Als Hermine am nächsten Morgen erwachte, fühlte sie sich weder ausgeruht noch besonders gut. Direkt nachdem sie die Augen aufgeschlagen hatte, kam die Erinnerung an den vergangenen Abend zurück und ihr wurde beinahe schlecht. Sie schämte sich in Grund und Boden und erwog einige Minuten einfach im Bett zu bleiben. Leider hörte sie ein klopfendes Geräusch am Fenster und musste der Tatsache ins Auge sehen, daß eine Eule auf ihrem Fensterbrett saß, die nicht eher Ruhe geben würde, bis sie ihre Nachricht zugestellt hatte.
Hermine stand mit einem Seufzer auf und ließ den Vogel herein. Die Nachricht war, wie zu erwarten, von Harry, der in etwas rüdem Ton wissen wollte, warum sie nicht zu dem versprochenen Treffen erschienen war. Da Hermine derzeit keine Lust auf Grundsatzdiskussionen und erst recht nicht auf Diskussionen bezüglich ihres Sexuallebens hatte, entschloss sie sich zu einer Notlüge und verfasste eine kurze Antwort. Sie entschuldigte sich bei Harry mit der Begründung, leider durch etwas Dringendes im Büro aufgehalten worden zu sein und nicht gewagt habe eine Eule von dort aus zu schicken. Abschließend schrieb sie ihm noch, daß sie sich auf jeden Fall heute Abend bei ihm sehen lassen würde. Nachdem die Eule sie mit ihrer Nachricht verlassen hatte, schleppte sich Hermine ins Bad, um sich für den Büroalltag herzurichten.
Während sie beim Zähneputzen in den Spiegel sah, wurde ihr erneut übel. Ihr Hals und Dekolleté-Bereich war mit Blutergüssen übersät, die auch ein Blinder nur einem Szenario zuordnen würde. So konnte sie keinesfalls in der Kanzlei auflaufen. Sie versuchte mehrere Zauber und griff auch zu Make-up, um diesen verräterischen Spuren Herr zu werden, aber das Ergebnis war ernüchternd. Nun sahen die Knutschflecken einfach nur überschminkt aus.
Entmutigt zog Hermine einen leichten Rollkragenpullover an, wohl wissend, wie lächerlich dies bei knapp 20 Grad wirken würde.
Auf dem Weg in die Kanzlei übte sie eine glaubhafte Antwort auf die Frage, die ihr bestimmt schon der Pförtner stellen würde – er tat es „Oh, guten Morgen Miss, herrje, sie sind doch nicht etwa trotz des schönen warmen Herbstwetters krank?" - Hermine lächelte entschuldigend und meinte „Sie haben Recht, Peter, ich habe mich wohl etwas erkältet. Ich weiß, es sieht albern aus, aber was will man machen?". Dann ging sie zum Fahrstuhl und fuhr in die Etage, in der ihre Kanzlei lag.
Nachdem sie glücklicherweise auf dem Weg zu ihrem Büro niemandem begegnete, öffnete sie erleichtert seufzend ihre Bürotür, trat ein......und wäre beinahe rückwärts wieder im Flur gelandet.
Auf ihrem Schreibtisch stand ein riesiges Orchideenbouquet. Sie bewunderte einige Minuten sprachlos dieses wunderschöne Blumengesteck, während sie sich überlegte, daß es wohl bei ihr falsch abgeliefert worden sein musste. Solche Blumen bekamen die weiblichen Chefs, wenn sie einen besonders schweren Fall erfolgreich verteidigt und gewonnen hatten, aber keine kleine Referendarin. Dann fiel ihr die kleine Karte auf, die an einem Blume unten angeheftet war. Hermine nahm die Karte aus der kleinen Klammer, schlug sie auf und starrte wie erstarrt auf den Text „Schärfe Deinen Blick, Löwin".
Irritiert las Hermine die wenigen Worte wieder und wieder. Ihr war klar, von wem diese Zeilen stammen mussten, aber der Sinn erschloss sich ihr nicht. Grübelnd sah sie das Blumengesteck an, drehte es gedankenverloren etwas auf dem Tisch und erstarrte wieder. Zwischen den Blüten, Blättern und Zweigen sah sie etwas schimmern, das dort nicht hingehörte. Vorsichtig griff sie in das Gesteck, fühlte einen etwas festeren Stoff, zog daran und hatte dann ihren BH in der Hand, den sie in dem Hinterhof zurück gelassen hatte.
