Kapitel 2

Nachdem Legolas an das Fenster geschritten war, verschlug es ihm die Sprache. Mit offener Kinnlade starrte er etwas in die Ferne. Schließlich entfleuchte ihm ein „wunderschön" und die anderen bestätigten ihn darin. Von ihrem Fenster aus konnten sie bestens über einige kleinere Felsen hinweg genau auf die Badestätte der Frauen sehen. Die meisten saßen in der kleinen Quelle, einige aber saßen mit ihrem Gesicht zum Fenster hin. Während Legolas eigentlich von der Aussicht sprach, die sich nicht auf die Frauen bezog, waren die anderen Gefährten genau davon in den Bann gezogen. Der junge Prinz begutachtete gerade eine alte Eiche, als Thalion eine Bemerkung von sich gab, die Legolas das erste Mal in die Richtung der Frauen blicken ließ.

„Ich finde Faeneth hat einen sehr schönen Körperbau. Wenn die Anderen auch nicht zu verachten sind." Endlich, als Legolas schnallte das seine Gefährten nicht von demselben Thema sprachen wie er, schoss ihm die Röte ins Gesicht und er drehte sich um. Jetzt zuzugeben, dass er das nicht meinte, wäre unpassend und er würde sich irgendwie nicht männlich fühlen, so ging er einfach zu seinem Bett und ließ seine Freunde weiter gaffen. Nach kurzer Zeit aber hatte er seine Pein überwunden.

„Ihr seid doch pervers! Arme Mädchen bespannen." Sagte er mit beinahe schon königlichem Tonfall und tadelte seine Genossen. Diese starrten ihn nun ungläubig an.

„Willst du uns jetzt weismachen, dass dich diese wunderschönen, perfekten Frauenkörper nicht anziehen?" Legolas wurde abermals Rot und stand empört auf.

„Das habe ich nie behauptet!" Seine Stimme quietschte mehr als gewollt und er klang wie ein kleiner Junge der sich den Schikanen seiner Geschwister widersetzte. Seine drei Mitreisenden lachten ihn aus und wandten sich dann vom Fenster ab.

„Aber er hat Recht, es ist nicht richtig sie anzusehen." Sprach Tûron, wobei Legolas etwas sarkastisch lachte.

„Du hast uns doch erst auf diese Fährte geführt." Tadelte er ihn liebevoll, wobei der Krieger leicht beschämt zur Seite schaute. Seufzend schüttelte der Elbenprinz seinen Kopf und merkte, dass seine Haare noch immer ein einziger Knoten waren. Also ging er noch einmal zum Fenster, nahm den Kamm vom Boden und kämmte sich stur die Knoten heraus. Schließlich war das getan und es schien als würden mehr Haare auf dem Boden liegen als an Legolas Kopf waren. Er fing an sich aufwendig einen Zopf zu flechten, während die anderen ihn neugierig beobachteten. Als er aufblickte hielt er in seiner Bewegung inne und sah zu ihnen.

„Was?" fragte er unschuldig und legte seinen Kopf fragend zur Seite.

„Spürst du eigentlich so etwas wie Schmerz?" fragte Thalion und lachte abermals über seinen Freund. Legolas wurde das langsam zu Bunt, ständig wurde er verhöhnt.

„Ach, halt doch deinen Mund, Thalion. Niemand hier ist interessiert an deinen Kommentaren." Schnell befestigte er seine Haare noch mit einem Band und stürmte dann schon beinahe aus dem Raum. Er wusste, dass er ziemlich überreagiert hatte, aber er hatte gerade keine Lust auf gar nichts. Plötzlich fiel ihm ein, dass sie sich alle zusammen in einem Raum aufhalten sollten, so stand er also still vor der Tür.

Einige Zeit verging, bis er sich wieder beruhigt hatte. Plötzlich wurde die Tür geöffnet an die sich Legolas entspannt gelehnt hatte, so fiel er beinahe in den Raum, konnte sich aber nicht rechtzeitig fangen. Er starrte zu dem Täter, der schon wieder kicherte. Natürlich konnte das nur Thalion sein, aber er war der Einzige der es belustigend fand. Tûron und Gellad lächelten nicht einmal. Legolas blickte die beiden an. Er merkte das Gellad entschuldigend und voller Reue zu ihm blickte und Tûron ihm nur zunickte. Das war bei ihm eine Art Entschuldigung, zumindest kam es Legolas so vor. Mit einem nun durch und durch finsteren Blick sah er zu Thalion.

