ninafami2002: Danke für dein Review! :)


Es war still zwischen ihnen. Sie saßen auf den gegenüberliegenden Seiten des Bettes und zogen sich schweigend an. Keiner wagte es, den anderen anzuschauen. Vanessa fühlte sich, als würde die Scham sie erdrücken. Sie konnte nicht glauben, was sie getan hatte, und es kam ihr vor, als hätte nicht sie, sondern eine andere Vanessa an ihrer Stelle gehandelt, als hätte ihr Körper und ihr Geist getrennt gehandelt. Ihr Körper hatte die letzte Nacht genossen. Sie hatte lustvoll gekeucht und gestöhnt und hatte ihre Fingernägel in seinen Rücken geschlagen, als sie gekommen war. Sie hatte sich seit Monaten nicht mehr so gut gefühlt und ausgerechnet Amycus Carrow war dafür verantwortlich.

Beschämt und angewidert von sich selbst, zog sie sich ihren Umhang wieder an. Sie erhob sich und ging langsam zur Tür. Carrow saß auf seinem Bett und starrte geradeaus. Vanessa wagte es kaum, ihn anzusehen. Es schmerzte zu sehr, seinen Oberkörper zu sehen, den sie letzte Nacht begierig mit Küssen bedeckt hatte.

„Sie werden dieses Büro nie wieder betreten", sagte Carrow leise, aber in bedrohlichem Ton. „Nie wieder, haben Sie mich verstanden?! Fortan gibt es kein Nachsitzen mehr. Gehen Sie jetzt!"

„Ja."

„Verschwinden Sie!", schrie er sie an.

Vanessa ließ sich das nicht zweimal sagen. So schnell sie konnte lief sie durch sein Büro, durch das Klassenzimmer und durch die Tür nach draußen. Sie stoppte erst, als sie etliche Stockwerke zwischen sich und Amycus Carrow gebracht hatte. Schwer atmend und verschwitzt lehnte sie sich an die kalte Mauer und rutschte auf den Boden. Was hatte sie nur getan?

Sie beschloss, nie wieder an diese Nacht zu denken und Amycus Carrow aus ihren Gedanken zu streichen. Zurück im Gemeinschaftsraum stellte sie sich unter die Dusche und wusch sich mehrere Stunden ihre Erinnerungen an die vergangene Nacht von ihrer Haut.


Die kommenden Wochen waren die Hölle für Vanessa. Jeden Dienstag und Donnerstag aufs Neue musste sie Amycus Carrow im Unterricht sehen und jedes Mal wünschte sie sich, der Erdboden möge sich auftun und sie verschlingen.

Ihr Blick war die ganze Zeit nach unten auf ihren Tisch gerichtet und meistens mussten sie ohnehin schreiben, sodass sie Carrow ausblenden konnte. Der Todesser schien dasselbe zu denken, denn er ignorierte Vanessa vollständig. Er tat so als würde sie nicht existieren.

Am ersten Samstag, an dem Vanessa nicht wie üblich um acht in seinem Büro sein musste, verkroch sie sich in die Bibliothek, um nicht Fragen von ihren Freundinnen beantworten zu müssen, aber ewig konnte sie nicht davonlaufen. Irgendwann kam die unangenehme Frage, der sie aus dem Weg gehen wollte:

„Vanessa, hast du kein Nachsitzen mehr?", fragte Sarah.

„Doch, doch", log Vanessa. „Es fällt nur ein paar Mal aus, weil… Er hat irgendwas zu tun und kann ein paar Samstage nicht."

„Glück gehabt. Du musst das doch nicht nachholen, oder?"

„Nein, ganz so ein großes Ekel scheint er dann doch nicht zu sein", meinte Vanessa nur und flüchtete so schnell es ging aus dem Gespräch.

Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, den verhängnisvollen Abend so schnell es ging zu vergessen, doch ihr Vorhaben wollte nicht so recht gelingen. Amycus Carrow und ihre gemeinsame Nacht schlichen sich permanent in ihre Gedanken. Sie wollte alles von dieser besagten Nacht schrecklich finden und sie versuchte, sich einzureden, dass Amycus Carrow ein widerlicher Kerl und ein Todesser war und dass Vanessa ihn verabscheute.

Leider war dies nicht der Fall.

Die Nacht, die sie miteinander verbracht hatten, war schön gewesen. Sie hatte es genossen und genau das zuzugeben, kostete sie verdammt viel. Sie war wütend auf sich selbst, dass sie es zugelassen hatte und weil es noch dazu mit Amycus Carrow gewesen war. Und noch wütender machte sie die Tatsache, dass sie das Nachsitzen vermisste und es ihr zu schaffen machte, dass Carrow sie nicht mehr beobachtete. Ihr wurde schlagartig klar, dass er ihr fehlte. Viel hatten sie nie miteinander geredet, aber das bisschen, das sie zusammen gehabt hatten, musste ihr etwas gegeben haben. Sie wollte seine Aufmerksamkeit, sie wollte von ihm beachtet werden, sie wollte, dass er sie mit Kommentaren provozierte, damit sie Kontra geben und ihm seinen Platz zeigen konnte. Dass er sie völlig ausblendete, machte sie halb wahnsinnig.

Durch die wunderbare Nacht hatten endlich der ganze Stress, der Ärger und die Frustration der vergangenen Monate ein Ventil gefunden und Vanessa hatte sich danach viel besser gefühlt. Es war seltsam, aber die Spannung, die sich zwischen ihnen aufgebaut zu haben schien, hatte sich offenbar nicht anders entladen können als in sexueller Befriedigung.

Zu dumm, dass Amycus Carrows Verhalten, Vanessas Existenz zu ignorieren, genau dazu führte, dass sich schon wieder gefährlich viel Frustration und Aggression in ihr anstaute, was im Gegenzug bewirkte, dass sie sich im Unterricht nicht mehr konzentrieren konnte.

Sie versuchte verzweifelt einen anderen Weg zu finden, versuchte inständig ihr inneres Verlangen zu unterdrücken, aber es half nichts. Sie konnte sich nicht dagegen wehren. Die Nacht mit Amycus Carrow war das Beste gewesen, was ihr seit langem passiert war, und sie wollte es um jeden Preis nochmal wiederholen. Je mehr Zeit verging, desto schlimmer wurde das Verlangen. Bis sie schließlich nachgeben musste. Sonst, das wusste sie, würde sie das alles nicht mehr schaffen.

