Kapitel 2
Die Gläser
Es wäre die Untertreibung des Jahres zu sagen, daß Draco einen schlechten Tag hatte. Sogar jetzt, um sieben Uhr, hatte er sich immer noch nicht verbessert. Und seine Laune auch nicht. Das mochte sich natürlich zu seinem Vorteil auswirken, denn er mußte gleich mit diesem Weasley-Mädchen nachsitzen. Sie konnte sehr wahrscheinlich ein paar bissige Bemerkungen und Beleidigungen gebrauchen, und er war in genau der richtigen Stimmung, sie auszuteilen. Mit Vergnügen.
Es hatte alles an diesem Morgen begonnen, als er mit hämmernden Kopfschmerzen aufgewacht war. Darüber hinaus hatte er eine laufende Nase und einen leichten Husten gehabt. Eine Erkältung. Er hätte wirklich nicht überrascht sein sollen. Er war in der vergangenen Nacht stundenlang draußen im Regen gewesen. Nicht sehr klug von ihm, wie er zugeben mußte. Wenn auch nur vor sich selbst. Das war es jedoch nicht, was seinen Morgen so grauenhaft gemacht hatte. Eine Erkältung. Gut, damit konnte er leben. Madame Pomfreys Heilmittel? Das war schon etwas schlimmer. Okay, sehr viel schlimmer.
Es mußte das am widerlichsten schmeckende Zeug auf dem Planeten sein, da war Draco sicher. Nachdem er gezwungen worden war, den Trank hinunterzuwürgen, hatte er festgestellt, daß es bereits nach neun Uhr war, was zu dem einen erfreulichen Aspekt seines Tages geführt hatte. Er wurde wegen seiner Erkältung von der ersten Stunde befreit. Das war eine Erleichterung. Er war gestern Abend so ins Fliegen vertieft gewesen, daß er keine Zeit für seinen Aufsatz für Geschichte der Zauberei gehabt hatte. Wenigstens hatte er jetzt einen zusätzlichen Tag, um den fertig zu schreiben.
Seine vorübergehende Erleichterung über den Aufsatz wurde bald zunichte gemacht, als eine nicht im mindesten willkommene Gestalt den Krankenflügel betrat. Draco war gerade damit fertig sich anzuziehen und schnürte sich die Schuhe zu, als er Dumbledores irritierend fröhliche Stimme hörte. Er krauste die Nase in Mißfallen und hoffte, daß der Direktor nicht hier war, um mit ihm zu sprechen. Diese Hoffnung stellte sich als vergeblich heraus, als einige Minuten später die Vorhänge, die sein Bett umgaben, zurückgezogen wurden und das lächelnde Gesicht von Hogwarts' berühmtesten Direktor enthüllten.
„Guten Morgen, Draco."
Draco hob wachsam den Kopf und betrachtete vorsichtig Dumbledores vergnügte Stimmung.
„Das glaub' ich nicht", erwiderte er gleichmütig.
Er sah dem Direktor in die Augen, wie um ihn dazu herauszufordern, ihm zu widersprechen.
Dumbledore lächelte statt dessen nur mit funkelnden Augen. „Nein, für Sie nicht, nehme ich an."
Draco hatte seine Aufmerksamkeit wieder seinen Schuhen zugewandt, aber als Dumbledore nicht fortfuhr, blickte er wieder auf.
„Sind Sie aus einem bestimmten Grund hier, oder versuchen Sie nur, mich in Verlegenheit zu bringen?" fragte er spöttisch.
Normalerweise hätte er es nicht gewagt, zum Direktor so direkt zu sein, aber in letzter Zeit schien es keine große Rolle mehr zu spielen. Eigentlich spielte nichts mehr eine Rolle. Nicht jetzt, nachdem er wußte, was die Zukunft für ihn bereithielt. Er nahm an, daß der Gedanke, nach seinem letzten Schuljahr ein Todesser zu werden, ihn mit tiefem Stolz hätte erfüllen sollen. Oder wenigstens Befriedigung. Dennoch, die Vorstellung brachte ihm keinen Stolz, keine Ungeduld, kein gar nichts.
Er schüttelte sich innerlich, kehrte zu seinen Schuhen zurück und wartete ab, was der alte Mann sagen würde.
„Eigentlich bin ich hier, um mit Ihnen über die recht interessanten Ereignisse von gestern Abend zu sprechen."
Draco stand steif auf. Er hätte schwören können, daß der alte Mann es herauszögerte, nur ihm zu ärgern.
„Ms Weasley war hier und hat sich entschuldigt, nehme ich an?"
„Ja, das hat sie", antwortete Draco mit sorgfältig gewählten Worten. Er würde dem Direktor auf keinen Fall irgendwelche Gefühle verraten, die er gegenüber einem gewissen Rotschopf hegen mochte.
Der Direktor akzeptierte seine Antwort mit einem Nicken.
„Ich kann darauf vertrauen, daß diese Ereignisse strikt zwischen ihnen, Ms Weasley und den beteiligten Lehrern bleiben?"
„I- selbstverständlich." Draco sank aufs Bett, als ihn die Erkenntnis überkam.
Also hatte Ginny nicht allen erzählt, daß er von seinem Besen geweht worden war. Sie hatte niemandem irgendwas erzählt. Aber sie hatte ihn angelogen. Diese rothaarige Teufelin! Worüber hatte sie sonst noch gelogen? Sie hatte wahrscheinlich genau diesen Moment geplant. Die Vorstellung, Draco Malfoy einen Schock zu versetzen, war sicherlich unterhaltsam für sie. Er schüttelte den Kopf, als er still diese neueste Information verarbeitete.
„Stimmt etwas nicht, Mr Malfoy?" unterbrach Dumbledores ruhige Stimme seine Gedanken.
„Nein", antwortete Draco rasch, „alles in Ordnung."
„Gut." Dumbledore sah Draco einen Augenblick schweigend an, als könne er seine Gedanken lesen.
Draco begegnete Dumbledores Blick, und das Gefühl ließ ihm einen Schauer über den Rücken laufen, so eisig wie der Finger eines Geists. Er kontrollierte seinen Gesichtsausdruck noch sorgsamer.
