Zweites Jahr
Nervös strich Hermine mit ihren tintenverschmierten Fingern das Regal entlang, auf der Suche nach dem vertrauten goldenen Buchrücken ihres Lieblingsbuches Hogwarts, eine Geschichte. Sie hatte innerhalb der letzten zwei Stunden schon vier Mal nachgeschaut und würde damit auch nicht aufhören, bis sie es gefunden hatte. Es war dumm gewesen, ihre Ausgabe zu Hause zu lassen. Mit dem ganzen Gequatsche über die Kammer des Schreckens würde sie das Buch bestimmt nicht vor dem dritten Schuljahr ausleihen können.
Hermine seufzte und ging zurück zu ihrem Tisch. Als sie durch die Regalreihen streifte, versuchte sie sich an andere Bücher über Hogwarts zu erinnern, die vielleicht die Kammer erwähnten und so den Beweis liefern würden, dass Harry nicht Salazar Slytherins Erbe war. Völlig in Gedanken versunken bemerkte sie erst, dass auf ihrem Platz jemand saß, als die Person anfing zu sprechen.
„Granger", sagte Montague schleppend. Er las träge den Verwandlungs-Essay, an dem sie gerade schrieb. „Du hast nachgelassen, Merlin sei Dank. Der Unterschied ist offensichtlich zwischen diesem hier-" –er hielt die acht Zentimeter hoch, die sie bisher geschrieben hatte –„und dem von letzter Woche, der neunzig Zentimeter länger als gefordert war."
Die beiden waren gute Freunde geworden – Hermine glaubte sogar, dass er ihr fast so wichtig war wie Harry und Ron – aber dadurch, dass sie aus rivalisierenden Häusern kamen, trafen sie sich nur dort, wo sie keine neugierigen oder vorwurfsvollen Blicke ihrer Hauskollegen kassieren würden. Deshalb nannten sie sich aus Gewohnheit auch beim Nachnamen.
„Gib das wieder her", erwiderte Hermine gereizt und schnappte sich das Papier. „Ich bin noch lange nicht fertig."
Sie setzte sich ihm gegenüber und blätterte hektisch in ihrem Verwandlungs-Buch. Sie versuchte, den Abschnitt über Zauberstabkerne und deren Auswirkungen auf größer werdende Objekte zu finden.
„Ich nehme an, dass es nicht da ist?", hörte sie Montagues Stimme fragen. Er redete nicht von ihrer Verwandlungs-Hausaufgabe.
„Nein."
Man hörte jetzt nur noch das Kratzen von Hermines Feder auf dem Papier. Dann lehnte er sich vor und sagte leise, „Granger, ich hab es dir schon tausend Mal gesagt – die Kammer des Schreckens gibt es schlicht und einfach nicht. Und ich bin ein Slytherin und sollte es wissen." Er lehnte sich zurück und nickte zufrieden, stolz auf sein Argument.
„Ja, ich weiß dass du das gesagt hast", sagte sie ungeduldig, „aber das bringt Harry gar nichts. Hast du die Hufflepuffs die letzten Tage gesehen? Wenn keiner beweist dass Harry nicht der Erbe von Slytherin ist, werden sie niemals aufhören, Angst vor ihm zu haben!"
„Das ist aber Potters Problem und nicht deins", verkündete er sachlich.
Hermine schnaubte und knallte ihre Feder auf den Tisch. „Das ist als wenn du mir sagst ich soll nicht mehr mit ihm befreundet sein."
„Das wär vielleicht keine schlechte Idee. Schonmal drüber nachgedacht, Granger?"
Sie starrte ihn an. „Wieso in Merlins Namen sollte das eine gute Idee sein?"
„Hör zu", sagte Montague und wählte jedes Wort vorsichtig und leise, „du kennst doch Draco Malfoy, den, der dich Schlammblut genannt hat?"
Hermine nickte steif – sowas vergaß man nicht so leicht.
„Er redet im Gemeinschaftsraum ständig davon, dass sein Vater glaubt, Du-Weißt-Schon-Wer kommt zurück. Ich nehme an, das stimmt."
„Wie bitte?!", brachte Hermine hervor. „Was soll das denn heißen? Und was hat das überhaupt mit der Kammer des Schreckens zu tun?"