Als sie eines Nachmittags wieder in seinem Unterricht saß, konnte sie nicht mehr anders. Sie musste mit ihm reden.

Nachdem es geläutet hatte, strömte die Klasse nach draußen. Vanessa gab ihren Freundinnen zu verstehen, dass sie noch etwas wegen ihrer Hausaufgabe nachfragen wollte und sie schon mal vorgehen sollten. Sie schloss die Tür hinter ihnen. Amycus Carrow stand am Pult und ordnete gerade die Pergamentrollen, die er eingesammelt hatte, auf einen Stapel, als Vanessa langsam nach vorne schritt.

Er bemerkte sie erst gar nicht. Erst, als sie direkt vor ihm stand, nur das Lehrerpult zwischen ihnen, sah er auf. Seine Miene war unergründlich als er sie ansah.

„Professor, das geht nicht so weiter", sagte Vanessa sofort offen heraus. „Wir müssen reden."

„Reden? Es gibt nichts zu reden", sagte er kalt, drehte sich um und schloss die Fenster. Seltsamerweise mit der Hand und nicht mit dem Zauberstab. Wahrscheinlich sucht er eine Ausrede, um ihr den Rücken zudrehen zu können. Er ließ sich Zeit, damit er Vanessa nicht ansehen musste.

„Doch, es gibt einiges zu reden!", entgegnete sie energisch. „Das, was da passiert ist zwischen uns, das…"

„Das war… ein Fehler", sagte Carrow scharf. „Und das wissen Sie genau. Das hätte niemals passieren dürfen."

„Wenn ich Sie daran erinnern darf, waren Sie doch derjenige, der… kam und… mich geküsst hat", sagte sie. Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt. „Also tun Sie jetzt nicht so, als hätte das alles gar nichts mit Ihnen zu tun."

Er funkelte sie wütend an. „Das war… nichts, OK? Ein… Einzelfall, ein Fehler, der nicht hätte passieren dürfen, verstanden?"

„Das gehören aber immer zwei dazu", sagte Vanessa. „Es ist nun mal passiert, wir können es nicht ändern. Nur glauben Sie, wenn Sie mich bis zum Rest des Schuljahres ignorieren, dass es dann besser wird?! Passiert ist passiert!"

„Was stellen Sie sich denn vor?! Was soll ich denn sagen? Was wollen Sie denn reden?!", schimpfte er genervt.

„Ich weiß nicht, ich… Aber das kann einfach nicht so stehen bleiben! Das kann nicht so zwischen uns weitergehen!"

Der Todesser ließ sich erschöpft auf seinen Stuhl hinter dem Schreibtisch fallen.

„Was wollen Sie denn von mir?", fragte er und hob resignierend die Hände. „Was wollen Sie?"

Vanessa ging um den Tisch herum und trat vor ihn. Sie sah ihm in die Augen. Sie schluckte. Ihr Herz klopfte schon wieder unangenehm schnell. Alles oder nichts, dachte sie.

„Ich würde das gerne wiederholen", sagte sie leise, dann setzte sie sich auf seinen Schoß und begann, ihn zu küssen.

Carrow war im ersten Moment völlig vor den Kopf gestoßen von ihrer Annäherung. Er erwiderte ihre Küsse nicht und wollte sie von sich wegschieben.

„Nein…", sagte er gegen ihre Lippen, aber Vanessa ließ sich nicht beirren. Sie wusste genau, was sie wollte, und sie würde es bekommen.

Ihre Hände glitten unter seinen Umhang. Sie strich über seine Brust und seine Schultern und küsste seinen Hals. Er versuchte, sie wegzuschieben, doch nach und nach wurde sein Widerstand schwächer. Er legte seine Arme um sie und zog sie an sich. Sie sahen sich einen Moment in die Augen, dann pressten sie gierig ihre Lippen aufeinander.

Mit einer Kraft, die Vanessa ihm nicht zugetraut hätte, erhob sich Carrow vom Stuhl. Sie schlang ihre Beine um seine Hüften, um sich an ihm festzuhalten. Zu keiner Zeit unterbrachen sie ihren intensiven Kuss. Er trug sie nach nebenan und ehe sich Vanessa versah, lag sie auf seinem Bett unter ihm und stöhnte lustvoll. Sie schafften es nicht mal, sich vollständig auszuziehen, so dringend brauchten sie Befriedigung für ihr Verlangen. Sie ließen sich kaum Zeit.

Kurz darauf erreichten sie zusammen ihren Höhepunkt. Sie keuchten schwer und lagen einige Zeit erschöpft aufeinander, bis er sich von ihr löste. Vanessa rollte ihn herum, sodass sie auf ihm saß, dann beugte sie sich zu ihm hinunter und flüsterte dicht an seinem Ohr:

„Am Samstag wieder." Danach ging sie.

Ab diesem Zeitpunkt begann es. Vanessa hatte sich entschieden, sie hatte eine Tür aufgestoßen, eine Tür, die sich nicht mehr schließen ließ.


Es war wie eine Sucht. Ihre gemeinsamen Samstagabende wurden praktisch zu einer Sucht für Vanessa. Die ganze Woche beachteten sie sich während des Unterrichts nicht. Sie taten so, als existiere der andere nicht. Bis es Samstagabend wurde. Dann gaben sie sich ihrer Leidenschaft hin. Manchmal fast die ganze Nacht. Vanessa blieb nie bei ihm, sondern kehrte immer in den Gemeinschaftsraum und ihr eigenes Bett zurück.

Vanessa wusste nicht, warum sie das alles tat. Amycus Carrow war ein Todesser und als Mann fand sie ihn noch nicht einmal sonderlich attraktiv. Er entsprach nicht ihrer romantischen Vorstellung von einem jungen, gutaussehenden Quidditch- Spieler mit einem durchtrainierten Körper, den sie und ihre Freundinnen in ihrer Teenager- Naivität anschmachteten und sich als Freund wünschten. Er war das genaue Gegenteil davon. Amycus hatte nichts von dem Mann, den sie sich vorgestellt hatte. Sie fand sogar, dass ein paar Pfund weniger vertragen konnte, und es störte sie, wenn er Feuerwhiskey getrunken hatte und sie danach küsste. Sie mochte den Geschmack des Whiskeys nicht. Sonderlich anregende Gespräche konnte sie mit ihm auch nicht führen. Außerdem kratzte er sie mit seinen Bartstoppeln im Gesicht, weil er sich nicht regelmäßig rasierte.

