Ups, da habe ich im ersten Kapitel doch glatt den Disclaimer vergessen!
Hier ist er:
Alles, was euch bekannt vorkommt, stammt aus dem Gedankengut des verehrten J.R.R. Tolkien. Ich füge lediglich meine Interpretation und meine viel zu lebhafte Phantasie hinzu.
Unterstützt bei der Benennung etlicher Charaktere hat mich erneut „Das Schwarze Auge". Diesmal mit einer Liste für tulamidische Namen.
Wüstennacht - Teil II
„Seid still ihr Gänse und hört mir zu", rief die oberste Gemahlin des Fürsten die Mädchen zur Ordnung. Der strenge Ausdruck in ihrem immer noch schönen Gesicht ließ jedes Kichern verstummen. Alle wussten: Wenn Abrizah einen derart scharfen Ton anschlug, hatte man zu gehorchen, wollte man nicht eine saftige Strafe riskieren. Die hätte heute sicherlich darin bestanden, nicht bei der Audienz zum Empfang der Gesandten zugegen sein zu dürfen und das wollten sich die Mädchen wahrlich nicht entgehen lassen. Sie bekamen ohnehin selten genug die Erlaubnis, die Frauengemächer zu verlassen.
„Wie ihr wisst, halte ich es noch immer für einen törichten Einfall, doch euer Vater hat keinen Zweifel daran gelassen, dass er die Anwesenheit all seiner Kinder bei der Begrüßung unserer Gäste wünscht. Aber ich warne euch:" Ihr Blick wanderte mahnend über ihre Schutzbefohlenen. Neben Nahema zuckte ihre ältere Schwester unwillkürlich zusammen, doch sie selbst ließ keine Gemütsregung erkennen. „Falls auch nur eine von euch dem Haus Al-amha Schande bereitet, wird sie es für den Rest ihres Lebens bitter bereuen."
Mochte sie damit bei den anderen Eindruck hinterlassen, Nahema gab wenig auf diese Drohung. Zu oft hatte sie diese oder ähnliche schon gehört um ihr übermäßig Beachtung zu schenken. Zusammen mit den vier übrigen Ehefrauen des Fürsten begann Abrizah nun damit, die Gewänder der Prinzessinnen zu überprüfen. Nichts durfte von ihren Körpern zu sehen sein als die Füße, die Hände und die Augen. Lediglich die Haare blieben größtenteils unbedeckt.
Nahemas Mutter, die vierte Gemahlin, musterte kritisch den rosenfarbenen Gesichtsschleier ihrer Tochter. „Da ist etwas in deinen Augen, das mir nicht gefällt", sagte sie streng. „Es verrät mir, dass du etwas ausheckst. Vergiss es sofort wieder, hörst du. Nimm dir Harira zum Vorbild. Niemals muss Abrizah sie schelten. Du hast einen Dickkopf wie ein kleines Kind, dabei bist du jetzt eine junge Frau, Nahema. Bemühe dich doch endlich, dich auch so zu benehmen. Während der Audienz hältst du deinen Blick stets gesenkt, wie es sich geziemt. Wage es nicht, die Fremden anzustarren." Abwehrend hob sie die Hand und kam damit einem Einwand ihrer Tochter zuvor. „Versuche es erst gar nicht. Ich werde davon erfahren wenn du es tust."
Ergeben neigte Nahema den Kopf. Was blieb ihr auch anderes übrig? Ihre Mutter durchschaute sie wie niemand sonst. Sie beschloss, ihr in den nächsten Tagen möglichst aus dem Weg zu gehen. Diese Sache war zu wichtig um sie wegen ein paar lächerlichen Vorstellungen von Anstand und Benimm aufs Spiel zu setzen.
Auf dem Weg in den großen Saal hielt Nahema sich brav in der Mitte der Gruppe und warf keine neugierigen Blicke in die Runde. Wenigstens äußerlich wollte sie wie die brave und gehorsame Tochter wirken, die sie niemals sein würde. Trotz aller Zurechtweisungen interessierte sie sich nicht nur für Poesie und Tanz sondern sehr wohl für Politik. Schließlich hing davon ihrer aller Leben ab. Und sie würde einen Weg finden, ihren Beitrag zum Wohl ihres Landes zu leisten.
Kurz bevor die Delegation aus Gondor den Saal betrat hing eine gespannte Erwartung in der schwülen Luft, die sich fast mit Händen greifen ließ. Nahema ignorierte die Hitze so gut es ging und sah sich unter gesenkten Wimpern im Raum um. Auf Befehl ihres Vaters hatten all seine Kinder Aufstellung neben dem Thron bezogen. Die sechs Söhne in scharlachrot und schwarz zu seiner Rechten, die neun Töchter, bunt gewandet wie ein Blumenbeet zu seiner Linken. Nahema entdeckte ihren Bruder Jabir, der sich trotz seiner 14 Jahre tapfer anstrengte, so verwegen und erwachsen auszusehen wie seine Brüder. Er war als einziger jünger als Nahema. Sie zwinkerte ihm aufmunternd zu, doch er wandte sich brüsk ab und gab vor, nichts bemerkt zu haben. Irgendwie konnte sie es ihm nicht einmal übel nehmen. Es war bestimmt nicht leicht für ihn, neben Rashid und Faruk zu bestehen, die beide bereits als fähige Kämpfer und Anführer galten und ihren Mut schon in so mancher Schlacht bewiesen hatten.
