Die lindernde Wirkung der von Snape aufgetragenen Salbe hielt genau bis zur abendlichen Strafarbeit bei Umbridge an. Nach einem festen Klopfen gegen die Tür zu ihrem Büro, konnte Harry das bekannt, piepsige „Herein" aus Umbridges Mund hören. Er betrat das krankhaft pinke Arbeitszimmer der Großinquisitorin und setzte sich auf den für ihn vorbereiteten Stuhl. Alles war an seinem angestammten Platz. Er nahm die Blutfeder zur Hand, doch bevor er den ersten Buchstaben aufs Pergament setzen konnte, stand Professor Umbridge auf und räusperte sich gespielt empört. Ihr krötengesichtiger Blick fiel auf Harrys rechte Hand.
„Du meine Güte, Mr Potter! Ihre Hand sieht ja geradezu blütenrein aus." Noch ehe Harry sich wehren konnte, hatte sie mit einem Griff um sein Handgelenk Harrys Rechte auf dem Fisch fixiert und musterte sie eingehend. Fast verbissen, mit zusammengekniffenen Augen stierte sie auf die verheilte Haut, als wäre sie plötzlich kurzsichtig. Sie presste ihre Lippen angestrengt aufeinander und gab einen unzufriedenen Laut von sich. Harry sah, wie es sie anscheinend ärgerte, dass ihre Spuren, die sie doch hatte hinterlassen wollen, einfach so verheilt waren. Aber zu seiner Überraschung ließ sie nach einigen Sekunden seine Hand los, nickte leicht und lächelte zufrieden.
„Ganz gleich, wie sie das hinbekommen haben. Das einprägsamste Bild entsteht auf einer reinen, weißen Leinwand, nicht wahr, Mr Potter? Also schreiben Sie, hopphopp!" Harry begann zu schreiben und der inzwischen schon fast gewohnte Schmerz durchzuckte seine Hand. Sie lächelte ihn böswillig an, wobei es ihr wirklich Genugtuung zu bereiten schien, seine unbeschadete Haut von neuem bluten zu sehen. Während er Zeile für Zeile weiterschrieb und seine Hand pochend und stechend schmerzte, konnte er ab und an, wenn er einen schnellen Blick auf seine Peiniger warf, sehen wie sie über etwas angestrengt nachdachte. Wieder vergingen Stunden, an deren Ende Harry am liebsten jeden einzelnen dieser widerlichen, bemalten Teller in Umbridges Büro auf ihrem Kopf zerschlagen hätte.
„Mr Potter, es ist Schluss für heute.", verkündete sie gerade, als Harry glaubte, über dem Schmerz und der Müdigkeit einfach den Verstand zu verlieren. Er legte die Feder auf das Pergament, nahm seine Schultasche und wollte so schnell wie möglich verschwinden. Doch hinter ihm räusperte sich die rosafarbene Kröte mit einem überspitzten „Chrm chrm". Harry hasste dieses Räuspern so sehr. Sobald er es hören musste, stieg eine unbändige Art Wut in ihm hoch. Eine aggressive, unzähmbare Wut, die er einfach nicht im Zaum halten konnte. Mit zu Fäusten geballten Händen, drehte er sich auf dem Absatz zu ihr um und biss dabei fest die Zähne zusammen, um ja nichts Falsches zu sagen. Fragend schaute er sie an.
„Bevor Sie gehen, Mr Potter … Habe ich noch eine winzig kleine Frage an Sie …", flötete sie in lauerndem Ton. Mit wippenden, kurzen Schrittchen kam sie auf ihn zu und blieb einen Meter vor Harry stehen.
„Wer hat Ihnen denn das nötige Medikament zur Behandlung dieser Wunde gegeben?" Die Frage klang unschuldig, als würde sie nur aus reinem Interesse fragen, doch Harry wusste, auf was Umbridge aus war. Sie als Großinquisitorin wollte demjenigen vom Lehrpersonal, der Harry geholfen hatte, einen Denkzettel verpassen. Und auch wenn er sich sicher war, dass sie wohl nie darauf gekommen wäre, dass es Snape gewesen war, konnte sie wahrscheinlich eine Lüge schnell enttarnen, wenn sie nicht durchdacht genug war. In Harrys Kopf drehten sich die Antwortmöglichkeiten und er wusste, mit jeder Sekunde, die er verstreichen ließ, stand es schlechter um seine Glaubwürdigkeit. Er wollte niemanden mit hineinziehen, seine Freunde nicht, weil er sie nicht ans Messer liefern wollte, und auch Snape nicht, weil er sich vorstellen konnte, dass seine Strafen noch härter ausfallen konnten als die von Umbridge.
