2. London

Die Ankunft des Hogwarts Express auf Gleis 9 ¾ war nicht wirklich anders als sonst. Ungewöhnlich war wie schnell die meisten Schüler den Zug verließen und dennoch lag eine bedrückende Stille über dem Bahnsteig. Die Gesichter der Eltern waren von der ernsten Situation geprägt und ängstliche Blicke wanderten über den Bahnsteig. Die Menschen schienen zu befürchtete, dass jeden Augenblick Todesser hinter einer Säule oder aus einer dunklen Ecke hervorspringen könnten.

Die Vier verabschiedeten sich von Luna und Neville und verließen den Zug. Auf dem Bahnsteig wurden sie von Molly und Arthur Weasley empfangen, die von Remus und Tonks begleitet wurden. Die Begrüßung fiel ungewöhnlich knapp aus, auch wenn es Molly sich nicht nehmen ließ der Reihe nach alle einmal fest zu umarmen.

„Wir sollten uns beeilen", sagte Mr. Weasley; „Nach dem Tod von Dumbledore ist es nirgendwo mehr sicher. Man könnte meinen für die Todesser war es ein Startsignal überall Unruhe zu stiften."

Als die Gruppe den Bahnsteig verließ, blieb Harry noch mal kurz stehen, wandte sich um und warf einen letzten traurigen Blick auf die dampfende Lokomotive des Hogwarts Express, welche genau in diesem Augenblick einen schallenden Pfiff von sich gab, worauf der schwarz-rote Zug sich langsam in Bewegung setzte und den Bahnsteig verließ. Vielleicht war es ja ein Zeichen dachte Harry und schritt durch die Barriere.

Als die Gruppe die Vorhalle erreichte, konnten sie die Dursleys schon von weiten erkennen. Diesen war deutlich anzusehen, dass sie sich unter den vielen „Abnormalen" mehr als unwohl fühlten. Mr. Dursleys Augen verengten sich, als er die Gruppe auf sich zukommen sah. „Es wird langsam Zeit, wir warten hier schon ewig", herrschte Onkel Vernon Harry an, doch bevor er weiter sprechen konnte, löste sich aus der Masse der vorbeidrängenden Besucher Mad-Eye Moody und jedes weitere Wort blieb Mr. Dursley förmlich im Hals stecken. „Hallo Dursley, ich denke ihr habt mich nicht vergessen", brummte Moody. „Vergiss nicht, sollten wir Beschwerden hören, dann kommen wir zu Besuch!", und es schien tatsächlich ein Grinsen auf seinen harten Gesichtszügen erkennbar zu sein. Harry musste unweigerlich schmunzeln und zwinkerte Moody freundlich zu.
"Ich werde sie anzeigen!" erwiderte Vernon Dursley und versuchte dabei ein möglichst hochmütiges und ernsthaftes Gesicht zu bewahren. Ohne Moody mit einem weiteren Blick zu würdigen drehte Vernon sich um und wandte sich damit wieder Harry zu. „Steh hier nicht länger so blöd herum", giftete er, „es ist schließlich sehr großzügig von uns, dass wir diesen Aufwand betreiben und unsere kostbare Zeit vergeuden um dich hier abzuholen!"

Harry war überrascht, nicht über die Bemerkungen, so was war üblich doch das er scheinbar die Bemerkungen von Moody überging, das war neu. Harry nickte nur und traurig verabschiedete er sich von seinen Freunden, wobei Molly Weasley es nicht lassen konnte ihn noch mal fest zu umarmen und ihm dabei ins Ohr flüsterte, „wir holen dich da so schnell wie immer heraus"! „Danke", flüsterte Harry und folgte seinen Verwandten zum Auto.

Auf dem Parkplatz angekommen sah Harry welche Zeit sie verschwendet hatten. Dudley saß noch im Wagen und war mit seinen neuesten Errungenschaften beschäftigt. Wahrscheinlich hatte die Familie gerade einen Großeinkauf hinter sich und mussten diesen unterbrechen um Harry abzuholen. Harry fand neben den Tüten, die wohl nicht mehr in den Kofferraum gepasst haben, kaum noch Platz. Ohne Harry weiter zu beachten, startete Onkel Vernon den Wagen und fuhr nach Hause.

