Kapitel 2
Die Nacht war gerade hereingebrochen, als Breda von Krolock in seinem Sarg erwachte. Er schob den Sargdeckel zur Seite und stand auf. Neben ihm lagen noch drei andere Särge in seiner Gruft, zwei von ihnen sahen alt aus, aber auch prächtiger. Es waren die Särge von seinem Sohn Herbert und ihm.
Herbert… Wie ging es ihm eigentlich? Er hatte schon lange nichts mehr von ihm gehört. Sicherlich, er machte sich Sorgen, wie es ein Vater nun mal um seinen einzigen Sohn machte, aber er wusste auch durchaus, dass Herbert in der Lage dazu war, auf sich selbst aufzupassen. Wenn er denn wollte. Er hatte sich schon in sehr viele gefährliche Situationen gebracht, weil er einfach viel zu unvorsichtig war. Aber entweder hatte er sich dann selbst wieder daraus befreit oder Breda war ihm zu Hilfe gekommen. Aber jetzt konnte er das nicht, schließlich war sein geliebter Sohn ja in Frankreich. Er konnte nur hoffen, dass er nichts Dummes anstellte und sicher bei ihren Verwandten untergekommen war.
Er ging zu einem der anderen beiden Särge rüber, worin seine Geliebte, Sarah, noch schlief. Es würde sicher nicht mehr lange dauern, bis sie auch erwachen würde. Allerdings, in der letzten Zeit….
Seine Gedanken wurden von einem schabenden Geräusch unterbrochen. Bei dem vierten Sarg, indem Herberts Liebe Alfred lag, wurde der Sargdeckel geöffnet. Alfred erhob sich aus seinem Sarg, erblickte ihn, wie er vor Sarahs Sarg stand und nickte ihm kurz zu. Eine Geste aus Respekt und aus Höflichkeit. Breda wusste, dass Alfred sich vor ihm fürchtete, und dass um genau zu sein aus Recht, da Breda ihn nie wirklich hatte leiden können. Der Grund war, dass sich Alfred nach seiner Meinung viel zu oft und zu lange mit seiner Braut traf, und die Beiden immer ein Gespräch unter vier Augen wünschten. Er konnte seiner Geliebten so eine Bitte natürlich nicht abschlagen, dennoch ärgerte es ihm, dass sie Geheimnisse vor ihm hatte. Er würde schon noch rausbekommen, welche es waren.
Er begrüßte Alfred auch mit einem Kopfnicken, dann verschwand dieser die Treppe hinauf in das Dunkel des Schlosses.
Als er sich besann, dass er schon eine ganze Weile über auf Sarahs Sarg Gedanken verloren blickte, schob er den Sargdeckel beiseite und begrüßte seine Geliebte. Diese blinzelte ihn aus verschlafenden Augen an und nuschelte irgendwas, was Breda aber als keine ihm bekannte Sprache identifizieren konnte, und drehte sich schließlich noch mal um. Er runzelte verärgert die Stirn. Seit neustem verschlief seine Geliebte immer öfter den Sonnenuntergang. Wenn er sie nicht wecken würde, und daran hatte er keinen Zweifel, so würde Sarah nie mehr aus ihrem Sarg kommen.
„Sternkind, du musst aufstehen, du kannst doch nicht so eine herrliche Nacht wie heute verschlafen?", sprach er sie zärtlich an.
Sarah nahm sich ein Herz und setzte sich auf.
„Wieso eigentlich nicht? Es gibt doch nichts, was ich erledigen müsste, dazu haben wir ja den Diener, also warum sollte ich aufstehen?", fragte sie verschlafen.
Breda, der über diese Frage mehr als verwundert war, rang um seine Fassung.
In all den Jahren, die er nun schon der Graf der Vampir war, war nicht eine Nacht vergangen, in der er nicht aufgestanden war. Es hatte zwar in all den Jahren Zeiten gegeben, in denen er schwer verletzt gewesen war, und sich deswegen nicht rühren konnte, aber diese zählte er nicht dazu. Sarah war nicht schwer verletzt, soweit er wusste, und er würde ihr auch nicht nur die kleinste Chance lassen, im Sarg liegen zu bleiben.
„Reicht es dir nicht, dass ich dir diese Nacht über Gesellschaft leiste, wenn du aufstehst? Oder findest du, dass sich es deswegen erst recht nicht lohnt?", gab er ein wenig trocken zurück.
„Schon gut, schon gut, du hast mich überzeugt, ich steh auf. Aber ich hoffe für dich, dass du auch wirklich vor hast die ganze Nacht mit mir zu verbringen." Gab sie zwinkernd zurück.
Na endlich es war geschafft, sie war wach. Beinahe, hätte er einen Freudeschrei ausgestoßen, aber das was unter der Würde eines Grafen. Auch wenn von dieser gewissen Würde, in der Nähe von seiner Sarah, sowieso kaum noch etwas übrig blieb.