„Denk drüber nach, Granger", sagte Montague ernst. „Du hast selber gesagt, dass Potter komische Stimmen hört. Und dann ist da diese ganze Sache mit dem Duellierclub – wenn Potter kein Parselmund ist, weiß ich auch nicht was er ist. Und wenn er einer ist, muss er mit Slytherin verwandt sein."
Hermine zog eine Augenbraue hoch. „Was wäre denn so schlimm daran, wenn er mit Slytherin verwandt ist? Du bist auch in Slytherin. Außerdem kann es auch andere Gründe dafür geben, dass er Parsel spricht…"
Montague seufzte und murmelte verärgert, „Und du bist angeblich die klügste Hexe in deinem Jahrgang…". Er räusperte sich und sagte schlicht, „Du-Weißt-Schon-Wer war der letzte bekannte Nachfahre von Salazar Slytherin."
„Das glaube ich dir nicht." Hermine spürte eine Welle aus Horror und Ekel in sich aufkommen. Sie hatte immer zu den Gründern aufgeschaut, auch zu Slytherin, und hatte ihn nicht weniger verehrt als die anderen. Wenn Montague aber Recht hatte…wie kann einer der größten Zauberer aller Zeiten mit Du-Weißt-Schon-Wem verwandt sein? Und wenn Harry Parsel sprechen kann…
„Nein." Hermine stand trotzig auf.
„Was nein? Das ist die Wahrheit."
„Ich sag ja nicht dass es nicht stimmt. Aber wenn es stimmen sollte, stehe ich trotzdem hinter Harry."
Sie stolzierte wieder die Bücherregale entlang, Montague ihr auf den Fersen.
„Hör auf mir hinterherzulaufen", sagte sie kurz angebunden, nachdem sie um eine Ecke gegangen waren.
„Ich helfe dir nur."
„Ich brauche deine Hilfe nicht."
„Um sechs hab ich Quidditch-Training."
„Wie schön für dich."
Stille.
„Granger."
„Was?", fragte sie irritiert und hielt an, um ihn böse anzustarren.
„Malfoy ist nicht derjenige, nach dem du suchst."
Hermine merkte, wie ihr die Kinnlade herunterklappte und schloss sie schnell wieder. Sie senkte ihren Blick. Er konnte ihnen doch nicht auf die Schliche gekommen sein, oder? Sie schüttelte den Kopf. Sie versuchte sich zu überzeugen, dass er das einfach nicht wissen konnte.
„Granger."
Sie schaute wieder zu ihm auf und wartete nervös auf seine nächsten Worte.
„Du solltest vorsichtiger sein wenn du über deinen Trank sprichst." Da war es, das gefürchtete Wort. Zaubertrank. Hermine schauderte. „Ich rate dir, Slytherin zu werden – dort könntest du lernen, gerissener zu werden."
Sie verzog den Mund und schaute missbilligend den Boden an. „Was weißt du sonst noch?"
„Dass ich jetzt runter auf's Feld muss oder Flint reißt mir den Kopf ab." Er grinste sie an, was sie aber nicht erwiderte. „Wir sehen uns, Granger. Und denk dran was ich dir über Malfoy gesagt habe – er ist es nicht."
Damit drehte er sich um und ging davon. Er ließ Hermine zurück, die ihm verdutzt hinterherstarrte. Sie schüttelte erneut den Kopf und seufzte. Wenn er das alles herausgefunden hatte, wussten andere es bestimmt auch schon. Sie durfte nicht vergessen, Harry und Ron zu warnen, vorsichtig zu sein…
Und er hatte gesagt, Malfoy war nicht der Richtige. Damit meinte er wohl, dass er nicht der Erbe war. Aber woher wollte er das wissen? Außer er wusste, wer wirklich hinter den ganzen Angriffen steckte… Dann hätte er ihr das doch einfach gesagt, oder? Sie murrte frustriert und murmelte „Verfluchte Slytherins."
Hermine kniff die Augen zusammen und guckte in das Regal, in dem eigentlich Hogwarts, Eine Geschichte stehen sollte. Sie wusste, dass Harry die Gerüchte weiterhin aushalten konnte. Trotzdem war sie besorgt, dass ihr bester Freund mal wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit gefangen war. Das war zwar nicht ungewöhnlich, da er Harry Potter war; Hermine wünschte sich aber trotzdem, ihm irgendwie helfen zu können.