Dennoch führte sie ihr Samstagabend jede Woche aufs Neue in sein Bett. Während der Schule konnte sie es kaum erwarten, bis es endlich Wochenende und Samstag wurde. Sie war nervös und ungeduldig und die Tage bis zu ihrem erneuten Zusammentreffen konnten gar nicht schnell genug vergehen. Ihren Freundinnen erzählte sie, dass sie nach wie vor bei ihm Nachsitzen hatte und glücklicherweise glaubten sie es ohne misstrauisch zu werden. Ihre Bestrafung ging ja immerhin bis zum Schuljahresende.

Beim Gedanken daran, was sie aber statt dem Nachsitzen taten, fühlte Vanessa jedes Mal Hitze in ihre Wangen steigen. Sie konnte eines nicht leugnen: Sie genoss die Zeit mit Amycus Carrow, mehr als ihr lieb war. Und sie war verrückt nach ihm.

Sie wusste nicht, was es war, aber er hatte irgendetwas, das sie anzog. Wenn er sie berührte, wenn er sie küsste, dann verlor sie sich völlig. Sie vergaß alles um sich herum und sie wollte dann nichts anderes als Befriedigung. Und die bekam sie mit ihm, mehr als nur zufriedenstellend.

Sie redeten nie viel miteinander und wenn dann nur über irgendetwas Belangloses aus dem Schulalltag. Meist verloren sie nicht viele Worte, sondern wandten sich möglichst schnell anderen Dingen zu. Sie verstand sich selbst nicht und jedes Mal, wenn sie ihre Freundinnen oder Mitschüler sah, überkam sie ein schlechtes Gewissen. Amycus und Alecto Carrow regierten die Schule mit eisernem Griff und jeder, der versuchte, sich gegen sie aufzulehnen, wurde bestraft.

Sie konnte es gedanklich nicht miteinander in Einklang bringen, dass sie mit Amycus jeden Samstag die schönsten Stunden ihres Lebens verbrachte und er gleichzeitig Schüler folterte. Ihre Mitschüler bekamen nur die eine, grausame Seite von ihm zu sehen, aber Vanessa kannte ihn anders. Außerdem war ihr aufgefallen, dass er, wenn sie in seiner Stunde saß, den Cruciatus- Fluch nicht mehr anwendete. Meistens behandelten sie Lektionen über Schwarze Magie aus dem neuen Schulbuch, aber sie mussten die Zauber in den allermeisten Fällen nicht mehr an sich selbst oder an Schülern ausprobieren, die etwas verbrochen hatten. Der Grund dafür konnte nur Vanessa sein. Amycus sah sie während des Unterrichts nie an und rief sie auch nicht auf. Wahrscheinlich wollte er nicht, dass sie von irgendeinem Zauber geschädigt wurde oder dass irgendjemand etwas merkte. Vanessa meldete sich auch nicht, sondern verhielt sich immer unauffällig.

Nur an den Samstagen hatte sie seine volle Aufmerksamkeit.

Ihr erstes Mal kurz nach Weihnachten war nicht ihre erste Nacht mit einem Mann gewesen. Oder naja, mit einem erwachsenen Mann wie Amycus schon, aber Vanessa hatte davor tatsächlich schon mal mit einem Jungen geschlafen, deshalb war sie nicht ganz unerfahren.

Sie hatte ihn in den Ferien während der sechsten Klasse in Frankreich kennengelernt. Der Junge aus Beauxbaton der dort wohnte, wo Vanessa und ihre Familie Urlaub gemacht hatten, war ihre Urlaubsliebe gewesen und mit ihm hatte sie ihr erstes Mal erlebt. Sie war ziemlich in ihn verliebt gewesen, doch nach ihrer Rückkehr nach England hatte sie nie wieder etwas von ihm gehört und wahrscheinlich hatte er ihre Unerfahrenheit und Naivität nur ausgenutzt. Vanessa hatte sich danach nicht mehr für Jungs interessiert und war ihnen bewusst aus dem Weg gegangen, weil sie Angst davor hatte, nochmal verletzt zu werden. Monatelang war es ihr sehr schlecht danach gegangen und sie hatte sich geschworen, nicht mehr so blauäugig zu sein.

Aber jetzt hatte sie sich wieder völlig gedankenlos in eine prekäre Situation gebracht, auch wenn sie mit ihrer Teenagerliebe aus dem Urlaub natürlich nichts gemein hatte.

Sie hatte es fertig gebracht, eine Affäre mit einem Todesser anzufangen. Was vielleicht sogar noch schlimmer war, als sich ihnen gleich direkt anzuschließen.

Die ganze Schule hasste die Carrows, aus gutem Grund, und ereiferte sich regelmäßig in den Gemeinschaftsräumen in Schimpftiraden über die beiden. Nur Vanessa wurde dabei immer sehr still und versuchte, solchen Diskussionen möglichst aus dem Weg zu gehen. Sie fühlte sich schlecht, als Verräterin.

Was ihr schlechtes Gewissen noch verstärkte war die Tatsache, dass sie sich mit Amycus sehr wohl fühlte. Bei ihm fühlte sie sich nicht als junges Mädchen, sondern als Frau und er schaffte es, neue Seiten an ihr hervorzubringen, die sie vorher nicht an sich gekannt hatte. Hatte sie sich ihm am Anfang bereitwillig hingegeben und ihm die Führung überlassen, war sie mittlerweile selbstbewusster geworden und übernahm öfter die Führung. Er hatte nur ein amüsiertes Lächeln für sie übrig, wenn sie versuchte, die Dominante zu sein, aber er ließ sie gewähren.

