Kapitel 1

Zurück zu den Isolationswurzeln

Ein Großteil des Blutes war bereits in meinen Khakis festgetrocknet und färbte sie damit rotbräunlich, als die schwere Tür der Isolationszelle hinter mir geschlossen wurde. Mein letzter Besuch hier war kurz, aber ich erkannte sofort, dass die Zelle, in der ich mich nun befand, exakt dieselbe war, in der ich zuletzt eingesperrt wurde.

In der rot gestrichenen Tür war in Großbuchstaben KILL ME NOW eingeritzt. Das Lüftungsgitter, welches meine Zelle mit der Nachbarszelle verband, war nicht nur stark verdreckt, sondern auch an einigen Stellen demoliert. Die türkise Matratze, extrem dreckig und abgenutzt, war so dünn, dass es für meine Bequemlichkeit keinen großen Unterschied gemacht hätte, wenn sie gefehlt hätte. Die Wand war fleckig, möglicherweise an einiges Stellen sogar verschimmelt und der kalte Boden vom vielen Umherwandern der Insassen abgetreten.

Aber eine Sache war anders, wie ich schließlich begriff, als ich mich stark zitternd mit einem nervösen Augenzucken auf das unbequeme Bett setzte und in der hintersten Ecke verkroch, die Füße auf die Matratze gestellt, die Beine dicht an den Körper angezogen und mit meinen Armen umklammert. Dieses Mal würde ich hier weitaus mehr Zeit verbringen, als achtundvierzig Stunden.

Obwohl ich eingenickt war, hatte ich mich keinen Zentimeter bewegt, bis einige Stunden später die Tür geöffnet wurde und zwei Männer in den kleinen Raum eintraten. Der Officer, ein großer schwarzer Mann mit Glatze und einem mürrischem Blick, legte ein beiges Tablett mit undefinierbarem Essen, was wohl mein heutiges Frühstück darstellen sollte und das einzige Weihnachtsgeschenk sein dürfte, mit welchem ich für dieses Jahr rechnen konnte, auf den Boden, bevor er sich gegen die Wand neben das Gitter lehnte.

Der andere Mann hatte kurze blonde Haare und einen emotionslosen Gesichtsausdruck. Er trug einen weißen Kittel und hielt einen Verbandkasten in der rechten Hand.

„Miss Chapman", begrüßte der Arzt mich mit einem Kopfnicken und legte den Kasten neben mir auf dem Bett ab. Nachdem er ihn öffnete, kramte er einen Lappen hervor, ging zum Waschbecken um ihn in Wasser zu ertränken und wrang ihn anschließend aus. „Ihre Hände bitte", sagte er schließlich, als er vor mir stand und hielt mir eine nasse Hand gestreckt entgegen.

Ich brauchte einen Moment, bis ich realisierte, um was er mich bat und löste die Umklammerung meiner Beine. Sofort ergriff er mit einem überraschend sanften Halt meine rechte Hand, wischte mit dem Lappen das Blut von den Knöcheln und Fingern und wiederholte dies mit meiner anderen Hand.

Er drehte sich wieder um, um den Lappen auszuwaschen und ich nutzte die Zeit, auf meine nun sauberen Hände zu starren. Die Haut an den Knöcheln und Gelenken war aufgeplatzt, das Fleisch darunter klar zu erkennen. Blutergüsse waren dabei sich zu bilden und ich wusste, dass es nicht lange dauern würde, bis die Knöchel anschwellen würden.

„Ballen sie die Hände", ordnete der Arzt mich an und ich tat, wie mir geheißen. Je weiter ich meine Finger beugte, desto größer wurden die Schmerzen, bis sie schließlich unerträglich wurden und ich meine Hände zischend wieder entspannte.

Der Arzt nickte lediglich, als ich den schmerzerfüllten Laut von mir gab, nahm meine Hände wieder in die seinen, bewegte nach und nach jeden Finger einzeln in alle Richtungen und beobachtete dabei genau meine Reaktionen.

„Gebrochen ist offenbar nichts, aber definitiv verstaucht und geprellt", diagnostizierte er und begann damit, meine Hände mit einem Verband zu umwickeln, „Seien sie ein paar Tage vorsichtig mit den Bewegungen und lösen sie den Verband nicht voreilig."