Deshalb verwarf sie den Gedanken wieder, Harry und Ron davon abzuhalten, den Vielsafttrank-Plan auszuführen. Sie hatte ernsthafte Zweifel an dem Plan gehabt – denn wenn Montague Recht hatte, verschwendeten sie Zeit und Mühe in eine Sache, die keine Ergebnisse bringen würde. Der Vielsafttrank würde aber in zwei Wochen fertig sein, in den Weihnachtsferien. Und es war ja nicht so, dass Harry und Ron heimlich Slytherin-Freunde hatten, die ihnen erzählten, wer wahrscheinlich der Schuldige war und wer wahrscheinlich nicht.
Nein, entschied Hermine entschlossen. Sie würde weiter den Trank brauen, egal ob Montague Recht hatte oder nicht. Draco Malfoy war vielleicht nicht der Erbe, aber er könnte eventuell wertvolle Informationen ausplaudern. Außerdem kam ihr in den Sinn, dass Montague lügen könnte. Slytherins waren schließlich Slytherins, ob sie quasi beste Freunde mit Gryffindors waren oder nicht.
Montague seufzte schwer und legte den Kopf in die Hände. Ich bin so dumm! Einfach nur dumm. In dem Moment, als er von ihr hörte, hätte er sich am liebsten selbst verflucht. Aber er war von Arschlöchern wie Malfoy umgeben, die sich wie wild über den Angriff auf die Muggelstämmige gefreut haben. Und wer war er schon, ihnen zu sagen, sie sollen die Klappe halten? Er hatte verzweifelt versucht, sie während seiner Freistunde zu besuchen, aber alles vergeblich. Madam Pomfrey war sehr streng geworden was den Besuch versteinerter Patienten anging.
„Sie ist versteinert, Himmel Herrgott nochmal! Selbst wenn ich Besucher erlauben würde, was ich nicht mehr tue, könnten Sie nicht mit ihr sprechen", hatte sie ihm erzählt, während sie misstrauisch seine grün-silberne Krawatte beäugte.
Das hatte er schon erwartet. Selbst die Ravenclaws zitterten vor Angst, wenn sie mit einem Slytherin im gleichen Korridor waren, obwohl sie sonst nie eine Abneigung gegen die Slytherins gezeigt hatten.
Da er Granger tagsüber nun nicht besuchen konnte, würde er in der Nacht wiederkommen. Er sah es als „nach einer Freundin sehen" an, aber Madam Pomfrey würde es wohl eher Einbruch nennen wenn sie ihn erwischte. Wie auch immer – sie würde ihn nicht erwischen.
„Alles meine Schuld", flüsterte er in den Raum. Hätte er ihr gesagt was er wusste, hätten sie, Potter und Weasley etwas wahrhaft Heldenhaftes machen können; sie hätten die Lage gerettet. Sie hatte immer davon geredet dass in Potter und Weasley mehr steckte als man denkt, aber, ganz im Ernst, nur Granger's Köpfchen konnte das Rätsel lösen.
Und nun lag sie vor ihm, mit geöffneten Augen, die nichts sahen und mit einem unbeweglichen Körper.
Er hatte von dem Basilisken gewusst. Sein Vater (der sich nicht scheute, vor seinem Sohn von seinen Jahren als Todesser zu prahlen) hatte Graham genug Geschichten von dem Dunklen Lord erzählt, sodass er sich selbst zusammenreimen konnte, dass der Basilisk jedes Mal erwähnt wurde, wenn die Worte „Slytherin" oder „Parselmund" auftraten. Er kannte die Legende von Salazar Slytherins magischer Kreatur und hatte fast sofort die Verbindung hergestellt zwischen dem Basilisken und dem Flüstern, das Potter laut Hermine wahrnahm.
Trotzdem hat er ihr nichts von dem Ganzen erzählt.
Traurig blickte er auf ihr Gesicht hinunter. Natürlich hatte er gewusst, dass sie ein potenzielles Opfer war, da sie sowohl muggelstämmig als auch eine Gryffindor war. Er hatte sich aber nie ernsthaft vorstellen können, dass er mal ihren zerbrechlichen, hilflosen Körper im Bett des Krankenflügels sehen würde.
Man hatte sie mit einem Spiegel gefunden, oder? Er hatte Snape nicht genau zugehört als er von der Sache erzählt hatte – er war zu sehr damit beschäftigt, zu realisieren, dass einer seiner besten Freunde gerade attackiert wurde. Aber ja, doch, das hatte sein Hauslehrer gesagt. Nur warum sollte sie überhaupt einen Spiegel haben?