„Fertig gelacht?" fragte er gereizt und untergrub damit die gute Laune.

„Ja…" bekam er leise als Antwort. „Ich wollte mich entschuldigen. Vielleicht bin ich wirklich etwas respektlos geworden." Sprach er noch leiser. Legolas aber legte ihm nur die Hand auf die Schulter.

„Wenn du es nicht bist, wer dann?" aufmunternd lächelte er zu seinem Freund, der nun auch schon die trübe Stimmung verloren hatte. Mit einer freundschaftlichen Umarmung war der Frieden wieder hergestellt. Ein schüchternes Räuspern brachte Legolas dazu seinen Gefährten loszulassen und er drehte sich um. Eine weitere junge Frau stand vor ihm. Sie war groß gewachsen, zierlich aber nicht dünn. Sie schien wirklich ein perfektes Wesen zu sein… zumindest schien es dem Prinzen so. Ihre Blicke trafen sich und er hatte das Gefühl das sie sich eine Ewigkeit angesehen hatten. Dann aber sah die junge Elbe wieder auf den Boden und flüsterte irgendwas. Da Legolas es nicht verstand und auch Thalion nur ratlos blickte, sagte er leise.

„Verzeih. Aber ich kann dich nicht verstehen, wenn du zu meinen Füßen sprichst." Er lächelte liebevoll und als sich ihre Blicke ein weiteres Mal trafen schlug Legolas' Herz einen Moment so hart, dass ihm ein wenig schwindelig wurde. Sein Magen fing an zu kribbeln und er wusste nicht so Recht, warum sie ihn so… so besonders ansah. Dann sah sie schüchtern zu den anderen Drei und beugte sich zu seinem Ohr hin. Legolas schloss wie aus Reflex die Augen und unterdrückte das aufkommende Gefühl sie zu umarmen. Sie kam ihm so nahe, dass ihr Atem seine empfindliche Haut traf. Er erschauderte, dann lauschte er ihren Worten.

„Komm mit mir baden.." bat sie leise, offen und mit einer leichten Forderung. Überrumpelt davon wich er ein wenig zurück, sah dann unsicher zu Thalion, anschließend zu Gellad und dann zu Tûron. Alle sahen sie ihn fragend und durch dringlich an. Die Elbe drehte sich um und ging einige Schritte.

„Entschuldig mich einen Moment…" sagte Legolas schließlich und folgte der Frau. Thalions pfeifen überhörte er und das Tûron zur Tür geschritten war und ihm ungläubig hinterher starrte ignorierte er einfach. Die beiden gingen um die nächste Ecke.

„Ich glaub das nicht… was hat er, was ich nicht habe?" schmollte Thalion, doch Tûron war nicht ganz so beglückt.

„Er ist reich, ein Prinz und ich kenne sie nicht." Nuschelt er mit zusammengebissenen Zähnen und machte einige Schritte in die Richtung der Beiden.

„Lass sie!" mahnte Thalion, doch der Krieger schien ihn nicht hören zu wollen.

„Was soll eine Frau denn schon anrichten? Soll sie ihn mit ihren Nägeln abstechen. Sei ehrlich, du bist doch nur eifersüchtig." Thalion erntete einen drohenden Blick und Tûron kam ihm so nahe, dass sich seine Nackenhaare aufstellten.

„Sie hat ihn noch nie gesehen und geht MIT IHM BADEN?" Tûron sprach erst leise drohend, schrie sein Gegenüber an. Thalion zuckte zusammen, dann mischte sich Gellad ein.

„Wir gehen ihnen hinterher!" Tûron nickte zufrieden und schnaufte noch einmal eingeschnappt in Thalions Richtung, der nun leicht versteinert dastand. Zwar hatte er keine Angst vor dem Krieger selbst, aber wenn es um Legolas' Wohl ging, konnte er zu einer ziemlichen Furie werden.

Während sich die drei auf den Weg machten, dem „Pärchen" hinterher zu schleichen, war Legolas dabei sich ein wenig Mut einzureden. Schließlich schaffte er es und sah zu seiner Begleiterin.

