Savage bewunderte Maul dafür, wie er erst Satine ausgehorcht hatte und nun zielstrebig Almec für seinen neuesten Plan requirierte, sich zum vorerst geheimen Sith-Herrscher seines eigenen Imperiums aufzuschwingen – ihres Imperiums! Natürlich war Mauls Methode viel einfacher als Savages Vorschlag, hinaus auf die Straßen der mandalorianischen Hauptstadt Sundari zu laufen, um dort irgendeinen Vorzeigepremier zu finden, der die öffentliche Arbeit für die Brüder erledigen würde, ohne daß deren Machenschaften auf Widerstand im mandalorianischen Volk stoßen würden.
Noch während Maul mit Almec sprach, dachte Savage an dessen vorige Gesprächspartnerin. Die Herzogin Satine sah so ähnlich aus wie die blonde Mandalorianerin, die Savage auf Geheiß seines Bruders auf der Straße aufgelesen und beinahe in den Abgrund geschleudert hätte – beinahe – denn der Plan sah vor, daß Savage der Frau genügend Spielraum lassen würde, daß sie sich am Geländer festhalten könnte – solange, bis Hilfe käme – Hilfe von der Death-Watch wohlgemerkt, die sich durch solcherlei Taten zum neuen Wohltäter des mandalorianischen Volkes aufgeschwungen hatte. Soweit aufgeschwungen, bis Pre Vizsla und seine Gefährtin Bo Katan der Meinung waren, der beiden Sith-Brüder, welche die treibende Kraft beim Aufstieg des alten wahren Mandalore waren, nicht mehr zu bedürfen. Und die beiden Zabraks mit großem Tamtam öffentlich sichtbar auf offener Straße festnahmen. Aber auch das hatte damals zum Plan gehört. Also hatten sich Maul und Savage nur halbherzig Widerstand leistend festnehmen und einsperren lassen.
Savage hatte in der ihm eigenen Vorsicht schon lange vorher gespürt, daß Pre Vizsla sie verraten würde. Für seinen Bruder Maul die perfekte Gelegenheit, sich dieses unsicheren Verbündeten zu entledigen. Und jetzt war es soweit. Der kleine Trupp schritt direkt auf den Thronsaal zu, während Savage den mandalorianischen Wachmann des Gefängnisses vor sich in der Luft im Würgegriff der Macht hielt. Schon bald würde er ihn Pre Vizsla einem Fehdehandschuh gleich vor die Füße segeln lassen, bevor Maul seinen verdienten Anspruch auf den Thron Mandalores geltend machen würde.
Er dachte wieder an die junge blonde Frau, die er an den Rand des Abgrundes der Straßenschluchten von Sundari geworfen hatte. Der gelbe Zabrak hatte sich noch einmal umgedreht, um sicherzugehen, daß die Death-Watch-Leute den Plan auch wirklich ausführen würden, die Frau zu retten. Oder war es die ihm eigene Fürsorge gewesen, diese unbekannte unschuldige Frau, die er ansonsten niemals angegriffen hätte, zu retten? So wie er früher in der Nachtbrudersiedlung stets seinen anderen Bruder Feral gerettet hatte, bis Asajj Ventress ihm befohlen hatte …? Während er mit Maul, Almec, und dem Wachmann im Würgegriff unaufhaltsam dem Thronsaal des herzoglichen Palastes zustrebte, dachte Savage wieder an Satine.
Auch sie befand am Rande eines Abgrundes. Sie hätte nur ein Wort zu sagen brauchen, nur etwas freundlicher zu Maul sein müssen, dann wäre sie jetzt ebenfalls wieder frei. Er hätte ihr höchstpersönlich die Zellentür geöffnet, um sie nach draußen zu geleiten, wenn Maul ... Immer, wenn Maul! Aber Savage wußte, daß er seinem Bruder dankbar sein mußte. Darth Maul hatte ihn nach dem Debakel bei Dooku mit Ventress aufgenommen, ihn weiter in den Künsten der Sith unterwiesen. Und jetzt würde er ihn mit ihrem letzten Coup für alles entschädigen, was er in den letzten vier Monaten erlitten hatte.