Montague setzte sich auf und starrte in Hermines Gesicht. Warum, genau, würde sie einen Spiegel haben? Und warum würde sie ihn mit dem anderen Mädchen, Penelope Clearwater hieß sie, teilen, außer…
Seine Augen bemerkten die Position ihrer Hände. Ihr Arm war in erhobenem Zustand versteinert worden (er fragte sich kurz, ob das ihren Muskeln wehtat), in rechtem Winkel aufgestellt, und trotzdem zeigten ihre Finger… nach unten. Das war eine ungewöhnliche Position. Und wie seltsam, dass genau an der Stelle unter ihren Fingern, die vom Mondschein beleuchtet wurde, eine Wölbung in den Taschen ihres Umhangs war.
Er schaute schnell zu der Tür, die zu Madam Pomfreys Räumen führte. Kein Licht war angegangen und es deutete nichts darauf hin, dass sie aufgewacht war. Vorsichtig griff er mit seiner Hand in Hermines Tasche und zog ein zerknittertes Stück Papier heraus.
„Lumos", flüsterte er, um die Worte auf dem Papier zu lesen.
Die Seite war offensichtlich aus einem Buch herausgerissen worden – er grinste, damit würde er sie später aufziehen – und dazu noch aus einem ziemlich alten Buch. Wahrscheinlich eines der Schinken, die sie als „leichte Lektüre" auswählte. Er las die Passage:
Von der Vielzahl an Furcht erregenden Bestien und Monstern, die in unserem Land umherstreifen,
gibt es kein interessanteres oder tödlicheres als den Basilisken, auch bekannt als Schlangenkönig.
Diese Schlange, die extrem groß und viele hundert Jahre alt werden kann, wird in einem
Hühnerei geboren, und schlüpft unter einer Kröte. Ihre Jagdmethoden sind wahrlich beeindruckend,
denn zusätzlich zu seinem tödlichen Giftzahn verfügt der Basilisk über einen tödlichen Blick.
Ein jeder, auf den der Blick fällt, erfährt einen unmittelbaren Tod. Spinnen fliehen vor dem Basilisken,
da es ihr Todfeind ist. Der Basilisk flieht nur vor dem Krähen eines Hahns, das für ihn tödliche Folgen hat.
Und dort, unter dem Absatz, stand ein einziges Wort; hingekritzelt, als wenn sie in Eile geschrieben hätte: Rohre.
Natürlich. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schlug sich fast mit der Hand auf die Stirn. Natürlich, warum hatte er selbst nicht eher daran gedacht? Potter hörte die Stimmen innerhalb der Mauern – natürlich würde es die Wasserrohre nehmen. Erneut verfluchte er sich, dass er es ihr nicht früher gesagt hatte.
Wenn er ehrlich war, hatte er ihr nichts gesagt, weil er befürchtete, sie würde negativ über ihn urteilen. Obwohl sie muggelstämmig war, hatte Hermine sich genug Wissen über die Zaubererwelt angeeignet, um zu wissen, dass sein Vater sehr wahrscheinlich ein Todesser war, wenn er ihm Gutenachtgeschichten über den Dunklen Lord erzählte. Und er konnte ihr auch nicht sagen, dass wenn der Dunkle Lord zurückkehrt, er selbst der Nächste in der Folge war.
Andererseits, wie er reumütig feststellte, hätte er ihr gar nicht vom Dunklen Lord erzählen müssen, sondern dass er es einfach in einem Buch gefunden oder von einem Freund gehört hatte. Alles was er ihr hätte sagen sollen war ein Wort, Basilisk, und sie hätte es sofort Potter erzählt und das hätte alles gerettet. Aber wer erzählte es Potter nun? Es wäre dumm zu denken dass der kleine Scheißer Montague zuhören würde, angenommen Montague würde überhaupt mit ihm sprechen.
Stattdessen runzelte er die Stirn und wandte sich wieder der Notiz zu.
Granger hatte den Zettel nicht ohne Grund in ihrer Tasche gelassen. Er nahm an, dass sie nicht wollte, dass die Professoren oder Madam Pomfrey ihn in ihrer Hand fanden und an sich nehmen würden. Aber ihre Finger hatten darauf gezeigt, also wollte sie definitiv, dass ihn jemand fand.