„Wenn das so ist, dann schlage ich vor, daß Sie zurück in ihren Gemeinschaftsraum gehen und sich auf Ihre nächste Unterrichtsstunde vorbereiten. Sie werden nicht entschuldigt werden."
Dumbledores Worte befreiten Draco aus seiner geistigen Starre, und er riß seine Augen von dem inständigen Blick des Direktors los. Er stand vom Bett auf und machte sich absichtlich langsam auf den Weg Richtung Tür, wie um Dumbledore zu demonstrieren, daß er nicht im geringsten eingeschüchtert war. Er überprüfte gewohnheitsmäßig die Tasche seiner Robe nach seinem Zauberstab und war beruhigt, als er das vertraute Gefühl des Zauberstabs in seiner Hand spürte. Er ging weiter und hatte gerade den Türgriff gedrückt, als ihn Dumbledores Worte innehalten ließen.
„Ich habe mir die Freiheit genommen, die Quidditchbälle wieder an ihren ordnungsgemäßen Platz zu befördern, nachdem bekannt wurde, daß Sie unpäßlich waren."
Draco drehte sich langsam um. Ihm schwante Furchtbares. Die Quidditchbälle. Die hatte er völlig vergessen. Er versuchte nicht einmal, ein „Danke" über seine Lippen zu zwingen, und nickte dem freundlichen, silberbärtigen Mann stumm zu, der dasaß und auf Dracos Antwort wartete. Draco hatte dieses Wort noch nie in seinem Leben gesagt, und er konnte es nicht über sich bringen, es jetzt zu tun. Er war nicht mal sicher, ob er das wollte. Als er nichts als ein verstehendes Nicken zur Antwort erhielt, entschied Draco, daß die Unterhaltung zu Ende war. Er stieß die Tür auf und ging zurück zum Slytherin-Gemeinschaftsraum.
Während er ging, versuchte er ein anderes Problem zu lösen, dem er sich gegenübersah: Pansy. Sie würde wütend sein, daß er sein Versprechen nicht gehalten hatte. Oder was sie für ein Versprechen hielt. Malfoys machten keine Versprechungen, jedenfalls keine, die sie nicht sicher halten konnten. Er biß sich nachdenklich auf die Lippe, während er versuchte, sich etwas Glaubhaftes auszudenken, das er ihr erzählen konnte. Er beschloß, ihr die halbe Wahrheit zu erzählen - daß er sich erkältet hatte, als er nach den Quidditchbällen gesucht hatte, und daß er gezwungen gewesen war, im Krankenflügel zu bleiben. Den Teil mit Ginny Weasley würde er einfach weglassen. Über diese verarmte, sommersprossige kleine Hexe (in beiden Bedeutungen) zu reden, war das Letzte, was er wollte.
Überzeugt von seinem Plan schritt er selbstgefällig in den Slytherin-Schlafsaal und suchte seine Bücher zusammen. Er war im Begriff, den Raum zu verlassen, als ihm ein kleiner Anhänger ins Auge fiel, der sehr seinem Familienwappen ähnelte. Es waren zwei ineinander verschlungene Schlangen aus verblichenem Silber; ihre Smaragdaugen leuchteten in der Dunkelheit des Zimmers. Der Anhänger lag auf seinem Nachttisch, wo er offensichtlich sorgfältig plaziert worden war, so daß er richtig herum lag. Die ebenso alte Kette dazu lag daneben, der Verschluß offenbar kaputt.
Das ist merkwürdig, dachte Draco und faßte sich an den Hals. Ich hätte schwören können, daß ich die gestern Abend getragen habe.
Plötzlich dämmerte es ihm.
Ich muß sie verloren haben, als ich letzte
Nacht durch den Sturm geflogen bin. Aber wie ist sie hierher
gekommen?Das Amulett selbst bot keinen Hinweis, seine
Schlangenaugen starrten nur unheimlich aus den Schatten zu ihm
herauf. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, die Vorhänge
zurückzuziehen, was ihn kein bißchen überraschte.
Slytherins mochten die Dunkelheit.
Der Anhänger war eine Art
Glücksbringer für ihn. Sein Vater hatte ihn ihm bei seiner
Geburt gegeben. Er war angeblich mit schützenden und das
Urteilsvermögen stärkenden Zaubern versehen, vor
Jahrhunderten ausgesprochen von jemandem, den seine Familie als den
größten Zauberer aller Zeiten betrachtete. Größer
sogar als Voldemort. Salazar Slytherin selbst. So hatte Lucius Malfoy
es ihm erzählt, als er einmal danach gefragt hatte.
Diese Entdeckung hatte in Draco neuen Respekt für das verblaßte, abgenutzte Schmuckstück geweckt, und er trug es seitdem immer bei sich. Sein Vater hatte auch gesagt, daß der Anhänger früher einmal für dunklere Zwecke verwendet worden war, daß die aber vergessen waren und nun ungenutzt blieben. Wie genau die Malfoys jemals an so einen Gegenstand gekommen waren, wußte Draco nicht, aber er war seit Jahren im Familienbesitz.
Für eine Sekunde verlor sich Draco in den glühenden Augen der Schlangen. Sie schienen ihn in sich hineinzuziehen und den Rest der Welt auszublenden. Als er immer weiter in ihren unendlichen Tiefen versank, hörte er eine dunkle, unheimliche Stimme nach ihm rufen.
„Draco." Sie sagte nur ein Wort, aber dieses eine Wort dröhnte durch den Kopf des jungen Malfoy wie das Tosen eines Wasserfalls.
