Kapitel 2 – Quer durch´s Land

Bevor ich den Brief öffnen und mich meinem Schicksal stellen konnte, musste ich mich zunächst setzen. Mit wackeligen Beinen ging ich in die Küche und setzte mich auf den Stuhl, der mit dem Rücken zum Fenster stand. Den Brief legte ich vor mich auf den Tisch. Ich fühlte nun wieder bewusst die Hitze der Aufregung in mir hochsteigen und hörte das Blut in meinen Adern rauschen, das mein wild pochendes Herz durch meinen Körper schoss. So saß ich einige Minuten mit steif gerichtetem Blick auf die Empfängeradresse – auf meine Adresse.

Vor meinem inneren Auge liefen derweil meine Beziehung zu James, der Vorfall in seinem Büro und die darauf folgenden zwei Schulwochen ab. Während in meinem Kopf ein Film spielte, der in der Videothek irgendwo zwischen den Abteilungen Drama und Horror stehen würde, spielte sich in meinem Magen etwas ganz anderes ab. Das Adrenalin, das meine Nebenniere in meinen Blutkreislauf einschoss, verursachte mir plötzlich Übelkeit. Um nicht zu erbrechen, griff ich nach einem leeren Glas, das noch vom Frühstück auf dem Tisch stand und dessen Boden mit eingetrocknetem Orangensaft bedeckt war. In zwei Schritten war ich an der Spüle, öffnete den Hahn und ließ das Glas mit Leitungswasser volllaufen. Das kalte klare Wasser erfrischte meinen Mund, beruhigte meinen Magen und meine Nerven. Mein Körper entspannte sich und die Übelkeit verschwand wieder. Ich wusch mir meine verschwitzten Hände über der Spüle und spritzte mir von dem kalten Wasser in mein Gesicht. Nach ein paar tiefen Atemzügen war ich nun in der Lage, den Brief von der Schulbehörde zu öffnen.

Ich nahm ein scharfes Messer aus der Besteckschublade, hakte seine Spitze am Rand des zugeklebten Briefumschlages ein und schnitt die Lasche entlang der Falte auf. Mit zittrigen Händen legte ich das Messer zur Seite und spreizte mit Daumen und Zeigefinger meiner rechten Hand den Briefumschlag auf, in dessen Inneren das Damoklesschwert in Briefform steckte, das seit vier Wochen Tag ein Tag aus über meinem Kopf hing.

Einmal tief ein und aus atmend ergriff ich das gefaltete Blatt Papier und zog es mit ähnlicher Schnelle und ähnlicher Absicht, wie jemand, der sich vom Arm ein Pflaster abriss, aus dem braunen Umschlag heraus.

Sehr geehrte Miss Swan,

wir möchten Ihnen mitteilen, dass Ihrem Antrag auf Versetzung entsprochen wird. Ab dem 15. Oktober werden Sie auf eigenen Wunsch als Lehrkraft der Forks Grundschule im Bundesstaat Washington zugeordnet. Bitte setzen Sie sich so schnell wie möglich mit der dortigen Schulleitung in Verbindung, um weitere Einzelheiten persönlich abstimmen zu können.

Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Umzug und viel Erfolg an ihrer neuen Schule.

Mit freundlichen Grüßen:

Mike Newton, Leiter der Personalabteilung

Ich las den Brief drei Mal, um sicher zu gehen, dass ich mich auf keinen Fall verlesen hatte. Während sich ein leicht dümmliches Lächeln in meinem Gesicht breit machte, bemerkte ich an meiner verschwommenen Sicht, dass mir die Tränen in die Augen stiegen. Die Anspannung der letzten Wochen, die mit jedem Tag, den dieser Brief auf sich warten ließ, größer wurde, suchte nun einen Ausgang, um endlich meinen Körper verlassen zu können. Während mir die Freudentränen die Wangen hinunter liefen, begann ich mit immer noch puddingweichen Beinen, auf der Stelle zunächst zu hüpfen, später zu dribbeln. In meinem Inneren rüttelte ich durch meine plötzlichen Bewegungsausbrüche die Steine los, die mir seit Wochen auf dem Herzen lagen. Wenn mir in diesem Moment jemand von der Straße aus durch das Fenster zugesehen hätte, so würde dieser Mensch ohne Zweifel meinen Verstand in Frage stellen.