Mit einer Grimasse hob er das Stück Papier in seinen Händen hoch. Vielleicht wollte sie wirklich, dass Potter die Notiz fand. Er überlegte, wie er Potter die Notiz zukommen lassen könnte, ohne verdächtig zu wirken. Er könnte sie einem Hufflepuff oder Ravenclaw geben – sie gut bezahlen, sodass sie es nicht wagen würden, selbst seinem Haus davon zu erzählen – aber das war zu riskant. Die einzige Person, die ihn mit Potter verband, war Granger.
Er faltete das Papier und inspizierte ihre Hand. Wenn er das Papier rollte, würde es gerade so in ihre Hand passen. Er könnte ihre Finger darum wickeln, sodass der einzige sichtbare Teil der Rand wäre, an der Seite ihrer Handflächen. Das war seine einzige Chance und er machte sich an die Arbeit. Nach einigen Minuten, in denen er Grangers Hand um das Papier wickelte (eine ganz schöne Meisterleistung für eine versteinerte Person), stand Montague zufrieden auf.
Er nahm seinen Zauberstab (und bemerkte, dass er einfach Magie hätte nutzen können), schlich zur Tür und blickte auf Hermines verstörtes Gesicht und ihre Hand zurück, die die wichtigste Buchseite der Bibliothek enthielt, die es in dieser Situation geben könnte. Er seufzte noch einmal und schlüpfte hinaus in den dunklen Korridor.
Hoffentlich waren Potter und Weasley nicht so hohl im Kopf wie sie aussahen.
Hermine schlenderte zufrieden durch das Schloss und winkte Percy und Penelope zu. Schon vor Ginny hatte sie gewusst, dass die beiden ein Paar waren. Noch nie zuvor hatte sie es so bewusst genossen, die Korridore entlangzuspazieren – oder einfach ihre Beine zu strecken. Als sie versteinert war konnte sie nichts spüren (und nichts von dem wahrnehmen, was geschah, nachdem sie den Basilisken gesehen hatten), aber beim Aufwachen konnte sie sich kaum bewegen, so steif waren ihre Knochen.
Als sie in den Gang einbog, der einst die Nachricht aus der Kammer trug, kam ihr ein plötzlicher Gedanke. Sie fragte sich, warum sie daran nicht schon gedacht hatte, als Harry und Ron ihre Geschichte erzählt hatten. Aber bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, wurde sie ziemlich unsanft am Arm gezogen.
Als sie ihren Mund zum Schreien öffnete, hörte sie ein „Pscht!". Sie schrie trotzdem, das war das einzige woran sie denken konnte. Was sollte man sonst machen, wenn man von einem total unschuldigen Spaziergang in eine Wand gezogen wurde?
Das Gefühl war nicht anders als das erste Mal zum Gleis 9 3/4 zu gelangen: als wenn man durch's Nichts geht. Als sie ihre Balance wiedergefunden hatte, fiel ihr die Kinnlade herunter bei dem Anblick der sich ihr bot.
„Was im Namen von Merlin ist das für ein Ort?"
Voller Ehrfurcht schaute Hermine sich den Raum an, der anscheinend hinter der Mauer versteckt war. Er war einfach, gemütlich und rund. Die einzigen Möbelstücke waren zwei Plüschsessel und ein Buch, das auf einem Tisch zwischen den beiden Stühlen lag.
„Ich hab ihn zufällig in meinem zweiten Schuljahr gefunden", hörte sie Montagues Stimme hinter sich. „Nur wenn du einen Ort brauchst, um dich mit jemandem zu treffen, findest du den Raum." Er ließ sich auf einen der Sessel fallen. „Setz dich."
Sie ging zu dem roten Sessel rüber und setzte sich langsam. Neugierig nahm sie das Buch in die Hände. „Ist das nicht…?"
„Ja genau, das Buch, aus dem du die Seite rausgerissen hast. Ich dachte mir, du möchtest es vielleicht reparieren. Wobei, wer hätte gedacht, dass Hermine Granger absichtlich ein Buch beschädigen konnte?" Er grinste sie an.
Hermine schaute zu ihm auf. „Du warst das also!"
„Was war ich?"
„Du hast die Notiz in meine Hand getan!" Sie seufzte innerlich vor Erleichterung und versteckte ein kleines Grinsen – wenn er die Notiz in ihre Hand getan hatte, war er sie doch besuchen gekommen als sie versteinert war.
Sein Gesicht verfärbte sich leicht rot. „Oh. Ja, das war ich."