Draco ließ das Gebilde überrascht fallen und machte unwillkürlich einen Schritt zurück. Frei vom Sog der Schlangenaugen blickte er hinab auf den altertümlichen Anhänger, der zur Seite geneigt lag. Draco zitterte. Er holte tief Luft, griff nach dem Anhänger und hob ihn vorsichtig wieder auf, halb in der Erwartung, ihn wieder sprechen zu hören. Behutsam, als wäre er eine zerbrechliche Muschel, die auf der Stelle zerbröseln konnte, legte Draco ihn wieder auf den Nachttisch. Ihm war im Moment nicht danach, ihn bei sich zu haben. Sein mysteriöses Erscheinen ließ ihn auf der Hut sein, es erschien ihm ratsam, nicht zu viel damit zu hantieren. Verlorengegangene Ketten tauchten nicht einfach im Zimmer ihres Besitzers auf, es sei denn, sie waren mit einem Rückkehrzauber belegt. Und sein Vater hatte nie etwas dieser Art erwähnt.
Draco
fand es schwer zu glauben, daß sein Vater etwas von solcher
Wichtigkeit übersehen würde. Bei näherer Betrachtung,
Ketten riefen einen auch nicht plötzlich beim Namen. Bevor er
wieder schaudern konnte, zwang er sich, es zu verdrängen.
Jemand mußte sie für ihn aufgesammelt haben, das war
alles. Jemand, der wußte, wem sie gehörte. Vielleicht
hatte er sie im Slytherin-Umkleideraum verloren, und jemand hatte sie
für ihn aufgehobenen. Das könnte es sein. Draco lachte
unterbewußt darüber. Irgendwie bezweifelte er das
wirklich. Er konnte sich nicht erinnern, sie jemals jemandem gezeigt
zu haben. Er hatte sie sogar vor Pansy versteckt gehalten. Aber was
gab es sonst für eine Erklärung? Und was war mit der
Stimme? Er hatte nur eine Erklärung dafür. Er wurde
verrückt. Er begann Dinge zu hören.
Wahnsinn war in der Familie der Malfoys nicht vollkommen unbekannt. Tatsächlich wußte Draco von mehreren Vorfahren, die man diskret hatte wegsperren müssen, damit nichts nach außen drang. Wahnsinn war selten, ja, aber es kam vor. Draco war nur nicht sicher, warum ihn der Wahnsinn gerade jetzt treffen sollte. Mit einem Seufzen verbannte er diese deprimierenden Gedanken in seinen Hinterkopf. Er konnte sich später damit beschäftigen, jetzt mußte er erstmal zu seiner nächsten Stunde. Er war schon fast aus der Tür, als ihn etwas zurückzerrte.
Draco stolperte und vermied nur knapp, zu Boden zu fallen. Es war kein körperliches, sondern ein geistiges Ziehen gewesen. Es hatte denselben Effekt, den er erwartet hätte, hätte ihm jemand um die Mitte gefaßt und ihn zurückgerissen. Er keuchte vor Schreck und wandte sich wieder mit dem Gesicht dem Raum zu. Das Amulett war verschwunden, wie er sofort bemerkte. Mit dem beunruhigten Gefühl, das man hat, wenn etwas, das man nicht wahrhaben will, doch wahr ist, ließ er seinen Blick zu seinen Füßen wandern.
Der glitzernde Anhänger war da und starrte zu ihm hinauf. Dieses Mal war der Verschluß nicht mehr kaputt, sondern wieder heil, als wäre es überhaupt nicht vorstellbar, daß es je anders gewesen war. Mit einem unguten Gefühl im Magen schluckte Draco, so hart, daß man es bei jemand weniger Würdevollem panisch nennen müßte. Wieder streckte er die Hand aus, um den Anhänger aufzuheben, zögerte aber kurz bevor er ihn berührte. Würden die Schlangen zum Leben erwachen und ihn beißen?
Draco zweifelte nicht im geringsten daran, daß sie es könnten, wenn es ihnen angebracht schien. Er verdrängte das Gefühl, packte die Kette und legte sie sich beinahe trotzig um den Hals.
„Gut, ich werde sie tragen", sagte er düster in die Stille hinein. „Fürs erste."
ooOOoo
Von da an war es bergab gegangen.
Er konnte sich im Unterricht nicht konzentrieren. Statt dessen wanderten seine Gedanken wieder zu dem seltsamen Verhalten des Anhängers und der Stimme in seinem Kopf. Wenn ihn ein Lehrer oder ein Mitschüler aus seinen Tagträumen riß, stellte er fest, daß er unbewußt die Hand gehoben hatte, um den Anhänger zu umklammern. Das trug ihm eine Menge schräger Blicke und Gekicher vom Rest der Klasse ein. Außer von den Slytherins. Die starrten ihn nur finster an mit einem Ausdruck, der geradezu zischte „Paß besser auf". Pansys böser Blick war der schrecklichste von allen.
Sie war sichtlich aufgebracht über den vergangenen Abend und verlangte eine Erklärung. Und Professor McGonagall zog Slytherin für Dracos „Weigerung zuzuhören" einen Punkt ab. Das Mittagessen war auch nicht besser. Er konnte nichts essen und schob seine Mahlzeit nur auf seinem Teller hin und her. Einmal spürte er jemandes Blick auf sich und sah auf, nur um die jüngste Weasley von der anderen Seite der Großen Halle zu ihm herüber starren zu sehen. Er sah sie höhnisch an und schenkte ihr den finstersten Blick, der er zustande bringen konnte, was sie erröten und schnell woanders hinblicken ließ. Er grinste ein wenig, aber ihre Reaktion stellte ihn nicht so zufrieden, wie sie es hätte tun sollen.
Sobald Verwandlung vorbei war, war er gezwungen gewesen, sich mit Pansy zu befassen und war überraschenderweise in der Lage gewesen, sie zu überzeugen, daß er wegen einer Erkältung unfähig gewesen war, in den Schlafsaal zurückzukehren. Er hatte sie sogar geküßt, nur zur Sicherheit. Sie hatte gelächelt und ihm gesagt, sie habe gewußt, daß nur so etwas ihn von ihr fernhalten konnte, und wie froh sie sei, daß er wieder gesund sei. Draco hatte während dieser kleinen Rede gerade so ein Augenrollen unterdrücken können. Sie war erbärmlich.