Wenn sie sich um acht Uhr trafen, waren sie bis Mitternacht beschäftigt, solange wie ihr Nachsitzen ging. Danach kehrte Vanessa erschöpft in den Gemeinschaftsraum zurück, damit niemand Verdacht schöpfte, doch manchmal wäre es ihr lieber gewesen, sie hätte bei Amycus bleiben können. Dass sie sich sofort trennten, gefiel ihr nicht. Sie redeten nicht einmal miteinander. Manchmal fühlte sie sich rausgeworfen, dabei hatte sie das Bedürfnis nach mehr Nähe. Sie sagte nichts, weil sie wusste, dass er sich nicht darauf einlassen würde und weil Tarnung wichtiger war. Sie durfte nicht riskieren, dass sie und der Todesser aufflogen. Den Ärger wollte sie sich gar nicht vorstellen. Glücklicherweise waren ihre Freundinnen noch nicht misstrauisch geworden.


Als der Winter allmählich in den Frühling überging, hatten sie wieder einmal die Nacht miteinander verbracht und Vanessa war gerade dabei, ihre Kleidung zusammenzusuchen. Sie hatten die Zeit etwas überzogen und sie musste sich beeilen, in ihr eigenes Bett zu kommen. Amycus stand vom Bett auf und zog sich etwas über. Danach schenkte er sich ein Glas Feuerwhiskey ein.

Vanessa hatte das Bedürfnis, ihm zum Abschied einen Kuss zu geben, aber sie hielt sich zurück. Wenn er trank, wollte sie ihn nicht gerne küssen.

„Sie sollten nicht so viel trinken. Gute Nacht", sagte Vanessa und war schon im Gehen begriffen.

Amycus, der gerade das Glas an die Lippen gesetzt hatte, trank nicht, sondern sah sie fragend an. „Was haben Sie gerade gesagt?"

„Ich habe gesagt, Sie sollen nicht so viel trinken", sagte Vanessa mit einem Lächeln. „Das ist nicht gut."

„Und Sie haben mir zu sagen, was gut für mich ist?", fragte Amycus und kam auf sie zu.

„Ja, denn…" Sie trat ihm entgegen und die beiden sahen sich in die Augen. „Ich mag den Whiskey nicht, und wenn Sie getrunken haben, dann mag ich das nicht machen."

Sie küsste ihn auf die Lippen. „Gute Nacht, Professor."

Amycus sah ihr perplex nach. Sie war frech, dass musste er ihr lassen, aber er mochte ihre Art. Er sah auf das Glas Whiskey, das er sich eben eingeschenkt hatte, und überlegte, was er tun sollte. Er wusste schon, dass sie es nicht so gern mochte, wenn er getrunken hatte. Ein Glas Feuerwhiskey gehörte seit Jahren zu seinem allabendlichen Ritual und desöfteren blieb es nicht nur bei einem Glas. Er hatte noch nie daran gedacht, es sich abzugewöhnen, da sich bisher niemand daran gestört hatte.

Er grinste. Vielleicht hatte er ja jetzt endlich einen Anlass, es doch noch zu tun.


Bei ihrem nächsten Treffen fand Vanessa Amycus Carrow noch an seinem Schreibtisch sitzend, wo er Hausaufgaben einer dritten Klasse korrigierte. Sie sah ihn fast nicht hinter all den Stapeln Pergamente.

„Ähm, Professor? Ich bin dann da", sagte sie, um sich bemerkbar zu machen.

„Ich bin noch nicht fertig", sagte Amycus. „Ich habe ziemlich viel zu tun. Geben Sie mir noch etwas Zeit."

Vanessas Laune sank in den Keller und sie zog eine Schnute. Nach der anstrengenden Woche brauchte sie dringend seine Zuwendung. Die sieben Tage waren einfach zu lang. Sie hatte nun einmal ihre Bedürfnisse.

Langsam trat sie um seinen Tisch herum und legte ihre Hände auf seine Schultern. Das Kratzen von Amycus´ Feder stoppte und er begegnete ihrem Blick.

„Was wird das?"

„Ich könnte Ihnen doch behilflich sein", schlug Vanessa vor und rutschte auf seinen Schoß.

„Hey, was soll denn das?", fragte Amycus und versuchte, sie von sich wegzuschieben, doch Vanessa ließ sich nicht beirren. Sie blieb stur auf seinem Schoß sitzen.

„Wenn ich schon warten muss, dann will ich wenigstens eine kleine Entschädigung", sagte sie, legte einen Arm um ihn und küsste ihn flüchtig auf die Wange.

Amycus starrte sie ungläubig an. „Bitte machen Sie schnell, ich warte nicht gerne so lange", wie sie ihn an und klimperte mit den Wimpern.

Amycus war offenbar zu der Entscheidung gekommen, dass er nichts gegen Vanessa auf seinem Schoß unternehmen konnte, also nahm er seufzend seine Feder und korrigierte weiter. Vanessa las mit, was er schrieb.

„Ich mag Ihre Handschrift", raunte sie. Ihre Blicke trafen sich für einen Moment.

„Wirklich?", fragte Amycus leise.

„Ja", sagte Vanessa, schloss die Augen und schmiegte ihren Kopf an seinen Hals. „Sie riechen gar nicht nach Whiskey", hauchte sie heiser. Sie fühlte sich sehr wohl bei ihm und die Müdigkeit überkam sie. „Haben Sie gar nicht getrunken?"

„Ich dachte, das gefällt Ihnen nicht?", fragte Amycus und schrieb eine Note an das Ende eines Aufsatzes. „Ich dachte mir, ich tue Ihnen einen Gefallen."

„Ehrlich, für mich?", fragte Vanessa und sie wurde mit Stolz erfüllt, dass sie eine Veränderung bei ihm bewirkt hatte. „Das gefällt mir."

Amycus sah auf das junge Mädchen hinab, das ihn eng umschlungen hatte, und plötzlich musste er grinsen. Er legte seine Feder beiseite und nahm sich vor, die Aufsätze morgen zu Ende zu korrigieren. Vorsichtig ergriff er Vanessa an den Knien und der Taille und hob sie hoch. Sie blinzelte nur, aber blieb ruhig in seinen Armen, als er sie nach nebenan in sein Schlafzimmer trug und auf sein Bett legte. Vanessa sah ihn müde mit einem verführerischen Schlafzimmerblick an.

Amycus zog sich seinen Umhang aus und kam aufs Bett, um sich über Vanessa zu beugen. Er betrachtete sie einige Zeit, dann streifte er ihr die Schuluniform von den Schultern und küsste sie.