Mit diesen letzten Worten hob der Arzt seinen Verbandkasten wieder auf und verließ gemeinsam mit dem grimmigen Officer meine Zelle. Die Tür wurde laut zugeknallt und mein Blick fiel von meinen nun verbundenen Händen auf das Tablett am anderen Ende der Zelle.

Langsam senkte ich mich von dem Bett auf den Boden herab und kroch, darauf achtend, meine Hände nicht zu stark zu belasten, auf mein Frühstück zu. Auf dem Tablett lag eine einzelne Scheibe Graubrot belegt mit einer undefinierbaren Wurstsorte. Die Wurst war den Rand entlang mit grünem Schimmel gesprenkelt, also legte ich diese vorsichtig beiseite, um den Zustand des Brotes zu begutachten. Darauf konnte ich zwar keinen Schimmel, dafür aber eindeutig Bissspuren erkennen, die vermutlich von einem Nagetier und damit höchstwahrscheinlich einer Ratte, stammten.

Die Wurst weiterhin gänzlich ignorierend, hob ich das angebissene Stück Brot auf, riss ein kleines Stück ab und kaute vorsichtig darauf herum, bis ich beschloss, dass es zwar definitiv keine Delikatesse war, aber immerhin nicht den eindringlichen Wunsch in mir hegte, mich über die Toilette zu beugen und das Brot wieder hervor zu würgen.

Ich schob das Tablett mit der verschimmelten Wurst zur Seite und fand mich kurz darauf erneut in einer zusammengekauerten Position auf der verdreckten Matratze wieder. Doch während ich gestern noch viel zu erschöpft war, um überhaupt irgendetwas zu realisieren und infolgedessen kurz nach dem Schließen meiner Augen das Bewusstsein verloren hatte, war nun, das einzige was ich sehen konnte, wenn ich meine Augen schloss, die weit aufgerissenen Augen von Pennsatucky, als ich sie zu Boden stieß und anfing, auf sie einzuschlagen.

Mein Blick fiel auf meine verbundenen Hände, die unkontrolliert anfingen zu zittern, nachdem ich sie von meinen Beinen löste, um meine Position zu wechseln. Ich versuchte, meine Atmung so ruhig wie nur möglich zu halten, als ich meinen Rücken gegen die Wand presste, meine Beine in einen Schneidersitz verschob und die Hände in meinen Schoß legte.

Ich holte einmal tief durch die Nase Luft, hielt den Atem für ein paar wenige Sekunden und atmete langsam durch den Mund wieder aus. Und dann nochmal und nochmal, bis meine Hände sich beruhigten und ich meine Gedanken konzentrieren konnte. Die Schreie und Rufe der anderen Gefangenen versuchte ich in die hinterste Ecke meines Kopfes zu drängen und analysierte unterdessen meine derzeitige Situation, angefangen bei den Ereignissen am Heiligabend.

Die ganze Geschichte war nicht meine Schuld, diese Erkenntnis änderte zwar nichts an meiner Situation, aber ich hatte das Gefühl, als müsste ich mich für meine Handlungen rechtfertigen, sogar vor mir selbst.

Ich hätte Pennsatucky niemals angegriffen, wenn sie nicht auf mich zugekommen wäre. Und all das wäre niemals eskaliert, wenn Healy eingegriffen hätte. Aber stattdessen stand er neben der Tür, mit seinem Thermosbecher in der Hand, beobachtete uns mit einem gleichgültigen Blick, als würde er die nachfolgenden Handlungen genehmigen und verschwand wortlos.

Was würde der Counselor zu dem Vorfall sagen? Caputo wird bestimmt jeden seiner Mitarbeiter befragen, ob sie irgendetwas sahen, hörten oder wussten. Was also würde Healy ihm erzählen? Dass er uns gesehen hatte? Dass ich Pennsatucky vorsätzlich attackierte? Ich schüttelte frustriert den Kopf, nach allem was geschehen war, würde ich es ihm zutrauen. Niemand würde mein Wort über seines stellen und er wäre mich endgültig los.