Er war nicht sicher, wie er den Rest des Tages überstanden hatte, aber irgendwie war es ihm gelungen. Seine letzte Stunde, Kräuterkunde, war sogar noch schlimmer. Er mußte sich nach draußen zu den Gewächshäusern schleppen, und der Boden war unattraktiv schlammig. Der Sturm hatte irgendwann früh an diesem Morgen endlich aufgehört und dutzende von Pfützen und glitschigen Grasbüscheln zurückgelassen. Glücklicherweise schaffte er es, nicht auszurutschen, aber sobald der Unterricht begann, hatte er nicht mehr so viel Glück.
Er versiebte zwei Fragen,
die er mit Leichtigkeit hätte beantworten können, wenn er
nicht zu zerstreut gewesen wäre, um die richtige Antwort zu
geben, und er mußte 10 cm zusätzlich zu seinem Aufsatz
über die Afrikanische Flug-Pflanze schreiben, den er am Freitag
abgeben mußte, schon in zwei Tagen.
Danach dachte er
ernsthaft darüber nach, die dumme Kette zu zerreißen und
den Anhänger wegzuwerfen, entschied sich aber dagegen, weil er
sich ziemlich sicher war, daß er das nicht konnte.
Als
Kräuterkunde schließlich zu Ende war, dachte Draco, er
würde endlich etwas Zeit zum Nachdenken haben. Aber es sollte
nicht sein. Kaum hatte er den Pfad erreicht, der zurück zum
Schloß führte, da kam Pansy auf ihn zu.
„Nicht jetzt", stöhnte er.
„Draco", rief sie.
Draco ging weiter und tat so, als hätte er sie nicht gehört.
„Draco!" Ihre Stimme war jetzt lauter und fordernder.
Mit einem Seufzen blieb er stehen. „Pansy?"
Sie ignorierte sein offensichtliches Mißfallen daran, aufgehalten zu werden.
„Ich hab mich gefragt, ob du Lust hättest, mit mir dem Turm einen kleinen Besuch abzustatten. Jetzt ist später, nicht wahr?" Ihre Augen verengten sich und signalisierten deutlich, er solle es nur wagen zu widersprechen.
Draco wußte, welchen Turm sie meinte. Es war ein geheimer Raum, der vom Astronomie-Turm abging. Er war letztes Jahr über diesen Raum gestolpert. Er war damals dämlicher gewesen und hatte den Fehler gemacht, ihn Pansy zu zeigen. Der Raum war umgehend ihr kleines Versteck geworden, wo sie hingingen, um sich in unbeaufsichtigten Aktivitäten zu ergehen. Nicht daß sie wirklich viel taten, abgesehen vom Küssen. Draco hatte mit Pansy nie wirklich bis zum äußersten gehen wollen, und sie war damit zufrieden. Obwohl sie zuerst mehr gewollt hatte, hatte sie schnell erkannt, daß sie es nicht bekommen würde, und hatte genommen, was sie kriegen konnte.
Außerdem wußten sie beide, daß sie eigentlich nicht ihn wollte. Sie wollte den Status als seine Freundin, der damit einherging.
„Nein, es ist nicht später", korrigierte er. „Jetzt ist jetzt, und ich hab was anderes zu tun." Er drehte sich auf dem Absatz um und ging davon.
Für eine Sekunde dachte er wirklich, er würde damit durchkommen.
Dann spürte er, wie sich Pansys Fingernägel in seinen Arm bohrten, und wußte, daß er so einfach nicht entfliehen würde.
„Draco Malfoy, du bleibst sofort stehen", verlangte Pansy, mit den Händen auf der Hüfte wie ein verwöhntes Kind. „Ich will mit dir reden. Jetzt", betonte sie.
Mehrere Schüler sahen im Vorbeigehen zu ihnen herüber und mußten ihr Kichern unterdrücken. Draco konnte seine Verlegenheit nicht gänzlich verbergen und wurde rot. Schnell trat er näher an Pansy heran, so daß sie sich leiser unterhalten konnten.
„Halt die Klappe", zischte er ihr zu. „Ich sagte: nicht jetzt."
„Und ich sagte: doch jetzt. Was ist heute los mit dir? Du hast dich komisch verhalten, und jetzt verzichtest du auf eine Knutschsession? Das ist fast genug, um ein Mädchen auf den Gedanken zu bringen, daß letzte Nacht noch was anderes passiert ist, abgesehen davon, daß du dir eine Erkältung geholt hast." Sie lächelte süßlich, als sie den letzten Teil sagte.
Das lief wirklich nicht gut. Es gab nur eins, was er tun konnte, wenn er nicht wollte, daß sie seine Geschichte in Frage stellte.
„Dann komm schon", sagte er ungeduldig.
ooOOoo
Als er Pansy zufriedengestellt hatte und zu einem späten Abendessen hinunter gehetzt war, hatten die meisten Schüler die Große Halle schon verlassen. Pansy hatte beschlossen, das Abendessen ausfallen zu lassen. Sie hatte ihm erzählt, sie sei auf Diät, woraufhin Draco gefragt hatte weshalb, was Pansy dazu gebracht hatte, ihn zornig anzufunkeln und davonzustapfen, wobei sie „Männer" vor sich hin gemurmelt hatte.
Draco konnte ehrlich sagen, daß er es nicht verstand. Pansy war in Ordnung, so wie sie war. Sie war schon ziemlich schlank und hatte eine ausgezeichnete Figur. Eine, die nicht unbemerkt geblieben war, am wenigsten von ihm. Worauf wollte sie hinaus? Er grübelte nicht weiter darüber nach. Es war ihr Problem, nicht seins. Statt dessen ging er zum Essen.
Er war zur Hälfte mit dem Abendessen fertig, als er Professor Snape die Halle betreten sah.
„Da sind Sie ja, Malfoy", rief ihm der Zaubertränke-Lehrer zu. „Ich habe nach Ihnen gesucht." Er schritt rasch zu Dracos Tisch herüber. „Nachsitzen, heute Abend, mein Klassenraum, sieben Uhr. Ich erwarte, daß Sie pünktlich sind."
„Ich muß bei Ihnen nachsitzen?" fragte Draco.
Er konnte sein Glück nicht fassen. Snape war sein Lieblingslehrer, und das Gefühl war immer gegenseitig gewesen. Snape neigte dazu, Draco den anderen vorzuziehen.