„Ich hab gerade darüber nachgedacht, dass Harry und Ron meinten, sie hätten die Seite in meiner Hand gefunden. Dabei war ich mir sicher, ich hatte sie in meine Tasche getan", sagte Hermine, „deshalb hab ich mich gefragt, wie das passieren konnte. Aber natürlich warst du das!"
Hermine schlug das Buch auf und blätterte zu der Stelle, an der sie die Seite herausgerissen hatte. Das hatte sie selbstverständlich nicht gerne gemacht, aber es war notwendig gewesen. Sie tippte die Seite mit ihrem Zauberstab an und sagte „Reparo."
Während sie dies tat, zog Montague eine Augenbraue hoch und sagte spöttisch: „Ich bin verletzt, Granger. Dachtest du etwa ich wär nicht schlau genug, die Notiz in deiner Tasche zu finden? Das ist fies, selbst für schlaue Menschen wie dich."
Sie steckte ihren Zauberstab zurück in ihre Tasche und schubste ihn freundschaftlich. „Ach was, ich bin einfach froh dass alles vorbei ist. Wobei ich vermute, dass Mr. und Mrs. Weasley Ginny nie wieder alleine lassen. Sie waren so erleichtert dass es ihr gut geht."
„Die Weasleys haben doch genug Kinder", murmelte Montague. Hermine sah ihn warnend an, sodass er seine Arme ergeben hochhielt. „Ich mach nur Witze, Granger, das war nicht ernst gemeint."
„Verdammte Gryffindors", sagte er zu sich selbst.
„Wortwahl!", sagte sie vorwurfsvoll. In ernsterem Ton sagte sie: „Aber ganz im Ernst, wenn du nur versuchen würdest, dich mit Harry und Ron zu verstehen, sie einfach zu treffen –"
Er hob eine Hand und schüttelte den Kopf. „Hör auf. Das einzige Mal wo du mich mit Potter zusammen siehst ist auf dem Quidditch-Feld, wenn wir sein Team vernichten. Was Weasley betrifft: Diese Zwillinge haben mir schon zu oft Streiche gespielt, als dass ich mit irgendeinem von ihnen eine normale Unterhaltung führen könnte."
„Ich kenn mich mit Quidditch ja nicht so aus, aber wir waren in den letzten Jahren gar nicht so schlecht. Ich würde eher sagen, dass es bei den Mannschaften besonders dank Harry andersrum ist wer gewinnt und wer das Spielfeld wie verwöhnte Kinder verlässt. Und Ron ist nicht wie Fred und George, zumindest nicht so ganz. Außerdem warst du selber bei manchen meiner Gespräche mit Ginny dabei und fandst sie gar nicht so schlimm."
„Und was ist mit dem Vertrauensschüler, was gibt es zu ihm zu sagen?"
„Percy kann ganz schön nerven, aber eigentlich kann ich mich gut mit ihm über die Schule unterhalten", sagte sie und unterdrückte ein Lachen, als sie seinen missmutigen Blick sah.
„Granger, ich begrenz jetzt die Zeit, die du mit deinen Besserwissern verbringst. Du bist schon schlau genug – du könntest einen weiteren Besenflug vertragen."
Ihre Augen wurden groß und sie stand geschockt auf. „Das wüsste ich aber", sagte sie mit einer piepsigen Stimme.
„Aber guck doch mal raus, Granger! Perfektes Flugwetter, und in zwei Tagen sind Sommerferien!"
„Ja, aber ich muss dieses Buch wirklich zurückbringen und mich um Ginny kümmern", piepste Hermine und ging rückwärts auf die Wand zu, während Montague grinsend immer dichter auf sie zukam.
„Der Wieselin geht's gut und das Buch kannst du auch später zurückbringen. Was du wirklich brauchst ist Quidditch-Training, um dich an den Sport zu gewöhnen. Immerhin ist bald die Quidditch-Weltmeisterschaft. Und außerdem sind alle draußen und genießen das Wetter."
„Was du allerdings nicht bedenkst", neckte sie, während sie aus dem Raum in den Korridor trat, „ist, dass wir nicht riskieren können, dass alle eine Gryffindor und einen Slytherin zusammen sehen, oder?"
Damit sprintete sie den Gang entlang und lachte, als „Granger"-Rufe von den Wänden widerhallten.
„Wir sehen uns nächstes Schuljahr!", rief sie zurück als sie sich aufmachte, Harry und Ron zu suchen.