Normalerweise zögerten Vampire nie mit dem Aufstehen, denn die Nacht war sowieso schon viel zu kurz, also wollten sie soviel wie möglich von ihr haben. Ganz anders war jedoch Sarah. Es wurde doch tatsächlich von Nacht zu Nacht schwerer sie aus dem Sarg zu locken. Ein Glück konnte er sie immer wieder ködern, mit einer romantischen Nacht oder ähnlichen….
Sie stand aus ihrem Sarg auf und begrüßte ihren baldigen Mann mit einem leidenschaftlichen Kuss, welchen dieser nur zu gern erwiderte.
„Sollten wir uns nicht erst einmal anziehen? Es ist Winter und nicht gerade warm, mein Sternkind." schlug Breda vor.
Sie nickte, klemmte sich bei ihm an dem Arm und begann mit einem mal heftig zu zittern. Sie hatte die Kälte gar nicht gespürt, doch als er darauf hinwies, merkte sie plötzlich, wie kalt es doch wirklich war. Außerdem hatte sie ja nur ein dünnes Nachthemd an.
Sie stiegen die Treppen hoch, die zu ihrer Gruft hinab führten und gingen viele, dunkle Korridore entlang, bis sie das Ankleidezimmer erreicht hatten. Die ganze Zeit über war Sarah nicht einen Zentimeter von Bredas Seite gewichen, im Gegenteil, sie hat sich immer enger an ihn gekuschelt. Sie suchten sich warme Kleidung heraus und zogen sich um.
Als er fertig war, blickte er sich im Zimmer um. Sarah war offenbar auch schon fertig. Sie trug ein schönes rotes Kleid, nicht so schön und edel, wie das Kleid, welches sie damals trug, als sie gebissen wurde, aber dennoch hatte es einen gewissen Glanz. Er hatte ihr dieses Kleid erst vor kurzem zusammen mit anderen schönes Kleider zukommen lassen, da sie so gut wie keine Kleidung besessen hatte, als er sie damals in sein Schloss eingeladen hatte. Zu mindest keine, die einer Gräfin würdig gewesen wäre. Er hatte von all den Kleidern, die er ihr geschenkt hatte, dieses am schönsten gefunden. Anscheinend gefiel es Sarah ebenso gut. Er lächelte sie an und trat auf sie zu und sobald die nahe genug an einander waren verfingen sie sich wieder in leidenschaftliche Küsse.
Sie ließen von einander ab, als es an der Tür klopfte. Ein Diener betrat das Zimmer mit einem Brief in der Hand und überreichte dieses dem Grafen. Auf dessen wink hin, entfernte er sich wieder.
Breda musste, nachdem Koukol nicht mehr zurückgekommen war, einen neuen Bedienstenten einstellen, der zwar nicht so fleißig, wie es Koukol gewesen war, aber dennoch seine Aufgaben pflichtbewusst erledigte.
Breda besah sich den Brief in seinen Händen genauer an. Er war von Herbert.
„Breda Liebling, von wem ist der Brief?", wollte Sarah von ihm erfahren.
„Von Herbert. Lass uns doch in die Bibliothek gehen und ihn dort öffnen. Dort ist es gemütlicher." Schlug er ihr vor und sie machten sich auf den Weg dorthin. Unterwegs überlegte sich Breda, was Herbert ihn wohl geschrieben haben könnte. Es war nicht der erste Brief von ihm gewesen, aber seit er den letzten bekommen hatte, waren schon einige Wochen vergangen. Herbert war nach Frankreich losgezogen um seine Tante zu besuchen, damit sie wusste, dass die Krolocks sie nicht vergessen hatten und immer noch wohlauf waren. Sie besuchten Verwandte eigentlich nicht allzu oft, da sie alle im Ausland wohnten und sie auch nicht besonders viel wert auf die Gesellschaft des anderen legten. So wie Vampire halt sind. Aber da sie von ihrer Tante schon lange nichts mehr gehört hatten, befürchtete Breda, dass ihr etwas zugestoßen sein könnte. Wenn es so war, dann war es sicherlich schon lange Zeit her. Ein Verlust in der Familie schmerzte ihn schon, aber er hatte nie wirklich viel mit seiner Schwester zu tun gehabt. Daher war es ihm eigentlich recht gleichgültig, was mit ihr war.
Als Herbert losgezogen war, um nach seiner Tante zu sehen, hatten Sarah und Breda beschlossen zu heiraten. Zwar war sein Sohn bei diesem Beschluss nicht anwesend gewesen, aber Breda war sich sicher, dass er nichts gegen diese Entscheidung haben würde.