„Ja", erwiderte Snape.
Er schien es eilig zu haben. Als er Dracos Grinsen sah, warnte er: „Erwarten Sie nicht, daß das eine einfache Woche wird. Das Weasley-Mädchen wird da sein, also muß ich Ihnen die gleiche Arbeit geben."
Snape mochte die Weasleys ebenso wenig wie Draco.
Dracos Grinsen verschwand, und er nickte stirnrunzelnd. Ginny Weasley hatte unbewußt schon wieder alles ruiniert. Als Draco aufgehört hatte, sich über sie aufzuregen - wie irrational das auch war - war Snape gegangen und Dracos Essen kalt. Draco, der sich nicht mehr hungrig fühlte, stand vom Tisch auf.
Während er den Korridor hinunter Richtung Kerker ging, überdachte er in Gedanken nochmals den Tag und ging - wieder und wieder - die gesamte Episode mit dem Anhänger durch. Jetzt wo er Pansy und das Abendessen hinter sich hatte, kehrten seine Gedanken dazu zurück. Er blieb vor der Tür zum Klassenraum für Zaubertränke stehen und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Er steckte sie wieder sicher zurück in die Innentasche seiner Robe und öffnete die Tür, genau um Punkt sieben.
ooOOoo
Ginny blickte auf, als die Tür aufschwang. Obwohl sie wußte, wer es war, konnte sie sich für einen Moment nicht von seinem Anblick losreißen. Er stand in der Tür, seine große, helle Gestalt als Silhouette vor dem Licht aus dem Flur hinter ihm abgehoben. Er grinste sie selbstgefällig an, und sie bemerkte, daß sie ihn anstarrte. Sie wollte sich voller Schulgefühl abwenden und so gut wie möglich ihr feuriges Erröten verbergen. Aber statt dessen hob sie trotzig den Kopf und sah ihm in die Augen. Das schien ihn ein klein wenig zu überraschen. Gut.
Sie gestattete sich, sich von ihm
wegzudrehen, und fragte sich, was in sie gefahren war. Es schien
plötzlich ein großartiges Spiel zu sein, Malfoy so viel
wie möglich zu überraschen oder zu verärgern. Ein
Spiel, das ihr immens Spaß machte.
Ihr fiel der bekümmerte
und abwesende Gesichtsausdruck wieder ein, den er gehabt hatte, bevor
er sie beim Starren erwischt hatte, und irgendwie hatte sie das
Gefühl, daß er keinen sehr guten Tag gehabt hatte. Das
paßte ihr perfekt, denn sie hatte ebenfalls nicht nicht tollste
Zeit gehabt. Sie hatte verschlafen, das Frühstück komplett
verpaßt, und sie war zu spät zur ersten Stunde gewesen,
was ihr mehrere schiefe Blicke eingebracht hatte. Ginny war nie zu
spät. Als wäre das noch nicht genug, fühlte sie sich
auch noch ungemein schuldig, weil sie ihre Freunde wegen letzter
Nacht angelogen hatte.
Harry und Hermine hatte offensichtlich vermutet, daß etwas war, aber Ron hatte ihr damit in den Ohren gelegen. Sie hatte ihn fest davon überzeugen müssen, daß nichts nicht in Ordnung war, und daß sie einfach nur verschlafen hatte, und jedes Mal hatte sie sich deswegen schlechter gefühlt. Sie belog Ron nicht gerne; er stand ihr von all ihren Brüdern am nächsten, seit Percy die Schule verlassen hatte. Sie konnte es jedoch nicht ändern. Ihr war noch nicht danach, jemandem zu erzählen, was passiert war. Sie fühlte sich immer noch wie ein Trottel, weil sie überhaupt nach draußen gegangen war. Sie war gezwungen, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren, als sie das unverkennbare Geräusch sich nähernder Schritte hörte.
Draco kam neben ihr zum Stehen.
„War Professor Snape schon hier?" fragte er kühl.
„Nein", erwiderte sie mit ebenso viel Enthusiasmus.
Keiner von beiden sah den anderen beim Sprechen auch nur an.
Ginny beobachtete aus dem Augenwinkel, wie sich Draco, der anscheinend zufrieden war, auf der anderen Seite der Klasse setzte. Offenbar war er auch nicht besonders scharf darauf, hier zu sein. Sie warteten schweigend auf Snape. Ginny kaute nervös an ihren Fingernägeln. Der Zaubertränke-Meister ließ sie wahrscheinlich absichtlich warten. Mehrere weitere Minuten vergingen, bis Ginny die drückende Stille nicht mehr ertragen konnte.
„Da du auch hier bist, geh' ich davon aus, daß ich mich nicht in der Zeit geirrt habe. Er hat sieben gesagt, oder?" Sie sah Draco fragend an.
Im Gegensatz zu ihr schien der silberhaarige Junge sich in den Kerkern vollkommen wohl zu fühlen.
„Er wird kommen." Er machte eine Pause und sah sie dann mit einer Mischung aus selbstgefälligem und verächtlichem Grinsen an. „Er läßt seine Schüler einfach gerne warten. Auf die Weise haben sie mehr Zeit, nervös zu werden." Er lächelte spöttisch, als er vielsagend auf ihre abgekauten Fingernägel blickte. „Es scheint zu funktionieren, jedenfalls bei einem von uns."
Ginny kochte im Stillen vor Wut und weigerte sich, ihn anzusehen.
Er hatte recht.
Sie war inzwischen nervöser als zu dem Zeitpunkt, als sie hereingekommen war. Sie hegte bereits eine große Abneigung gegen den Professor, und diese Woche bei ihm nachsitzen zu müssen, war absolut nervenaufreibend. Sie weigerte sich, ihre Nervosität vor Malfoy zu offenbaren, und zwang sich, ihre Hände im Schoß zu lassen und nicht zu zappeln. Es war außerordentlich schwer. Bevor ihre Grenzen jedoch zu sehr getestet wurden, öffnete sich eine Tür an der Rückseite des Klassenraums und Severus Snape trat ein. Sein Gesicht verriet seine schlechte Laune, und Ginny fragte sich, welcher Art Folter sie unterworfen werden würde. Da Snape zweifellos Draco bevorzugte, war es nicht schwer, sich auszurechnen, wem er die meiste Arbeit aufladen würde, was immer es sein mochte.
Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Draco sich sichtlich auf seinem Stuhl aufrichtete. Unglaublich, er schien den Zaubertränke-Lehrer tatsächlich zu respektieren. Ginny schüttelte den Kopf; jetzt war sie überrascht. Sie hatte nicht gedacht, daß Draco fähig war, jemanden zu respektieren. Offensichtlich hatte sie damit falschgelegen.
Snape sah sie über eine große Kiste voller Zettel hinweg prüfend an. Er stellte die Kiste auf den Boden vor seinem Pult, wobei er sie noch immer genau beobachtete, und ging zurück zu der Tür. Nur einen Augenblick später erschien er wieder mit einer weiteren Kiste. Auch diese war voller Papiere.
Ginny biß sich auf Lippe.
Was sollten sie wohl mit so vielen Zetteln machen? Er würde doch wohl nicht verlangen, daß sie sie alle durchlasen?
Snape mußte noch zweimal laufen, und jedesmal brachte er eine Kiste mit. Es dauerte nicht lange, bis sie entdeckten, daß diese Kisten nicht wie die ersten beiden Papier enthielten. Sie enthielten etwas, das aussah wie Flaschen und Gläser mit Zutaten für Zaubertränke. Die mußten aus seinem privaten Vorratsraum sein, entschied Ginny. Der gewöhnliche Vorratsraum enthielt nicht annähernd diese Menge oder die Art von Zutaten, die Snape vor ihnen hinstellte. Als Snape sich bückte, um den letzten Karton hinzustellen, tauschten Ginny und Draco einen neugierigen Blick,
Was sollten mit all diesem Zeug anfangen?
Die Antwort erhielten sie bald, als Snape sprach. Er richtete sich auf und starrte sie beide finster an.
„Inventar", sagte er tonlos. „Sie werden diese Papiere durchgehen und sie den Zutaten zuordnen. Ich will außerdem auf diesen Papieren eine Auflistung, wieviel wir von jeder Zutat haben. Nachdem Sie sie sortiert haben, können Sie die Gläser beschriften, mit diesen Klebeetiketten", er deutete auf eine Rolle grünes Muggel-Klebeband, die in einer der Kisten lag, „und diesen Stiften." Snape zeigte auf sein Pult, wo zwei bis dahin unbemerkte schwarze Filzstifte lagen.
Ginny klappte vor Überraschung der Mund auf, und sie warf einen kurzen Blick auf Draco, um seine Reaktion zu sehen.
„Können wir nicht einfach Magie benutzen?" fragte er.
Er war so überrascht wie sie, auch wenn er sein bestes tat, das zu verbergen.
„Nein", kam die strenge Antwort. „Keiner von Ihnen wird auch nur einen Zauberstab berühren. Ich werde wissen, ob Sie Zauberei benutzt haben, wenn ich zurückkomme, und wenn ich festellen sollte, daß Sie das getan haben, werden Ihnen für die restliche Zeit, die Sie nachsitzen werden, die Zauberstäbe abgenommen. Verstanden?"
Ausnahmsweise schien er Draco nicht im geringsten zu bevorteilen. Ginny fühlte sich etwas besser, wenigstens würde sie jetzt nicht die ganze Arbeit allein machen müssen. Dann wurde ihr klar, was der Professor gesagt hatte.
„Sie werden nicht hier sein, während wir das machen?" Ihre Stimme klang seltsam, sogar für ihre eigenen Ohren.
„Mit Sicherheit nicht, Ms Weasley. Ich habe andere Dinge zu erledigen und kann es mir nicht leisten, meine Zeit mit Babysitten zu verschwenden." Er schenkte ihr einen gehässigen, stechenden Blick.
Ginny spürte Hitze in ihre Wangen steigen, als sie vor Demütigung rot wurde. Es war offensichtlich, daß Snape auf sie anspielte. Aber der rote Hauch auf ihren Wangen rührte nicht nur von ihrer Betretenheit her, der Gedanke machte sie auch wütend. Daß er andeutete, sie sei ein Baby, war empörend. Da er ein Lehrer war, konnte sie jedoch nichts dagegen tun. Ihr Ärger mehrte sich nur, als Draco sprach.
„Immerhin geht es Ihnen besser als ihr, Professor. Die kleine Weasley kann sich gar nichts leisten", stichelte er boshaft.
„Du-" setzte Ginny an.
Aber was er war, bekam Draco nicht mehr zu hören. Professor Snape unterbrach die beiden plötzlich.
„Das reicht", sagte er eisig, obwohl Ginny den schleichenden Verdacht hatte, daß Malfoys Bemerkung ihn amüsierte.
„Sie beide werden zusammenarbeiten müssen, und ob Sie miteinander auskommen oder nicht, ist nicht meine Sache. Aber solange ich anwesend bin, erwarte ich, daß Sie von Streitereien absehen."
Weder Draco noch Ginny gaben darauf eine Antwort, aber Snape schien auch keine erwartet zu haben. Mit einem letzten warnenden Blick verließ er den Klassenraum und rief ihnen über die Schulter zu:
„Und Sie zerbrechen besser auch nichts, oder ich werde äußerst unerfreut sein."
Mehrere Minuten vergingen, bevor Draco und Ginny sich auch nur bewegten.
Ginny hatte tatsächlich
ganz vergessen, daß Draco noch da war, so wütend war sie
immer noch. Sie wurde von dem leisen Rascheln seiner Robe über
den Fußboden an seine Anwesenheit erinnert. Graziös wie
eine Katze schritt er den Gang entlang zu den Kisten auf dem
Boden.