„Mr Potter …" Etwas säuselndes lag in ihrer Stimme, etwas unecht einfühlsames.
„Vielleicht kann ich ihrem schlechten Erinnerungsvermögen ja mit einer Tasse Tee auf die Sprünge helfen." Sie deutete auf ein kleines, dreibeiniges Beistelltischchen mit einem rosa Spitzendeckchen darauf. Das darauf befindliche Teeservice füllte sich augenblicklich mit bernsteinfarbenem, dampfendem Tee, der seltsam schmackhaft aussah. Harry schluckte und bemerkte wie trocken sein Hals war und was für einen Durst er auf einmal hatte.
„Darf ich Ihnen ein Tässchen anbieten?", fragte Umbridge höflich und legte auf kokett, mädchenhafte Weise den Kopf ein wenig schief. Offensichtlich zögerte Harry einen Moment zu lang, denn er wusste, oder konnte zumindest ahnen, dass etwas mit diesem Tee nicht stimmte.
„Möchten Sie nicht?" Immer noch schaute Umbridge ihn mit einem süßen Lächeln auf den Lippen an. Doch plötzlich schien ihr etwas eingefallen zu sein, denn sie hielt inne und legte den freundlich, einladenden Gesichtsausdruck ab.
„Nun denn, Mr Potter, belassen wir es heute Abend dabei. Ich bin mir sicher, dass Ihnen zu gegebener Zeit schon noch einfallen wird, wer Ihnen dieses Gefallen getan hat. Wenden Sie sich dann einfach vertrauensvoll an mich. In Ordnung?" Harry nickte stumm und ließ ohne ein weiteres Wort die pinke Hölle hinter sich.
Schnell und zwei Stufen auf einmal nehmend hastete er die Treppen zum Gryffindor-Gemeinschaftsraum hinauf. Nur eine Etage unter der fetten Dame in einer versteckten Nische hielt er inne und schaute auf seine rechte Hand. Die blutigen Buchstaben ziepten furchtbar und die Wunde begann schon wieder zu jucken. Er rieb ein paar Mal kräftig mit dem linken Daumen darüber, sodass auch dieser blutig wurde und presste die Kiefer vor Schmerz aufeinander. Es wurde Zeit, dass er ins Bett kam, er war vor Müdigkeit schon ganz benommen, doch er wusste, nun standen noch seine sich auftürmenden Hausaufgaben und Aufsätze an. Nicht das Harry die Hoffnung hatte, an diesem Abend auch nur noch einen geraden Satz formulieren zu können, aber wenn er heute Nacht nichts tat, würde er morgen in den Pausen auf keinen Fall mit allem fertig werden.
Als er den Gemeinschaftsraum und seine warme Atmosphäre betrat, fand er Hermine strickend vor dem Kamin. ‚Wieder eine der unförmigen Elfenmützen.', dachte er sanft und freute sich ehrlich seine Freundin noch zu sehen. Sie hob den Kopf in Richtung Tür und lächelte ihn mitfühlend an.
„Ron hat mir erzählt, was los ist.", erklärte sie mit einem Anflug von Kühle in ihrer Stimme und Harry wusste sofort, was das zu bedeuten hatte. Leicht verlegen schaute er kurz zu Boden und setzte sich dann zu ihr in einen der zerschlissenen Sessel direkt vor dem Kamin.
„Ich weiß, es war falsch, euch nichts zu sagen …", murmelte er leise.
„Euch?" Hermines Augenbrauen wanderten ein kleines Stückchen nach oben. „Ron war doch eingeweiht." Wieder klang etwas beleidigtes in ihrer Stimme mit.
„Ich meine, dich … Ich meine, ich hätte es euch beiden sagen sollen, nicht nur Ron." Er fühlte sich merkwürdig gescholten, aber im gleichen Moment fing Hermine wieder an zu lächeln und sah einerlei zufrieden und mitfühlend zu ihm herüber.
„Es ist schon in Ordnung. In letzter Zeit scheint unser Dreiergespann etwas auseinander zu fallen. Oder besser gesagt: Wir entwickeln verschiedene Meinungen und Einstellungen, aber gerade deshalb sollten wir zusammenhalten." Wie nicht anders von Hermine zu erwarten, sprach sie die richtigen, klugen Worte zur richtigen Zeit. Kurz räusperte sie sich und sprach etwas zögerlich weiter:
„Harry, ich möchte doch nur nicht …" Sie nahm ein weiteres Mal Anlauf. „Ich möchte nur nicht, dass ihr immer nur bei mir abschreibt und euch komplett auf mich verlasst. Es ist unfair, wenn ich für euch die Schularbeiten erledige, damit ihr Quidditch trainieren könnt." Er nickte verständnisvoll.