Vanessa wollte gerade einen Schritt weitergehen, als sich Amycus überraschend von ihr löste und wieder aufstand. Er lehnte sich an einen Schrank mit dem Rücken zu ihr. Erschöpft ließ er den Kopf hängen.

„Was haben Sie?", fragte Vanessa vorsichtig. Hatte sie etwas falsch gemacht?

„Das mit uns… das ist falsch, das wissen Sie hoffentlich", sagte Amycus langsam. „Es kann nicht ewig so weitergehen."

Es war die unbequeme Tatsache, die Vanessa nicht hören wollte. Schon gar nicht in diesem Moment. Warum fing er jetzt damit an?

„Eigentlich können wir uns nicht mehr treffen. Wir sollten es beenden, solange es noch geht", sagte Amycus, aber er klang nicht wirklich überzeugt davon.

Vanessa sah einige Zeit auf seinen Rücken, dann stand sie auf und ging zu ihm. Sie berührte ihn an der Schulter. Er sah hinter sich, aber wagte es nicht, sich zu ihr umzudrehen.

„Haben Sie sich noch keine Gedanken darüber gemacht, wie es weitergehen soll, wenn Sie die Schule verlassen?", fragte er mit heiserer Stimme. „Dann ist das mit uns vorbei."

„Nein", widersprach Vanessa. Ihre Hand glitt über seinen linken Arm nach unten. „Ich will auch gar nicht daran denken. Und nur weil das Schuljahr bald zu Ende geht, heißt das nicht, dass wir uns nicht mehr sehen können." Er verkrampfte unter ihrer Berührung. Sie merkte wie er mit sich rang. Er wollte sich gegen ihre Verführung wehren. Ein Kampf freilich, den er nur verlieren konnte. „Alles, was ich will, ist Sie."

Er wandte sich langsam um und sah ihr in die Augen. Er sah, wie viel Begierde, Sehnsucht und Lust darin lag. Und es galt ihm. Er konnte sich nicht dagegen wehren, so sehr er es auch wollte.

„Was machst du mit mir, Mädchen?"

Vanessa küsste ihn, wie sie ihn noch nie zuvor geküsst hatte, und ihre Hände glitten langsam über seinen Oberkörper. Amycus wusste, dass ihre Beziehung verboten war und dass er sie nicht mehr sehen durfte, aber es war viel zu gut und befriedigend und sie waren schon viel zu tief in ihre Affäre verwickelt, als dass er hätte aufhören können. Es tat ihm einfach zu gut.

Er keuchte gegen ihre Lippen. Sein Körper reagierte sofort auf sie. Manchmal fühlte er sich wie Wachs in ihren Händen. Es kam ihm selbst lächerlich vor, immerhin war er ein erwachsener Mann, doch das junge Mädchen schaffte es irgendwie, ihn völlig willenlos zu machen.

Er ließ sich entspannt gegen den Schrank drücken und legte seinen Kopf zurück, damit sie seinen Hals küssen konnte. Er war überrascht, dass sie ihn nicht sofort zum Bett dirigierte, aber er genoss es, was sie tat und dass sie sich diesmal mehr Zeit ließen.

Es dauerte bis sie ihren Kuss unterbrachen, sich ihrer restlichen Kleidung entledigten und zum Bett zurückkehrten. Diesmal ging es ihnen nicht darum, sich möglichst schnell Befriedigung zu verschaffen, sie nahmen sich Zeit füreinander, um den Körper des anderen zu erkunden. Amycus merkte erst jetzt, wie dringend er sie brauchte und wie lang er sich schon danach gesehnt hatte, wieder eine hübsche junge Frau unter sich zu haben.

Sie seufzte leise und schlang willig ihre Arme um ihn, als er in sie eindrang. Ihr leises Stöhnen und Keuchen war wie Musik in seinen Ohren und stachelte ihn weiter an. Ihre Hände glitten seinen Rücken auf und ab. Sie küssten sich die ganze Zeit über voller Leidenschaft. Vanessa erreichte ihren Höhepunkt und sie seufzte zum ersten Mal seinen Namen, Amycus fand seine Erlösung kurz darauf.

Schwer atmend lösten sie sich voneinander. Schweigend lagen sie nebeneinander.

Sie hatte schon viele Male miteinander geschlafen, aber nie zuvor hatte Vanessa so einen Genuss und so eine Befriedigung dabei erlebt. Ihr Körper, jeder einzelne ihrer Muskeln war völlig erschöpft und Vanessa fühlte tiefe Entspannung in sich. Sie wusste, dass sie gehen musste, aber sie konnte die Kraft nicht mehr aufbringen. Sie drehte sich auf die Seite und schmiegte sich an Amycus. Sie hatte kaum die Augen geschlossen, da war sie bereits eingeschlafen.

Niemand von ihnen ahnte, dass diese Nacht ihr Leben verändern sollte.


Es hatte sich klammheimlich in ihre Affäre eingeschlichen und keiner der beiden wollte daran etwas ändern. Sie trafen sich nicht mehr nur am Samstag, sondern auch unter der Woche, wenn es die Zeit zuließ. Vanessa war mit dem Lernen für den Abschluss beschäftigt und Amycus hatte seine Arbeiten als Lehrer, aber immer wenn sich ein wenig gemeinsame Zeit finden ließ, dann verbrachten sie diese zusammen.

Vanessa merkte auch, dass sich ihre Affäre allmählich mehr in eine Beziehung verwandelte. Wenn sie unbeobachtet waren, dann tauschten sie flüchtige Küsse oder eine Umarmung aus. Am Samstag blieb sie jetzt meist bei ihm. Sie genoss seine Nähe und jetzt kamen sie auch endlich öfter ins Gespräch.

„Sag mal", sagte Amycus eines Abends, als sie wieder einmal nebeneinander lagen. „Das im Januar, das… war doch nicht dein erstes Mal, oder?"

Vanessa, die mit der Hand über seine Brust streichelte, hielt inne.

„Oh, ähm, nein, zugegeben. Mein erstes Mal war mit einem Jungen aus Frankreich, den ich in den Ferien kennengelernt hab."

„Verstehe. Ich dachte mir schon, ganz unerfahren bist du nicht."

Ein Hauch rosa zog sich über Vanessas Wangen.

„Erzähl mal, was war das mit dem?", wollte Amycus wissen.