Von ihrer Position hinter ihm konnte sie sehen, daß
er sowohl eine makellose Haltung hatte als auch tadellosen Geschmack,
was Kleidung anging. Allein diese Robe mußte ein Vermögen
gekostet haben. Sie betrachtete neidisch das feine Material. Sie
hatte immer so eine Robe haben wollen. Von dort wanderte ihr Blick zu
seinem weißblonden Haar, das im Dämmerlicht wie Mondschein
glimmte.
Er hat schöne Haare.
Der ungewöhnliche Gedanke ließ sie den Blick abwenden, und sie tadelte sich sofort. Was machte sie? Sie hörte sich schon an wie Lavender oder Parvati, Gott bewahre.
Sie schüttelte den Kopf und versuchte, sich an die Beleidigung über ihre Familie zu erinnern, die er ihr gerade entgegen geschleudert hatte, aber anscheinend hatte all ihr Ärger sie verlassen. Sie war es leid, sich aufzuregen. Vielleicht würde sie doch einfach versuchen, sich höflich zu verhalten. Das würde es wahrscheinlich für sie beide einfacher machen.
Als hätte er ihren Stimmungswechsel gespürt, warf Draco ihr einen Blick über die Schulter zu.
„Kommst du nicht?" fragte er gebieterisch, bevor er sich wieder umdrehte, um die Kartons zu inspizieren, wobei er genau wußte, daß sie nicht einfach nur rumsitzen würde.
Ginny seufzte und erhob sich von ihrem Platz.
„Ich kann's genauso gut hinter mich bringen", murmelte sie zu sich.
Sie ging auf die Kisten zu, darauf bedacht, einen weiten Bogen um Draco zu machen. Sie wollte ihm auf keinen Fall zu nahe kommen. Sie erreichte die Kartons und ließ sich neben dem dichtesten vorsichtig nieder.
„Okay", begann sie. Sie haßte es, diejenige sein zu müssen, die zuerst etwas sagte, aber als sie Dracos selbstgefälligen Ausdruck sah, wußte sie, daß er es nicht tun würde.
Er hatte den ersten Schritt gemacht, indem er hier herüber gekommen war, jetzt war sie dran. „Ich nehme diese Kiste mit Papieren, du kannst die andere haben." Sie zeigte auf die Kiste, die ihm am nächsten stand. „Die Kiste mit den Zutaten können wir in die Mitte stellen. Okay?"
„Warum kriegst du die Kiste?"
Was hatte sie erwartet? Natürlich würde Draco kompliziert sein.
„Von mir aus, ich nehm' den Stapel da, und du kannst diesen haben", schnappte sie.
Sie griff nach der Kiste, aber Draco hatte andere Pläne.
„Nein, ich hab meine Meinung geändert, ich nehm' doch diese hier." Als er beobachtete, wie sie angestrengt versuchte, die Fassung zu wahren, grinste er selbstzufrieden und fing an, die Papiere in dem Karton durchzugehen, den er für sich beansprucht hatte.
Nachsitzen erwies sich als lustiger, als er es erwartet hatte. Die Zankerei mit Ginny hatte sogar den Anhänger aus seinen Gedanken verdrängt.
„Sei nicht so... so... kindisch!" fauchte sie.
Er täuschte Unschuld vor. „Ich? Kindisch?" Er machte eine Pause. „Niemals."
Damit kehrte er zu seiner Arbeit zurück und ignorierte geflissentlich ihr scharfes Luftholen, als sie versuchte, ihr Temperament wieder zu beruhigen. Sein Gesicht blieb eine Maske der Gelassenheit, die nie von dem beabsichtigten unschuldigen Ausdruck abwich. Ginny entschied sich, daß die beste Taktik sein würde, ihn ebenfalls zu ignorieren. Sie wandte sich ihrem eigenen Karton voller Zettel zu und begann, sie methodisch durchzugehen.
Nach etwa zehn Minuten Arbeit in völliger Stille wurde sie langsam frustriert. Sie stieß den Atem in einem Seufzen aus und richtete ihn nach oben, so daß er die roten Haarsträhnen aus ihren Augen blies. Sie biß sich auf Lippe und besah sich das bißchen Arbeit, das sie bislang erledigt hatte.
„Das ist hoffnungslos." Sie verspürte den Drang, darauf hinzuweisen, selbst wenn Malfoy sie ignorierte.
„Tatsächlich?" fragte er und hob beiläufig eine Augenbraue. „Ich hab mir dich nie als Ginny-die-Versagerin vorgestellt, aber andererseits hab ich dich immer nur von deiner Familiengeschichte her gekannt. Du weißt schon, die ohne einen Pfennig."
Ginny spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoß, und sie mußte die Innenseite ihrer Wange beißen und ihre Hände an ihren Seiten fest zu Fäusten ballen, um sich davon abzuhalten, etwas Irrationales zu tun. Obwohl Malfoy es ohne jeden Zweifel verdient hätte, glaubte sie nicht, daß Professor Snape es geschätzt hätte, wenn sie ihm Malfoy in einer Million Einzelteilen zurückgegeben hätte. Anstatt ihn physisch anzugreifen, würde sie auf Worte zurückgreifen müssen.
Unglücklicherweise war das einzige, was ihr in dem Moment einfiel:
„Ich versage nicht."
Sie hörte Dracos spöttelndes Lachen und mußte zugeben, daß das nicht die geistreichste Erwiderung gewesen war.
„Ich habe lediglich eine Tatsache festgestellt."
Während sie geredet hatte, hatte Draco die ganze Zeit gearbeitet, ohne auch nur zum Sprechen eine Pause zu machen.
„Nein, das war eher eine Meinung." Er deutete auf seine eigene Leistung. „Es ist wirklich nicht so schwer, wie du es darstellst."
„Ach, wirklich? Na, was schlägst du vor, wie ich es machen soll?" Ginny konnte nicht leugnen, daß er anscheinend wesentlich mehr geschafft hatte als sie, aber sie haßte seine selbstgefällige Art.
„Statt die Zettel zu sortieren und ihnen dann eine Zutat zuzuordnen, nimm einfach ein Blatt zur Zeit und ordne es zu. Dann legst du's an eine bestimmte Stelle, so daß du jedesmal, wenn du mehr von der Sorte findest, es einfach auf den Stapel legen kannst."
