Vllt sollt ich noch mal sagen, dass ich die Story keineswegs allein schreib, sondern mit ner Freundin zusammen (hab ja immer n ziemlich schlechtes Gewissen, wenn das alles nur unter meinem Namen läuft ;))

Na ja, Harry kommt schon auch noch mal. Es ist nur ziemlich schwer, das gerecht aufzuteilen, weil man ja irgendwie auch n roten Faden haben muss. Da kann man sich die Perspektive nicht immer aussuchen..

Der Fahrende Ritter

Und Lyn kam schneller aus dem Magnolienring weg, als sie gedacht hatte.

Am nächsten Tag, als sie sich gerade darangesetzt hatte, Emma einen Antwortbrief zu schreiben, klingelte es an der Haustür. Lyn achtete nicht weiter darauf. Erst als sie hörte, wie ihre Mutter die Tür öffnete und sagte: „Ach, guten Tag Mrs. Hammilton! Hallo Sarah!" horchte sie auf. Sarah Hammilton? Das konnte doch nicht wahr sein!

Doch offenbar war es wahr, denn sie hörte, wie ihre Mutter weitersprach:

„Kommen Sie doch herein! Im Wohnzimmer steht Tee und Gebäck. Ich werde mal nachsehen, ob Evelyn inzwischen wieder wach ist. Sie wollte einen kleinen Mittagsschlaf machen."

Lyn saß da wie vom Donner gerührt. Sie hörte ihre Mutter die Treppe nach oben kommen und kurz darauf öffnete sich ihre Zimmertür.

„Evy?", sagte Cloe vorsichtig.

„Du hast sie doch nicht etwa eingeladen, oder Mum?", fragte Lyn gerade heraus und starrte ihre Mutter an. Cloe seufzte und ließ sich auf Lyns Bett nieder.

„Weißt du, Evy, ich dachte, weil du doch mit keiner deiner alten Freundinnen mehr Kontakt hast, würdest du dich freuen, Sarah mal wieder zu sehen. Sieh mal, du hast überhaupt keinen Kontakt mehr zu irgendwem hier in der Gegend, seit du auf dieser Schule bist."

„Na und?", erwiderte Lyn, „ich habe Freundinnen, vielen Dank, da musst du nicht als Kupplerin tätig werden!"

„Evy, bitte", seufzte Cloe und sah ihre Tochter flehend an, „sei so lieb und räum die ganzen seltsamen Sachen weg, sodass Sarah sie nicht sieht. Und dann komm runter zum Tee, ja?"

Cloe stand auf und verließ das Zimmer. Wütend starrte Lyn ihr hinterher. Wie konnte ihre Mutter es wagen? Sie war eindeutig aus dem Alter heraus, in dem die Eltern die Freunde ihrer Kinder bestimmten!

Zornig warf sie ihre Feder auf den Schreibtisch und stand auf. Was würde ihr anderes übrig bleiben, als zu tun, worum ihre Mutter sie gebeten hatte? Sie ging zu Herberts Käfig hinüber. Der Kauz hatte den Kopf unter einen Flügel gesteckt und machte gerade ein Nickerchen. Lyn öffnete den Käfig und stupste Herbert leicht an. Ein wenig verschlafen wandte er ihr sein Gesicht zu.

„Du musst für ein Weilchen verschwinden, Herbert", sagte Lyn und seufzte, „nur bis heute Abend. Schau mich nicht so vorwurfsvoll an, ich kann nichts dafür! Das hast du meiner Mum zu verdanken."

Herbert schuhute leise, als verstünde er sie. Er breitete seine Flügel aus und schwirrte aus dem Fenster. Missmutig verschloss Lyn den Käfig wieder und stellte ihn in ihren Kleiderschrank. Sie legte es nicht darauf an, Sarah erklären zu müssen, wieso sie einen großen leeren Vogelkäfig im Zimmer stehen hatte.

Dann machte sie sich daran, ihre sämtlichen Schulbücher und anderen Utensilien, die allesamt in ihrem Zimmer verstreut lagen, zusammenzusuchen und ebenfalls in ihren Schrank zu stecken. Nach einem letzten prüfenden Blick in den Raum schloss sie die Schranktür ab und steckte den Schlüssel in ihre Hosentasche.