Aber es war nicht vorsätzlich, es war Notwehr. Wenn sie mich nicht mit ihrem angespitztem hölzernen Kreuz bedroht hätte, als müsste sie mir wie ein Exorzist das Böse austreiben, hätte ich nicht zum Schraubenzieher-

Der Schraubenzieher... Meine Augen wurden weit bei der Erinnerung an das Werkzeug, das ich am selben Tag zuvor von Big Boo, meinem Weihnachtswichtel, geschenkt bekommen habe. Oder besser gesagt, zurückerhalten habe. Denn es war genau dieser Schraubenzieher, den ich versehentlich an meinem allerersten Arbeitstag in der Elektrowerkstadt hab mitgehen lassen. Immerhin wusste ich nun, wohin der Schraubenzieher so plötzlich verschwunden war, nachdem ich ihn unter meiner Matratze versteckte.

Wenn die Wärter das Werkzeug entdecken, werden sie vermuten, dass ich ihn bei mir hatte, in dieser Hinsicht blieb mir jedoch nichts anderes übrig als zu hoffen, dass sie ihn entweder nicht finden würden, was natürlich äußerst unwahrscheinlich war, oder, dass sie keine Spuren darauf entdecken könnten, die auf mich schließen würden.

Der Schraubenzieher kam also definitiv auf die wachsende Liste meiner Probleme. Immerhin hatte ich keine Gelegenheit, Pennsatucky damit zu attackieren, da sie zuvor mit ihrem Kreuz meine Hand aufschlitzte, rekapitulierte ich den Abend weiter.

Was hatte mich dazu getrieben, ohne ein Gewissen auf die kleinere Frau einzuprügeln?

„Gott liebt dich nicht!", bemerkte sie mit ihrem breiten, großspurigen Grinsen im Gesicht und wedelte mit dem Kreuz durch die Luft, die angespritzte Seite auf mich gerichtet, während ich selbst das Blut beobachtete, dass aus der frischen Wunde von meiner Hand auf den Boden tropfte und den Schnee am Auftreffpunkt dampfend zum Schmelzen brachte.

„Du bist Gottes Liebe nicht würdig!", erläuterte sie schließlich mit steigender Lautstärke, das Grinsen langsam verschwindend.

„Du bist NIEMANDES Liebe würdig!", dieser Satz brachte mich dazu, von meinem eigenen Blut aufzusehen und in die braun-grünlichen Augen zu starren. Auf einmal stürzte die gesamte Wahrheit, alles, was in den letzten Tagen passiert ist, auf mich ein.

Larry, der heraus gefunden hatte, dass ich ihn betrogen habe, ausgerechnet mit meiner Ex und mir in seinem eigenen Zorn erzählt hatte, dass eben jene Ex, mich entgegen ihrer eigenen Behauptung den Behörden auslieferte. Die mir gesagt hatte, dass ich nie wieder zu ihr kommen solle, nicht mit Problemen, Liebe, Bedürfnissen, Trauer, Wut oder sogar meiner wortwörtlichen schmutzigen Wäsche, da ich ihr nach acht Jahren erneut das Herz brach, indem ich Larry ihr vorzog. Und anschließend erneut Larry, der sich endgültig von mir trennte, weil er mein „Karussell" nicht mehr ertragen konnte und nicht aus Angst mit mir zusammen sein wollte.

Mit einem Mal entwickelte sich all das in eine ungeheure Wut auf alles und jeden, das berühmte „Piper-Temperament", wie Alex es nannte. Pennsatucky schien die Veränderung meiner Gefühle von meinem Gesicht ablesen zu können, denn sie ging einen halben Schritt zurück und veränderte die Haltung des hölzernen Kreuzes, als könne sie mich wie einen Dämonen von ihr fernhalten, wenn sie das Kreuz nur lange genug auf mich richtete.

„Deshalb ist es Zeit, dass du stirbst!", schrie sie schließlich und hob ausholend ihre Arme über den Kopf, um mir das Holz in den Körper zu rammen. Doch sie hatte das Pech in meiner absoluten Wut die einzige Person in meiner unmittelbaren Nähe zu sein und so gab ich ihr nicht die geringste Chance für einen Angriff. Ich trat zu. Ich schlug zu. Und ich schlug. Und schlug. Und schlug.

Ich lachte ein kurzes, trockenes Lachen und schüttelte den Kopf bei der Erinnerung an den exakten Kampfablauf. „Ziemlich extreme Form von Notwehr", murmelte ich zu mir selbst.


