©Sunrisepainter: Severed Ties
Kapitel I
Obwohl sie todmüde war, schaffte das Mädchen es irgendwie den Weg zum Reservat zu finden. Sie hatte lange kein Englisch mehr gesprochen, deswegen wagte sie es nicht jemanden nach dem Weg zu fragen. Aber zum Glück schien in Amerika alles gut ausgeschildert zu sein. Unzählige Autos fuhren an ihr vorbei als sie die lange Straße am Waldrand entlang lief. Jemand hatte sie abholen wollen, aber leider hatte sie ihre Haltestelle verpasst.
Sie hatte weder eine Telefonnummer noch die Adresse von ihrer Cousine. Nur einen Anhaltspunkt gab es: La Push.
Dort war sie selbst groß geworden, aber sie hatte bereits alle Erinnerungen aus ihrer Kindheit gelöscht, deshalb konnte sie sich kaum noch an diese Umgebung erinnern. Es gab diverse Gründe, warum sie sich nicht erinnern wollte. Seufzend schob sie ihr Cap weiter hinunter. Es begann bereits zu dämmern und sie hoffte inständig, dass sie das Reservat noch früh genug erreichte. Sie hatte keine Lust nach der lange Reise auch noch eine Nacht im Wald verbringen zu müssen. Alles, wonach sie sich jetzt sehnte war ein warmes Bett...
Als hinter ihr ein Auto hupte zuckte sie vor Schreck zusammen. Ein Blick über die Schulter verriet ihr, dass es ein alter Truck war, der langsam neben ihr her fuhr. Meinte er sie?
Sicher, hier war ja sonst niemand. Als der Truck am Straßenrand anhielt, beschleunigte sie automatisch ihre Schritte. Hoffentlich war es keine verdächtige Person. Sie war hier mitten im Niemandsland, da hörte sie bestimmt keiner, wenn sie schrie.
Ihre Cousine hatte sie gewarnt nicht alleine in dieser Gegend herum zu laufen, aber jetzt war es zu spät. Als die Autotür ins Schloss fiel, rannte sie los. Dass sie dabei ihr Cap verlor, interessierte sie kein bisschen. Nur weg. Schnell weg.
Sie hörte wie sie von jemand verfolgt wurde. Es waren eindeutig schwere Männerschritte.
Ihre Beine fühlten sich weich an. Sie wusste, dass sie nicht mehr lange durchhalten würde. Aber was sollte sie tun? Wie konnte sie dem Fremden entkommen?
„Jamie? Du bist doch Jamie, oder?"
Wie angewurzelt blieb sie stehen. Woher kannte er ihren Namen? Keuchend kam die Person näher. Sie hatte sich immer noch keinen Zentimeter vom Fleck bewegt. Sie war immer noch viel zu geschockt.
„Hey", der Mann berührte sie vorsichtig am Arm. Sie zuckte zurück und stolperte über einen Ast. Es gab ein dumpfes Geräusch als sie mit ihrem Hinterteil auf dem Boden aufstieß.
„Hey, tut mir Leid, wenn ich dich erschreckt habe. Ist alles in Ordnung?", der fremde Mann beugte sich besorgt über sie.
Er war muskulös und hatte eine ähnliche Hautfarbe wie sie selbst. Er musste also auch aus La Push stammen. Sie schätzte ihn auf Mitte dreißig. Er hatte kurze, schwarze Haare und einen
Drei – Tage – Bart. Alles im allen sah er nicht aus wie ein Massenmörder oder Vergewaltiger. Aber sie wusste, dass Äußerlichkeiten nichts über Menschen aussagten. Es gab viel zu viele schlechte Menschen auf der Welt.
„Hier, ich helfe dir wieder auf", er streckte seine Hand nach ihr aus, doch sie stieß sie grob weg und sprang von alleine auf die Beine.
„Wer sind Sie und woher kennen Sie meinen Namen?", fragte sie scharf und warf ihm einen durchdringenden Blick zu.
„Ich bin Elan. Der Ehemann deiner Cousine Laura. Ich freue mich dich kennen zu lernen, Jamie."
„Sky."
„Wie bitte?", fragte er verwirrt.
„Mich nennen alle nur Sky", murmelte sie. Es war ihr peinlich, dass sie ihn nicht gleich erkannt hatte, denn immerhin kannte sie ihn schon seit ihrer Kindheit.
