ZWEITENS: NEIN, IST ES NICHT.

Rufus

Er fragte sich immer noch, welcher Teufel ihn geritten hatte, als er Ellen zugesagt hatte, er würde sich das Mädchen ansehen. Jetzt fuhr er mit seinem roten 65er Ford Pickup in die Einfahrt des Roadhouse, dem einzigen Ort, außer seinem eignen Haus, an dem er öfter gewesen war, als er zählen konnte. Murrend stieg er aus seinem Wagen aus und betrat den Pub. Es war niemand da, die Stühle standen so früh am Morgen noch auf den Tischen und nur Ash lag auf seinem üblichen Platz auf dem Billardtisch und schnarchte. Rufus rüttelte ihn unsanft wach.

„W-w-was? Ich bin nich' high!" Ash sah aufgescheucht in alle Richtungen. Er hatte außer einer Jeansjacke und einer Unterhose nichts an und an seinem Hinterkopf hatte er sich ein kleines Rattenschwänzchen wachsen lassen. Sein Blick klärte sich und er entdeckte Rufus. „Heeeey! Rooooofey! Was machst'n hier?"

„Ich soll mir die Kleine anschauen. Was meinst du, hast du sie schon gesehen?"

Ash legte kurz nachdenklich den Kopf schief. „Ahh. Robin heißt'se. Winziges Ding. Seltsame Augen. Die wird ma' 'ne Große. Hab ich im Gefühl, weißte…" Er fasste sich an die Brust. „Hier drin… ganz groß wird die."

Rufus runzelte die Stirn. Das war Ash. Seltsam, von den Fußsohlen bis in die Haarspitzen. Er war vor zwei Jahren einfach aufgekreuzt und nicht mehr gegangen.

„Wo ist sie, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit", fragte er Ash grimmig.

„Ich hol se…" Der Achtzehnjährige stand auf und verschwand hinter einer der Privattüren der Bar. Fünf Minuten später kam Ellen lächelnd heraus und begrüßte ihn wie den alten Freund, zu dem er in den letzten Jahren geworden war.

„Hör auf zu schleimen und zeig mir das Gör.", grunzte Rufe und sah die Frau strafend an. In was hatte sie ihn da hinein geritten? Ellen grinste verschmitzt und Rufus erhaschte eine Bewegung hinter ihrem Rücken. Das kleinste Mädchen, das er jemals gesehen hatte, so kam es ihm zumindest vor, trat hervor und sah ihn fest aus großen, eisblauen Augen an. Sie hatte lange zottelige erdbeerbraune Haare, die ihr zu allen Seiten abstanden. Sie war ein hübsches Ding, mit vollen Lippen und blasser Haut, wie eine Puppe.

Etwas an ihrer Haltung erinnerte Rufus an eine Elfe, als wäre sie jeden Moment bereit dazu, abzuheben, so wie sie leicht auf den Zehenspitzen und mit abgewinkelten Armen dastand. Rufus erster Gedanke war ein Jubilieren, weil ihm ihr Körper die ideale Ausrede bot, sie nicht bei sich aufnehmen zu müssen. Doch je länger er das Mädchen betrachtete, desto weniger schien dieser Gedanke zu bedeuten. Ellen hatte recht gehabt, das Kind hatte etwas.

Was das war, er hatte keine Ahnung. Aber es lag in ihren Augen. Augen, die er nur bei sehr wenigen Menschen bis jetzt gesehen hatte.

Das Mädchen nickte ihm zu, als würde sie ihm zustimmen, doch natürlich begrüßte sie ihn nur. „Ich bin Robin Gunner. Bitte unterrichten sie mich."

Schien zumindest nicht um den heißen Brei herum zu reden, die Kleine und allzu schüchtern war sie wohl auch nicht. Er grunzte und sah zu Ellen auf. „Ich dachte, du hast gesagt, sie sei elf." Nicht Ellen antwortete ihm. Das Mädchen war es, das mit fester Stimme antwortete. „Ich bin elf. Nur ein bisschen klein geraten."

Rufus musterte sie mit erhobenen Brauen.

„Aber ich bin schnell. Und klug. Ich bin nicht nutzlos und dieser Winchester-Mann hat gesagt, sie suchen einen Lehrling. Ich kann ein guter Lehrling sein, denke ich."

Rufus musste sich ein Schmunzeln verkneifen und verfluchte im Stillen John Winchester und seine große Klappe. Er würde noch von ihm zu hören bekommen, so viel stand fest.

„Soso, kannst du?", fragte er und das Mädchen biss sich auf die Lippen. Langsam, aber nicht bedrohlich, zog sie etwas hinter ihrem Rücken hervor. Allein die Tatsache, dass er nicht einmal bemerkt hatte, dass sie etwas verborgen hielt, gab ihm zu denken. Jäger mussten aufmerksam und scharfsinnig sein und Jäger in seinem Alter erst recht. Gegen seinen Willen war Rufus ein wenig beeindruckt. Und als er sah, was die Kleine da in der Hand hielt, war er frustriert. Es war eine Flasche. Eine Flasche Johnny Walker Blue Label. Verärgert drehte er den Kopf zu Ellen um und schnaubte. „Ellen. Du glaubst doch nicht wirklich, dass du mich damit rumkriegst?" Er musste zugeben, dass es ihn in den Fingern juckte, sich die Flasche zu schnappen und sich mit dem Zeug bewusstlos zu trinken. Aber so gerne mochte er es dann doch nicht. Ellen zuckte mit den Schultern und lächelte schief. „Einen Versuch war's wert."

Grunzend wandte sich Rufus wieder dem Kind zu und verschränkte die Arme vor der Brust. „Warum willst du Jägerin werden? Was ist mit Schule und Familie wenn du erwachsen bist?", fragte er mit gerunzelter Stirn und der Blick des kleinen Mädchens wurde kalt.

„Ich kann immer noch zur Schule gehen… und die einzige Familie, die ich jemals haben werde, ist tot. Deswegen will ich Jägerin werden." Mit einer Mischung aus Schmerz und Wut starrte Robin zu Rufus hoch. Doch einen Augenblick später waren all die Emotionen wieder wie weggewischt und die Leere trat abermals in ihr Gesicht. Wäre er ein schlechterer Menschenkenner gewesen, dann hätte er gedacht, das Mädchen sähe mit ihren großen halb geschlossenen Augen und den langen Wimpern verträumt aus. Doch das war nur eine natürliche Fassade. Rufus war ein bisschen erstaunt, wie gut sich dieses Kind bereits unter Kontrolle hatte und der Jäger ertappte sich bei der Überlegung wie er ihre Ausbildung am besten anpacken könnte. Innerlich fluchend ließ er die Hände sinken. Er kannte sich gut und eben hatte er den Kampf verloren. Ohne es bis jetzt bemerkt zu haben, hatte er dieses Gör schon von vorn herein gemocht und sein Hinterkopf war bereits damit beschäftigt sich auf das neue Leben, dass ihn nun wohl offensichtlich erwartete, vorzubereiten.

Resignierend sackten seine Schultern nach unten und er nickte dem Mädchen auffordernd zu. „Dann pack mal deine Sachen", brummte er und wandte sich zum Gehen. „Und nimm ja diesen Scotch mit!", bellte er noch hinterher.

Robin starrte ihm hinterher, unfähig zu realisieren, was da gerade passiert war. Dann brach es zu ihr durch: Er würde sie ausbilden.


Uuunnnd das zweite gleich hinterher... Hihi^^