„Ach, nichts Besonderes", sagte Vanessa, der das Thema unangenehm war, aber Amycus ließ sich nicht beirren.

„Komm schon, sag es mir."

„Also gut. Es war in den Osterferien letztes Jahr, als ich noch in der sechsten Klasse war. Meine Familie und ich waren in Frankreich im Urlaub und da hab ich einen einheimischen Jungen kennengelernt. Er war sehr nett und wir haben uns sofort gut verstanden. Ich war wohl ziemlich in ihn verliebt. Kurz vor unserer Abreise haben wir… naja, es war mein erstes Mal. Ich war wirklich total verschossen in ihn und er hat mir versprochen, dass wir weiterhin in Kontakt bleiben, aber nichts kam. Ich hab ihm ein paar Briefe geschrieben, aber es kam nie etwas zurück", sagte Vanessa. „Er hat mich nur benutzt, um mich ins Bett zu kriegen. Ich war ziemlich fertig hinterher. Ich hatte ganz schönen Liebeskummer. Wieso interessiert dich das?"

„Nur so", meinte Amycus und richtete sich auf.

„Darf ich… über Nacht wieder bei dir bleiben?", fragte Vanessa leise. Sie war zu müde, um noch in ihren Gemeinschaftsraum zu gehen.

Er nickte nur stumm. „Weißt du, es ist lange her, dass ich mein Bett mit jemandem geteilt habe", sagte er dann nachdenklich.

„Wie meinst du das?", fragte Vanessa.

Amycus hatte keine Ahnung, warum er ihr das erzählte, aber er verspürte plötzlich das Bedürfnis, das, was in ihm vorging, endlich auszusprechen. „Wir waren verlobt und es ging mir genauso wie dir. Ich war blind und naiv vor Verliebtheit. Sie hat mich betrogen mit jemandem, den ich kannte, und ist einfach abgehauen. Hat mich sitzen lassen."

„Oh, das… tut mir Leid", sagte Vanessa mitfühlend und legte ihren Kopf an seine Schulter.

„Danach hab ich… Ich habe mich ziemlich gehen lassen", sagte Amycus. „Ich hab meinen Kummer in Alkohol ertränkt, ich konnte nachts nicht mehr schlafen und habe andauernd Beruhigungstränke genommen. Ich war wirklich am Boden. Das auf meinem Arm, was du gesehen hast, das war damals ziemlich schlimm. Es ist irgendwie Ironie, dass mich eine Frau an die Flasche gebracht hat und ich für eine Frau wieder mit dem Trinken aufhöre." Seine Stimme war nicht mehr als ein heiseres Flüstern.

„Wann war das?"

„Das ist sieben Jahre her. Du bist die erste Frau, mit der ich seitdem wieder etwas angefangen habe", erklärte er.

„Wow, ich fühle mich geehrt", sagte Vanessa.

„Kannst du. Hätte eigentlich gedacht, dass ich den Rest meines Lebens allein verbringen würde." Plötzlich grinste er. „Hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet sowas passiert, als mich der Dunkle Lord hierher befohlen hat."

„Du… hättest doch bestimmt jemanden… gefunden, oder nicht?"

Er schnaubte. „Nein, hätte ich nicht. Es war schon in der Schule so, dass ich nie die tollen Mädels abgekriegt hab. Sieh mich mal an. So viel hab ich nicht zu bieten. Es… haut mich irgendwie um, dass das hübscheste Mädchen dieser Schule sich ausgerechnet in mein Bett verirrt hat."

Vanessa lächelte und strich ihm über den Rücken. „Weißt du, wenn man mir erzählt hätte, dass ich mal mit einem Todesser schlafen würde, dann… hätte ich denjenigen wohl durchgehext und für verrückt erklärt. Das ist Wahnsinn."

Ihre Hand glitt zu seinem linken Unterarm, wo sich das Dunkle Mal befand, das Zeichen der Anhänger Voldemorts.

„Tut das weh?", fragte sie leise. Ihre Finger strichen gedankenverloren die Linien der Zeichnung nach.

„Manchmal, wenn der Dunkle Lord uns ruft."

„Warum dienst du ihm?" Die Frage war ihr herausgerutscht. Augenblicke später bereute sie es. „Ist das, was gerade so passiert… Ist das das, was ihr wollt?"

„Natürlich. Unser Ziel ist die Reinerhaltung des Blutes und wir haben einen großen Schritt in diese Richtung geschafft. Unsere Gesellschaft frei von Abschaum zu machen. Gerade du solltest das doch verstehen?"

„Schon, aber… Weißt du, meine Familie hat mich sehr liberal erzogen. Ich bin zwar reinblütig, habe aber nichts gegen Muggelstämmige. Können wir nicht einfach… in Frieden miteinander leben?"

Er sah sie über seine Schulter ungläubig an. „Ich verstehe dich nicht. Was willst du damit sagen?"

„Ich meine ja nur, dass… so viele Leute sind gestorben. Das Kämpfen muss doch irgendwann einmal aufhören. Und ich kenne viele Muggelstämmige, die exzellente Zauberer und Hexen sind. Es sind keine schlechten Menschen, aber man… muss sich einfach kennenlernen. Sich darauf einlassen."

„Sie haben keinen Platz in unserer Welt und sie stehlen unsere Magie. Sowas können wir nicht dulden", sagte Amycus hart und er gab ihr zu verstehen, dass die Diskussion für ihn beendet war.

Vanessa fühlte sich plötzlich unwohl. Ihre Gedanken waren bei denen draußen, die vor dem neuen Regime geflohen waren, weil sie keinen Platz mehr darin hatten. Wenn Vanessa nicht das Glück hätte, die richtigen Eltern zu haben, dann wäre es ihr vielleicht ebenso ergangen.

„Hast du nie Angst, dass dir oder deiner Schwester was passiert?"

„Nein und wenn, dann würden wir ehrenhaft für den Dunklen Lord sterben", sagte er.

„Wenn eure Seite gewinnt, wie geht es dann weiter?"

„Das muss der Dunkle Lord entscheiden, das liegt nicht bei uns."

„Verstehe."

„Wie… stellst du dir das eigentlich mit uns vor, wenn du die Schule verlassen hast?", fragte Amycus. „Spätestens dann können wir nicht mehr zusammen sein. Wie sollen wir uns dann treffen?"