Nach einer weiteren, dieses Mal deutlich unruhigeren Nacht sowie einem weiteren und ebenso unappetitlichen Frühstück, bekam ich erneut Besuch von einem gänzlich in Blau gekleideten Officer.

„Auf zu den Duschen", sagte er mit einem lüsternen Blick, während er nach meinen Händen packte. Ich schrak im ersten Moment vor der Berührung zurück, wodurch der Mann nur umso fester zupackte, bevor er mir ein Paar Handschellen anlegte und mich aus meiner Zelle führte.

In dem Duschraum befreite er eines meiner Handgelenke, sodass ich mich meiner Kleidung entledigen konnte, bevor er mich an einer Halterung an der Wand direkt unter einem der Duschköpfe festkettete.

Er ging ein paar Schritte zurück, sodass er selbst nicht nass werden würde und hatte genug Anstand, um zumindest so zu tun, als würde er sich weit genug weg drehen, um mich nicht beobachten zu können.

Nachdem ich eine der unangenehmsten Duschen meines Lebens abgeschlossen hatte und mich so gut wie möglich mit dem Handtuch abtrocknete, was mir gereicht wurde, bat ich den Officer um neue Kleidung.

Dieser lachte mir offen ins Gesicht. „Klar doch, sobald du hier raus kommst kannst du dir in der Wäscherei neue holen." Ich seufzte schwer und zog mir widerwillig meine drei Tage alten, blutverschmierten Khakis an.

Die Verbände an meinen Händen hatte ich noch nicht gelöst gehabt, wodurch ich noch für einige Zeit nach meiner Dusche an allem, was ich anfasste, nasse Abdrücke hinterließ. Außerdem tropften meine noch überwiegend nassen Haare meine Kleidung voll.

Drei weitere Tage lang erinnerte mich das Blut auf meiner Kleidung immer und immer wieder an den Kampf mit Pennsatucky. Der Anblick machte mich verrückter als das Geschrei der anderen Insassinnen. Doch als ich das nächste Mal abgeholt wurde, um mich duschen zu können, brachte mir die junge Frau eine saubere Uniform in meiner Größe mit, für die ich mich großzügig bedankte. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so erfreut darüber sein würde, frische Kleidung in meinen Händen zu halten.

Nach, wie ich glaubte, zwei weiteren Tagen brachte mir ein neues Gesicht mein Abendessen, bestehend aus gemanschten Kartoffeln, die eine grüne Färbung hatten, sowie etwas nicht weiter definierbarem Fleisch.

„Kann ich dir irgendwas bringen?" Bei der Frage sah ich verwirrt auf und starrte den Officer an. Auf sein Hemd war der Name Foley gestickt.

„Bringen?", fragte ich, den Kopf leicht geneigt und zuckte etwas, weil ich zum ersten Mal seit meines letzten Duschgangs meine eigene Stimme hörte.

Foley nickte knapp und war der erste Officer in der sogenannten Security Holding Unit, der mir tatsächlich den Ansatz eines sympathisierenden Lächelns schenkte. Ich dachte nicht wirklich großartig nach, sondern antwortete komplett reflexartig mit „ein Buch."

Erneut nickte Foley, bevor er mich wieder verließ und nicht vor dem nächsten Abendessen wiederkehrte, tatsächlich nicht nur mit einem Tablett voller widerwärtigem Essen, sondern ebenfalls mit einem aus der Bibliothek ausgeliehenem Buch in seiner Hand.

Perfekt, dachte ich sarkastisch, als ich den Titel las. Anna Karenina von Leo Tolstoi. Was wäre in meiner derzeitigen Situation besser als ein Roman über Ehebruch und Selbstmord. Nichtsdestotrotz war ich dankbar für die Beschäftigung, die mir das Buch bringen würde und so begann ich zu lesen, mein Essen gänzlich ignorierend, wie ich es oft in den letzten und folgenden Tagen tat.

Als mich Foley einige Tage später wieder fragte, ob ich irgendetwas bräuchte, bat ich ihn um Papier und einen Stift und auch das brachte er mir zu meiner Überraschung vorbei. Es waren lediglich drei Blatt und der Stift war ein alter pinkfarbener Filzstift, aber es war mehr, als ich erwartet hatte.

Ich begann alles Mögliche auf die Zettel zu schreiben, unter anderem die Namen der verschiedenen Wärter, die mir mein Essen brachten oder mich alle paar Tage zu den Duschen führten.