Außerdem war in den letzten Jahren kein freudiges Ereignis passiert, wenn man mal davon absah, dass er Sarah getroffen hatte, doch so eine Verbindung war nicht nur ein guter Vorwand, die Familie wieder hierher nach Transsilvanien zu rufen, sondern es war auch ein Vorwand, sich davon zu überzeugen, wer denn noch lebte, oder wer schon den Vampirjägern zum Opfer gefallen war. Allerdings war ein Bund bei Vampiren nur noch sehr selten geworden, weil viele einfach sich nicht vorstellen konnten, die Ewigkeit mit nur einer und derselben Person zu vollbringen.
Es war natürlich nicht der ausschlaggebende Grund dafür gewesen, Sarah zu heiraten. Ihm war erst richtig bewusst geworden, was sie für ihn bedeutete, als sie von seinem Ball zusammen mit Alfred und diesem Professor geflohen war. Er liebte sie und deswegen ist er sie, sofort als es ihm bewusst geworden war, im Schnee Transsilvaniens suchen gegangen. Er konnte von Glück reden, dass er seine Vampirischen Sinne hatte, sonst hätte er sie mit Sicherheit niemals gefunden. Als er bemerkt hatte, dass sie Alfred gebissen hatte, was es ihm ziemlich gleichgültig gewesen. Es war nur einer mehr, der jetzt Menschen nach ihrem Blut trachten würde so ihren Clan vergrößert. Den Professor hatten sie mit auf ihre Burg genommen, wo er auch noch bis heute war, er würde bestimmt auch noch so lange hier bleiben, bis er seine ‚Forschungen' beendet und alle Bücher in Bredas Bibliothek gelesen hatte. Damit sie nichts vor einander zu befürchten hatten, legten sie ein Versprechen ab: Er Professor pfählt keinen einzigen Vampir und dafür lassen sie den Professor ebenfalls in Ruhe.
Als sie in der Bibliothek angekommen waren, bemerkte er, dass sein Diener wohl ein Feuer im Kamin angezündet haben musste. Es war angenehm warm. Er machte es sich in seinem Lieblingssessel bequem und Sarah, die unbedingt wissen wollte, was in dem Brief stand, setzte sich auf eine Lehne des Sessels.
Breda öffnete den Brief und las ihn.
Seine Schwester war also tatsächlich gestorben. Ein Verlust mit dem er gerechnet hatte. Ein weiteres Familien Mitglied weniger. So war es eben für einen Vampir wenn man nicht aufpasste, man fiel leicht einem dieser ‚Vampirjäger', wie sie sich selbst so schön bezeichneten, zum Opfer. Ein Glück hatten alle in der Umgebung so viel Angst vor ihm, dass sie sich noch nicht einmal trauten sein Schloss auch nur zu erwähnen.
Herbert würde also seinen alten Geliebten mitbringen. Breda hatte nichts dagegen, sollte doch Herbert wissen, was er macht. Breda konnte sich nur zu gut an Alex erinnern. Herbert hatte ihm schließlich wegen ihm noch Jahrelang die Ohren vollgeheult, als er weggezogen war.
Aber es war schön zu wissen, das Herbert von der Hochzeit erfahren hatte und auch dabei sein würde. Er hätte natürlich alles dran gesetzt, dass sein einziger und über alles geliebter Sohn mit dabei sein würde. Aber das er nichts gegen diese Verbindung hatte (zumindest schien es so und Breda hoffte es auch), war das größte Geschenk, das sein Sohn ihm machen konnte.
Eine Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
„Wer ist denn dieser Alex?", fragte Sarah ihren Geliebten.
„Er ist eine alte Liebe von Herbert. Leider ist er vor Jahren weggezogen und die beiden konnten sich nicht mehr sehen. Es freut mich für Herbert, dass er ihn wieder gefunden hat."
Ja, es freute ihn wirklich. Vielleicht würde er ja dann von Alfred wegkommen. Er hatte eigentlich nichts gegen ihn, aber die Tatsache, dass er der Assistent von einem Vampirforscher gewesen war (oder immer noch ist, aus dem Professor wurde man nicht so wirklich schlau), beunruhigte ihn schon ein wenig. Außerdem tat es seinem Sohn nicht gut, wenn er Alfred immer hinterher rannte, obwohl dieser nicht das geringste bisschen Interesse an seinem Sohn zeigte.
Jedenfalls würden Alexandre und seine Familie mit bei seiner Hochzeit dabei sein. Er freute sich. Noch mehr Gäste. ER wollte Sarah eine unvergessliche Nacht bieten und diese würde sie bekommen. Es hatten schon viele von seiner Familie zugesagt (eigentlich alle, die noch lebten, und das waren nicht mehr allzu viele) und fast alle von seinen Freunden oder alten Bekannten wollten auch kommen. Diese Nacht wird unvergesslich werden für Sarah, dachte Breda und wandte sich wie versprochen den Rest der Nacht seiner Geliebten zu.
