Wer hat Angst vorm Bogenmann?

Eine angenehme Frische am frühen Abend hatte Alice Nguyen dazu gebracht noch einmal das Haus für einen Spaziergang mit dem Hund zu verlassen.

Pollux war nicht ihr Hund, aber hin und wieder bot sie den Nachbarn an, mit dem quirligen Irish Shepherd Gassi zu gehen.

Da sie recht nahe am Waltham Forrest wohnte, gingen sie gern dorthin. Sie übte ihre Würfe, als Spielerin in einem kleinen Baseballteam war sie zwar für gewöhnlich am Schlag oder an der Base zum Laufen, aber es schadete nicht auch mal einmal ein paar ordentlich Würfe zu trainieren. Pollux war dafür auch sehr dankbar.

Nun, da die Sonne schon nicht mehr zu sehen war, sich das Licht des Tages mehr und mehr zurückzog und der dunklen Nacht Platz machte, traten sie den Heimweg an. Der Hund wurde des Werfen-und Holen-Spiels nicht überdrüssig, sogar auf dem Rückweg spielten sie es noch. Mittlerweile nur noch zum Vergnügen des Hundes, der die Energie eines Duracell-Hasen zu besitzen schien. Ihre Muskeln beklagten sich bereits leise, also begann sie mit der Linken zu werfen und ihrem rechten Schultergelenk etwas Ruhe zu gönnen. Das Zwielicht des Abends wurde immer dunkler.

In der Ferne sah sie jemanden auf sich zu laufen. Erst glaubte sie es wäre ein Jogger, doch kam es ihr, je näher er ihr kam, etwas seltsamer und bedrohlicher vor. Einige Entfernung hinter dem Herannahenden stand jemand, der sich jedoch kaum vom Fleck zu bewegen schien. Sie warf noch einmal den Ball. Der Jogger, der nun da sie es erkennen konnte, keine Sportkleidung, sondern einen Anzug trug, fing an mit den Armen zu wedeln. Der Ball im Flug änderte ganz plötzlich seine Richtung und wurde unvermittelt zu ihr zurückgeworfen. Er kam etwa einen halben Meter vor ihren Füßen herunter und blieb liegen. Von einem Pfeil durchbohrt. Alice war gelinde gesagt verblüfft und nur einen Wimpernschlag später verspürte sie Angst und den Reflex sich Deckung zu suchen.

Der Mann war kaum noch zwanzig Schritte von ihr entfernt und versuchte im Rennen etwas zu sagen, aber er brachte keinen Ton heraus, er rang nach Atem und keuchte schwer.

15..14..13..Schritte zwischen ihm und ihr und ihre eigen Beine waren wie Blei. Alice wollte wegrennen. Sie konnte sich noch überhaupt keinen Reim auf diesen Pfeil im Ball machen und dem Mann, der auf sie zukam.

Gerade als sie ihre Gliedmaßen zur Flucht in Gang setzen konnte stolperte der Mann mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht scheinbar über seine eigenen Beine. Als er auf dem Boden zum Liegen kam erkannte Alice, dass der Mann nicht einfach nur gestolpert war, sondern ihm ein Pfeil zwischen den Schulterblättern steckte. Bevor sie auf dem Fuß kehrt machte sah sie in der Ferne eine Person stehen, die etwas Längliches in der Hand hielt. Offensichtlich ein Bogen, für einen Armbrustbolzen war der Pfeil definitiv zu lang.

Sie rannte so schnell wie möglich los und rief nach dem Hund. Pollux, der spürte, dass Gefahr drohte, rannte nur wenige Meter vor ihr her. Alice sah nicht nach hinten, es würde sie auch nur langsamer machen. Den Blick immer nach vorn gerichtet rannte sie um ihr Leben. Ihre Gedanken waren auch bei dem Mann, der nun immer weiter hinter ihr tot am Boden lag. Jedenfalls rechnete sie nicht damit, dass er noch leben könnte. Es hatte danach ausgesehen als ob er um Hilfe flehen würde, aber was für eine Hilfe hätte sie ihm sein können?