„Ich möchte euch helfen, aber, Harry, du darfst nicht vergessen, dass du an dem Nachsitzen bei Umbridge selbst schuld bist." Wieder diese Wut, die in ihm aufstieg, sobald es um Umbridge ging. Er hielt sich zurück, nichtsdestotrotz klang er verärgert, als er sofort entgegnete:
„Ach, du meinst ich soll ihr Lügen auftischen und mich ducken, so wie ihr es doch alle von mir wollt?! Aber weißt du was …" Er beendete den Satz nicht sondern hielt ihr die in seine rechte Hand geschnittene Zeile „Ich darf keine Lügen erzählen." vors Gesicht. Hermine zog den Kopf erschrocken zurück und schaute sich dann einen Moment seine Hand genauer an. Wieder schaute sie ihn mitfühlend an und hob beschwichtigend die Hände.
„Lassen wir das Thema heute Abend lieber ruhen. Wichtig ist, dass du noch etwas von deinen Hausaufgaben erledigt bekommst." Sie begann in ihrer neben dem Sessel stehenden Tasche zu wühlen und legte ihm ein Pergament mit Stichpunkten auf den Tisch.
„Das wichtigste für den Aufsatz in Zaubereigeschichte. Du musst es zwar selbst ausformulieren, aber ich hoffe es ist dir trotzdem eine Hilfe." Da ihm bis jetzt der Berg an Hausaufgaben unbezwingbar vorgekommen war, besänftigte ihn Hermines Hilfestellung bis auf Weiteres. Er nahm das Pergament und laß es durch. In der Tat musste er mit diesen Stichpunkten nur noch einen Text formulieren, ansonsten war alles Wichtige schon da.
„Danke, Mine …", flüsterte er kraftlos aber dankbar und machte sich an die Arbeit. Nachdem er die Hälfte des Aufsatzes geschrieben hatte, holte sie zwei weitere Pergamente mit Stichpunkten hervor und nickte aufmunternd.
„Der Aufsatz für Snape und die Pflegeanleitung für die Bowtruckles." Harry seufzte erleichtert und war es auch. Nun hatte der bedrohliche Berg an Arbeit etwas von seiner Größe verloren und schien bewältigbar zu sein. Erst nachdem er auch diese beiden Aufgaben erledigt hatte, schaute Harry wieder auf und fand Hermine schlafend in ihrem Sessel vor. Er legte ihr die Hand auf die Schulter und tippte sie vorsichtig an. Sie wachte sofort auf und schien nicht besonders tief geschlafen zu haben, trotzdem gähnte sie als Erstes laut und streckte sich ausgiebig. Als ihr Körper sich wieder entspannte, setzte sie sich aufrecht hin und schaute ihn fragend an. Nun war es an Harry fragend zurückzuschauen.
„Was ist?", fragte Harry nach einigen Sekunden.
„Das könnte ich dich fragen … Du hast etwas auf dem Herzen, ich weiß es genau! Oder glaubst du, ich bleibe grundlos bis weit nach Mitternacht neben dir sitzen, obwohl ich mit den Massen an Mützen, die ich schon gestrickt habe, die Hauselfen ganz Englands befreien könnte?" Einerseits hatte er nicht einmal im Traum daran gedacht, etwas davon zu erzählen, was ihn schon den ganzen Tag beschäftigte. Doch er war froh, dass ausgerechnet Hermine ihn nun fragte, denn obwohl sie vielleicht, was dieses Thema betraf, nicht ganz seiner Meinung war, so erwartete er doch mehr Objektivität von ihr als von Ron.
„Gutes Gespür …", begann er und starrte auf seine malträtierte Hand. „Es geht um Snape …"
„Wegen des Gesprächs mit ihm nach dem Unterricht?" Harry nickte. „Erst Umbridge und nun auch noch Professor Snape, hm?", fragte sie, ließ ihn jedoch keine Zeit zu antworten. „Aber ich muss dir sagen, dass Professor Snape in gewisser Weise auch recht hat. Die ZAG-Prüfungen sind für uns sehr wichtig und es ist unabdingbar, dass …" Er hob die Hand, um sie zu unterbrechen.
„Das ist es nicht. Er … Zugegeben, er war fies und unfair wie immer, aber er … hat mir geholfen." Hermine schaute ihn interessiert an.
„Geholfen?"