Ginny blinzelte verwundert. Sie hatte nicht erwartet, daß Draco ihr etwas antworten würde, und als er es tat, klang es tatsächlich logisch. Er trug nicht einmal einen überlegenen Gesichtsausdruck zur Schau.
„Oh", sagte sie leise.
Sie arbeiteten einige Minuten still weiter, und Ginny tat, was er gesagt hatte.
„Danke."
Sie flüsterte fast, und zuerst glaubte sie nicht, daß Draco sie überhaupt gehört hatte. Das hörte sie seine ebenso leise Erwiderung, so leise, daß sie nicht sicher war, ob sie es wirklich gehört hatte.
„Keine Ursache."
Ginny hob kurz den Blick.
Würde er je aufhören, sie zu überraschen? Warum war er von einer Sekunde zur anderen von vollkommen empörend zu erstaunlich erträglich übergewechselt? War er krank? Ginny dachte zurück an den abwesenden Gesichtsausdruck, den Draco gehabt hatte, als er vorhin den Klassenraum betreten hatte, bevor er sie gesehen hatte. Irgendwas mußte ihn umtreiben.
Als sie ihn jetzt ansah, glaubte sie dieselben leichten Anzeichen von Geistesabwesenheit bei ihm zu entdecken. Dieser Blick sagte, daß er nicht ganz da war. Sie stürzte sich auf die Gelegenheit, ihn so sorgfältig anzusehen, wie sie es noch nie getan hatte. All ihr Zorn von vorhin war verraucht. Statt dessen war diese intensive Neugier geblieben.
Wer war eigentlich Draco Malfoy?
Sie kannte ihn natürlich seit sechs Jahren, aber sie hatte ihn nie richtig gekannt. Nicht daß sie das wollte, versicherte sie sich schnell und senkte den Blick. Es konnte keinen Grund geben, jemals Draco Malfoy besser kennenlernen zu wollen, und trotzdem...
Ihre Überlegungen wurden von einem zufriedenen Seufzen unterbrochen.
„Fertig", verkündete ihr Nachsitz-Partner. Er blickte fragend zu ihr herüber.
„Du?"
„Nicht ganz." Ginny zuckte innerlich zusammen. Sie hatte immer noch ungefähr zehn Zettel und Gläser vor sich.
Für einen Moment dachte sie, Draco würde ihr in Anbetracht seines plötzlichen Stimmungsumschwungs vielleicht seine Hilfe anbieten, aber sie hatte kein Glück. Er saß lässig da, die Beine überschlagen und die Hände auf den Knien, und wartete darauf, daß sie fertig wurde. Obwohl sie nicht hochblickte, konnte sie seine Augen auf sich spüren. Sie brannten mit ihrem unnachgiebigen Blick unablässig Zwillingslöcher in sie hinein. Was war aus den Gedanken geworden, die ihn Millionen von Meilen weit weggeführt hatten?
Ginny kam zu dem Schluß, daß er wohl versuchen mußte, sie zu ärgern oder sie in Verlegenheit zu bringen. Beides funktionierte so weit ausgezeichnet, wobei letzteres sie tief erröten ließ, wenngleich sie ihr bestes tat, es nicht zu zeigen. Malfoy durchschaute ihre Tarnung sofort und lachte herablassend.
„Stimmt was nicht, Weasley?" neckte er.
„Ja", erwiderte Ginny bissig, während sie das letzte Etikett auf ihren Teil der Zutaten klebte. „Du hast mich die letzten zehn Minuten angestarrt. Hab ich was in den Haaren?"
Draco kicherte.
„Nein, aber mein Mach-Weaesley-sauer-Plan scheint reibungslos funktioniert zu haben."
Ginny fiel nichts ein, was sie dazu hätte sagen können, daher saßen sie für ein paar Minuten nur stumm da, während sie finster dreinsah und er selbstzufrieden lächelte. Und sie hatte doch tatsächlich noch vor wenigen Minuten darüber nachgegrübelt, wie der wahre Draco Malfoy war.
Genau in diesem Moment, als die Stille zum äußersten gespannt und kurz vor dem Zerreißen war, öffnete sich die Tür und Snape kam herein. Er nahm die Szene vor sich in Sekundenschnelle auf und nickte knapp.
„Ich sehe, Sie sind fertig." Er deutete auf die sortierten Gläser. „Gut. Sie können gehen. Und denken Sie daran, selbe Zeit morgen." Ohne ein weiteres Wort schritt er an ihnen vorbei und verschwand in seinem Büro.
Ginny weigerte sich, Draco anzusehen, als sie rasch aufstand und den Staub von ihrer Robe abklopfte.
„Das wird nichts bringen." Dracos Stimme hatte wieder diesen spöttischen Tonfall angenommen, den Tonfall, der deutlich besagte: Hier kommt eine Beleidigung. „Diese alte Second-Hand-Robe ist sowieso braun." Er machte eine effektvolle Pause. „Nein, warte, sie war schwarz, aber jetzt ist sie so schmutzig, daß sie braun aussieht." Er lachte kalt, als er sah, wie Ginnys Gesicht bei der Beleidigung entflammte.
„Was ist, Weasley? Konnten Mami und Papi sich keine neue leisten?"
Ginny sog einen tiefen Atemzug ein. Jetzt war sie wirklich wütend. Bevor sie sich aufhalten konnte, holte sie instinktiv aus und schlug fest zu. Sie spürte einen leichten Schmerz, als ihre Faust auf Malfoys Kinn auftraf. Ein lautes Knacken echote durch den Raum, das Geräusch von Knochen auf Knochen, und Ginnys Augen weiteten sich einen Augenblick lang vor Schreck.
Sie hatte ihn geschlagen! Bevor er etwas anderes tun konnte, als sie einfach geschockt anzustarren, faßte sie sich wieder und rauschte mit erhobenem Kopf aus dem Raum. Er hatte es verdient, versicherte sie sich und versuchte, das nagende Schuldgefühl auszulöschen, das sie verfolgte.
Anmerkung: Vielen Dank, liebe Reviewer!