Als sie nach unten ging hörte sie aus dem Wohnzimmer schon die Stimmen ihrer und Sarahs Mutter. Sie seufzte ergeben und öffnete die Tür.

„Ah, Evy, da bist du ja!", rief ihre Mutter fröhlich, „und, ausgeschlafen?"

Lyn nickte nur.

„Ich habe Sarahs Mutter gerade erzählt, wie gut es dir drüben in Bristol gefällt!", fuhr Cloe fort. Wieder nickte Lyn nur. Sie setzte sich schweigend neben ihre Mutter auf das Sofa.

„Na, so ganz ausgeschlafen scheint unsere Evelyn ja noch nicht zu sein", bemerkte Mrs. Hammilton und lachte schrill, „goldig, dass sie in ihrem Alter noch einen Mittagsschlaf hält, was, Sarah?"

Sarah grinste.

„Ich glaube, ich war acht, als ich das letzte mal mittags geschlafen habe", meinte sie und blickte Lyn triumphierend an, „aber ich meine, Evelyn hat ja auch kein Handy. Oder hast du inzwischen eins?"

Lyn schüttelte den Kopf. Sarah bedachte sie mit einem bedauernden Blick.

„Na ja, du hattest ja noch nie so viel übrig für das, was modern ist, nicht wahr, Evelyn?"

„Nein", erwiderte Lyn mit krampfhaft ruhiger Stimme.

„Sarah weiß immer genau, was gerade in ist", verkündete Mrs. Hammilton stolz, „sie ist so wahnsinnig interessiert. Ich glaube, es gibt keinen Trend, der ihr entgeht." Dabei musterte sie Lyn abschätzend von Kopf bis Fuß. Es war klar, dass sie der Meinung war, etwas unmodischeres als Lyns Klamotten könnte nur noch ihre eigene Urgroßtante tragen.

„Wie wäre es, wenn ihr beiden Mädchen nach oben in Evys Zimmer geht?", schlug Cloe lächelnd vor. Lyn bedachte ihre Mutter mit einem giftigen Blick, fügte sich aber.

Mit Sarah im Schlepptau stieg sie die Treppe nach oben. Ein Glück nur, dass sie tatsächlich ihr Zimmer aufgeräumt hatte. Wenn Sarah die Schokofroschkarten auf Lyns Nachttisch entdeckt hätte, wer weiß, was dann los gewesen wäre.

Lyn öffnete die Tür und ließ Sarah hinein.

„Oh", sagte diese und sah sich ein wenig verblüfft in dem kleinen Raum um, „sehr – ähm – hübsch hier."

Lyn ging nicht weiter darauf ein. Sie schloss die Tür hinter ihnen. Sarah ging zum Bett hinüber und ließ sich darauf nieder.

„Du hast keine Poster hier?", fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen, „also, ich bin ja auch nur während der Ferien zu Hause, aber ich würde ja eingehen, wenn mein Zimmer so langweilig aussehen würde!"

Lyn zuckte die Schultern. Sie konnte Sarah ja schlecht sagen, dass sie sich liebend gerne ein Poster der Chudley Cannons ins Zimmer gehängt hätte, der Quidditchmannschaft, in der der Vater einer ihrer beiden besten Freundinnen Hüter war, aber dass ihre Mutter es ihr nicht erlaubte, weil die Spieler darauf sich bewegten. Und sie konnte ihr auch schlecht sagen, dass sie sowieso nicht mehr allzu lange in diesem Zimmer wohnen würde, weil sie in ein paar Tagen zum 30. Geburtstag ihres Großcousins fahren würde, der ein Zauberer war.

„Also, ich habe ein riesiges Poster von Scarlet McDouglas in meinem Zimmer", erzählte Sarah stolz, „und über meinem Bett hängt eine Autogrammkarte von Simon Silverstone. Stell dir vor, ich war letzte Woche auf dem Konzert, das er in London gegeben hat."