„Ich wollte dich wirklich nicht erschrecken, Sky. Du bist nicht bei der Bushaltestelle gewesen, an der wir uns treffen sollten, deshalb habe ich überall nach dir gesucht. Zum Glück habe ich dich gefunden, denn sonst hätte deine Cousine sicher Hackfleisch aus mir gemacht", lachte er.
Das Mädchen antwortete nicht.
„Ah, ich will dich nicht nerven. Man sagst mir immer das ich viel rede, also sag mir Bescheid, wenn du deine Ruhe haben willst. Aber lassen wir das erst mal. Du bist sicher müde und möchtest so schnell wie möglich ins Bett. Das kann ich dir nicht verübeln. Am besten steigst du erst mal ins Auto. Hast du nichts anderes als diesen Rucksack?", etwas überrascht blickte er sich um.
„Nein", meinte sie. Ohne ein weiteres Wort stieg sie in das Auto und platzierte den Rucksack zwischen ihren Beinen.
„Du kannst dein Gepäck auch ruhig auf den Rücksitz werfen, wenn es dich stört", meinte Elan und setzte sich wieder ans Steuer.
„Es stört mich nicht", meinte sie ohne ihn anzusehen.
„Verstehe", meinte der Mann und lachte wieder, „du bist keine große Rednerin. Dann ruhe dich lieber ein wenig aus. Bis zum Reservat dauert es noch zehn Minuten."
Auch wenn sie es im Moment nicht zugeben wollte, aber insgeheim war sie heilfroh, dass er sie noch rechtzeitig gefunden hatte. Zu Fuß hätte sie es sicher nicht geschafft.
Es dauerte nicht mal ganz zehn Minuten bis sie das Schild mit der Aufschrift „La Push" erreichten. Man merkte, dass von hier an eine andere Welt begann. Die Häuser wirkten einfacher und ärmlicher. Weil es schon spät war, gab es kaum noch Leben auf der Straße. Ab und zu kamen sie an Jugendlichen vorbei, die mit Bierdosen und Zigaretten am Straßenrand lungerten. Manchmal lief ein Hund oder eine Katze über die Straße oder Familien saßen beisammen auf der Veranda um die abendliche Luft zu genießen bevor sie sich schlafen legten. Bei den Quileuten spielte das Familienleben eine wichtige Rolle.
„Im Moment leben hier um die 400 Menschen", erklärte Elan, „der Stamm wird immer kleiner. Viele finden hier in der Gegend keine Arbeit mehr und gehen in die großen Städte wie Seattle oder Olympia. Doch jeder kennt hier jeden, deshalb fühlt man sich wie in einer großen Familie. Aber das weißt du sicher alles noch, immerhin hast du hier auch mal gelebt."
„Nein, ich kann mich an nichts mehr erinnern", murmelte sie, schloss die Augen und lehnte ihre Stirn gegen die kalte Fensterscheibe.
Darauf erwiderte Elan nichts mehr, sondern schwieg für den Rest der Fahrt.
Elan, seine Ehefrau und deren junger Sohn Dillen wohnten in einem einfachen, gelblichen Holzhaus. Es sah aus wie ein typisches amerikanisches Haus, mit grünen Fensterläden und einer geräumigen Veranda, auf der Unmengen von Blumenkübeln standen. Da das Ende des Sommers bereits nahte, waren die meisten Pflanzen verdorrt oder verblüht.
Elan parkte den Truck auf dem Hof und die stiegen die Treppe zur Veranda hinauf. Eine laue Abendbrise wehte und brachte ein Windspiel im Türrahmen zum Klingen. An sich schien es eine sehr ruhige Gegend zu sein. Sky kannte das nicht. Sie hatte bisher in einer großen, europäischen Stadt gelebt, in der Lärm zum Alttag gehörte. Es würde schwer sein sich hier einzugewöhnen.
„Dillen schläft schon, also müssten wir ein wenig leiser sein", flüsterte Elan, nachdem er die Haustür geöffnet hatte.
Ein seltsamer Geruch von Braten, Obst und Oleander stieg ihnen in die Nase. Eine junge Frau mit Pferdeschwanz kam aus der Küche und lächelte als sie das Mädchen sah.