„Wieso möchtest du ein Bad mit mir nehmen, wir kennen uns nicht." Erleichtert die Frage gestellt zu haben blieb der junge Prinz stehen. Auch die Elbe stand still neben ihm und es dauerte einen Moment bis sie ihn ansah.

„Ich mag ...dich" flüsterte sie, ehe sie dann schnell weiter ging. Legolas folgte ihr und grinste entzückt. Das war eine der Sachen, die jeden Mann, egal welcher Rasse, beglücken konnte. Eine Frau äußert ihr Gefallen, ohne das der männliche Part etwas davon verlangt hat. Herrlich. So stolzierte der junge Prinz munter den Weg entlang, während seine Begleiter ihm heimlich folgten. Allen voran Tûron. Er sah wirklich wütend aus und murmelte irgendwelche nicht nett klingenden Worte vor sich her. Thalion hatte etwas Abstand genommen und lief sich in Sicherheit wiegend neben Gellad. Dieser versuchte vergeblich den kindlichen Elb von sich zu schieben, dabei achtete er nicht darauf wohin er ging und schon rammte er in Tûron rein. Dieser murrte nur gefährlich, wandte sich aber nicht um, sondern starrte nach vorn. Nun sahen und die anderen beiden in die Richtung und selbst Thalion fand keine Worte.

Da saß Legolas, die Unschuld schlechthin, inmitten aus einer heißen Quelle von Weiber. Nun gut, es waren nur drei, aber genug um einen Mann zu beglücken wie es eine allein nicht schaffen würde. Schweigend sahen sich die drei das Szenario eine Weile an, ehe Legolas dann mit einer der Mädchen in einen innigen Kuss verfiel.

„Legolas!" zischte Tûron, dass ihn alle entgeistert ansahen. Auch die vier aus der Quelle sahen zu ihm und Legolas schob gedankenverloren die Frau von seinem Schoss. Etwas verwirrt blieb er aber an Ort und Stelle. Tûron ging langsam auf ihn zu, die Mädchen drängten sich an eine Ecke. Dieser Blick, dachte Legolas, der ist tödlich. Es dauerte noch einen Moment, bis er endlich merkte das dieser Blick ihm galt.

„Was fällt dir ein!?" schrie er dann und schon wurde er von seinem Leibwächter gepackt und aus dem Wasser gezerrt. Gellad sah beschämt zur Seite, während Thalion nur eine Braue hob.

„In einem Meer aus lauter Weiber und du denkst nicht mal unsittlich?" diese Frage war eher lautes Denken, doch es reichte um ebenfalls von Tûron einen dieser Blicke zu ernten. Dann drückte besagter Legolas seine Kleider in die Hand, ließ ihm aber keine Zeit sich darin zu verhüllen, sondern zerrte ihn so wie er war hinter einen kleinen Vorsprung. Dort sah er den jungen Prinzen streng, aber auf eine Weise auch innig an.

„Du hast es versprochen..." flüsterte er, nun liebevoll und mit einem sehr weichen Gesichtsausdruck. Legolas spürte wie seine Beine nachgaben, so warm wurde ihm. Damit er nicht fiel hielt er sich an Tûron fest. Dieser legte einen Arm um seine Taille.

„Hat es dir etwa nichts bedeutet?" fragte er weiter und sah den sehr verwirrten Jungen in seinen Armen an. Der Jüngere dachte zurück an den Moment der ihm so viel bedeutete.

Legolas war aus seinem Zimmer geflüchtet, er hatte keiner Lust mehr auf Bücher lesen, Schriften entziffern und selber niederzuschreiben. Er wollte Spaß haben, so trieb es ihn zu den Übungsplätzen. Für gewöhnlich war hier um diese Zeit reges Treiben, doch diesmal stieß er nur auf Tûron, sein damaliger Lehrer und späterer Leibwächter. Etwas überrascht ging er zu ihm hin und beobachtete ihn aus einiger Entfernung. Wie er immer wieder auf die Strohpuppe mit seinem Schwert eindrosch faszinierte den jungen Elben. Erst nach einiger Zeit wurde er bemerkt und so grüßte er höflich. Doch wie zu erwarten bekam er nur eine schweigende Verneigung. Dann widmete sich Tûron wieder seinem vorherigen Tun. Legolas kam etwas näher.