Von meiner Hüpferei außer Atem gekommen, ließ ich mich zurück auf meinen Küchenstuhl fallen, bevor meine Beine, die von meinem Jogging im Park ohnehin schon leicht übersäuert waren, unter mir nachgegeben hätten. Mit breitem Grinsen presste ich meinen Rücken gegen die Lehne des Stuhls und ließ meinen Kopf in den Nacken fallen. Die Augen geschlossen, fächelte ich mir mit dem Umschlag, in dem das Schreiben noch wenige Minuten zuvor im Verborgenen steckte, Luft zu.

Mein Atem begann sich gerade wieder zu beruhigen, als mir ein Gedanke in den Kopf schoss. „Alice!", rief ich als ob sie vor mir stünde und ich sie am Überqueren einer gefährlichen Kreuzung bei roter Ampel hindern wollte. Ich musste meine beste Freundin, die mich überhaupt erst auf die Idee brachte, mich nach Forks versetzen zu lassen, sofort anrufen. Ein kurzer Blick auf meine Armbanduhr und die Stimme meines Gewissens verboten mir jedoch, mein Vorhaben auf der Stelle in die Tat umzusetzen. In Coral Springs war es gerade mal viertel nach neun am Morgen. Das bedeutete, dass es in Forks, das drei Stunden hinter Florida lag, gerade mal viertel nach sechs war. Bei aller Freude über die guten Nachrichten, brachte ich es trotzdem nicht über das Herz, Alice an einem Samstagmorgen zu dieser unchristlichen Zeit aus dem Bett zu reißen. Mein Vorhaben würde wohl noch ein paar Stunden warten müssen. Verschwitzt vom Joggen im Park und der gerade erlebten emotionalen Achterbahnfahrt beschloss ich, zunächst einmal duschen zu gehen.

Nach dem Mittagessen, das zur Feier des Tages aus meinem Leibgericht, Lasagne, bestand, hielt ich die Vorfreude, Alice die guten Nachrichten mitzuteilen, nicht mehr aus. In Forks war es inzwischen halb zehn und wenn Alice jetzt noch schlafen sollte, dann könnte eh ein Weckruf ihrer Tagesplanung nicht schaden. Mit wiederaufgelegtem frischem Grinsen wählte ich Alices Nummer.

Whitlock?"

Hi Alice, hier ist Bella!"

Hi Bella! Wow, das muss Gedankenübertragung sein. Ich hatte gerade mit Jasper über dich gesprochen."

Jasper war Alices Mann, mit dem sie seit zwei Jahren verheiratet war. Sie kannten sich jedoch bereits aus Kindertagen, denn Alice wuchs bei seiner Familie als Pflegekind auf, nachdem ihre Eltern und ihre beiden Brüder vor fünfzehn Jahren beim Wandern in den Bergen von einem Bären getötet wurden. Alice war damals, genau wie ich, zehn Jahre alt und ich war vielleicht der Grund, dass Alice noch am Leben war. Als ihre Familie damals die Wanderung machte, ging Alice nur nicht mit, weil ich sie wenige Tage zuvor mit Windpocken angesteckt hatte. Ihre Brüder waren jedoch kerngesund, denn beide hatten die Windpocken bereits in der Vorschule überstanden. Als es passierte, Lagen wir beide, von meiner Mutter an den wild juckenden Stellen mit Salbe eingeschmiert, bei mir zu Hause auf der Couch, während im Fernsehen den ganzen Tag Cartoons flimmerten, die uns ein wenig vom Kratzen abhalten sollten. Gewirkt haben Cartoons und Salbe jedoch wenig. Noch heute habe ich vom Kratzen an der Innenseite meines linken Handgelenkes eine große, halbkreisförmige Narbe, die mich ständig nicht nur an meine Windpocken, sondern auch an das Unglück vom 3. August im Jahr der Windpocken erinnerte.