„Ja, er hat meine Hand versorgt und mir, auch wenn nicht ganz so nett, das Gleiche geraten wie Professor McGonagall.", sprach er nachdenklich.
„Es ist ja euch ein äußerst vernünftiger Rat. Ich bin auch der Meinung, dass du dich von Umbridge nicht so aus der Reserve locken lassen solltest.", warf Hermine in forschem Ton ein. Und auch wenn Harry den Drang, wieder von neuem wegen Umbridge Streit anfangen zu wollen, sehr unterdrücken musste, tat er es. Denn es ging ihm um etwas anderes.
„Er hat die Wunde mit etwas eingecremt, das sofort half, ohne eine Erklärung. Einfach so." Er konnte auf dem Gesicht seine Freundin etwas wie Genugtuung erkennen.
„Warum sollte er auch nicht? Professor Snape ist immer noch einer unserer Lehrer und auch wenn du es mir nicht glauben magst, ist er sicher auch um dein Wohl besorgt." Harry schnaubte verächtlich.
„Um mein Wohl besorgt? Oh ja sicher, deshalb überschüttet er mich auch immer so mit Freundlichkeit und hackt keinesfalls vollkommen grundlos auf mir herum." Er spielte ein trockenes, amüsiertes Lachen und wollte gerade neu ansetzen, doch Hermine fiel ihm ins Wort:
„Er stellt doch auch die Heiltränke und –mittel für Professor Sprout her. Was ist also groß dabei, wenn nicht sie sondern eben er deine Hand versorgt? Harry, hör endlich auf ihn als deinen Erzfeind anzusehen. Er ist nicht gerade freundlich und auch nicht mein Lieblingslehrer, doch seine Kompetenz kannst du nicht bestreiten und er ist und bleibt Lehrer an dieser Schule, also ist er auch für uns verantwortlich." Harry holte Luft um etwas zu entgegnete, doch Hermine war schneller.
„Professor Dumbledore vertraut ihm und das solltest du auch tun. Oder ist dir etwa die Hand abgefallen?" Kurz schaute er auf seine Hand und erinnerte sich daran, wie gut die Salbe funktioniert hatte. Augenblicklich war es besser geworden, und wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann hätte er sich jetzt etwas davon gewünscht, denn die Wunde pochte und juckte schmerzhaft, ohne dass er es ignorieren konnte. Aber etwas anderes störte ihn an Mines letztem Einwand: Dumbledore vertraut ihm. Seit den letzten Sommerferien hatte sich sein Verhältnis zum Schulleiter verändert und er konnte nicht leugnen, dass es ihn verletzte wie Dumbledore ihn ignorierte. Seine Sturheit ärgerte ihn selbst, aber er konnte Dumbledore nicht länger ohne Vorbehalte als guten, hilfsbereiten, alten Großvater ansehen. Wie er Harry in den Sommerferien hatte sitzenlassen, indem er Hermine und Ron verboten hatte ihm aussagekräftige Briefe zu schreiben. Wie er zwar erfolgreich, aber ohne ihn weiter eines Blickes zu würden, bei seiner Anhörung im Ministerium beigestanden hatte … Er war sich sicher, dass Mrs Figg auf seinen Befehl hin gelogen hatte und ebenso stand es für Harry außer Frage, dass Dumbledore ihm irgendetwas oder gar vieles verheimlichte, das aber ganz offensichtlich ihn, Harry Potter, etwas anging.
„Harry, was ist los? Hab ich was Falsches gesagt?" Hermines Frage riss ihn aus seinen Gedanken und er stotterte hastig eine Antwort:
„N… nein, nein, alles in Ordnung. Vermutlich … hast du recht und ich sollte da nicht zu viel hineininterpretieren." Er winkte ab um die Unterhaltung endgültig zu beenden. Nicht nur, dass er keine Diskussion über Dumbledore mit Hermine beginnen wollte, er war inzwischen auch wirklich todmüde und nicht mehr in der Lage auch nur fünf Minuten länger wach zu bleiben.
„Lass uns schlafen gehen, es ist mehr als spät.", murrte er und Hermine stand mit hängendem Kopf auf und lief langsam in Richtung Mädchenschlafsaal.
„Gute Nacht, Hermine … und danke. Danke dir, dass du mir geholfen und mir zugehört hast." Genau genommen, hatte sie ihn dazu genötigt darüber zu reden, aber das spielte nun keine Rolle mehr. Er wollte nicht, dass sie annahm, seine schlechte Laune käme von ihrem Versuch ihm zuzuhören. Sie hob das Kinn wieder etwas an und lächelte müde.
„Keine Ursache. Gute Nacht."