An ihrem Ohr sauste ein Pfeil vorbei, ein anderer schrammte dicht an ihrer linken Wade vorbei und riss ihre Haut und ihr Fleisch auf. Sie spürte den Schmerz, das Adrenalin in ihren Venen ließ jedoch keine Ablenkung zu. Lauf um dein Leben, schrie alles in ihr.

Es war mittlerweile so dunkel geworden und es gab keine Beleuchtung auf dem Waldweg. Das Licht der Sonne bereits fort. Nur ihren eigenen Atem hörte sie, und das Herz pochte ihr bis zum Hals. Der Mond warf ein fahles schwaches Licht auf den kleinen Waldweg. Sie drosselte ihr Tempo. Hier irgendwo war eine Kurve, wenn sie nicht Acht gab stolperte sie mitten in den Wald hinein. Sie könnte ihr Smartphone herausholen und sich den Weg ausleuchten, aber sie fürchtete, dass er ihr gefolgt sein könnte. Pollux lief aufgeregt um sie herum, er spürte ihre Angst. Dann knurrte er tief und furchterregend. Ein Rascheln und der Klang schwerer Schuhe. Nicht weit weg, ihr Herz pochte laut und hart in ihrer Brust.

Alice hatte keine Wahl als weiterzugehen, schnell aber achtsam, der Viertelmond am Himmel gab dem vermeintlichen Bogenschützen hoffentlich nicht genug Licht. So ganz sicher war sie sich immer noch nicht, vielleicht hatte sie es sich eingebildet. Warum hätte es ausgerechnet ein Bogen sein sollen? Das war eine recht spezielle Waffe.

„Komm mit", flüsterte sie Pollux zu und setzte sich wieder schnell in Bewegung.

Sie rannte den Weg weiter entlang und suchte in hinter einem großen dicken Baum am Wegesrand Schutz. Der Schatten war dort so schwarz, wie ein Loch mitten in der Realität. Dort such sie Schutz, schmiegte sich ganz eng an die Rinde und so tief in den Schatten hinein, wie es ging. Ihre Arme waren um den Körper des Hundes geschlungen, damit er ihr nicht wegrannte und sich mit dem Fremden anlegte. Aus ihrem Versteck heraus konnte sie einen kleinen Teil des Weges zwischen dem Laub und Geäst einsehen. Dann erschien diese Gestalt in dem kleinen Winkel. Der Hund fing natürlich leise zu knurren an und ihr Herz pochte hart, in ihren Ohren war es so laut wie Flugzeug im Tiefflug. Sie konnte nicht mehr als vage Umrisse ausmachen. Mit einer freien Hand tastete sie auf dem Boden nach etwas, dass ihr vielleicht helfen konnte. Sie hielt dieses Ausgeliefertsein nicht mehr länger aus.

Er hatte seinen Bogen gespannt. Dann zielte er auf den Schatten, in dem sie sich zwischen Gestrüpp und Geäst versteckte. Der Pfeil verfehlte sie nur wenige Millimeter. Allerdings erwischte er einen Teil ihres Ohrs und riss auch dort die Haut auf. Wie bei der Wade nahm sie zwar den Schmerz am Rande wahr, doch ihre ganze Konzentration war auf ihr Entkommen gerichtet.

Alice´s Fingerspitzen tasteten nach etwas Hartem mit einer leicht rauen Oberfläche. Ein Stein. Sie war gut im Werfen und Zielen. Das hatte sie drauf, aber auch bei diesen eher kargen Lichtverhältnissen? Blieb ihr überhaupt etwas Anderes übrig als in den Angriff überzugehen? Der Typ, sie war aufgrund der Statur nun doch eher der Meinung es wäre ein Mann, hatte jemanden ermordet und eine ungeplante Augenzeugin am Hals. Er wurde hier solange sitzen bleiben wie sie konnte. Sie konnte nicht einmal die Polizei rufen, das Aufleuchten des Handydisplays würde ihre Position sofort verraten es sei denn sie konnte irgendwie genug Abstand zwischen sich und ihn bringen, um den Notrufknopf auf ihrem Display zu betätigen. Wenn es ihr gelänge den Stein gegen seinen Kopf zu werfen könnte es ihr gelingen. Der Stein war nicht zu groß, etwa so groß wie ein Ei, aber weh tun würde es. Um ehrlich zu sein war es ihr auch egal, was mit dem Kerl passieren würde. Sie hatte nicht viel Licht doch es würde genügen müssen.