Lyn nickte. Sie sagte Sarah nicht, dass sie nicht die leiseste Ahnung hatte, wer Simon Silverstone war. Aber es brannte ihr auf der Zunge zu sagen, dass sie eine Autogrammkarte von Black Velvet besaß, einer der berühmtesten Punkrockbands in der Zaubererwelt, und dass diese Band auf der Hochzeit ihres Großcousins gespielt hatte.

„Was machst du eigentlich den ganzen Tag?", fragte Sarah, „ich meine, du triffst dich nie mit irgendwelchen Leuten aus der Gegend, Bücher hast du hier auch keine, einen Computer auch nicht, keine Musikanlage, noch nicht mal ein Handy! Müssen doch ziemlich öde Ferien sein, oder?"

„Ja", erwiderte Lyn und ließ sich auf ihrem Schreibtischstuhl nieder, „ja, öde sind sie in der Tat."

„Bist immer noch so wortkarg, Evelyn", kicherte Sarah, „aber mach dir nichts draus, reicht ja, wenn ich rede, nicht?"

Die nächste halbe Stunde verbrachte Sarah damit, Lyn zu erzählen, was sie alles tolles in den Ferien bis jetzt erlebt hatte, wie toll das Konzert von Simon Silverstone gewesen sei und dass sie demnächst einen neuen Fernseher in ihr Zimmer bekommen würde.

„Weißt du, der alte hat ja nur zwanzig Programme empfangen, und das reicht ja wirklich auf Dauer nicht. Außerdem war das nur so ein kleines Billigteil, und jetzt krieg ich wahrscheinlich einen mit Flatscreen."

Lyn nickte zu allem und ihre Laune sank immer mehr. Sie verfluchte ihre Mutter, dass sie auf die absurde Idee gekommen war, Sarah und ihre Mutter zum Tee einzuladen. Statt mit dieser eingebildeten Schnattertante hier zu hocken und sich ihre langweiligen und vor Selbstgefälligkeit triefenden Monologe anhören zu müssen, hätte sie viel lieber den Brief an Emma weitergeschrieben.

Endlich, es kam ihr vor, als seien Wochen vergangen, hörte sie von unten Mrs. Hammilton rufen.

„Oh, ich glaube, ich muss gehen", meinte Sarah und stand auf, „wie schnell die Zeit vergeht, wenn man sich amüsiert, nicht wahr?"

„Mmh", brummte Lyn nur. Sie kam sich völlig ausgelaugt vor und in ihr brodelte der Zorn auf ihre Mutter.

Nach langen Worten den Abschieds waren Sarah und ihre Mutter endlich aus dem Haus. Sofort drehte Lyn sich zu Cloe um, die gerade den Teller mit den restlichen Keksen vom Wohnzimmertisch nahm und in die Küche ging.

„Wie konntest du nur!", rief sie aufgebracht, „wie konntest du nur diese grässliche Ziege einladen?"

„Evy", versuchte ihre Mutter sie zu beschwichtigen, „du hast dich doch früher immer gut mit Sarah verstanden!"

„Tu doch nicht so scheinheilig!", schrie Lyn wütend, „ich weiß genau, was du bezwecken willst! Du versuchst, mich zu dem zu machen, was ich in deinen Augen sein soll. So wie Sarah. Eine blöde, eingebildete, durchschnittliche Zicke! Durch und durch Muggel."

„Evy!", sagte Cloe bestimmt und blieb stehen, „bitte nicht in diesem Ton!"

„Das kannst du vergessen, Mum!", schrie Lyn, „nur weil du nicht zaubern kannst, heißt das noch lange nicht, dass ich darauf verzichten muss!"

Cloe wurde weiß.

„Evy!", rief sie, „das ... das geht jetzt zu weit! Das hat doch überhaupt nichts damit zu tun dass ich ... dass ich eine Squib bin!"

„Oh doch!", schrie Lyn zornig, „und weil du das alles nie haben konntest, was ich jetzt habe, willst du es mir auch nicht gönnen! Aber nur weil du lieber wie ein stinköder Muggel leben willst, heißt das nicht, dass ich das auch will!"

„Evy!", erwiderte Cloe.

