Die Unterhaltung hatte eine außerordentlich interessante Richtung eingeschlagen.

Wenn er gewusst hätte, wie effektiv der Einsatz eines Hundes bei einer Therapie sein kann, wäre er schon viel früher auf die Idee gekommen, einen einzusetzen. Er hatte darüber gelesen, sich bisher aber immer auf seine eigenen Fähigkeiten verlassen.

Der Jack Russell Terrier war alles andere als ein Profi auf seinem Gebiet, vor allem unausgebildet, schien aber ein Naturtalent zu sein.

Er hatte aktive Eigenschaften, die sich in seinem Spieltrieb und seinem starken Aufforderungscharakter äußerten, aber auch reaktive Attribute, spiegelte Wills Befindlichkeiten, indem er Ruhe ausstrahlen konnte und so Blutdruck senkend und Stress abbauend wirkte.

Er dachte an all die Möglichkeiten, wie man den Hund noch nützlicher einsetzen könnte und beschloss sich später intensiver in das Thema einzulesen.

„Freud zufolge hat beinah jeder Traum eine sexuelle Komponente. Bäume werden zum Phallus, Kaninchen zum Symbol nach dem Bedürfnis sinnentleerter Penetration."

Hannibal lehnte sich in seinem Sessel zurück und überschlug die Beine.

„Die Deutung von Trauminhalten ist eine sehr komplexe Angelegenheit, die zuweilen groteske Züge annehmen kann."

Ein halbes Lächeln breitete sich auf Wills Gesicht aus. „Ich träume nicht von Bäumen oder Kaninchen, Dr. Lecter."

Der Terrier gähnte in seinem Schoß, leckte sich über die Nase und hechelte. Will kraulte ihn hinter den Ohren.

„Die Inhalte meiner Träume bedürfen keiner Interpretation, sie sind..." Er unterbrach sich, leckte sich über die Lippen. „...eindeutig."

Der Wein und die Sensibilität des Themas hinterließen einen dunkelroten Schimmer auf Wills Wangen, der ihm gut zu Gesicht stand. Scham war ein neuer Aspekt an ihm, den Hannibal noch nicht kannte.

„Wie lange ist es her, dass du mit einem anderen Menschen körperlich intim warst?"

Will verschluckte sich so sehr an seinem Wein, dass der Hund vor Schreck von seinem Schoß sprang. Er hustete und spuckte, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

Hannibal betrachtete das einen Moment länger, bevor er in einer fließenden Bewegung aufstand, den kurzen Abstand zwischen ihnen überbrückte und Will aus seinem Sakko ein Taschentuch reichte.

Will blickte nicht auf, als er es entgegen nahm und sich das Hemd trocken tupfte. „Danke."

Ein schmales Lächeln breitete sich auf Hannibals Gesicht aus, während er Wills Schulter berührte. Kurz, warm, unaufdringlich, doch er konnte den Schauer spüren, den Ruck, der Wills Körper erschütterte.

Hannibal kehrte zu seinem Platz zurück und wartete.

„Vier Jahre", antwortete Will schließlich, aber dann seufzte er, schüttelte den Kopf. „Fünf."

Eine erstaunlich lange Zeit, aber bei weitem nicht die längste Abstinenz, von der er schon gehört hatte. Hannibal sagte gar nichts, er blickte Will nur an.

„Ich weiß, was Sie sagen wollen."

Innerlich schmunzelte Hannibal, während er äußerlich eine interessierte Fassade aufrechterhalten konnte.

„Aber es war noch nie so schlimm wie jetzt, so… plastisch."

Will schluckte und sah dem Hund hinterher, der mit der Schnauze auf dem Boden die Ecken seines Büros erkundete. Es war klar, dass Will die Sicherheit des Tieres vermisste, während Hannibal hoffte, dass der Hund sich nicht erleichtern wollte.

Er schrieb sich eine innere Notiz, dass er unbedingt nochmal mit dem Tier vor die Tür musste.

„Fünf Jahre sind eine lange Zeit, Will. Ich nehme an, diese Fantasien drehen sich um eine bestimmte Person."

Ein Schuss ins Blaue, aber Hannibal wusste, dass er getroffen hatte, als er in Wills Gesicht sah.