„Hallo Jamie, schön, dass wir uns endlich mal wieder sehen", sie umarmte Sky kurz und gab ihrem Mann einen Kuss.
„Hast du den Flug gut überstanden, Jamie?", fragte sie besorgt. Sky nickte und war zu müde, um sie darauf hinzuweisen, dass sie doch lieber bei ihrem Spitznamen genannt wurde.
„Ich sehe schon", ihre Cousine lachte leise, „Jetlag. Es war ja auch ein langer Flug. Ich habe dir das Bett im Gästezimmer hergerichtet. Morgen können wir uns besser kennen lernen. Immerhin ist es schon fast acht Jahre her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben. Komm mit."
Dankbar trottete Sky mit ihren wenigen Habseligkeiten ihrer Cousine hinterher.
„Das Zimmer ist nicht gerade groß oder schön eingerichtet", gab Laura zu und deutete auf die hellblaue Tapete mit Bärchen, „eigentlich sollte das Zimmer für ein zweites Kind sein, aber..." sie beendete den Satz nicht und Sky hatte auch nicht das Bedürfnis weiter nachzufragen.
„Fühl die ganz wie zu Hause und mach's dir bequem. Gute Nacht", die junge Frau schenkte ihr noch ein letztes Lächeln und schloss dann leise die Tür.
Sky warf ihren Rucksack unachtsam auf den Boden und ließ sich dann auf das Bett sinken. Es war weich und gemütlich. Sie schaffte es noch nicht einmal sich umzuziehen geschweige denn auch nur einen Gedanken an ihre neues bevorstehendes Leben zu vergeuden.
Es war jedenfalls das erste Mal nach langer Zeit, dass sie im Schlaf nicht von wilden, verwirrten Träumen heimgesucht wurde.
Am darauf folgenden Morgen fühlte sich das junge Mädchen immer noch ein wenig groggy, jedoch wollte sie nicht den gesamten Tag im Bett verbringen, deswegen spritzte sie sich im Bad ein wenig Wasser ins Gesicht und ging dann hinunter in die Küche, wo ihre Cousine schon das Frühstück vorbereitete. Es war gerade mal halb sechs.
„Ach Jamie, du bist schon auf? Konntest du nicht schlafen?", Laura klang wie eine besorgte Mutter.
„Doch, aber ich bin schon ausgeschlafen", erklärte Sky.
„Oh wie schön. Dann kannst du ja gleich etwas essen. Ich habe Pancakes gemacht. Das ist bestimmt etwas anderes als die europäische Küche, aber ich hoffe es schmeckt dir trotzdem", meinte die junge Frau und schob ihr einen Teller mit einem Berg von Pancakes mit Sirup zu.
Sky bedankte sich und setzte sich an den Tisch. Obwohl ihr Magen wie verrückt knurrte, schaffte sie gerade mal zwei. Aber sie schmeckten gut.
„Wo ist dein Mann?", fragte sie, nachdem sie aufgegessen hatte.
„Oh, Elan steht vor allen anderen auf. Er arbeitet auf einer Farm, deswegen muss er früh aufstehen, um die Rinder zu versorgen."
„Ach so."
Sky betrachtete ihre Cousine etwas genauer. Sie kannte das vertraute Gesicht sonst nur in Fotos. Laura war nicht gerade hübsch, aber sie hatte ein warmes, mütterliches Lächeln. Obwohl sie gerade mal dreizehn Jahre älter war als sie selbst, fühlte Sky sich bei ihr wirklich in Geborgenheit. Laura stellte keine unangenehmen Fragen (jedenfalls bis jetzt noch nicht) und schien sich auch sonst über den Besuch ihrer kleinen Cousine zu freuen.
„Vielen Dank, dass ihr so nett ward mich zu euch einzuladen. Ich hätte nie gedacht, dass ihr auf meinen Brief reagiert...", Sky wurde ein wenig rot im Gesicht.
„Wir sind immer noch eine Familie. Es war keine Ursache, also muss es dir nicht peinlich sein. Ich kann verstehen, warum du von dort weg wolltest", sie machte eine kurze Pause und Sky wich ihrem Blick aus, „außerdem freut sich Dillen auch dich mal kennen zu lernen. Wir haben ja keine Verwandten mehr, die hier leben, deswegen war er gestern schon ganz aufgeregt."