Aber was, wenn das Volk weiterhin Satine vermissen würde? Wäre die Herzogin nur nicht so arrogant! Sie mochte zwar friedlicher und kultivierter wirken als Asajj Ventress, aber sie war genauso überheblich und verächtlich ihm gegenüber wie die durchtriebene Nachtschwester von vor drei und vier Monaten. Dachte er deshalb so oft an Satine? Weil sie nicht nur schön war, sondern auch eine Herausforderung darstellte? Im Gegensatz zu den Death-Watch-Frauen, die ihn im Camp von Zanbar gelegentlich angehimmelt hatten, wenn er dort mit Maul trainiert oder mit den Anderen geredet hatte? Aber Maul hatte ihm untersagt, sich mit den Frauen von Zanbar einzulassen. „Bis Mandalore uns gehört", hatte er ihm verheißungsvoll mit leiser Stimme ins Ohr geflüstert.
Savage hatte sich ertappt gefühlt, als Satine ihn damals auf einmal aus ihrer Zelle heraus strafend angeschaut hatte. Sie schien seine Gedanken gelesen zu haben. Und er hatte das Gefühl, daß sie ihm mit ihrem Blick etwas sagen wollte, während sie ihn so trotzig angeschaut hatte. Aber was? „Überlaß das Reden mir, Bruder!", hatte Maul ihn vor seinem Gespräch mit der Herzogin und dem ehemaligen Premierminister angewiesen. Also hatte er seinen Mund gehalten. Trotzdem gingen ihm die Gedanken an die blonde Herzogin nicht mehr aus dem Kopf. ‚Eine Frau wie sie und ein Typ wie ich?' Aber Savage hatte keine Ahnung, wen er das fragen sollte.
Schon gar nicht die Herzogin selbst, die ja mit dem Jedi-Meister Obi-Wan Kenobi eng befreundet war, wie ihnen Pre Vizsla gleich am ersten Tag ihrer Ankunft auf Zanbar erzählt hatte. Kenobi, der Savage seines linken Armes beraubt hatte. Kenobi, der immer so sicher und kultiviert auftrat - dabei stets einen flotten Spruch auf den Lippen. Kenobi, dem kein einziger Körperteil fehlte! Den alle in der Galaxis schätzten und verehrten, während er, Savage Opress, als geächteter Verbrecher galt, auf den ein hohes Kopfgeld ausgesetzt war, was sich Ventress vor drei Monaten so gerne verdient hätte. Und stattdessen auf Raydonia zusammen mit Obi-Wan Kenobi vor ihm und Maul geflohen war.
„Wir schaffen das mit Almec allein nicht", sagte Maul mißmutig einen Monat nach ihrer Machtübernahme, nachdem es immer wieder auf den Straßen Sundaris zu Unruhen gekommen war, weil Leute für die abgesetzte Herzogin Satine demonstrierten. Mal friedlich – mal weniger friedlich. Offenbar glaubten sie Almec seine Lügengeschichte nicht, daß Satine es gewesen sei, die Pre Vizsla umgebracht hatte.
„Was sollen wir tun, Bruder", entgegnete Savage achselzuckend, während sich die Hand seines linken künstlichen Armes an den Stuhl unter ihm krallte.
„Sie hätte ihren Job wiederhaben können! Sie hätte weiterhin unter unserer Ägide regieren können!", schnaubte Maul verärgert. „Aber sie ist uneinsichtig, arrogant und vor allem sehr dumm!" beendete er seine Tirade.
„Was schlägst du vor, Bruder?", fragte Savage.
„Du wirst zu ihr gehen und ihr ein Angebot unterbreiten", sagte Maul, während er sich zu seinem Bruder beugte, um ihm nun die Einzelheiten seines neuesten Planes zu unterbreiten.
„Ich?", wunderte sich Savage.
„Ich habe beobachtet, wie ihr Zwei Blickkontakt hattet, während ich mit Satine geredet habe. Und du warst schon damals sehr geschickt darin gewesen, mich in meinem umnachteten Zustand von Lotho Minor wegzulocken, wo ich keinem mehr vertraut und alle Hoffnung auf ein besseres Leben verloren hatte. Wenn jemand die Herzogin umstimmen und aus ihrer Zelle herausholen kann, dann du", erklärte er seinem verdutzten Bruder mit einem aufmunternden Lächeln.
