Bury my heart
Kapitel 2
Feindschaften
Seine wilden schwarzen Augen bohrten sich einen Moment lang in ihre, dann wurden sie zu engen Schlitzen.
„Granger!", dröhnte seine Stimme durch die Zelle.
Sie zuckte ungewollt zusammen.
Die markante Falte zwischen seinen Brauen war sichtlich angespannt, und Hermine wurde das Gefühl nicht los, dass er furchtbar wütend war. Wer auch immer dafür verantwortlich sein mochte, war Schuld daran, dass sie seiner Unberechenbarkeit ausgesetzt war, ebenso wie damals Dumbledore.
Schon rappelte er sich auf, bis er mehr schlecht als recht auf seinen Beinen stand. Offenbar war er verletzt. Leicht wankend, die eine Körperhälfte kaum belastend, bewegte er sich auf sie zu, bis er kurz vor ihr Halt machte.
Hermine schluckte. Seine Gestalt so nahe bei sich zu haben, beunruhigte sie zutiefst. Ihr Herz pochte wild, verunsichert blickte sie zu ihm auf.
„Professor", flüsterte sie leise.
Er knurrte und tastete wieder einmal mit der Hand nach seinem Kiefer.
Gebrochen war er nicht, da war sie sich inzwischen sicher, dafür tippte sie auf einen festen Schlag, den er abbekommen haben musste.
„Sie sind am Leben", stellte er wie beiläufig fest.
Hermine nickte und konnte nicht aufhören, ihn anzustarren. Ihr Mund fühlte sich ganz trocken an. Warum musste er nur so groß sein, wie er da über sie gebeugt war?
„Gut", sagte er knapp und funkelte sie ein letztes Mal an. Dann warf er mit einem Schwung seinen schwarzen Umhang zurück, ehe er davon humpelte, zu einem fest in der Wand verankerten Metallbett.
Sie atmete auf, die Angst aber steckte ihr in den Knochen.
Er ließ sich ausgestreckt auf dem Bett nieder, verschränkte die Arme auf der Brust und schloss die Augen, ohne sie weiter zu beachten.
Hermine blieb zurück und starrte ihm wie gelähmt nach.
Erst nachdem sich ihr Puls beruhigt hatte, wagte sie es, ihn anzusprechen. „Wie haben Sie das gemeint?", fragte sie verwundert und kam näher, bis sie kurz vor ihm stehen blieb und auf sein Gesicht hinabblickte.
Er riss die Augen auf, hob seine Brauen an und sah fragend zu ihr hoch.
„Gut?" Ihre Stimme schnellte in die Höhe. „Was sollte das heißen, dieses gut? Sind Sie noch bei Trost?"
Unbeeindruckt zuckte er mit den Schultern und klappte seine Lider wieder zu.
„Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf darüber, Granger. Es wird Ihnen ohnehin nichts nützen."
Eingeschnappt machte sie kehrt und ließ sich an der kargen Wand, die gegenüber von ihm lag, auf den Po gleiten. Ratlos zog sie die Knie an und legte die Arme darum.
Snape.
Schon immer war er unsympathisch und eigenbrötlerisch gewesen. Genau genommen war er ein richtiger Arsch gewesen, hatte er es doch mehrmals geschafft, sie während des Unterrichts zum Heulen zu bringen. Dumbledores Ermordung aber war die Spitze gewesen. Das würde sie ihm nie verzeihen. Im Gegenteil: es würde ihn auf ewig zu ihrem Feind machen.
Trotzdem kam sie nicht darum herum, es eigenartig zu finden, ihn auf diese Weise wieder zu sehen.
„Warum sind Sie hier?", fragte sie trotzig, nachdem sie sich immer noch keinen Reim auf alles machen konnte.
Er seufzte, ohne sie eines Blickes zu würdigen. „Das geht Sie nichts an."
„Pah! Von Wegen! Sie sind einer von denen, also, was tun Sie hier?"
Nichts. Er reagierte nicht darauf.
„Schön", fuhr sie fort. „Warum ich hier bin, weiß ich, schließlich gehöre ich zu den Geächteten, den meist gesuchten Personen auf dieser Welt. Aber Sie – das ergibt einfach keinen Sinn."
„Wenn Sie es sagen", murmelte er abwesend vor sich hin.
Hermine starrte auf seine dunkle Gestalt und überlegte fieberhaft. Vielleicht wollte Voldemort ihn ja für irgendwas bestrafen.
„Haben Sie ihn verärgert?", hörte sie sich fragen. Schnell biss sie sich auf die Zunge.
Zu spät. Er hatte sie bereits mit seinem Blick fixiert.
Einen Moment lang geschah gar nichts, doch dann antwortete er überraschend. „Schon möglich." Es klang so gleichgültig, dass sie fröstelte.
Sie legte den Kopf schief. „Was? Das war alles?"
„Es gehört nicht viel dazu, den Dunklen Lord zu verärgern, Granger", gab er sachlich zurück.
Hermine schnaubte unbeeindruckt. Ihr brannte ohnehin noch etwas anderes auf der Zunge. Etwas, das viel größer war, als die Tatsache, dass er es geschafft hatte, vor seinem Herrn in Ungnade zu fallen.
„Warum haben Sie Dumbledore getötet?", fragte sie spitz.
Wieder bekam sie keine Antwort. Er lag einfach nur reglos auf dem unbequemen Bett und starrte die Decke über seinem Kopf an. Und das, ohne auch nur zu blinzeln.
„Ich dachte immer, dass Sie ihn schätzen", warf sie ihm vorwurfsvoll an den Kopf. „Doch da habe ich mich wohl geirrt." Enttäuscht wandte sie den Blick von ihm ab und Stille kehrte ein.
„Ich denke nicht, dass Sie das beurteilen können", sagte er nach einer halben Ewigkeit.
Hermine blickte überrascht zu ihm auf und sah, dass er seine Augen auf sie gerichtet hatte. Wie zwei funkelnde, schwarze Glasmurmeln, blitzten sie sie an.
Für einen Moment dachte sie, etwas wie Schmerz darin zu erkennen. Und das, obwohl das künstliche Licht in der Zelle alles andere als hell war.
Es war ein eigenartiges Gefühl, das sie überkam. Fast so, als hätte sie ihn seiner Ehre beraubt. Doch je länger sie darüber nachdachte, umso mehr wurde ihr bewusst, dass er schon immer sehr empfindlich auf Anschuldigungen reagiert hatte, die seine Person betrafen.
„Haben Sie es je bereut?", fragte sie vollkommen unerwartet.
Selbst Snape schien davon überrascht, immerhin ließ er seine Mundwinkel spielen.
„Ich meine, dass Sie ihn ermordet haben", setzte sie schlichtweg nach. Einen Versuch war es wert. Diesmal jedoch ging er nicht darauf ein und sah einfach weg.
„Was ist mit Hogwarts, während Sie hier sind?", fragte sie weiter.
Er zuckte mit den Schultern, ehe er tief grollend antwortete. „Was soll damit sein?"
„Wer ist dafür zuständig, den Schülern das Leben zur Hölle zu machen, solange Sie hier sind?"
„Die Carrows", antwortete er knapp, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, sich zu verteidigen.
Hermine schauderte. Was sie bisher über die beiden Geschwister in Erfahrung gebracht hatte, gefiel ihr gar nicht. Hoffentlich war nicht alles schon zu spät...
Doch solange sie hier festsaß, blieb ihr nichts anderes übrig, als jede Stunde, die sie am Leben war, als Geschenk zu betrachten, betend, dass es für Harry, Ron und sie selbst einen Weg in die Freiheit geben würde.