„Ich möchte das auch können..." sprach er leise und sah seinen Lehrer erwartungsvoll an.

„Du bist Bogenschütze" antwortete dieser kalt und schroff, wie es seine Art war mit Legolas zu sprechen. Doch der junge Prinz ließ sich davon nicht beirren.
„Ich will es trotzdem" und diesmal sagte er es in einem Tonfall der trotzig, aber zugleich auch bestimmend war. Er schaffte es so Tûron ein Grinsen zu entlocken, als sich dieser zu ihm drehte.

„So, der junge Prinz will also..." sprach er und ging auf Legolas zu. Unbehagen stieg in Legolas auf und er wich etwas zurück. Doch Tûron kam weiter auf ihn zu und noch ehe der Prinz einen Fluchtplan aushecken konnte stand er mit dem Rücken an der Wand und seinem Lehrer direkt gegenüber. Dieser ließ sein Schwert sinken, stand schließlich ganz nah bei Legolas und beugte sich leicht runter.

„Was willst du..." hauchte er ihm ins Ohr. Der junge Elbe erschauerte und klammerte sich wie aus Reflex an Tûron und presste die Lippen auf seine. Der ältere musste wahrlich zugeben, dass er sehr überrascht war, doch keinesfalls abgeneigt. Schon vor einiger Zeit war ihm aufgefallen das Legolas mehr und mehr seine Nähe suchte, doch bislang hatte er sich nichts dabei gedacht. Das so eine kleine Nähe, eine kleine Geste den jungen Mann schon gleich aus der Fassung werfen würde gab ihm eine Art von Glücksgefühl. Er selber hatte auch schon Interesse an ihm gehegt, wenn auch nur heimlich.

Weiter kam Legolas mit seinen Gedanken nicht. Schamesröte stand ihm im Gesicht als er Tûron wieder ansah.

„Natürlich hat es mir etwas bedeutet... sehr viel sogar" er sprach leise und wandte sein Gesicht ab. Er war ungestüm gewesen, unsittlich. Vielleicht würden es einige sogar pervers nennen und doch ließ es wieder diese angenehmen Gefühle in dem jungen Prinzen aufsteigen.

„Aber du hast mich seit dem ignoriert und abgeschoben!" schrie er auf einmal und löste sich von seinem Leibwächter. Schnell war er in seine Kleider geschlüpft.

„Du hast dich mit Frauen getroffen und mich dabei angesehen als würdest du es genießen wie ich leide. Und jetzt, da bin ich auf einmal der Böse!" er versuchte sich in die Wut zu steigern um nicht seinen wahren Gefühle zu verfallen. Er hatte sich geschworen es bei diesem einen Mal zu belassen, mit Tûron, an diesem Abend. Wieder verfiel Legolas für einen kurzen Moment in Gedanken und konnte nicht mehr sauer sein.

„Ich hasse dich dafür das du mir dieses Versprechen entlockt hast. Das du dich selber nicht dran gehalten und mich wieder und wieder verletzt hast..." Tûron stand die ganze Zeit da und hörte ihm zu. Er war die Ausbrüche von Legolas gewohnt, doch diesmal störte es ihn, schließlich waren sie nicht alleine und erst recht nicht außer Hörweite. Als Legolas jedoch traurig wurde, ging er auf ihn zu und schloss ihn wieder in seine Arme.

„Wie kann ich mein Versprechen halten und zugleich deinem Vater dienen..." murmelte er, streichelte dem kleineren durch die Haare und ließ ihn wieder los.

„Wir müssen weiter, der Tag ist schon alt..." dann ging er zu den noch immer verdutzten Gellad und Thalion, die nur noch verwirrter waren von dem was sie hörten. Thalion hatte schon immer einen Verdacht gehegt, doch dieser Verdacht konnte nun ein Bild formen. Gellad schien auf dem Schlauch zu stehen. Er sah Tûron hinterher und drehte seinen Kopf als auch Legolas mit hängenden Schultern hinterher trottete. Ratlos sah er zu Thalion. Er zuckte nur mit den Achseln und folgte den beiden. Gellad sah zu den Mädchen die sich nicht aus dem Wasser trauten, grinste einen Moment, besann sich dann aber und folgte ebenso schweigend.