„UND NENN MICH NICHT EVY!", schrie Lyn und die Tränen schossen ihr in die Augen. Es gab einen lauten Knall und der Teller mit den Keksen zersprang Cloe in den Händen. Erschrocken ließ sie die Bruchstücke fallen. Mit einem letzten wütenden Blick auf ihre Mutter stürmte Lyn die Treppe nach oben und in ihr Zimmer.

Keine Sekunde länger würde sie hier bleiben! Wer konnte wissen, was ihre Mutter ihr als nächstes vorsetzen würde? Immer noch zornrauchend zog sie den Schlüssel aus ihrer Hosentasche und schloss mit zitternden Fingern den Schrank auf. So schnell sie konnte hatte sie alle ihre Klamotten und Schulsachen zusammengeräumt und in ihren Koffer befördert. Mit einem lauten Knall warf sie den Deckel zu und schloss den Koffer ab. Sie schnappte sich Herberts leeren Käfig, steckte ihren Zauberstab in die Hosentasche und schleifte ihren Koffer aus ihrem Zimmer und die Treppe nach unten.

Cloe sah sie entgeistert an.

„Evy, was tust du da?", fragte sie.

„Ich gehe", erwiderte Lyn kühl, während sie die Haustür öffnete und sich ihren Mantel schnappte.

„Was soll das heißen, du gehst?", fragte Cloe, nun mit deutlicher Panik in der Stimme.

„Zu Harry", antwortete Lyn mit zwanghaft ruhiger Stimme, „er hat Ende Juli Geburtstag. Ich wäre in ein paar Tagen sowieso zu ihm gegangen, was macht es da aus, wenn ich jetzt schon komme?"

„Aber du kannst doch nicht einfach gehen!", rief Cloe entsetzt, „das ... das erlaube ich nicht!"

„Oh doch, das kann ich!", erwiderte Lyn wütend und zog ihren Zauberstab, „und du wirst mich nicht aufhalten!"

Ihre Mutter wich einen Schritt zurück. Zornig schleifte Lyn ihren Koffer aus dem Haus und ließ die Tür hinter sich ins Schloss krachen.

Draußen dämmerte es bereits; Sarah und ihre Mutter waren tatsächlich mehrere Stunden geblieben. Immer noch mit glühenden Wangen und voller Zorn schleppte Lyn ihren Koffer die Straße entlang. Wie hatte Harry geschrieben? „Strecke einfach die Hand mit dem Zauberstab aus, dann taucht er auf. Aber Vorsicht, lass dich nicht überfahren."

Gut, dann würde sie seinen Rat wohl befolgen. Sie bog in eine der Seitenstraßen ein, bis sie am neuen Spielplatz ankam, in dessen Nähe nur wenige Häuser standen. Es erschien ihr keine gute Idee, diesen Fahrenden Ritter vor dem Wohnzimmerfenster irgendeiner neugierigen alten Frau zu rufen.

Sie blieb stehen. Ein wenig mulmig zumute war ihr schon. Hoffentlich funktionierte das jetzt auch! Lyn nahm ihren Zauberstab fest in die Hand und streckte ihren Arm gerade in die Luft.

Ein lauter Knall ertönte, und ließ das Mädchen zusammenzucken. Aus dem Nichts erschienen plötzlich zwei grelle Scheinwerfer auf der Straße und hinter ihnen ein gigantischer dreistöckiger Bus, der in einem Höllentempo auf sie zuraste und haarscharf vor ihr eine Vollbremsung machte.

Gerade hatte sie sich von dem Anblick des Busses erholt, als auch schon ein Mann aus dem Bus sprang, vom Aussehen her ungefähr in Harrys Alter, und mit lauter Stimme verkündete:

„Herzlich Willkommen im Fahrenden Ritter, dem Nottransporter für gestrandete Hexen und Zauberer! Mein Name ist Stan Shunpike und ich bin für heute Abend ihr Schaffner!" Als er Lyn erblickte, grinste er breit. „Holla, junges Fräulein! Hast du uns gerufen?"

„Ähm, ja", erwiderte Lyn ein wenig nervös. Sie nahm ihren Koffer und Herberts leeren Käfig.