Sie ließ Pollux los, erhob sich, zielte und warf mit aller Kraft nach dem Kopf des Mannes. Sie traf ihn wohl, jedenfalls hörte sie einen gequälten Ausruf einer tiefen Stimme. Sie blieb jedoch nicht lang genug um zu sehen ob sie ihn ausgeknockt hatte, sondern rannte zurück in die Richtung aus der sie gekommen war, blieb jedoch vom dem Waldweg weg. Sie rief Pollux. Er war ein guter Hund und er folgte ihr. Sie war fast wieder dort angekommen, wo auch der Tote lag. Alice versteckte sich hinter einem breiten Baumstamm. Hastig zog sie ihr Handy aus der Jackentasche und entsperrte es hastig. Nur ein Balken beim Empfang, aber es musste reichen. Dann tippte sie kräftig auf den Notrufbutton auf dem Display. Es wählte, sie hielt sich das Telefon ans Ohr und es zog ziemlich unangenehm also wechselte sie das Ohr, spürte sie wie sich eine Flüssigkeit, wahrscheinlich Blut, auf ihrer Haut verteilte. Pollux lief aufgeregt um sie herum und bellte. Sie rief ihm zu er solle „Heim".

Pollux wusste was das bedeutete. Er solle nach Hause laufen, darauf hatten ihn seine Besitzer dressiert. Sein Herrchen hatte eine Herzkrankheit, wenn dieser ihm sagte er solle „Heim" laufen hieß das für ihn so schnell wie möglich zu seinem Frauchen nach Hause zu rennen und sie zu Hilfe holen. Er konnte sie dann sogar genau zu seinem Herrchen zurückbringen. Es war nun auch sicherer für ihn, denn zuvor hatte sie Angst gehabt der Typ könnte auf ihn schießen.

„Notruf, Nennen Sie bitte ihren Namen und welchen Sie Notfall haben", meldete sich eine ruhige Frauenstimme.

„Ein Mann hat einen anderen Mann erschossen. Mit Pfeil und Bogen. Er ist jetzt hinter mir her. In Waltham Forest".

„Ist der Mann noch in der Nähe? Sind Sie in einem sicheren Versteck?", fragte sie die Frau in einem ruhigen aber eindringlichem Ton.

„Ich stehe hinter einem Baum. Es ist schon recht dunkel. Es ist kaum etwas zu sehen. Der Mond gibt kaum Licht ab", erklärte sie ihr im Flüsterton.

„Ich habe Ihre Position ermitteln können. Einen kurzen Moment".

Sie gab der Polizei den Notruf durch und meldete sich wieder bei ihr. Alice´s Nerven waren so angespannt, sie hat das Gefühl man würde sie durch den ganzen Wald hören können. Sie lauschte auf jedes Geräusch in ihrer Umgebung.

„Nennen Sie mir bitte noch einmal Ihren Namen, Miss?".

Sie hatte ihren Namen noch gar nicht genannt.

„A…Alice Nguyen".

„Alice, ich habe die nächste Polizeistreife zu Ihnen geschickt. Bleiben Sie am Telefon, wenn Sie möchten, aber bleiben Sie in einem sicheren Unterschlupf. Bald wird jemand kommen und Sie aus dieser Lage befreien".

Knack! Ein Ast brach, nur wenige Meter hinter ihr. Sie hielt das Telefon mit dem grell leuchtenden Display an ihre Brust.

Die Frau in der Notrufzentrale, Tatiana Smith war ihr Name, konnte nur noch den aufgeregten Herzschlag der jungen Frau hören. Es war schnell und klang nach einem gewaltigen Trommelfeuer. Danach hörte sie nur noch ein Rauschen und Knacken, dann war die Leitung tot. Das erschreckte sie so sehr, dass sie sich das Headset vom Kopf riss und gegen die Konsole warf.