So! Ich hoffe, ihr habt nur Gutes über mich gesprochen!", antwortete ich.

Natürlich, sonst hätten deine Ohren doch wohl geklingelt!" Alice hatte immer einen kecken Spruch auf den Lippen.

Da hast du wohl recht", sagte ich mit einem warmen Lächeln in der Stimme, als ich mir die feengleiche Alice, die im etwa 4.600 Kilometer entfernten Forks wahrscheinlich das Telefonkabel um ihren Zeigefinger drehte und dabei verschmitzt grinste.

Was gibt´s?" fragte Alice, neugierig wie immer.

Ich wollte sie noch ein wenig auf die Folter spannen, bevor ich sie mit meinem Glück am Telefon überschütten würde.

Ach, nichts Besonderes. Ich wollte einfach nur mal wieder deine Stimme hören", sagte ich mit gespielter Langeweile und Schwermut.

Isabella Marie Swan!" schallt sie mich durchs Telefon. Ich konnte ihr noch nie etwas vormachen. Sie kannte mich besser als ich mich selbst. „Versuch nur nicht mich zu verschaukeln! Ich weiß genau, dass du nicht nur anrufst, um gerade mal eben meine Stimme zu hören." Mit einem Lächeln in der Stimme fügte sie nach dem Bruchteil einer Pause hinzu „Auch, wenn ich eine sehr schöne Stimme habe!"

Dieser Kommentar gab mir den Rest und ich konnte meine gespielte Schwermut nicht aufrechterhalten. Das dämliche Grinsen vom Vormittag drängte sich wieder zurück in mein Gesicht und machte sich darin breit.

Ja, ist gut. Ich gebe mich geschlagen! Ich habe dir wirklich etwas zu erzählen!", gab ich lockend zu.

Sag nichts, sag nichts! Lass mich raten!"

Los!" und ich hielt vor Anspannung den Atem ein.

Kann es sein, dass du heute schon am Briefkasten warst?"

Ich brachte ein bestätigendes „Mhm!" heraus.

Ist es denn möglich, dass da ein Brief von der Schulbehörde drin steckte?" Alices Stimme wurde immer höher, je mehr sie sich der wichtigsten Frage näherte.

Mhm!"

Ist es denn möglich, dass dein Versetzungsantrag nach Forks bewilligt wurde?"

Und nach dem ersten Zehntel der Sekunde in der ich wieder „Mhm!" sagte, fing Alice laut an mir ins Ohr zu schreien. Ich konnte nicht anders und schrie einfach mit, als Alice ihrer Freude Ausdruck verlieh, denn es war auch meine Freude.

Als wir uns beide wieder beruhigt hatten, zwang Alice mich dazu, ihr mein Vorgehen beim Öffnen des Briefes minutiös zu berichten, bevor sie die Planung meines Umzugs an sich riss.

Nach einigem Hin- und Her zog Alice das Resümee: „Und sollte ich bis dahin noch keine Wohnung für dich in Forks gefunden haben, dann wirst du zuerst einmal zu uns ins Gästezimmer ziehen."

Nicht, dass ich ihr Angebot nicht zu schätzen wusste und so sehr ich mich auch freute, sie schon bald wieder oft sehen zu können, so wollte ich doch auf jeden Fall meine eigene Wohnung in Forks startklar haben, bevor die Schule nach den Sommerferien wieder beginnen und ich mich in meine Arbeit reinknien würde.

Außerdem wäre Charlie, mein Dad, mit Sicherheit enttäuscht gewesen, wenn ich beim Nichtvorhandensein einer eigenen Wohnung, Alices Gästezimmer meinem alten Kinderzimmer in seinem Haus vorgezogen hätte.