Während sie noch wie gelähmt, mit dem BH in der Hand, vor ihrem Schreibtisch stand, flog die Tür auf und Morton, einer der Staranwälte der Kanzlei, stand im Rahmen. „Miss Granger, wieso lagen die Akten für den Fall Graham heute Morgen nicht..." seine Augen wanderten von ihrem Gesicht zu ihrer Hand und somit zum Corpus Delicti, einem dunkelroten Spitzen-BH, der garantiert nicht zur Büroausstattung bei Palmers, Grants & Partner gehörte.
Hermine spürte, daß ihr die Röte in die Wangen stieg, während sie langsam die Hand mit dem BH hinter ihrem Rücken zu verstecken suchte. Morton räusperte sich leicht, sah sie amüsiert an und meinte „Wie wäre es, wenn sie ihre Unterwäschewahl demnächst zu Hause treffen?".
„Sicher, Sir", war alles was Hermine einfiel. Sie hätte sich wegen dieser dämlichen Erwiderung am liebsten in das nächstgelegene Mäuseloch verkrümelt, aber in dieser Nobelkanzlei gab es keine Mäuse, Ratten ja, aber Mäuse niemals.
„Bringen Sie mir bitte trotzdem die Akte Graham, Miss Granger", meinte Morton, bevor er grinsend ihr Büro verließ.
Hermine ging um ihren Schreibtisch herum und sank erschöpft auf ihren Stuhl. Sie hatte es befürchtet – nun begann es also. Der Unbekannte nutzte seine Trümpfe und begann sein Psychospielchen mit ihr.
Als Hermine an diesem Abend nach Hause kam, wartete Harry bereits vor der Tür auf sie. „Hallo Hermine, ich wollte sicherstellen, daß wir uns heute wirklich sehen" sagte er, als sie auf ihn zu kam. „Komm rein", meinte Hermine kurz angebunden und öffnete ihre Wohnungstür.
Harry ging sofort ins Wohnzimmer, schmiss sich auf die Couch und legte los: „Wieso wohnst Du in einem Muggel-Stadtteil? Es ist nicht sicher, das weißt Du, schön ist es auch nicht. Ich könnte Dir sofort ein traumhaftes Appartement in meiner Nähe vermitteln, dann könnten wir uns auch öfter sehen oder zumindest magisch miteinander in Verbindung treten." Hermine schaute ihn genervt an „Ich habe es mir so ausgesucht, weil es mir hier gefällt. Akzeptier es oder nicht, ich habe keine Lust, diese Diskussion bei jedem Treffen zu führen." Harry sah sie erstaunt an. „Schlechten Tag gehabt?" fragte er.
„Ja!", bestätigte Hermine „und er wird gerade immer mieser".
Harry stand mit einem entschuldigenden Lächeln auf, ging auf Hermine zu und nahm sie in den Arm. „Ich wollte Dich nicht ärgern, tut mir leid", sagte er leise.
„Ich weiß", flüsterte Hermine. „Und nun erzähl mir die große Neuigkeit", bat sie ihn, während sie ihn zurück auf das Sofa schob.
Harry erzählte ihr eine Stunde lang und breit von der neuen Stelle, die das Ministerium ihm angeboten hatte, bei der er seine eigenen Ideen einbringen könne und sogar seine Mitarbeiter selber auswählen durfte. Hermine gratulierte ihm und umarmte ihn herzlich. Sie freute sich wirklich für ihn. Sie plauderten noch eine Stunde und tranken dabei einige Gläser Wein. Als Harry sich schließlich erhob und meinte, er müsse nun gehen, bemerkte Hermine erst, wie erschöpft sie war. Sie brachte ihren Freund zu Tür, verabschiedete ihn und kehrte dann ins Wohnzimmer zurück. Dort nahm sie eine kleine Phiole aus einem kleinen Schränkchen, trank einen großen Schluck und ging dann ins Bett.
Die nächsten Tage verliefen ohne Zwischenfälle und Hermine, die sich langsam wieder im Griff hatte, begann zu glauben, daß der Unbekannte sich nicht wieder melden würde. Er hatte scheinbar seinen Spaß gehabt. Hermine vermutete, daß er mittlerweile entweder ein anderes Opfer gefunden oder einfach den Spaß an der Sache verloren hatte.