Satine war alarmiert, als sie erneut schwere Stiefelschritte hörte, die sich ihrer Zelle näherten. Aber diesmal ohne das Metallgeklapper der künstlichen Beine, die diese Schritte beim letzten Besuch des schwarz-gelben Zabraks begleitet hatten. Jetzt stand Savage allein vor der Zellentür, ließ diese ganz artig von einem Wärter mit dem Schlüssel öffnen, ohne das Lichtschwert zu benutzen, mit dem Maul damals Almec aus seiner Zelle geholt hatte.
„Laßt uns allein!", wies Savage den Wärter an, der sich umgehend entfernte.
Savage blieb einen Augenblick vor der nun wieder geschlossenen Tür stehen, ließ seine Arme nach unten hängen, um der Herzogin jegliche Furcht vor ihm und seiner mächtigen Gestalt zu nehmen, bevor er das Wort ergriff.
„Oh, diesmal ohne Euren Bruder?", versuchte sie, ihn zu provozieren.
„Oh, diesmal mit einer höflicheren Anrede?", parlierte Savage zurück. „Aber lassen wir das", sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Ihr müßt Euch hier in dieser Zelle ziemlich verloren vorkommen, ohne etwas für Euer Volk tun zu können", versuchte er, das Gespräch zu seinem eigentlichen Anliegen zu führen.
„Ihr kümmert Euch um das mandalorianische Volk? Ich habe erfahren, daß Ihr mir den Mord an Pre Vizsla angehängt habt! Was wollt Ihr jetzt von mir?", fragte sie herausfordernd.
„Eure Hilfe", erwiderte Savage schlicht. „Wir sind nicht so schlecht, wie Ihr denkt. Wir … wollen echte Mandalorianer werden", erklärte er der verdutzten Satine.
„Ihr meint wohl: Wahre Mandalorianer", höhnte sie. „Und deshalb habt Ihr die Verbrecherkartelle hierher gelockt, die öffentliche Ordnung umgestürzt?", fragte sie anklagend.
„Die Verbrecherkartelle waren nur vorübergehend bei der Machtübernahme im Einsatz. Jetzt haben sie sich wieder in die Bereiche zurückgezogen, die sie eh schon seit Hunderten von Jahren kontrollieren, auch ohne, daß es Euch aufgefallen ist", erklärte er mit einem verhaltenen Lächeln. „Aber die meisten Beamten sind noch auf ihrem Posten, bereit, Euch weiterhin zu dienen. Und wir haben einen gemeinsamen Feind, dem wir uns stellen müssen."
Jetzt sah Satine Savage ehrlich erstaunt an.
„Welchen Feind? Pre Vizsla wurde doch bereits von Maul getötet", gab sie sarkastisch zurück.
„Er hat Euch bereits vor zwei Jahren nach dem Leben getrachtet, Herzogin", sagte Savage und sah sie ernst an.
„Ihr wißt, wer damals auf Coruscant das Attentat auf mich verübt hat? Wer damals die Death Watch auf den Hauptstadtplaneten geschickt hat, um eine Invasion der Republik auf Mandalore vorzubereiten?", fragte sie mit aufgerissenen Augen und sah Savage entgeistert an.
„Es ist bald wieder soweit", bestätigte Savage. „Wir können Euch helfen, wenn Ihr uns helft. Maul wird Euch alles erklären. Er kennt diese Zusammenhänge schon seit langem. Vorausgesetzt, Ihr hintergeht uns nicht und kontaktiert auch nicht die Jedi, sobald Ihr wieder in Freiheit und auf Eurem Thron seid."
Satine überlegte einen Augenblick. Sie hätte nicht erwartet, daß Maul oder sein Bruder sie noch einmal aufsuchen würden. Sie hatte gedacht, daß sie irgendwann Pre Vizslas Schicksal teilen würde müssen. Aber wie es aussah, hatte sie vor zwei Jahren mit ihrer These Recht gehabt, wo sie Obi-Wan gesagt hatte: „Aber wer hat diese Anschläge verübt? Da steckt doch mehr dahinter!"