„Bring die Sachen ins Haus", war das Erste was Harry zu hören bekam. Seine Tante hatte bisher noch kein Wort gesagt, doch was Harry nicht sehen konnte, sie hatte ihn immer wieder heimlich gemustert. Sie konnte sich wohl noch gut an den letzten ernsten Abschied erinnern. Sie hatten ein längeres, wenn auch ziemlich einseitiges Gespräch mit Professor Dumbledore geführt, was damit geendet hatte, dass Dumbledore ihnen kurz aber direkt die Wahrheit ins Gesicht gesagt hatte, wie er darüber dachte, was die ganze Familie Dursley Harry in den letzten Jahren angetan hatten. Seine Worte „Bis zu unserem nächsten Treffen", hallten wie eine Drohung noch immer in ihren Ohren.

Nachdem Harry es endlich geschafft hatte, sämtliche Sachen aus dem Auto zu räumen, er schmunzelte „man könnte doch glatt glauben, dass das Auto magisch vergrößert worden wäre", dachte er Stillen und ging langsam ins Wohnzimmer. Seltsamer Weise war nur seine Tante anwesend. „Onkel Vernon ist oben bei Dudley", sagte sie. „Harry setzt dich und lass uns eine Tasse Tee trinken." Harry überlegt, was sollte das jetzt, war das ein Scherz? Doch etwas an seiner Tante war anders. Als sie sich beim letzten Mal verabschiedeten, hatte Dumbledore gefordert, dass Harry vor seinem siebzehnten Geburtstag ein letztes Mal bei den Dursleys wohnen dürfte um den Schutzzauber zu erneuern. Was Harry nicht wissen konnte, dass Tante Petunia in den zehn Monaten die seitdem vergangen waren viel über Harry nachgedacht hatte.

Mit wachsender Angst hatte sie die Berichte in den Medien verfolgt und immer häufiger gab es Meldungen über unerklärliche Vorfälle und scheinbar täglich kam es zu ungeklärten Todesfällen. Sie ahnte, dass diese Vorfälle in Zusammenhang mit der „anderen" Welt standen und auch wenn sie es nie zugeben würde, in einer gewissen Weise war sie tatsächlich besorgt um Harry. Natürlich befürchtete sie zu allererst, dass durch Harry auch Gefahr für den Rest der Familie bestand und wenn sie darüber mit Vernon gesprochen hätte, hätte dieser Harry wohl nie wieder in das Haus gelassen. Doch egal wie wenig Petunia Harry auch nur mochte, in seinen Adern floß das Blut ihrer Schwester und damit gab es eine Verbindung, die sie nicht ignorieren konnte.

Und Harry, obwohl sie ihm in den letzten Jahren alles andere als gut behandelt hatten, kam er doch wieder und schien jedes mal Alles an sich abprallen zu lassen. Petunia wusste natürlich nicht viel von den Dingen, die sich in der Zauberwelt ereignet hatten, doch Harry hatte erwähnt, dass dieser mächtige und dunkle Zauberer zurückgekehrt war und egal was sich Petunia in den letzten sechzehn Jahren eingeredet hatte, dieser hatte ihre Schwester und deren Mann ermordet und jetzt nahmen die seltsamen Ereignisse immer mehr zu. Petunia war nicht dumm auch sie konnte sich zusammenreimen, dass zwischen der Rückkehr dieses dunklen Zauberers und den Ereignissen in der letzen Zeit eine Verbindung bestand.

"Ehrlich gesagt weiss ich nicht wie ich anfangen soll," flüsterte Petunia schließlich und blickte zu Harry auf.
"Wie soll ich es nur sagen, ich glaube nicht, dass eine Entschuldigung wirklich etwas ändern würde oder besser irgendetwas wieder gut machen würde. Ich habe die letzten zehn Monate viel über dich nachgedacht. Bei allem was wir dir in den letzten Jahren angetan haben, hast du bis auf wenige Ausnahmen alles immer so hingenommen. Je älter du wurdest, desto widerstandsfähiger schienst du sein und unsere Beschimpfungen prallten scheinbar an dir ab. Sicher du hast reagiert als das Fass überlief, doch ich glaube keiner von uns hätte das solange erduldet. Um ehrlich zu sein, auf eine gewisse Weise bewundere ich dich dafür." Sie blickte ihn an als würde sie eine Entgegnung von Harry erwarten, doch dieser war völlig überrascht. Nein, so etwas hatte er von seiner Tante nicht erwartet. Doch bevor er etwas erwidern konnte fuhr seine Tante fort.