„Nein, nein, ich mach das schon!", beeilte sich der Mann zu sagen und nahm ihr den Koffer ab. Ziemlich umständlich begann er, ihn in das Innere des Busses zu laden. Lyn folgte ihm und blickte sich neugierig um. Mehrere Betten standen dicht an dicht im gesamten Innenraum und weiter hinten führte eine Wendeltreppe nach oben in die anderen beiden Geschosse.

„Wo soll's denn hin gehen, junges Fräulein?", fragte Mr. Shunpike.

„Ähm – nach Hogsmeade", antwortete Lyn und kramte in ihrer Tasche nach etwas Geld.

„Macht dann zwei Galleonen", verkündete Mr. Shunpike und hielt grinsend die Hand auf. Lyn fischte zwei der goldenen Münzen aus ihrer Tasche heraus und drückte sie dem Schaffner in die Hand. „Vielen Dank, junges Fräulein! Das hier ist dein Bett." Er wies auf ein Bett, das noch leer war. Überhaupt schien nicht sonderlich viel Betrieb zu herrschen. Hinten im Bus saßen zwei ältere Hexen auf einem Bett und spielten Karten, ein Zauberer in einem rosa geblümten Pyjama schlummerte friedlich zwei Betten weiter, und neben Lyns Bett saß eine alte pummelige Hexe, die darin vertieft schien, ihre Kröte mit Mückenlarven zu füttern.

„Ach ja, das hier ist unser Fahrer, Ernie Prang", stellte Mr. Shunpike einen Zauberer vor, der hinter dem Steuer des Busses saß. Er war so verrunzelt und klapprig, dass Lyn vermutete, er müsse irgendwo zwischen hundert und Scheintod dahinkriechen. „Gib Gas, Ern!", rief der Schaffner und hielt sich an einer Stange über seinem Kopf fest. Einen Augenblick später wusste Lyn, warum. Ein lauter Knall ertönte und mit einer unglaublichen Geschwindigkeit donnerte der Bus los. Die Betten rutschten allesamt einen Meter nach hinten, und Lyn musste sich an ihrem festhalten, um nicht herunterzufallen. Als sie sich wieder in eine sichere Position gebracht hatte, warf sie einen Blick aus dem Fenster und stellte erstaunt fest, dass der Fahrende Ritter gerade im Slalom zwischen den Autos über einen dicht befahrenen Highway raste. Mr. Shunpike lachte gackernd, als er Lyns verdattertes Gesicht sah. Er schien sich köstlich zu amüsieren.

„Da guckst du, was?", fragte er grinsend, „bist noch nie mit'm Fahrenden Ritter gefahren?"

Lyn schüttelte den Kopf.

„Wo genau sind wir hier?", fragte sie.

„Oh, ich glaube, irgendwo in der Nähe von Kent", meinte der Schaffner, „oder, Ernie?"

„Mmh", brummte der Fahrer und riss das Lenkrad herum. Er fuhr jetzt am Rand des Highways entlang und die Straßenlaternen sprangen Eine nach der Anderen aus der Fahrbahn des Busses. Lyn wurde fast schwindelig vom Zusehen. Sie fragte sich, ob dieser Ernie überhaupt jemals so etwas wie eine Führerscheinprüfung gemacht hatte. Wenn ja, dann war das schon verdammt lang her. Was aber auch nicht sehr verwunderlich war, wenn Lyn sein Alter nur annähernd richtig geschätzt hatte.

„Wie lange fahren wir bis Hogsmeade?", fragte Lyn und griff instinktiv nach der metallenen Lehne ihres Bettes, als Ernie sich in eine scharfe Kurve legte und die Betten gegen die Wand des Busses krachten. Hinter sich hörte Lyn die beiden kartenspielenden Hexen leise fluchen.

„Also, wir müssen noch n paar Leute vor dir absetzen", erklärte Mr. Shunpike, „aber ich denke, so in ein bis zwei Stunden dürften wir da sein."

Lyn nickte. Zumindest konnte sie hoffen, dass sie Harry und Ginny dann nicht aus dem Bett warf. Sie würden ohnehin völlig überrascht sein, dass sie bei ihnen auftauchte, und Lyn hoffte, dass sie sie nicht vor die Tür setzen würden.

