Tag 1: Klarheit und deren Schrecken
„Wie kann ich Ihnen helfen, Sir?"
Severus Snape wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen.
Er schaute die ältliche Frau verwirrt an. Hatte er nicht eben noch am Ende dieser Schlange gestanden, hatte er die Apotheke nicht gerade erst betreten?
„Sir?"
Kurz war er versucht einfach kehrt zu machen.
Was würde seine Frage schon verändern, was würde es ändern, wenn er wüsste, wo sie geblieben war?
Seit nunmehr 14 Wochen hatte er sie nicht mehr gesehen, seit 14 Wochen suchte er vergeblich nach ihr, wenn er die Apotheke betrat.
Vielleicht hatte sie geheiratet, vielleicht erwartete sie ein Kind. Vielleicht war sie umgezogen, vielleicht hatte sie ein lukrativeres Stellenangebot erhalten.
Vielleicht war ihr etwas zugestoßen...
Doch was interessierte ihn ihr Schicksal?
Er kannte diese Frau nicht, was würde es schon bedeuten, sollte er ihr nicht mehr begegnen. Das Schicksal einer Frau, deren Namen er nicht einmal kannte, die so unwichtig war, dass er sich in all den Jahren nicht einmal die Mühe gemacht hatte, ihren Namen von dem stets getragenen Schild an ihrem weißen Kittel zu lesen.
„Sir!"
Wieder sah er die Frau an. Und ehe er nocheinmal darüber nachgedacht hatte sprach er die Frage aus, die seit Wochen auf ihm lastete, die er bereits gestern hatte stellen wollen und die er doch wieder aufgeschoben hatte. Die Frage, für die er eigens an einem zweiten Tag in Folge nach London apperiert war.
„Ich besuche diese Apotheke seit vielen Jahren. Wöchentlich.
Seit vielen Jahren bedient mich eine junge Kollegin von Ihnen. Eine junge Frau, die ich seit nun mehr drei Monaten nicht mehr hier gesehen habe.
Halten Sie mich nicht für neugierig, aber ich würde gern wissen, was mit ihr geschehen ist."
Gut, es war keine Frage, sondern eine Forderung. Seine Stimme war nicht bittend gewesen, sondern herablassend.
Die Miene der Angestellten verfinsterte sich augenblicklich, sie sah ihn abschätzend an. Sie konnte ihn nicht leiden, das war so deutlich zu erkennen, als wäre die Aussage auf ihre Stirn geschrieben. Er wusste nicht, ob es an seinem Ton lag, oder ob es schon in früheren Besuchen seinen Ursprung gefunden hatte.
„Ich glaube nicht, dass es meiner 'jungen Kollegin' lieb wäre, wenn ich ausgerechnet Ihnen Auskunft erteile, wo sie sich befindet.
Ich weiß sehr wohl, dass Sie dieses Geschäft seit Jahren besuchen, ich weiß auch, dass Sie sich stets von ihr haben bedienen lassen.
Doch glauben Sie mir, auf diese zweifelhafte Ehre hätte sie gern verzichtet..."
Es lag also nicht nur an seinem Tonfall.
Auf den Wangen der Frau zeichneten sich rote Flecken ab, sie hatte sich wohl in Rage geredet.
Snape hatte es geahnt, eigentlich hatte er sogar gewusst, dass es so enden würde. Selten brachten ihm andere Menschen Sympathie entgegen. Selten lieferte er einen Grund dazu. Freiwillig würde sie ihm keine Auskunft geben. Aber nun, da er begonnen hatte zu sprechen, war an einen Rückzug nicht mehr zu denken.
„Sie können mich gern weiter beleidigen, später. Aber zunächst hätte ich gern ein paar Antworten von Ihnen."
Die Frau hatte sich so sehr auf seine Wort konzentriert, dass sie kurze Bewegung seiner rechten Hand gar nicht war genommen hatte, das sie nicht bemerkte, wie er mit Hilfe eines nonverbalen Zaubers in ihren Geist eindrang und sie manipulierte. Und selbst wenn sie es bemerkt hätte, es gab nichts, was sie ihm entgegen setzen konnte.
Es dauerte nur Sekunden, bis sich der Gesichtsausdruck der Frau veränderte.
Ein trauriger Ausdruck stahl sich auf ihr Gesicht. Sie senkte ihre Stimme, so das andere Kunden nicht ohne weiteres verstehen konnten, was sie sprach.
„Ooh, Sie meinen bestimmt Anny. Anny Wilks.
Ein wirklich nettes Mädchen, immer so höflich, so zuvorkommend.
Es ist wirklich bedauerlich..."
Er hatte es befürchtet, ihr war etwas zugestoßen.
Warum sprach dieses alte Weib nicht weiter?
„Was... Was ist bedauerlich?"