„Wie alt ist er denn schon?", wollte Sky wissen. Sie war froh über ein anderes Thema reden zu können.
„Er ist jetzt schon sechs und besucht seit diesem Sommer die Schule. Er ist ein wirklich braver Junge und sehr hilfsbereit. Viele mögen ihn und manchmal kommt es mir so vor als wäre er schon um einiges älter", Laura begann zu strahlen. Sky fühlte einen kleinen Stich in ihrem Herzen. Diesen Glanz und Stolz hatte sie noch nie bei ihrer eigenen Mutter gesehen.
„Aber du wirst ihn sicher noch selbst kennen lernen", Laura nahm die Pfanne vom Herd und setzte sich dem jungen Mädchen gegenüber an den Tisch.
„Und jetzt sag mal: Was hast du hier vor?"
Sky seufzte. Wirklich Gedanken hatte sie sich darüber nicht gemacht. Sie war froh gewesen endlich mal andere Luft einatmen zu können und der Ortswechsel erwies sich jetzt schon als erfolgreich.
„Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Als erstes werde ich mir wohl einen Job und eine Wohnung suchen müssen. Ich kann ja schließlich nicht ewig hier bei euch bleiben."
„Darum mach dir mal keine Sorgen", beruhigte sie Laura, „wir haben dich gerne hier. Auch solange bis du auf eigenen Beinen stehen kannst. Außerdem bist du gerade mal neunzehn Jahre alt, da hat man doch das ganze Leben noch vor sich."
Das erste Mal seit Wochen brachte Sky ein mattes Lächeln zustande. Ihre Cousine war wirklich großartig. Auch wenn sie sich seit acht Jahren nicht gesehen hatte, nahm man sie hier gleich als Familienmitglied auf.
„Erstmal habe ich noch etwas Geld, das ich mir von Freunden geliehen habe", erklärte Sky, „aber ich will so schnell wie möglich mein eigenes verdienen."
„Das verstehe ich natürlich", nickte Laura, „am besten guckst du mal in Forks. Das ist der nächste größte Ort hier und dort sucht man sicher irgendwen, der in Geschäften oder so aushilft."
Sie warf einen Blick auf die Küchenuhr:
„Wenn du dich beeilst, dann schaffst du den Bus in einer Stunde noch. Die Bushaltestelle ist gleich die Straße rechts hinunter."
„Danke, dann mache ich mich gleich auf den Weg."
„Ich drücke dir auf jeden Fall beide Daumen, Jamie."
„Kannst du mir einen Gefallen tun, Laura? Ich mag es nicht so gerne, wenn man mich Jamie nennt. Zu viele schlechte Erinnerungen. Kannst du mich stattdessen Sky nennen? Diesen Spitznamen haben mir meine Freunde verpasst."
„Es wird mir zwar schwer fallen, aber ich gebe mein bestes", die ältere Frau zwinkerte ihr zu.
Ja, es war wirklich die richtige Entscheidung gewesen nach Amerika zu gehen.
Als Sky die staubige Straße zur Bushaltestelle entlanglief, kam sie sich furchtbar beobachtet vor. Sie stach zwar mit ihrem Aussehen nicht besonders hervor, aber man wusste sofort, dass sie nicht hier lebte. Ein fremdes Gesicht. Sie zog ihr Cap wieder tiefer ins Gesicht und hoffte, dass sie niemand ansprach.
Doch diesen Gefallen wollte man ihr natürlich nicht tun.
„Hey, du bist neu hier, oder? Brauchst du jemanden, der dir hier alles zeigt?", sprach sie ein gut gebauter junger Mann von der Seite an. Auf seinen Lippen saß ein schelmisches Grinsen.
„Kein Bedarf", murmelte sie und beschleunigte ihre Schritte. Sie kannte es von der Seite angesprochen zu werden, aber angenehm war es ihr nie.
„Hey, wieso denn nicht? Warte doch mal. Sag mir doch wenigstens wie du heißt oder wo du her kommst?", er packte sie am Arm, damit sie stehen blieb.
„Fass mich nicht an!", fauchte sie und drehte sich wütend um sie um. Erst jetzt bemerkte sie, dass es mindestens vier Jungen waren, die sie verfolgten. Sie schienen nicht älter als siebzehn zu sein und hatten alle ein anzügliches Grinsen im Gesicht. Sky wollte sich keine Minute länger mit diesen Gesindel abgeben.
