freue", sagte sie, und vollführte eine elegante Bewegung, die fast an einen Hofknicks erinnerte. Und Sirius…küsste ihr tatsächlich die Hand.
Als er wieder hoch kam, bemerkte Remus sofort dieses verräterische Glitzern in den Augen seines Freundes, das er dort schon einige Male entdeckt hatte, wenn Sirius eine verloren geglaubte Erinnerungen nach einem unerwarteten Reiz wieder gefunden hatte. Es war offensichtlich, dass er sich an Marina Bertucci erinnerte.
„Ich bin…hingerissen", sagte Sirius. „Es ist mir ein Vergnügen, Sie in meinem Hause willkommen heißen zu dürfen, Miss…Marina."
„Ich werde mich bestimmt sehr wohl fühlen, jetzt, nachdem wir uns hier wieder treffen, Sirius. Zeigen Sie mir London? Ich war so lange nicht mehr hier."
„Mit dem allergrößten Vergnügen", antwortete Sirius und strahlte die schöne Italienerin an.
Dumbledore räusperte sich.
„Sirius wird immer noch von Auroren gejagt, Miss Bertucci. Wir haben ein paar Vorkehrungen treffen müssen, zu seiner Sicherheit, und ich denke, dass ein Besuch in London nicht…"
„In meiner Anwesenheit werden Sie sich über Sirius' Sicherheit kaum Gedanken machen müssen, Albus", fiel ihm Marina Bertucci ins Wort. Sie machte eine Handbewegung an Sirius' Gesicht entlang, und Remus blinzelte, weil er das Gefühl hatte, etwas ins Auge bekommen zu haben. Im nächsten Augenblick hatte Sirius ein fremdes Gesicht: Flächiger, mit kalten, hellblauen Augen, einer aristokratischen Nase, einem energischen Kinn und einem kräftigen, sinnlichen Mund. Sein schwarzes Haar war von langen grauen Strähnen durchzogen. Remus hätte ihn nicht erkannt. Er erinnerte sich an dieses Gesicht, es kam ihm bekannt vor, aber er konnte es nicht einordnen und hätte diesen Mann niemals mit Sirius in Verbindung gebracht.
„Beeindruckendes Hexenwerk", gestand Dumbledore lächelnd zu. „Sie haben offenbar erhebliche Fortschritte erzielt in Salerno." Er wandte sich Moody und den anderen zu. „Die Academia in Salerno ist ein kleines, privates Institut, das von Miss Bertuccis Mutter geleitet wird. Auch ich hatte einmal als junger Mann die Gelegenheit, dort ein Semester lernen zu dürfen. Aber wie ich sehe, hat man im Bereich der Verwandlungen dort wahre Quantensprünge vollzogen."
„Ein Kompliment aus Ihrem Munde, Albus, erfüllt mich mit Stolz", sagte Miss Bertucci.
„Lob, wo es angebracht ist, schmückt den Laudator ebenso wie den Beschenkten", erwiderte Dumbledore. „Darf ich davon ausgehen, dass ich Sie bei einer außerordentlichen Sitzung des Ordens übermorgen Abend offiziell vorstellen darf?" erkundigte er sich höflich.
„Das dürfen Sie", gestattete sie und nickte…fast hätte Remus in Gedanken den Begriff ‚huldvoll' verwendet.
„Du kümmerst dich bitte um die Vorbereitungen, Remus?" bat Dumbledore.
Der Tonfall hatte den Charakter eines Imperativs.
Wortlos und mit zusammen gepressten Lippen stieg Remus die Treppe hinauf, um die Ordensmitglieder zu der unverhofften Sitzung einzuladen.
Sirius indes verschwand – Marina Bertucci im Schlepptau – in Richtung des prunkvollen Esszimmers, um ‚die Hausführung zu beginnen'.
„Sie haben wirklich einen Hippogreif?", hörte Remus noch die Stimme der Hexe. „Faszinierend. Stolze, majestätische Tiere!"
„Ja, und Seidenschnabel ist ein besonders prächtiges…" Die schwere Holztür fiel hinter ihnen ins Schloss.
Sirius' stolzgeschwängerte Stimme klang noch lange in Remus' Kopf nach.
TBC