Versuchte er nachzuhaken. Gleichzeitig drang er mit Hilfe des Zaubers tiefer in ihren Geist, suchte nach den Antworten, die sie ihm kurz darauf geben würde, in dem Glauben es freiwillig zu tun. Weil er doch immer so 'freundlich' gewesen war.
„Nun, eigentlich darf ich es Ihnen nicht sagen... Aber gut bei Ihnen will ich eine Ausnahme machen. Sie hat sie immer so gemocht..."
Die Frau beugte sich über den Tresen, flüsterte.
„Anny ist schwer krank. Sie... sie hat Krebs."
Tiefe Trauer schwang in diesen Worten mit.
Es dauerte einen Moment, bis er sich der Tragweite dieser Worte bewusst war.
In seiner Welt bedeutete ein Geschwür nichts, ob es nun gut- oder bösartig war, man konnte es mit einigen Zaubern ganz einfach bekämpfen. Mit ein wenig Übung hätte selbst er es gekonnt.
Doch in der Muggel-Welt bedeuteten Tumore in vielen Fällen schwere Leiden, nicht selten den Tod.
Sie war doch so jung.
„Wie schlimm steht es um sie?"
Die Frau schüttelte den Kopf.
„Das darf ich Ihnen wirklich nicht sagen Sir..."
Snape atmete resigniert ein. Er würde nicht mehr aus ihr heraus bekommen, ohne das sie merkte, dass etwas nicht mit ihr stimmte. Es gab Grenzen, die er einhalten musste und eigentlich hatte er sie in den letzten Minuten schon deutlich überschritten. Und das für eine Frau, die er nicht einmal kannte.
Doch was nützte ihm sein Wissen, was hatte er mit diesen Fragen erreicht? Er konnte sich nicht mehr einreden, dass sie einfach gekündigt hatte, dass sie fort war. Sie war schwer krank. Und ihm waren die Hände gebunden. Es war strafbar, in das Schicksal von Mugglen einzugreifen und damit zu riskieren, dass die magische Welt schlimmstenfalls entdeckt wurde.
Aus einem Impuls heraus stellte er eine letzte Frage.
„Vielleicht... Können sie mir nicht sagen, in welchem Krankenhaus sie sich befindet?"
Die Frau presste die Lippen aufeinander, schloss für einen kurzen Moment die Augen.
„Also gut... Sie liegt im St. Georges. Aber Sie haben das nicht von mir."
Er nickte wandte sich ab. Er war schon in der Nähe der Ausgangstür, als noch einmal über die Schulter blickte und sich zu der sonst nicht gebrauchten Floskel verleiten ließ
„Danke."
Sie lächelte ihn an.
„Gern geschehen. Sie freut sich bestimmt über einen Besucher wie Sie."
_
Ein kalter Wind wehte ihm entgegen.
Er war ein Idiot. Was hatten seine Fragen denn bewirkt, außer das er noch mehr über einen Muggel nachdachte, der ihn doch eigentlich nicht interessieren sollte.
Er würde es weiterhin ignorieren. Doch es würde ihm schwerer fallen als bisher. Wahrscheinlich würde er sich immer fragen, was aus ihr geworden war. Warum? Sie war ein Nichts, eine Untergebene, für ihn kaum mehr als ein Hauself. Sie hatte schlicht seine Wünsche als Kunde zu erfüllen gehabt. Dazu war sie nun nicht mehr in der Lage, was bedeutete das schon?
Er bog in die kleine Sackgasse ein, schaute sich um, ob nicht zufällig ein betrunkener Muggel in einer der schmutzigen Ecken lag, der hätte sehen können, wie er sich in Luft auflöste.
Nein, es war niemand zu sehen.
Er würde jetzt nach Hause gehen und sich einen starken, heißen Tee brühen, sich an den Kamin setzten und ein gutes Buch lesen. Sich vielleicht auch mit Musik ablenken. Beethoven oder Bruch würden ihn fordern und beruhigen.
Wer war sie schon? Es würden keine drei Tage vergehen, bis er nicht mehr an sie dachte. Er würde vielleicht das Geschäft wechseln, so würde er auch nicht mehr an sie erinnert werden.
Er gratulierte sich selbst zu dieser guten und durchdachten Entscheidungen.
Mit einem Schwung seines Zauberstabs und einem leisen Plopp war er kurz darauf verschwunden.
Und mit einem leisen Plopp erschien er an seinem Zielort. Doch er fand sich nicht etwa in seinem Wohnzimmer.
Mit einem resignierten Seufzen trat er aus einer Ecke, in der Nähe der widerlich stinkenden Mülltonnen und schritt dann über eine große, winterlich graue Wiese.
Direkt vor ihm befand sich das St. Georges Krankenhaus.