„Du kommst aus einem anderen Land, oder? Ich steh auf Akzent", ein anderer Junge mit langen Haaren und Bartstoppeln zwinkerte ihr zu. Ihr wurde schlecht.
Wenn sie jetzt etwas Falsches sagte, dann wurde sie die Idioten eventuell nie wieder los.
„Ich mag es nicht, wenn man mich von der Seite blöd anmacht. Also lasst mich jetzt in Ruhe bevor ich meinen Bus verpasse", erklärte sie mit einem wütendem Unterton. Die jungen Männer begannen zu grölen:
„Ui hört, die Frau hat Biss!"
„Hey Baby, wenn du die Raubkatzennummer auch im Schlafzimmer abziehst, dann kannst du gerne mal vorbeikommen!"
Sky wurde rot bis unter den Haaransatz. Waren die amerikanischen Männer alle so unverschämt?
Sie gab dem Jungen, der am nächsten zu ihr stand, einen kräftigen Stoß und nutzte die Gunst der Überraschung um sich aus dem Staub zu machen. Allerdings schienen diese Jungen mehr als penetrant zu sein.
„Es, du spinnst ja wohl. Bist du 'ne Monsterbraut, oder was?", zeterte der Gestoßene und packte sie grob am Arm. Langsam wurde es ihr zu viel. Wenn sie eines nicht leiden konnte, dann war es, wenn jemand sie einfach so anpackte.
„Ich hab schon mal gesagt ihr sollt mich nicht anfassen", sie versuchte sich aus seinem Griff zu lösen, aber er war viel stärker als sie.
„Jetzt hör mal zu, Puppe", er kam ihrem Gesicht bedrohlich nahe, „ich lass mich von einer Tussi nicht so anmachen. Egal wie hübsch sie sein mag. Und wenn ich will, dann kann ich auch ganz anders. Also sei vorsichtig, solange ich noch nette zu dir bin."
„Komm schon, Wesley, du hast doch nicht den Mumm dafür dich an einem Mädchen zu vergreifen", lachte eine neue Stimme, „oder hat dir deine Mommy nicht beigebracht, dass man keine Mädchen schlägt?"
Überrascht drehte sich der Junge, der anscheinend auf den Namen Wesley hörte, um und ließ dabei Sky los. Diese stolperte ein paar Schritte rückwärts und rieb sich den schmerzenden Arm.
„Ach Cameron und Ateara, ich hätte mir ja denken können, dass ihr das seid", feixte Wesley und warf den beiden Jungen, die zu der Gruppe hinzu gestoßen war, einen verachtenden Blick zu, „nur weil ihr zu den Auserwählten gehört, denkt ihr, ihr könntet euch überall einmischen."
„Hast du das gehört, Quil? Sie nennen uns neuerdings die Auserwählten", lachte einer der beiden Jungen. Doch auch der andere schmunzelte.
„So wie die das formulieren, klingt das fast so als wäre das etwas Schlechtes oder was meinst du, Jared?"
„Wesley hat Recht. Haltet euch bloß daraus", meinte ein anderer Junge.
„Aber wir haben doch noch gar nichts gesagt. Wir finden es nur höchst interessant, dass ihr schon so feige seid, dass ihr zu viert auf ein Mädchen losgehen müsst. Das hätte ich nie von dir gedacht, Wesley", der Junge, der den Namen Jared trug, schüttelte enttäuscht den Kopf.
Die beiden Neuankömmlinge waren um einiges größer und muskulöser als die anderen Jungen. Sie trugen keine Shirts und Sky kam es so vor als wollten sie dadurch nochmal extra Eindruck mit ihren Oberkörpern schinden. Beide waren braun gebrannt und sahen ansonsten aus wie normale Quileute (mal abgesehen von der abnormalen Größe). Wobei Quil etwas kleiner war und Jared etwas stämmiger. Sie sahen aus als seien sie mindestens schon über zwanzig.
Wesley gab ein Schnauben von sich:
„Lasst uns verschwinden Junges bevor die beiden Möchtegern – Helden ihre tollen Freunde rufen. Ich habe keine Lust wieder Stress mit Sam zu kriegen."
„Und grüßt eure Mütter von uns. Die sollen besser darauf achten, wo ihr euch so früh am Morgen schon herum treibt!", brüllte Quil ihnen hinterher. Dafür bekam er den Mittelfinger zu sehen.