Der Jedi-Meister und Padmé Amidala hatten nur ratlos mit den Schultern gezuckt, nachdem sie ihre Befürchtungen geäußert hatte, es könnte sich um ein weit größeres Komplott handeln als lediglich um eine kleine Death-Watch-Aktion unter Dookus Federführung.
Aber sie hatte schon damals gespürt, daß die Beiden keine wirkliche Lust hatten, Satines Verdacht weiter nachzugehen. Das Nahziel war damals erreicht worden. Satine hatte das Attentat der Death Watch dank der Hilfe von Padmé und Obi-Wan überlebt. Die Klontruppen waren im letzten Moment zurückgepfiffen worden. Aber am wichtigsten war damals, daß Mandalore neutral gehalten worden war. Ein Krieg war vermieden worden. Herzogin Satine Kryze hatte wieder einmal den Frieden auf ihrem Planeten und den ihm assoziierten zweitausend Systemen erhalten. Und sie würde ihn auch jetzt erhalten. Falls Maul und Savage sie täuschen würden, dann könnte sie immer noch Obi-Wan kontaktieren.
Satine musterte den Mann im dunkelgrauen Kriegsharnisch, der da vor ihr stand. Savage Opress hatte nie einen Hehl daraus gemacht, daß er ein Mann des Krieges war - genausowenig wie sein rot-schwarzer Bruder. Während Obi-Wan Kenobi als Jedi stets vorgab, dem Frieden zu dienen, sich aber ständig auf irgendwelchen Kampfmissionen befand. Sie schaute auf Savages Rüstung. Auf seine dreigliedrige Schulterpanzerung. Sie schaute auf ihre eigene Schulter. Die Puffärmel ihres dunkelblauen Kleides waren ebenfalls dreigliedrig und ähnlich geformt wie die Schulterklappen Savages. Wie gut, daß ihr Kleid auch so einen engen Stehkragen hatte, welcher vorne einen kleinen Schlitz hatte, so daß ihr Hals nicht gar so eingeschnürt war. So wurde es ihr noch leichter gemacht, eine stolze, edle Haltung auszustrahlen. Sie schaute auf Savages Hals. Der Zabrak hatte genauso einen engen Stehkragen wie sie, mit derselben Aussparung vorne.
Konnte es sein, daß sie und die beiden Zabraks wirklich dieselben Ziele verfolgten? War es denkbar, daß ein Mann des Krieges den Frieden möglicherweise mehr schätzte und besser bewahrte als ein vorgeblicher Mann des Friedens? Sie sah Savage wieder in seine gelben Augen. Sie schauten so ruhig und so melancholisch wie vor einem Monat, als sie ihn in ähnlicher Gefühlslage ertappt hatte. Der große kräftige Zabrak schien sich wirklich Sorgen um die Zukunft Mandalores zu machen, wenngleich sicherlich auch um seine eigene und die seines Bruders.
„Ich nehme Euer Angebot an", sagte sie leise.
„Dann kommt mit mir", erwiderte Savage mit seiner dunklen rauen Stimme beinahe herzlich und bedeutete ihr, ihm zu folgen.
Verhaltene Erleichterung stieg langsam in Satine auf, nachdem der Wärter die Zellentür hinter ihr geschlossen hatte – von außen diesmal. Sie schaute noch einmal auf ihre ehemalige Zelle zurück, dann richtete sie den Blick ihrer himmelblauen Augen auf Savages großgewachsene kräftige Figur, während er sie hinaus in die Freiheit führte.
Sie spürte, daß sich etwas in ihr regte. Ja, sie fand ihn unheimlich attraktiv! Dabei war er doch so ein brutaler Krieger! War sie möglicherweise genauso einfach gestrickt wie ihre rothaarige Schwester Bo Katan, die sich vor Jahren spontan in das Raubein Pre Vizsla verliebt hatte und damit den Familienfrieden des Hauses Kryze ruiniert hatte? Satine schämte sich, während sie mit leicht geschlossenen Augen versonnen auf Savages Po vor ihr schaute. Ein Gleiter mit dunkel getönten Scheiben wartete draußen vor dem Gefängnis auf sie. Savage öffnete den hinteren Sitzbereich für sie, während er vorne Platz nahm, um mit ihr zu Maul in den herzoglichen Palast zu fliegen.
