Kapitel 2

Zu einer möglichen Lösung seines Problems- wenn auch zumindest nur gedanklich - kam er nicht mehr. Gebannt starrte er noch immer auf den Bildschirm, der Fantasie freien Lauf lassend, fing sich jedoch dann. In seine Gedankenwelt konnte er sich auch später zurückziehen. Von weit her hörte er, wie die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Er wandte den Kopf Richtung Eingang, wo er einen vollkommen durchnässten Sherlock vorfand. Vielleicht sollte sich der jüngere der Holmesbrüder ab und an ein Beispiel an seinem scheinbar verhassten Familienmitglied nehmen. Schließlich schien Mycroft ja förmlich mit seinem Schirm verwachsen zu sein.

„Watson, sie sind ja kreidebleich! Was an dieser Mail hat sie denn so erschreckt? Zeigen sie doch mal-„

Wie aus Reflex klappte Watson das Notebook mit einem lauten Knall zu. Er ahnte das Schlimmste. Also wirklich Sherlock. Ist es Ihnen nie in den Sinn gekommen, dass manche Dinge PRIVAT seien könnten?

„Nein.", antwortete dieser trocken.

Langsam fing John an zu schwitzen. Bei Sherlocks schneller Auffassungsgabe wusste dieser vermutlich bereits mehr, als ihm lieb war.

Und dazu dieses Grinsen!

Am liebsten hätte Watson in diesem Moment den Raum fluchtartig verlassen, bestünde da nicht die Möglichkeit, dass sein Gegenüber sich –mal wieder- in sein Notebook hackte. Anderer Art war es mehr als nur auffällig, das Gerät gleich mitzunehmen. Aber Holmes' nächste Antwort wollte er ebenso wenig hören. Verdammt sei seine Deduktion!

„Was ist denn nun, John?"

Oha, jetzt auch noch die vertrauliche Tour. Watson wich zurück.

„Es ist nichts. Nein. Nichts Wichtiges."

Ein aufgesetztes Lächeln. Wen willst du denn damit nur überzeugen, dachte er sich selbst. Deine Großmutter? Nein, nicht mal die würde dir das abnehmen.

Verlegen wandte er den Blick ab.

Was mache ich bloß? Wie ein Mantra wiederholte sich der Satz in seinen Gedanken. Wieder und wieder.

„Was wollte Lestrade von Ihnen? Wieder ein Fall, an dem unser „liebster" - ein ironisches Grinsen zeichnete sich auf Watsons Gesicht ab - „Inspektor sich die Zähne ausbeißt?"

„Pah, Lestrade hat wie immer nur den braven Köder gespielt. Sie wissen doch, wenn die höheren Instanzen sagen „spring!", dann springt er."

„Und höhere Instanzen heißt?"

„Watson, wie kann man nur so ignorant sein!"

Auf Watsons Gesicht bildete sich ein Ausdruck der Erkenntnis.

„Oh, sie meinen Ihren Bruder!"

„Wahnsinn!" entgegnete Sherlock sarkastisch „Er äußert intelligente Gedanken!"

„Haha, sehr witzig!"

Watson schien verärgert, dachte sich aber insgeheim: Gut, immer vom Thema ablenken. Hoffentlich merkte er es nicht…

„Ich muss mit Ihnen reden."

„Oh… äh… doch ein neuer Fall!" Nur nicht die Fassung verlieren, John!

„Ich bin gespannt." Er betonte diesen Satz weitaus mehr als notwendig.

Sherlock sah ihn mit gerunzelter Stirn an.

„Es ist etwas Privates." Seine grauen Augen bohrten sie in die seines Gegenübers. Wundervolle Augen- so ausdrucksstark und- nein John, du schweifst schon wieder ab!

„Und was?" Watsons Stimme kam einem Flüstern gleich.