Vanessa sah ihn traurig an. „Ähm, ich hätte gedacht, dass wir uns am Wochenende treffen und natürlich in den Ferien. Ich weiß, wenn ich auf die Schule gehe, dann trennt uns doch… eine sehr weite Strecke und ich werde nicht viel Zeit haben, aber… Ich würde mich gerne weiter mit dir treffen."

Amycus schwieg darauf. Er wollte ihr nicht sagen, was in ihm vorging.

„Das geht doch, oder?", fragte sie hoffnungsvoll.

„Wir werden sehen", sagte Amycus. „Vielleicht kriegen wir das ja irgendwie hin."

Vanessa wusste nicht, was sie daraus machen sollte. „Ähm, ich… ich weiß nicht so richtig, wie ich das sagen soll, weil ein Dankeschön hört sich nicht ganz passend, aber… Ich bin sehr glücklich, dass mich die Schule aufgenommen hat. Ich finde es toll, dass du das gemacht hast."

Amycus grinste.

„Warum hast du?"

„Keine Ahnung. Ich hatte einfach das Gefühl, dass ich es tun sollte", sagte er und küsste sie.

Augenblicke später befand sie sich wieder unter ihm. Sie musste lachen, als er sie kitzelte und ihren Hals küsste. In solchen Momenten vergaß sie alles um sich herum und Schmetterlinge tanzten in ihrem Bauch.


Ihr nächstes Treffen war an einem Hogsmeade- Wochenende. Vanessa war im Dorf gewesen, um sich neues Pergament und eine neue Feder zu kaufen und um im Honigtopf vorbeizuschauen. Ihre Freundinnen, mit denen sie den Nachmittag verbrachte, ahnten nichts von ihrem Doppelleben, dass sie seit dem Winter führte und Vanessa war froh darum. So kurz vor den Prüfungen mit all dem Lernstress und den vielen Hausaufgaben konnte sie unangenehme Fragen nicht gebrauchen. Sie brauchte ihre Freundinnen als Unterstützung und wenn sie von ihr und Amycus Carrow gewusst hätten, dann hätten sich alle von ihr abgewandt. Niemand war gut auf die Carrows zu sprechen und wenn herauskommen sollte, dass Vanessa mit dem einen eine Liebschaft hatte, dann würde es für sie mit Sicherheit hässlich werden. Noch dazu weil eine kleine Gruppe von Schülern, die vor ein paar Jahren „Dumbledores Armee" angehört hatten, den beiden Todessern ziemlichen Ärger bescherte. Auf der anderen Seite waren die Slytherins, denen es gefiel, wie die Schule jetzt geleitet wurde. Vanessa hatte keine Lust, zwischen gewisse Fronten zu geraten.

Als sie und ihre Freundinnen in den Ravenclaw- Gemeinschaftsraum zurückkamen, saßen sie noch einige Zeit zusammen, dann verabschiedete sich Vanessa. Sie sagte, sie wolle vor dem Nachsitzen noch in die Bibliothek.

Natürlich schlug sie nicht den Weg in die Bibliothek ein, sondern steuerte sofort Amycus´ Büro an. Er wartete schon auf sie. Sobald sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, drückte er sie dagegen.

Er küsste sie leidenschaftlich und zeigte ihr deutlich, dass er sie so schnell es ging in seinem Bett wissen wollte. Vanessa, die sich schon den ganzen Tag auf ihr Treffen gefreut hatte, konnte seine Küsse diesmal nicht richtig genießen. Seine Wangen waren schon wieder kratzig. Sie legte ihre Hände auf seine Brust und drückte ihn mit sanfter Gewalt von sich. Carrow protestierte.

„Hey, was soll denn das?" Er wollte sich gerade wieder über sie hermachen, als sie ihn zurückhielt.

„Was ist dein Problem?!", fragte er ungeduldig.

„Du kratzt mich", sagte Vanessa.

Er zog eine Augenbraue nach oben und sah sie fragend an. „Ich kratze dich?"

„Ja, da", sagte Vanessa eindringlich und deutete auf seine Gesicht, wo sich ein Bartschatten abzeichnete. „Das kratzt. Rasiere dich bitte mal."

„Wa-…" Er blickte sie einen Moment an, dann seufzte er resigniert und löste sich von ihr. Er verschwand in Richtung Badezimmer. „Bleib da stehen", sagte er in befehlsmäßigem Ton.

Vanessa blieb entgeistert zurück. Sie hoffte, sie hatte nichts Falsches gesagt.

Sie wartete einige Zeit, dann trat Carrow aus dem Badezimmer. Vanessa traute ihren Augen nicht.

„Ist das besser?", fragte er und strich sich mit der Hand über sein rasiertes Gesicht.

Er kam auf sie zu und ehe sie es sich versah drückte er sie erneut gegen die Tür und seine Hände waren auf ihrem Körper.

„Besser?", fragte er erneut.

Zögerlich und ohne ihren Blick von seinen Augen zu nehmen, beugte sich Vanessa nach vorne und strich mit ihrer Wange über die seine. Es war viel weicher und kratzte überhaupt nicht mehr. Sie lächelte und ein Gefühl von Glückseligkeit erfasste sie. Sie konnte gar nicht glauben, dass er das für sie getan hatte.

„Viel besser", raunte sie, dann küsste sie ihn und die beiden fanden ihren Weg in sein Bett.

Wie so oft in letzter Zeit trennten sie sich danach nicht sofort. Vanessa war zu erschöpft, um gleich wieder gehen zu können, sodass sie neben Amycus liegen blieb. Er beäugte sie kritisch, sagte aber nichts, als ihre Hand über seine nackte Brust nach oben zu seinem Gesicht wanderte. Sie streichelte über seine Wange. Plötzlich grinste er sie an.

„Was wird das?"

„Ich mag das", sagte Vanessa mit heiserer Stimme. „Bitte mach das immer so."

Sie sah ihn mit ihren hellblauen Augen wie ein kleines Mädchen an, dass einen Erwachsenen um etwas anbettelte. Er konnte ihrem Blick nicht widerstehen.

Er musterte sie, dann sagte er mit einem Grinsen: „OK, also gut."

Und er hielt sich fortan daran.