Zum zweiten Mal an diesem Tag überkam sie Stolz, als sie die beiden nebeneinander stehen sah, den Blick unverwandt auf die Flügeltür des Thronsaals gerichtet. Nichts auf dieser Welt schien sich ihnen in den Weg stellen zu können, den kühnen Söhnen des Nedim ibn-al-amha und doch bemerkte ihre kleine Schwester Anspannung in ihren Gesichtern. Machten sie sich Sorgen um den Ausgang der Verhandlungen noch bevor sie überhaupt begonnen hatten? Oder fürchteten sie nur die Gelegenheit zu ruhmreichen Taten könne ihnen für immer verloren gehen, wenn ihr Vater mit den Feinden aus dem Norden Frieden schloss?
Als letzter vor den Fremden traf Nedim ibn-al-amha selbst ein. Der Fürst trug prächtige Gewänder in dunklem Rot. Das Zeichen der fliegenden Schlange bedeckte in kostbaren Stickereien seinen Umhang. Gold glitzerte an seinen Fingern und um seinen Hals. Im dunklen Haar, von grauen Strähnen durchzogen, trug er ein kunstvoll gefertigtes Diadem mit einem einzelnen Rubin über seiner Stirn. Anerkennend glitt sein Blick durch den Raum, über die versammelten Anführer, Berater und Krieger, zuletzt über seine Söhne und Töchter. Als er auf dem Thron Platz nahm huschte ein zufriedenes Lächeln über sein scharf geschnittenes Gesicht. Nein, es gab wahrlich nichts, wofür Nedim ibn-al-amha sich in seiner eigenen Halle schämen musste. Weder vor der Gesandtschaft aus Gondor noch vor irgendjemandem sonst.
Dann wurden die Gäste angekündigt. Der Herold gab sich wahrlich Mühe, doch wollten ihm die fremdartig klingenden Namen und Titel nicht ganz so flüssig wie sonst über die Lippen kommen. In der ganzen Aufregung verstand Nahema nur eines deutlich: Den Namen des Anführers: Boromir.
Bevor sie des Befehls ihrer Mutter gedachte und gehorsam die Augen niederschlug, erhaschte sie noch einen kurzen Blick auf die Männer aus Gondor. Sie wirkten beeindruckend, wie sie sich festen Schrittes dem Thron des Fürsten näherten, das musste Nahema zugeben. Alle Spuren der langen Reise waren von ihnen abgefallen. Kein Staubkorn schmälerte mehr das tiefe Schwarz ihrer Umhänge. Und alle hatten sie denselben bestimmten Ausdruck auf ihren edlen Gesichtern.
Nahema musste sich zwingen, den Blick auf den Boden zu richten. Die Neugier brodelte in ihr, so dass sie alle Kraft aufbringen musste um die Fremden nicht wirklich anzustarren. In diesem Moment verspürte sie unendlichen Neid auf ihre Brüder, denen die Sitten keine Vorschriften machten, wohin sie ihre Augen zu wenden hatten. Vorsichtig lugte Nahema zu Rashid hinüber. Die gespannte Erwartung war nicht aus seinen Zügen gewichen, doch ein anderer Ausdruck war hinzugekommen, den sie nicht deuten konnte. Unwillkürlich ballten sich ihre Hände zu Fäusten. Hätte sie doch nur ebenfalls das Recht zu sehen, was er sah.
Während der Begrüßung wurde ihre Selbstbeherrschung auf eine harte Probe gestellt. Die Tradition erforderte, dass die nötigen Floskeln von den Ranghöchsten der anwesenden Gruppen gesprochen wurden. Nahema überraschte es nicht, dass ihr Vater sich in seiner eigenen Halle weigerte, eine andere Sprache zu gebrauchen, als seine eigene. Der Sohn des Truchsess hingegen schien ihre Sprache nicht gut genug zu beherrschen. Er antwortete in seiner eigenen. Ein Übersetzer stand sowohl an der Seite ihres Vaters, als auch an der seinen. Dadurch dauerte die ganze Prozedur nicht nur um einiges länger, sondern Nahema verstand auch nur die Hälfte von dem, was gesprochen wurde.