„Was hält dich davon ab, diese Fantasien auszuleben?"

„Oh großer Gott, nein, niemals. Nein, das ist…" Will trank den Rest seines Weins aus und starrte auf den leeren Boden des Glases. „Unmöglich."

„Warum?"

„Die Person ist unerreichbar für mich."

Diese Aussage war reiner Unfug, machte Hannibal aber hellhörig. Es war die Art, wie er es sagte.

Und was er nicht sagte.

„Du musst dir selbst erlauben, deinen Instinkten zu folgen, Will. Das Ergebnis könnte dich überraschen."

Da lag ein Funkeln in Wills Augen, das Aufblitzen eines animalischen Hungers, bevor er blinzelte, den Blick wieder abwandte, nach dem Hund Ausschau hielt.

Hannibal erlaubte sich, den kalten Schauer zu genießen, der seinen Körper erschaudern ließ.

„Mehr Wein?"

Will nickte. Hannibal nahm ihm sein Glas ab. „Was ist mit den Schlafstörungen?"

„Was soll damit sein? Ist ja nicht so, dass ich sonst keine hätte."

„Du brauchst deinen Schlaf, Will."

„Ich weiß."

Will sank tiefer in den Sessel, Kopf im Nacken, Handrücken auf der Stirn, Augen geschlossen. Hannibal betrachtete seine entblößte Kehle, den Adamsapfel, der beim Schlucken auf und ab hüpfte.

Schutzlos ausgeliefert.

Die Zunge in Hannibals Mund testete die Schärfe seiner Schneidezähne. Er kam zu dem Schluss, dass es nicht unmöglich wäre.

Doch statt die Zähne in das zarte Fleisch von Will Grahams Hals zu versenken, die Vene aufzureißen und sein Blut wie ein Vampir zu trinken, bis kein Tropfen mehr übrig war, füllte er das Weinglas auf.

„Es gibt gewisse Medikamente", sagte Hannibal und förderte aus der Schublade seines Schreibtisches eine kleine, unbeschriftete Plastikdose zutage.

„Ich schmeiße schon viel zu viele Pillen am Tag", sagte Will, nahm die Dose aber trotzdem entgegen. Den Wein ebenfalls, was das anging. „Will ich wissen, was das ist?"

Will prüfte das Gewicht der Dose in seiner Hand, öffnete den Deckel mit dem Daumen und spähte hinein. Hannibal wusste, was er sah: Unscheinbare, rosarote Tabletten.

„Da sich das Produkt noch in der Entwicklung befindet, ist es leider noch nicht offiziell benannt worden."

„Also bin ich ein Versuchskaninchen?"

In vielerlei Hinsicht, dachte Hannibal und lächelte. „Es würde mir niemals in den Sinn kommen, dich unbekannten Risiken auszusetzen."

Es sei denn, es würde sich lohnen, wovon er stark ausging.

„Ich habe es selbst bereits getestet und halte es für äußerst effektiv, aber unbedenklich." Hannibal entging Wills hadernder Blick natürlich nicht und er fügte hinzu: „Vertraust du mir?"

„Ja, natürlich."

Kein Zögern, kein Zaudern und seine blauen Augen leuchteten mit dem Enthusiasmus eines Kindes, das seine Eltern zufriedenstellen wollte. Hannibals Herz war leicht gerührt.

„Zwei Stück, bevor du zu Bett gehst und du wirst den Schlaf der Gerechten schlafen."

Will schmunzelte und ließ die Dose in seiner Hosentasche verschwinden.

Jemand war in seinem Haus.

Hannibal benötigte wenig Schlaf. Wenn er nicht wüsste, dass sein Körper sich gegen den Entzug drastisch wehren würde, hätte er kein Problem damit, überhaupt nicht zu schlafen. Er bevorzugte sogenannte Ruhephasen, die minimal drei und maximal um die fünf Stunden betrugen.

Zudem war sein Schlaf sehr leicht, seine Sinne waren in ständiger Alarmbereitschaft, immer gefasst auf Kampf, Verteidigung oder Flucht und so war es keine Überraschung, dass er mitten in der Nacht kerzengerade in seinem Bett saß, als ein lautes Poltern aus dem unteren Stockwerk seines Hauses die Wände erschütterte.