"Der alte Mann, dieser Professor Dumbledore ..." – „IST TOT" entfuhr es Harry und Tante Petunia erblasste. Mehr konnte Harry im Moment nicht sagen, bisher hatte noch nie jemand in diesem Haus einen Gedanken an seine Welt verschwendet und jetzt sprach seine Tante einen Punkt an, bei dem die schlimmen Erinnerungen sich sofort wieder in Harry breit machten.
Nach einer Minute Stille fuhr Tante Petunia schließlich fort: „Das tut mir wirklich Leid, Harry. Er hat damals von einem Schutz gesprochen, welcher hier erneuert werden soll und ich hoffe aufrichtig, dass es dir wirklich hilft. Ich möchte nicht behaupten, dass ich dich wie ein wirkliches Familienmitglied liebe aber ich fühle, dass auch zwischen uns eine gewisse Verbindung besteht. Es war mir bisher nie wirklich bewusst oder ich habe es absichtlich verdrängt, doch ich möchte wirklich versuchen in Zukunft unser gegenseitiges Verhältnis zu verbessern und möchte damit beginnen mich bei dir zu entschuldigen!"

Harry war sich immer noch nicht sicher, ob die Frau die zwar aussah wie seine Tante auch wirklich diese war. Geistesabwesend griff er nach seiner Teetasse und führte diese an seinen Mund. „Verdammt" entfuhr es ihm, als er merkte dass er sich die Zunge verbrannt hatte. Gleichzeitig holte in der Schmerz wieder in die Gegenwart zurück und er konnte einen ersten klaren Gedanken fassen. Noch vor einem Jahr hätte er an dieser Stelle seinem ganzen Hass Luft gemacht aber auch Harry hatte in den letzten Monaten dazu gelernt. Er würde nie vergessen, was die Dursley ihm in den letzten Jahren angetan hatten und ihm seine Zeit so schwer wie nur irgend möglich gemacht hatten aber heute - heute oder besser in den letzten Monaten hatte sich so Vieles geändert und es gab Dinge, die schwer auf seinen Schultern lasteten und der Gedanke hier einige Tage ohne den üblichen Hass zu verbringen fiel wie ein heller Sonnenstrahl auf die dunklen Erinnerungen. Er konnte es sich selbst nicht erklären, aber er glaubte seiner Tante, dass diese er ehrlich meinte.

„Tante Petunia", fing Harry schließlich an, „ich kann nicht sagen, dass ich die Vergangenheit je vergessen könnte und jetzt einfach so sage, Entschuldigung angenommen. Aber in den letzten Monaten sind eine Menge schreckliche Dinge geschehen und ich würde mich tatsächlich darüber freuen, wenn wir hier und jetzt einen neuen Anfang versuchen.
Es war zwar der Wunsch von Professor Dumbledore, dass ich hier den Schutzzauber erneuern sollte, doch ich bin mir nicht sicher, ob es noch funktioniert. Normaler Weise endet jeglicher Zauber mit dem Tod desjenigen der diesen ausgesprochen hat. Vielleicht ist unser Neuanfang der wirkliche Grund, der mich jetzt wieder hierher geführt hat. Wir sollten es versuchen!"

Mit diesen Worten, stand Harry auf und wollte schon nach oben auf sein Zimmer gehen als seine Tante noch zu ihm sagte: „Danke Harry, aber ich kann leider nur für mich sprechen, was Vernon und Dudley angeht, weiß ich leider nicht wie ich dir da helfen kann." Harry zuckte mit den Schultern, „schon klar" und im gleichen Augenblick war ein Kratzen am Fenster zu hören.

Harry blickte zum Fenster, konnte aber zunächst nichts erkennen. Draußen wurde es bereits schummrig und so lief er langsam zum Fenster und öffnete es. Eine unscheinbare Eule flog herein und setzte sich wie selbstverständlich auf die Lehne des nächstgelegenen Stuhls und hielt Harry ihren Fuß mit einem versiegelten Pergament hin. Harry löste die Rolle und kramte aus seiner Tasche die letzten Rester an Eulenkeksen hervor. Nachdem die Eule die letzten Krümel gefressen hatte, schuhute sie dankbar, schwang sich lautlos in die Luft und war im nächsten Augenblick aus dem Fenster verschwunden.

Harry sah auf die Rolle doch als er erkannte, dass sie das Siegel des Ministeriums trug, erreichte Stimmung sogleich wieder einen Tiefpunkt. Was soll das schon wieder, dachte er. Schließlich hatte Harry doch gerade erst vor wenigen Tagen Minister Scrimgeour klar seinen Standpunkt verdeutlicht.

