House runzelt die Stirn, als er den schmutzigen nackten Körper des Kindes betrachtet. Die Kleine ist noch magerer als er gedacht hatte. Jede einzelne Rippe ist zu sehen, und House fühlt sich an ein Vogelküken erinnert, der aus dem Nest gefallen ist. Wie kann man ein kleines Mädchen derart verwahrlosen lassen? Er beugt sich hinunter, kontrolliert die Wassertemperatur in der Badewanne und dreht das kalte Wasser ab.
„So, rein mit dir." Vorsichtig hebt er das kleine Mädchen in die Wanne und setzt sie in der Mitte des Schaumbads ab. „Hier hast du einen Lappen, und hier ist noch mehr Seife. Wenn du keine einzige schmutzige Stelle mehr an dir entdecken kannst, dann rufst du mich, okay?" Er bekommt ein Nicken als Antwort, greift nach seinem Stock und verlässt das Badezimmer. Zurück im Wohnzimmer bleibt er einen Moment in der Mitte des Raums stehen und geht dann hinüber zum Schreibtisch. Aus einer der Schubladen holt er eine Liste, die er von der Hausverwaltung bekommen hat, und auf der alle Bewohner des Hauses aufgeführt sind. Bei den vermieteten Wohnungen sind jeweils sowohl der Besitzer als auch der Mieter vermerkt, und so findet er die Telefonnummer einer gewissen Patricia M. Harper, die die Mutter des Mädchens sein muss. Mit dem Zettel in der Hand geht er hinüber zum Sofa, lässt sich schwerfällig auf die Lederpolster sinken und verzieht das Gesicht. Vielleicht sollte er noch eine Vicodintablette nehmen. Zunächst will aber der Anruf erledigt werden. Es klingelt eine ganze Weile, bevor jemand abnimmt.
„Was ist los?", fragt eine Frau, die deutlich ein paar Promille zu viel im Blut hat.
„Ebenfalls frohe Weihnachten. Mein Name ist Greg House. Ihr Nachbar aus dem Erdgeschoss. Sie vermissen nicht zufällig etwas?"
„Vermissen? Nö. Was soll ich denn vermissen?" Jemand sagt etwas im Hintergrund, das House nicht versteht. Die Frau kichert, und House' Stirnfalten vertiefen sich.
„Wie wär's mit Ihrer Tochter?"
„Die ist zum Spielen raus."
„Ach ja?" House hat die Stimme erhoben und merkt, wie ihm das Blut in den Kopf steigt. Er sieht jedoch ein, dass es sinnlos wäre, der Frau in ihrem Zustand die verdiente Standpauke zu halten. „Sie ist hier unten bei mir."
„Okay. Wenn sie nervt, schicken Sie sie weg." Im Hintergrund hört House Gelächter und Gläserklirren. Er überlegt noch kurz, legt dann aber einfach auf. Er hat seine Pflicht getan. Sollte die Mutter sie tatsächlich irgendwann vermissen, was dem Alkoholpegel nach zu urteilen noch eine ganze Weile dauern wird, weiß sie jetzt, wo sie sie finden kann. House stellt das Telefon zurück in die Ladestation und massiert sich den rechten Oberschenkel. Sein Blick fällt auf das kaum angerührte Whiskyglas auf dem Tisch. Angewidert verzieht er das Gesicht. Was für ein Teufelszeug, wenn man nicht Maß halten kann, denkt er und greift nach der Vicodindose.
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„Ich bin fertig!", ruft das Mädchen aus dem Badezimmer. House sieht auf die Uhr. Das wird auch Zeit. Sie sitzt schon fast zwanzig Minuten in der Wanne – aber wenn man bedenkt, wie schmutzig sie war, ist die Zeit wohl angemessen. Sein Oberschenkel protestiert deutlich, als er seinen bequemen Platz auf dem Sofa verlässt. Vicodin hin oder her, er hat es heute wahrhaftig ein wenig übertrieben mit dem Herumlaufen. Er öffnet die Tür des Badezimmers, und das Bild, das sich ihm bietet, lässt ihn wie angewurzelt stehenbleiben. Ein breites Grinsen macht sich auf seinem Gesicht breit. Das kleine Mädchen steht knietief in einem Schaumberg und ist am ganzen Körper krebsrot von der Hitze des Badewassers. Sie hat sich sorgfältig gewaschen und ist tatsächlich blitzsauber bis hinauf zum Hals, doch Gesicht und Haare sind genauso dreckig wie vorher. Allem Anschein nach hat sie gewissenhaft alles gewaschen, was sie sehen konnte, und hat sich, wie von ihm verlangt, gemeldet, sobald sie keine schmutzige Stelle mehr an sich entdecken konnte.