KNALL! Wieder hatte der Fahrende Ritter die Umgebung gewechselt. Jetzt rasten sie über eine schlecht beleuchtete Landstraße. Nach einem Blick auf die Uhr verkündete Mr. Shunpike:

„Ich glaub, ich muss dann mal Mrs. Wallybook bescheid sagen."

Er hangelte sich an den Bettgestellen entlang zum hinteren Teil des Busses und verschwand die Wendeltreppe nach oben. Kurze Zeit später kam er mit einer dünnen Frau mittleren Alters wieder nach unten. Sie hatte eine graue Katze auf der Schulter, der das Geschaukel des Busses offenbar arg missfiel.

Mit einem Quietschen kam der Fahrende Ritter abrupt zum Stehen, sodass Lyn nun doch von ihrem Bett herunterpurzelte, und Mrs. Wallybook verließ mit ihrer Katze auf der Schulter leicht schwankend den Bus.

„Weiter geht's!", verkündete der Schaffner fröhlich.

Etwas über eine Stunde und zahlreiche Knalls später meinte Mr. Shunpike schließlich:

„So, nächste Station ist Hogsmeade, junges Fräulein."

Lyn stand auf und nahm Herberts leeren Käfig. KNALL. Diesmal hielt sie sich rechtzeitig fest. Um sie her sah sie die Häuser von Hogsmeade, und weiter hinten, als schwarze Silhouette gegen den samtblauen Nachthimmel, die unzähligen Türmchen und Zinnen von Hogwarts.

Sie schwankte leicht, als der Fahrende Ritter anhielt, und konnte es kaum erwarten, endlich aus diesem Höllengefährt herauszukommen. Ein wenig wacklig auf den Beinen stieg sie die Stufen hinab, während der Schaffner ihren Koffer heraushievte. Es war merkwürdig still um sie herum.

„Also dann", meinte Mr. Shunpike und grinste, „hat mich sehr gefreut, junges Fräulein!"

Er stieg zurück in den Bus, Lyn hörte, wie er „Gib Gas, Ern!" rief, und mit einem Knall verschwand der Fahrende Ritter in die Nacht.

Lyn stand ein wenig verloren mitten auf der Straße. Sie sah sich um. Es dauerte eine Weile, bis sie die Umgebung erkannte. Zum Glück war sie damals an Harrys und Ginnys Hochzeit mit den Anderen zu Fuß nach Hogsmeade gegangen, und so erinnerte sie sich, dass sie nach links gehen musste. Herberts Käfig in der einen und ihren Koffer in der anderen Hand machte sie sich auf den Weg durch die dunklen Straßen.

Es dauerte nicht lange, und das kleine Backsteinhäuschen am Rand des Dorfes kam in Sicht. Erleichtert beschleunigte Lyn ihr Tempo etwas. Mit klopfendem Herzen blieb sie vor der Haustür stehen. Wie würden Harry und Ginny wohl reagieren, wenn sie so spät abends bei ihnen aufkreuzte?

Ein wenig zögerte sie noch, doch dann hob sie die Hand und klingelte.

Einige Zeit tat sich gar nichts und Lyn fürchtete schon, sie könnten vielleicht gar nicht zu Hause sein. Dann jedoch hörte sie leise Schritte – zu leise eigentlich für die Schritte eines Erwachsenen – und die Tür öffnete sich langsam.

Auf der Schwelle stand ein kleines Wesen mit riesigen Fledermausohren und der abgefahrensten Kombination an Kleidungsstücken, die Lyn je gesehen hatte. Zum Glück kannte sie Dobby mit all seinen merkwürdigen Klamotten schon von den B.ELFE.Ryoung-Treffen, sonst hätte sie jetzt womöglich gedacht, im falschen Haus gelandet zu sein.

„Sie wünschen, Miss?", quiekte der Hauself und strahlte sie an.

„Ähm – ja, ich wollte eigentlich wissen, ob Harry und Ginny da sind", fragte Lyn ein wenig verlegen. Dobby machte eine tiefe Verneigung und öffnete die Tür so weit, dass Lyn eintreten konnte.