Als Harry das Siegel öffnet und die Rolle ausbreitete fiel ein zweites Pergament heraus. Es war ebenfalls versiegelt Harry kannte das Siegel jedoch nicht. Aus diesem Grund fiel sein Blick wieder auf das Schreiben vom Ministerium.

Sehr geehrter Mr. Potter,

auf Grund der vergangen Ereignisse, die in Verbindung mit der Erstarkung des Dunklen Lord's ... na sieh mal einer an, nicht mehr „Der dessen Name nicht genant werden darf" – es geschehen selbst im Ministerium noch Wunder, schmunzelte Harry und lass weiter. ...im Verbindung stehen, sind wir uns darüber im Klaren, dass Sie und Ihre Familie ein bevorzugtes Ziel darstellen. Obwohl natürlich von uns die entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen erlassen wurden haben wir auch durch die besonders eindrückliche Empfehlung vom Mr. Rufus Scrimgeour uns dazu entschieden, dass wir für Sie die Beschränkung des Zauberns außerhalb von Hogwarst für minderjährige Zauberer außer Kraft setzen. Außerdem möchten wir Ihnen die Möglichkeit einräumen bereites jetzt ihre Apparierprüfung abzulegen. Wir würden uns freuen, Sie dafür bei uns im Ministerium zu begrüßen.

Mit freunldichen Grüßen,
Mafalda Hopfkirch

Abteilung für unbefugte Zauberei
Zaubereiministerium

Harry blickte Misstrauisch ein weiteres Mal auf den Brief, konnte das tatsächlich sein, bisher war er dem Ministerium ein Dorn im Auge gewesen, seit Neuestem hätte man ihn gern als Vorzeigeperson oder Galionsfigur des Ministeriums. Daher wehte also der Wind, man versuchte es durch die Hintertür aber auf der anderen Seite, es wäre dumm diese Vorteile nicht zu nutzen und Harry beschloss, gleich nach oben zu gehen und um einen Termin für die Prüfung zu bitten. Damit fiel sein Blick wieder auf das zweite Pergament, es war schwarz versiegelt doch sonst war nichts besonderes daran.

Harry brach das Siegel und begann zu lesen:

Sehr geehrte Mr. Potter,

unsere Kanzlei wurde als Nachlaßverwalter des verstorbenen Albus Dumbledore eingesetzt. Da Sie im Testament erwähnt werden und Ihre Teilnahme bei der Eröffnung von Albus Dumbledore erbeten wurde, möchten wir Sie hiermit um Ihr Erscheinen bitten. Da uns die gefährliche Situation durchaus bewusst ist, haben wir entsprechende Sicherheitsvorkehrungen veranlasst und würden ebenfalls Ihre sichere Anreise gewährleisten.

Die Testamentseröffnung findet am 1. August, 11 Uhr in unserem Haus, Winkelgasse 17 statt. Bitte bestätigen Sie uns Ihre Anwesenheit rechtzeitig.

Mit freundlichen Grüßen

Emauel Maximilia
Kanzlei „G. Gryffindor und Erben"

Für Harry gestaltete sich der Tag zu einer Achterbahn der Gefühle. Soeben hatte sich seine Laune wieder sprunghaft gebessert, nun kam dieses bedrückende Gefühl zurück, was in immer befiel, wenn er an seinen Freund und Mentor Professor Dumbledore dachte.

„Alles in Ordnung?", fragte seine Tante und blickte ihn mit echter Sorge an. „Nicht Schlimmes" antwortete Harry „und eigentlich sollte ich mich freuen, weil ich eine Sondergenehmigung erhalten habe und jetzt Zaubern darf. Doch ich habe eine Einladung zur Testamentseröffnung von Professor Dumbledore bekommen und weiß nicht so recht, wie ich das eigentlich verstehen soll."
"Ich befürchte, da kann ich dir nicht weiter helfen, denn ich habe zu wenig Ahnung von deiner Welt. Das du zur Testamentseröffnung geladen wirst, bedeutet dass du für Professor Dumbledore etwas Besonderes gewesen sein musst und ganz egal was du dort erfährst oder erhältst, du solltest es als Anerkennung betrachten als eine Bestätigung Eurer Verbundenheit." Mit diesen Worten drehte sie sich um und räumte den Tisch ab.
Harry stand noch einen Augenblick da, es war seltsam, gerade hatten sie einen Neuanfang beschlossen und schon jetzt wirkten diese Worte auf ihn wirklich beruhigend. „Danke", sagte er leise und stieg die Treppen nach oben auf sein Zimmer.