Flur, dachte er zunächst, korrigierte sich aber zügig: Küche.

Er fasste unter die Schublade seines Nachttisches, wo seine Finger schnell das Skalpell fanden, das er dort für Fälle wie diesen versteckt hatte.

Einbrecher? Oh, er hoffte es.

Es war fast schon zu lange her, dass die Schneide seines Skalpells etwas anständiges zu tun hatte, außer Bleistifte anzuspitzen.

Er bewegte sich geräuschlos durch sein Haus, nur mit einer schwarzen Pyjamahose aus Seide bekleidet, barfuß und ohne Licht. Die Treppe war tückisch, aber natürlich kannte er die verräterischen Stufen, die knarrten und umschiffte somit auch diese Tretminen mit spielerischer Sicherheit.

Die Küche war dunkel, aber er hörte weiterhin ein stetiges Schaben und Rascheln und... Schnaufen?

Seine Augen hatten sich soweit an die Dunkelheit gewöhnt, dass er durchaus jeden Umriss wahrnehmen konnte, doch er entdeckte keine Eindringlinge.

Und dann die klickenden Geräusche von wetzenden Krallen auf seinen Fliesen, ein dunkler Schatten, der auf ihn zuschoss, ein haariger Kugelblitz, der mit erstaunlicher Geschwindigkeit die Distanz zwischen ihnen überbrückte.

Aber Hannibal war ebenfalls schnell.

Zwar gelang es ihm nicht mehr rechtzeitig, die Kollision zu verhindern, jedoch konnte er die Attacke auf sein Gemächt abmildern, indem er sich zur Seite drehte, die Krallen dafür blutige Spuren auf seinem Hüftknochen hinterließen und ihm noch während des Sinkfluges den Hosenbund runter zogen.

Hannibal zischte einen litauischen Fluch durch seine Zähne.

Er machte das Licht an und konnte die Katastrophe in ihrer grausamen Erlesenheit besser beurteilen.

Sein Hausmüll lag auf dem Fußboden verteilt und natürlich handelte es sich dabei um den Bio-Abfall, die Reste seiner Lebensmittel, die er hatte entsorgen wollen, wenn er in den frühen Morgenstunden das Haus verließ.

Der Terrier hatte sich mit zerstörerischer Leidenschaft durch die verschlossene Plastiktüte gebissen, die als stummer Zeuge aufgerissen, sämtliche Inhalte entblößend, den Tatort als Quelle und Hauptattraktion zierte.

Die Finger, die den Griff des Skalpells umklammerten, zuckten in verführerischer Absicht, als er den Kopf drehte und das Tier erblickte, welches im Türrahmen saß und in aller Seelenruhe seine Hoden sauber leckte.

Hannibal schloss die Augen und zählte rückwärts bis zehn und als er glaubte, dass sich sein Puls auf einem angemessenen Level befand, begann er damit, den Müll einzusammeln.

Es dauerte fast eine Stunde, bis sein Heiligtum wieder im gewohnten Glanz erstrahlte, der Boden wieder glänzte und die letzte Kartoffelschale im Sack verschwand, den er diesmal umgehend nach draußen brachte und in den Müllcontainer schmiss.

Es war kurz vor Sonnenaufgang, somit hatte es sich erledigt, ins Bett zurückzukehren. Er öffnete seinen Kühlschrank, um sich die Zutaten für ein Frühstück auszusuchen, als sich der Hund durch seine Beine schlängelte, einmal bellte und seine Lefzen zu diesem lächerlichen Grinsen verzog.

Hannibal betrachtete den Hund und der Hund betrachtete Hannibal, neigte den Kopf zur Seite und wedelte aufgeregt mit dem Schwanz.

„Hast du Hunger?"

Das Tier schien zu wissen, worum es ging, drehte sich hüpfend um sich selbst, bevor es sich wieder artig, aber ungeduldig hinsetzte.

Hannibal förderte eine Tupperschüssel zutage und fütterte den Hund mit Würstchen, die er aus den Innereien eines unangenehmen Rechtsanwaltes hergestellt hatte.

Sie wurden gierig geifernd und beinahe im Ganzen verschluckt.

Nun war es an Hannibal zu grinsen.