Mit jedem weiteren Tag wurde dieser Alltag immer normaler. Die Schreie der anderen Gefangenen wurden zu einem monotonen Grundrauschen. Das immerwährende Licht in meiner Zelle, das Nachts, oder besser gesagt zu dem Zeitpunkt, von dem ich glaubte, dass es Nachts war, aus irgendeinem Grund flackerte, wurde so gewöhnlich, dass ich sogar begann, mich in dem etwas dunkleren Duschraum unwohl zu fühlen.

Hin und wieder nutzte ich meinen unendlichen Vorrat an Zeit dazu, sinnlos die wenigen Meter meiner Zelle abzulaufen, damit ich wenigstens etwas in Bewegung blieb, doch es dauerte nicht lange, bis mir die Möglichkeit wirklich zu laufen fehlte. Es fehlte mir mehr als der Kontakt zu anderen Menschen, mehr als eine ruhige Nacht, mehr als vernünftiges Essen.

Ich wusste nicht, wieso, aber irgendwann begann ich damit, meine Langeweile zu vertreiben, indem ich das gekochte Eigelb, welches ich sowieso nicht ausstehen konnte, an die Wand über meinem Bett schmierte. Über die Tage hinweg entstand so das Bild eines Gold-Waldsängers der aus einer gelben Blüte trinkt.

Irgendwann meinte einer der Officers, er sollte das Frühstück, dass er mir gerade brachte einfach wieder mitnehmen, und mich stattdessen mein Kunstwerk, dass ich stolz Durstiger Vogel taufte von der Wand ablecken. „Ich hasse Eigelb", war meine einzige Reaktion, meine Stimme schwach und rau durch den geringen Gebrauch.

„Dein Vogel sieht aus wie der gelbe Angry Bird!", rief der Officer lediglich, als er mich wieder mit meinen Gedanken alleine ließ. Und Gedanken war ein gutes Stichwort, denn das war, womit ich mich am meisten beschäftigte.

Mit den Gedanken an Pennsatucky, wie sie blutig im Schnee lag, von der ich nicht einmal musste, ob sie sich irgendwo in einem Krankenbett befand, gekettet an einen IV und Maschinen, die sie am Leben erhalte würden oder ob ich tatsächlich lange genug auf sie einprügelte, um sie umzubringen.

Mit den Gedanken an Larry, meinen süßen, aber vollkommen unfokussierten Verlobten… Ex-Verlobten, dem ich Dinge angetan habe, die er niemals verdient hätte. Ich habe ihn betrogen, ihn belügt, ihn verraten und auch wenn mein Verstand mir sagte, dass ich verdient habe, was ich infolgedessen von ihm erhielt, konnte ich nicht anders, als eine gefährliche Mischung aus Trauer und Wut zu verspüren.

Mit den Gedanken an Alex, meiner hinreißenden, aber manipulativen Ex-Freundin, die ich einst als Liebe meines Lebens bezeichnete. Gefühle, die ich bis heute scheinbar nie wirklich ablegen, sondern lediglich verdrängen konnte. Gefühle, die sie erwiderte und ich in meinem Narzissmus zertrampelte, woraufhin sie die nur allzu verständliche Entscheidung traf, nie wieder etwas mit mir zu tun haben zu wollen.

Ich dachte daran zurück, wie ich Dina im Badezimmer von Schlafsaal E erklärte, dass im Gefängnis der wahre Feind die Wahrheit ist.

„…Nun geht es nur noch darum, den Tag zu überleben, ohne zu weinen.

Und ich habe Angst. Ich habe noch immer Angst. Ich habe Angst, dass ich im Gefängnis nicht ich selbst bin und ich habe Angst, dass ich es bin.

Die anderen sind nicht das beängstigendste im Gefängnis, Dina, sondern dass du deinem wahren Ich gegenüber stehst. Denn wenn du erst einmal hinter diesen Mauern steckst, kannst du nirgendswo hin rennen, selbst wenn du es könntest.

Hier holt dich die Wahrheit ein, Dina…"

„Ist das mein wahres Ich?", murmelte ich niedergeschlagen und spürte, wie zum ersten Mal seit Tagen wieder Tränen meine Wangen hinab liefen.


Fortsetzung folgt...