„Solche Idioten", schimpfte der andere Junge, der sich zuerst eingemischt hatte und warf dann Sky ein freundliches Lächeln zu, „macht dir nichts aus denen. Die geben gerne mal an, aber wenn man sie besser kennt, dann weiß man, dass sie nur bluffen."
„Danke", murmelte Sky und versuchte ihr Cap so zu drehen, dass die beiden ihr Gesicht nicht sehen konnten.
„Kein Ding. Du bist sicher die Cousine von Laura, oder? Ich hab gehört wie sie sich mit meiner Mutter über dich unterhalten hat. Ich bin übrigens Jared Cameron. Ich wohne gleich in dem Haus neben deiner Cousine", meinte er fröhlich und reichte ihr die Hand. Im Gegensatz zu ihrer wirkte sie wie eine riesige Pranke. Außerdem war sie ungewöhnlich heiß.
„Sky", meinte sie bloß.
„Interessanter Name. Heißt du wirklich so? Ich bin im übrigens Quil. Quil Ateara", auch der andere Junge reichte ihr die Hand. Auch so heiß. Diese Jungen mussten wirklich eine unheimliche Körpertemperatur haben. Vielleicht war das etwas Erbliches.
„Es ist nur ein Spitzname", meinte sie.
„Ach so. Klingt aber auf jeden Fall cool", lachte Jared.
„Danke."
„Freut uns auf jeden Fall dich kennen zu lernen. Wenn du magst, dann kannst du ruhig mal bei mir und meiner Mom vorbeikommen. Deine Cousine und Dillen sind öfters mal bei uns um zu essen. Vielleicht sehen wir uns ja nochmal."
„Und sag uns auf jeden Fall Bescheid, wenn du nochmal unsere Hilfe brauchst", fügte Quil hinzu.
„Vielen Dank", bedankte sie sich ein zweites Mal. Obwohl diese beiden jungen Männer sehr nett zu sein schienen und nicht so aufdringlich, wollte sie auf keinen Fall nochmal ihre Hilfe in Anspruch nehmen.
„Na ja, wir wollten dich nicht aufhalten. Du scheinst es eilig zu haben", Jared bemerkte ihre Ungeduld, „wir sehen uns dann"
„Ja, wir sehen uns", sie brachte noch ein letztes schwaches Lächeln zustande und lief dann eilig los, damit sie den Bus noch erwischte.
Sie würde sowieso nicht lange im Reservat bleiben, deswegen war es am besten keine Kontakte zu anderen zu knüpfen. Auch wenn das bedeutete, dass sie anderen ein wenig ruppig erschien.
Irgendwie hatte sie aber das Gefühl, dass sie Quil und Jared schon einmal gesehen hatte. Wahrscheinlich damals als sie noch hier gelebt hatte. Deswegen war es wahrscheinlich gerade gut, wenn sie die beiden nie wieder sah. Sie konnte ja nicht ahnen, dass die beiden gerade etwas Ähnliches dachten.
„Hey Quil, kam sie dir nicht auch furchtbar bekannt vor?"
„Kann schon sein. Sie hat ja mal hier gelebt."
„Wir sind in dieselbe Grundschule gegangen, aber ich kann mich nur noch vage an diese Zeit erinnern. Seit ich diese Verwandlung durchgemacht habe, erscheint mir meine Kindheit wie eine verschwommene Erinnerung zu sein. So als ob es schon ewig her wäre."
„Mir geht es genauso, Jared. Leider konnten wir ihr Gesicht nicht sehen. Ob sie es mit Absicht versteckt?"
„Vielleicht finden wir es irgendwann mal heraus. Meine Mom meinte jedenfalls, dass wir nett zu ihr sein sollen, weil sie es bisher nicht einfach im Leben hatte."
„Weißt du genaueres?"
„Leider nicht, aber wir werden es hoffentlich bald erfahren", Jared strich sich übers Haar und starrte auf die Stelle, an der eben noch Sky gestanden hatte, „ich werde auf jeden Fall mal Kim fragen, ob sie sich an Lauras Cousine noch irgendwie erinnert. Immerhin kann sie sich an unsere Kindheit besser erinnern als wir."
Ende von Kapitel I.