Es machte ihr nichts aus. Sobald sie die ersten Worte in der Sprache Gondors vernommen hatte, hätte sie ewig zuhören können. Sie klang so fremdartig und doch auch ein wenig wie Musik in ihren Ohren. Nahema war sich nicht sicher, ob sie ihr gefiel. Am meisten verstörte sie, dass sie nichts aus dem Tonfall heraushören konnte. Normalerweise erkannte sie schon nach wenigen Worten, ob jemand zornig, angespannt oder ängstlich war. Hier war dies nicht der Fall. Sie konnte nur lauschen und sich wundern. Er besaß eine tiefe aber klare Stimme. Eine Stimme, die man auch über den Lärm einer Schlacht hinweg hören würde. Die es gewohnt war, Befehle zu erteilen.
Je länger die Audienz dauerte, desto stärker wurde Nahemas Unruhe. Es war ein Gefühl, als krabbelten unzählige Ameisen über ihre Haut. Sie würde das regungslose Stehen nicht mehr lange aushalten. Ihre Fingernägel gruben sich in ihre Handballen, so sehr presste sie ihre Fäuste zusammen.
Dann wurde es ihr zu dumm. Aller Aufmerksamkeit richtete sich auf den Fürsten und die Gesandtschaft aus dem Norden. Niemand achtete auf die Prinzessinnen und wenn, dann war sie nur eine unter neun. Sollte sie hier herumstehen wie ein bunter Ziergegenstand, mit dem man die Halle schmückte um Eindruck zu schinden? Wie ein Ding über das man nach Belieben verfügen konnte, das aber keinen eigenen Willen besaß? Einen Moment lang zögerte sie noch, ließ ihren Zorn anwachsen, dann blickte sie auf.
Sollten ihre Mutter oder Abrizah sie doch bestrafen, sie musste hinsehen, oder vor Neugier sterben. Sie musste wissen, wie der Mann aussah, dem diese Stimme gehörte.
Er stand nur wenige Schritte entfernt, den Kopf leicht zur Seite geneigt um kein Wort von dem zu verpassen, was der Übersetzter neben ihm, einer seiner eigenen Männer, ihm zuraunte. Seine hoch gewachsene Gestalt war ganz in schwarz und helles grau gekleidet. An seinem silbernen Kragen glänzte ein einzelner weißer Stein. Er besaß die breitschultrige Statur eines Kriegers, der sich seit früher Jugend im Kämpfen geübt hatte. Nahema wusste instinktiv, dass sie hier einen Mann vor sich hatte, der es darin mindestens mit ihren beiden großen Brüdern aufnehmen konnte. Die schwarzen Haare und sein dunkler kurzer Bart hoben sich in starkem Gegensatz von der hellen Haut ab. Der ungewohnte Kontrast ließ ihn in ihren Augen noch fremdartiger wirken. Sie schätzte, dass er mindestens 30 Sommer zählte, aber so sicher konnte sie sich da nicht sein.
In seinem Gesicht sah sie den gleichen angespannten Ausdruck wie in dem ihres Bruders. Es deutete wenigstens darauf hin, dass Gondor die anstehenden Verhandlungen nicht auf die leichte Schulter nahm. Wenn er sprach, bildete sich eine ungeduldige kleine Falte zwischen seinen Augenbrauen. Offensichtlich war er ein Mann, der Auseinandersetzungen lieber mit Waffen als mit Worten austrug.
Was Nahema jedoch am meisten faszinierte und sie daran hinderte, ihren Blick nach einer genauen Betrachtung wieder zu senken, waren seine Augen. Sie hatte noch niemals einen Menschen mit solchen Augen gesehen. Grau wie der Stahl einer Schwertklinge, wie der Wolken verhangene Himmel waren sie. In ihnen zeigten sich Stolz und das mühsam gezügelte Temperament eines Mannes, der es nicht gewohnt war zu bitten, sondern sich das nahm, was er wollte.
Ob er ihre Musterung gespürt hatte, oder ob es nur die verständliche Neugier angesichts einer fremden Umgebung war, konnte sie später niemals mit Sicherheit sagen. Doch in diesem Moment wandte er leicht den Kopf und sah ihr direkt in die Augen.
Noch auf dem Weg zurück in die Frauengemächer klopfte Nahema das Herz bis zum Hals. Und das lag nicht an nur an der Befürchtung, jemand hätte ihren Ungehorsam bemerkt und könne sie an Abrizah oder ihre Mutter verraten. Etwas war mit ihr geschehen in jenen wenigen Augenblicken im Thronsaal bevor sie die Lider hastig gesenkt und zu Boden geblickt hatte. Sie war zutiefst erschrocken und gleichzeitig seltsam verwirrt. Sie hatte keinen Namen dafür.
Abgesehen davon hatte sie jedoch eine Gewissheit aus dem Vorfall gewonnen: Wenn Boromir, der Sohn des Truchsess von Gondor mit einem Heer in den Krieg zog, wollte sie um nichts auf der Welt auf der gegnerischen Seite stehen. Sie brauchte einen Plan.
TBC