„Bitte treten Sie doch ein, Miss!", quiekte der Elf, „Dobby wird sofort nach den Herrschaften schauen."

Noch immer etwas zögerlich betrat Lyn das Haus. Dobby schloss hinter ihr die Tür und huschte mit den Worten: „Bitte haben Sie einen Augenblick Geduld, Miss!" davon. Unschlüssig blieb Lyn mit ihrem Koffer und Herberts Käfig neben der Treppe stehen. Sie hatte schon ein wenig Herzklopfen, nun, da sie so alleine dastand.

Kurze Zeit später kam Dobby jedoch schon wieder angewuselt, verneigte sich kurz und meinte ein wenig außer Atem:

„Sie möchten bitte mitkommen, Miss. Das Gepäck können Sie hier lassen!"

Lyn folgte ihm durch das Wohnzimmer in den Garten. Sie fragte sich, was Harry und Ginny um diese Uhrzeit noch draußen machten. Dobby führte sie in den hinteren Teil des Gartens, wo einige alte Apfelbäume standen. An einem dieser Bäume war eine Schaukel befestigt. Und auf dieser Schaukel saß Harry, und auf seinem Schoß Ginny. Die beiden lächelten Lyn entgegen.

„Hallo Lyn!", sagte Ginny.

„Ähm – hallo", erwiderte Lyn ein wenig unsicher.

„Wir hatten dich erst später erwartet", meinte Harry und er und Ginny erhoben sich.

„Ja, eigentlich hatte ich auch vor, später zu kommen", meinte Lyn verlegen, „aber – na ja, bei uns zu Hause ist es im Moment ein bisschen – ich dachte, vielleicht könnte ich jetzt schon bleiben?"

„Natürlich!", erwiderte Ginny lächelnd, „komm, jetzt bringen wir erst mal dein Gepäck nach oben."

Lyn nickte erleichtert. Sie war froh, dass sie so selbstverständlich hier aufgenommen wurde.

Ginny brachte Lyns Koffer mit einem Schlenker ihres Zauberstabs zum Schweben und zu dritt stiegen sie die Treppe nach oben.

„Ein Glück, dass wir schon mit dem Ausbauen angefangen haben, was, Schatz?", meinte Ginny und lächelte Harry zu.

„Ja, das ist wirklich ein Glück", erwiderte dieser und lächelte zurück. Ginny ging auf eine Tür zu, hinter der sich, nach den Türen zu ihren beiden Seiten zu urteilen, höchstens eine Rumpelkammer verbergen konnte. Lyn war ziemlich verdutzt, als Ginny dennoch diese Tür öffnete, und noch verdutzter war sie, als sie sah, dass sich dahinter ein durchaus nicht gerade kleines Zimmer verbarg.

„Magisch vergrößert", erklärte Harry schmunzelnd auf Lyns erstaunte Mine hin. Ginny bugsierte Lyns Koffer in den Raum.

„Eine Matratze kann ich dir auch noch besorgen", sagte sie, doch Lyn musterte äußerst erstaunt die Tapete, mit der die Wände bedeckt war. Sie war himmelblau und kleine blasse geflügelte Pferde flogen zwischen kleinen Wölkchen umher.

„Ähm – warum habt ihr denn so eine – komische Tapete hier drin?", fragte das Mädchen und blickte zwischen Harry und Ginny hin und her. Die beiden sahen sich lächelnd an und Harry nahm Ginny in den Arm. Und da dämmerte es Lyn. Warum wohl hatten die zwei vorhin auf der Schaukel gesessen? Warum hatten sie diese Zimmer ausgebaut? Warum war es mit einer himmelblauen Tapete tapeziert?

„Ihr bekommt ein Baby?", platzte sie heraus. Ginny lachte.

„Oh, gut, du bist um einiges schneller als Harry!", sagte sie.

„Das musstest du ihr ja nicht gleich auf die Nase binden", murmelte Harry und sah ein wenig verlegen aus. Lyn jedoch fand das gar nicht schlimm; sie freute sich so sehr über die Neuigkeit, dass es Nachwuchs bei den Potters geben würde, dass alles andere plötzlich egal war.