Damit es weder zu dem einen, noch zu dem anderen kam, machte ich mich nach dem Gespräch mit Alice sofort daran, im Internet den Wohnungsmarkt von Forks und Umgebung zu durchsuchen. Da ich im vergangenen Jahr ein wenig Geld auf Seite gelegt hatte, musste ich nicht so sehr darauf achten, möglichst preisgünstig zu suchen.

Drei Wohnungen, die alle zum ersten September zur Verfügung standen, fielen in die engere Auswahl. Zwei lagen in Forks selbst, eine eher etwas außerhalb der Stadt. Die Fotos der Wohnungen im Internet belegten zwar die Beschreibungen der Makler, ein unabhängiger Bewerter vor Ort konnte jedoch nicht schaden. Ich mailte Alice die Adressen und bat sie, sich die Wohnungen im Laufe der Woche anzusehen und mir ihre Meinung mitzuteilen.

Mit den Worten: „Mit dem größten Vergnügen! Du weißt, dass ich immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen bin!", nahm Alice die Aufgabe an.

Meine Zelte in Coral Springs waren schnell abgebrochen. Im Null-Komma-Nichts fand ich einen Nachmieter für meine traumhaft gelegene Wohnung. Die wenigen Menschen, mit denen ich mich in meinem Jahr in Coral Springs angefreundet hatte, verabschiedete ich, indem ich an einem Abend für sie kochte. Meine Habseligkeiten begann ich gleich an dem Morgen, an dem ich den Brief erhielt, in die Kisten zu verpacken, die von meinem letzten Umzug vom Studentenwohnheim der UCLA nach Florida noch im Keller standen.

Es sollte die Wohnung in Forks, ganz in der Nähe von Alices und Jaspers Haus werden. Drei Zimmer mit herrlichen Stuckdecken würden mir genug Platz für Schlaf-, Wohn- und Arbeitsraum bieten. Die geräumige Küche bot sich geradezu für gemeinsames Kochen mit meinen Freunden an. Ein kleiner Garten hinter dem Haus, den ich mit den Mietern aus dem zweiten Stock nutzen konnte, war das Sahnebonbon zu der schönen Wohnung, auch wenn ich ihn in der niederschlagsreichsten Stadt der USA wohl nur wenig zum Sonnenbaden in Anspruch nehmen werden würde. Renovierungsarbeiten waren nur in geringem Umfang zu leisten und Alice fand die pure Freude daran, ihren Mann Jasper am Wochenende vor meiner Ankunft zum Streichen meiner Zimmerwände zu zwingen. Am Telefon gestand sie mir, dass ihr dies eine ausgezeichnete Gelegenheit geben würde, Jaspers Rückansicht bei der schweißtreibenden Arbeit ausgiebig zu begutachten.

Meine Möbel und die gepackten Kisten hatten Dank der angeheuerten Umzugsfirma die Stadt bereits drei Tage vor mir verlassen, um mit einem LKW einmal quer über den Nordamerikanischen Kontinent transportiert zu werden.

Die letzte Nacht in der Stadt Coral Springs, Florida, von der ich einst gehofft hatte, sie zu meiner neuen Heimat erklären zu können, verbrachte ich im Schlafsack auf dem Boden meiner Wohnung, deren Schlüssel ich am darauffolgenden Tag, dem Tag meines Abfluges, an den Hausbesitzer übergeben würde.

Mein Flug in einen neuen Lebensabschnitt ging Samstagabend um neun, sodass ich mit Zwischenstopp in Los Angeles und ohne Flugturbulenzen am Sonntagmorgen um 8 Uhr in Seattle landete. Dort holte mein Dad mich und mein spärliches Handgepäck vom Flughafen in Seattle mit seinem Streifenwagen ab, um mit mir die Stecke von 226 km entlang der Route 101 nach Forks zu fahren.