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Mia sieht den Mann fragend an. Er lehnt am Türrahmen des Badezimmers und scheint sich über irgendetwas sehr zu freuen. Wahrscheinlich darüber, dass sie sich so gründlich mit dem Lappen und der Seife gewaschen hat. Stolz lächelt sie ihn an, was dazu führt, dass der Mann anfängt zu lachen. Mia kann sich nicht erinnern, dass sie ihn jemals zuvor hat lächeln sehen, geschweige denn lachen hören. Er kommt hinüber zu ihr und setzt sich auf den Hocker, der neben der Badewanne steht.
„Ein paar entscheidende Körperteile hast du vergessen.", sagt er ruhig, noch immer mit einem Lächeln im Gesicht. Besorgt sieht Mia an sich hinunter. Es ist doch alles sauber!
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„Gar nicht schlimm. Wir waschen jetzt noch schnell dein Gesicht und deine Haare, und dann bist du fertig." Mit einem frischen Lappen, einem Klecks Shampoo und der Handdusche macht House sich ans Werk. Er ist vorsichtig darauf bedacht, dass dem Mädchen keine Seife in die Augen läuft, und ein paar Minuten später ist es tatsächlich vollbracht. Er hebt sie aus der Wanne und hüllt sie in ein großes blaues Badelaken. Als er ihr beim Abtrocknen hilft, wird ihm wieder deutlich bewusst, dass sie einige Kilo Untergewicht hat, und er fragt sie, ob sie etwas essen möchte. Sie schüttelt den Kopf, und ihm fällt auf, dass ihre Augenlider langsam schwer zu werden scheinen. So ein heißes Bad macht müde.
„Ich glaube, du bleibst besser heute Nacht hier.", sagt er, mehr zu sich selbst als zu dem Mädchen. Ihre Kleidung hat er mitsamt den Schuhen in die Waschmaschine gesteckt, daher zieht er ihr eines seiner T-Shirts an, das ihr fast bis zu den Knöcheln reicht. Um sein Werk zu vollenden, packt er eine frische Zahnbürste aus, drückt etwas Zahnpasta darauf und reicht sie dem Mädchen. Die Bürste ist etwas zu groß für sie, doch immerhin weiß sie damit umzugehen. Auf dem Hocker kniend beugt sie sich über das Waschbecken und spült sich den Mund aus. House, der auf dem Badewannenrand gesessen hat, nickt zufrieden und greift nach seinem Stock.
„Jetzt bist du fertig, und wir überlegen uns, wo du am besten schläfst."
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Mia wischt sich den Mund am Ärmel des T-Shirts ab und klettert vom Hocker hinunter. Als der Mann an ihr vorbei aus dem Bad gehen will, greift sie nach seiner Hand. Er bleibt kurz stehen und sieht nachdenklich zu ihr hinunter. Dann erwidert er den Griff, und gemeinsam gehen sie wieder hinüber zum Sofa. Sie klettert hinauf, was nicht so einfach ist mit dem T-Shirt, das ihr um die Knie hängt, und kauert sich in der einen Ecke des Sofas zusammen. Obwohl es warm ist in der Wohnung, fängt sie ein bisschen an zu zittern, und sie blinzelt müde, um das Brennen in den Augen loszuwerden. Mit dem Kopf auf den Knien sieht sie dem Mann zu, der aus einem der Nebenzimmer zunächst ein Kissen und ein Laken und dann eine Bettdecke holt. Er sieht müde aus, wenn auch nicht so müde wie sie, und geht langsam, wobei er sich schwer auf den Stock stützt. Mia will ihm nach dem Stock fragen, aber sie ist so müde. Während sie ihm zusieht, wie er aus dem Sofa ein Bett baut, fallen ihr die Augen zu.
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Amüsiert beobachtet House, wie die Kleine von Minute zu Minute müder wird. Während er mit Laken und Decken hantiert, scheint sie krampfhaft zu versuchen wachzubleiben, doch am Ende verliert sie den Kampf, und sie wacht auch nicht auf, als House sie vorsichtig umbettet und zudeckt. Ihr Haar, das vor dem Bad strähnig herab hing, ist jetzt fast trocken. Es ist nicht nur um einige Nuancen heller als vor der Haarwäsche, sondern kringelt sich außerdem in glänzenden Locken um ihr Gesicht, das noch immer ein wenig gerötet ist. House betrachtet sie eine ganze Weile nachdenklich, streicht dann noch einmal über die Bettdecke und geht dann hinüber ins Bad. Auch für ihn wird es Zeit, ins Bett zu gehen.