An diesem Freitag hatte sie von einer anderen Abteilung die Order erhalten, einen alten Fall zwecks Überprüfung aus dem Archiv zu holen. Hermine war nicht begeistert, daß sie kurz vor dem heiß ersehnten Wochenende noch im Archiv wühlen sollte, aber wenn sie eine feste Anstellung in dieser Kanzlei wollte, musste sie durch jede Abteilung und immer Einsatz zeigen. Also fuhr sie gegen 15 Uhr mit dem Aufzug nach unten ins Archiv, das im Keller eingerichtet war. Der Bürokomplex war auf einem alten Gebäude hochgezogen worden, somit gab es den „Keller", der als Tiefgarage diente und darunter aus dem alten Gebäude eine Art alten Gewölbekeller, der für die Archivierung hervorragend geeignet, aber auch sehr unheimlich war. Hermine war eine der wenigen Angestellten, die ins Archiv gingen. Man schickte sie gerne, weil sie diesen Ort sogar zu mögen schien. Tatsächlich erinnerten sie diese alten Mauern immer ein wenig an die Gewölbe von Hogwarts. Sie fühlte sich wohl hier unten und eines war hier garantiert, man war alleine.
Hermine trat aus dem Aufzug und ging zielsicher in die Richtung, in der die Akten aus dem Jahrgang, den man ihr genannt hatte, aufbewahrt wurden. Als sie um eine Ecke bog, hörte sie noch das typische Geräusch des Aufzugs, der sich wieder nach oben in Bewegung setzte.
Die einzige Beleuchtung bestand aus kleinen, altersschwachen Birnen, die von der Decke baumelten und jeweils mit einem kurzen Zugseil angeschaltet werden mussten. Man wollte hier unten Strom sparen und war der Meinung, daß eine Birne pro Gang ausreichend Licht spendete, damit die gewünschte Akte gefunden und dann mitgenommen werden konnte.
Hermine ging also von Gang zu Gang und schaltete auf ihrem Weg die Lampen an, bis sie schließlich vor dem Regal stand, in dem die Akte stehen musste, die sie holen sollte. Sie versuchte gerade die Aktenrückenbeschriftungen zu entziffern, als mit einem Schlag sämtliche Lampen ausfielen. Hgermine sog scharf den Atem ein und versuchte die aufkeimende Panik zu unterdrücken. „Das Licht ist ausgefallen, kein Grund sich zu ängstigen", versuchte sie sich einzureden. Doch in diesem Moment hörte sie hinter sich die Stimme, die sie nie wieder hatte hören wollen.
„Kein Grund sich zu ängstigen, kleine Löwin?" Hermine fuhr herum und versuchte irgendetwas in dieser absoluten Finsternis zu erkennen. Aber es war sinnlos.
„Wie sind Sie hier rein gekommen?" fauchte sie. „Lassen Sie mich in Ruhe und schalten Sie sofort das Licht wieder an! Ich werde in wenigen Augenblicken im Büro vermisst werden, man weiß, wo ich bin!", versuchte sie zu drohen.
Sie hörte sein leises Lachen bevor er antwortete „Niemand wird Dich vermissen, Eisprinzessin, niemand hat Dich in jener Nacht vermisst.."
Hermine schluckte, es tat weh, daß er mit diesem Satz genau ins Schwarze und damit ihren wunden Punkt traf. Aber sie war nicht bereit sich auf seine Psychospielchen einzulassen, also nahm sie all ihren Mut zusammen und fauchte „Und niemand wird Sie vermissen, wenn ich Sie umbringe, da niemand weiß, daß Sie mit mir in Verbindung stehen. Und seien Sie gewiss, ich werde Sie töten, für das, was Sie mir angetan haben!". Als sie keine Antwort erhielt, lauschte sie auf ein Geräusch, das ihr verraten würde, wo er sich befand. Als es mehrere Minuten ruhig blieb, glaubte Hermine der Fremde sei verschwunden und wollte sich langsam Richtung Aufzug tasten. In diesem Moment fühlte sie, wie bereits einmal, seine Hände auf ihren Schultern, mit denen er sie eisern festhielt. „Was habe ich Dir denn angetan?", fragte die Stimme direkt an ihrem Ohr. Er leckte mit der Zunge ihren Hals abwärts, blies ihr warm in den Nacken und flüsterte leise „Hast Du von mir geträumt, Löwin?"
Hermine versuchte einen klaren Kopf zu bewahren, musste sich aber eingestehen, daß allein seine Berührung und seine Stimme sie verwirrten. Entsetzt stellte sie fest, daß ihr Körper bereits wieder auf ihn reagierte.