Amycus hatte gerade seine Stunde Verteidigung gegen die Dunklen Künste beendet, als ihm überraschend seine Schwester einen Besuch abstattete.

„Hi", sagte sie und bedachte ihn mit einem ernsten Blick.

„Hi. Was gibt's?", fragte Amycus und beförderte die Schulbücher mit einem Schlenker seines Zauberstabes ins Regal zurück.

„Wir… müssen da dann mal über etwas reden", sagte sie.

„OK, und was?"

„Du verheimlichst mir doch was, oder?", fragte sie. Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt und sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an.

Amycus erstarrte in seiner Bewegung. „Ähm, was… meinst du?"

„Wusste ich es doch! Du bist in letzter Zeit so anders. Irgendwas ist da. Lass mich raten, du… triffst dich mit jemandem, oder?"

„Ich…"

„Ha! Du kannst mir nichts verheimlichen! Ich kenne meinen Bruder einfach zu gut. Wer ist sie?"

„Wer ist wer? Ich weiß nicht, was du meinst", sagte Amycus und schüttelte den Kopf. „Da gibt's niemanden!"

Alecto sah nicht überzeugt aus. „Ich weiß doch, dass du ständig jemanden bei dir hast. Außerdem hast du überhaupt keine Zeit mehr für mich! Ich sehe dich gar nicht mehr!"

„Die einzige, die ständig bei mir ist, ist Vanessa Lenormand. Du hast wohl vergessen, dass sie bis Schuljahresende jeden Samstag bei mir nachsitzen muss?"

„Nein, das habe ich nicht vergessen", sagte Alecto.

„Also, da ist nichts", sagte Amycus. Für ihn war das Thema beendet.

„Du siehst sie aber sonst auch ziemlich häufig, oder?", hakte Alecto nach.

„Sie hat mich wegen ihrem Vortrag, den sie halten muss, gefragt. Sie hatte noch kein Thema und wollte einen Vorschlag von mir. Das ist alles."

„Alles, ja?", sagte Alecto vielsagend. „Das glaube ich dir nicht."

„Was ist?!", fragte Amycus genervt.

„Amycus, ich hab dich schon desöfteren mit ihr gesehen, wie ihr miteinander redet und so. Einmal hat sie dich umarmt. Was zum Teufel?! Und diese Formulare für die Heilerschule in London hast du ja wohl kaum für dich besorgt, oder? Ich hab euch zusammen in Hogsmeade gesehen. Du hast sie rein zufällig in den Drei Besen getroffen, nicht wahr und rein zufällig mit ihr etwas getrunken?"

Amycus´ Herz setzte für einen Moment was. „Was… willst du damit sagen?"

„Sie genießt offensichtlich etwas mehr Aufmerksamkeit, etwas mehr Zuwendung, von dir als die anderen Schüler. Muss ich mir Sorgen um dich machen?"

Sie sah ihn mit demselben Blick an wie ihre Mutter, wenn sie als Kinder etwas angestellt hatten. Je älter seine Schwester wurde, desto ähnlicher wurde sie ihrer verstorbenen Mutter.

„Nein, mit Sicherheit nicht."

„Ich kenn dich Amycus und vor allem kenne ich die jungen Dinger, auf die du gern mal ein Auge wirfst. Und wir reden hier immerhin von Vanessa Lenormand, das sagt schon alles. Die hat dich doch so übel beleidigt. Ich hätte ja mehr mit ihr gemacht als Nachsitzen, aber gut… Bist du in sie verknallt?"

„Spinnst du! Natürlich nicht!", protestierte Amycus sofort. „Wir haben uns nur… unterhalten während des Nachsitzens, das ist alles. Und da hat sie mir eben erzählt, dass sie Heilerin werden möchte. Sie hat sich… für das im Unterricht entschuldigt und ich dachte mir, ich tue ihr einen Gefallen, weiter nichts. Du weißt doch, dass ich in der Schule jemanden kenne. Hab ein paar Kontakte spielen lassen. Reg dich ab, OK?!"

„Ich meine nur Amycus. Sie ist eine Schülerin, verstanden?!"

„Das ist mir durchaus bewusst, OK?", sagte Amycus zu seiner Verteidigung.

„Dann verhalte dich auch so!", sagte Alecto, dann rauschte sie hinaus.

Amycus blieb betreten zurück.

„Shit", fluchte er leise. Seine Schwester hatte also doch etwas gemerkt. Das hätte nicht passieren dürfen. Er hatte sich offenbar zu sehr hinreißen lassen. Sie mussten in Zukunft vorsichtiger sein.

Oder sich besser gar nicht mehr treffen, sagte eine Stimme in seinem Hinterkopf. Sie hätten gar nicht erst anfangen dürfen, sich zu treffen.


Es war mittlerweile April geworden und die Siebtklässler steckten bis zum Hals in Prüfungsvorbereitungen. Vanessa und die anderen Ravenclaws verbrachten ihre ganze Zeit in der Bücherei über Hausaufgaben und dem Lernstoff. Nun ja, nicht die ganze Zeit, nur wenn man von ihren gelegentlichen Treffen mit Amycus Carrow absah.

Vanessa war in der letzten Zeit fürchterlich müde gewesen. Sie schob es auf die stressige Zeit und dachte sich nichts weiter dabei. Doch nach und nach merkte sie, dass etwas nicht in Ordnung war.

Sie spürte oft Übelkeit und ihr Magen rebellierte. Die Gerüche beim Essen waren unerträglich und manchmal konnte Vanessa gar nicht mehr zum Frühstück gehen, weil sie sich sonst übergeben hätte.

Es kam immer öfter morgens nach dem Aufstehen vor, dass ihr erster Gang sie ins Bad führte, wo sie sich heftig übergeben musste. Sie verstand nicht, was vor sich ging und was auf einmal mit ihr los war. Es war Frühling und keine Krankheitswelle machte dir Runde. Wahrscheinlich gingen ihr die ganze Zeit vor den Prüfungen und die vielen Dinge, die sie zu tun hatte, etwas an die Nieren. Sie sagte immer wieder zu sich selbst, dass es bald vorbei sein würde, und versuchte, sich zusammenzureißen.

Amycus war in letzter Zeit auch merkwürdig. Immer öfter gab er ihr zu verstehen, dass sie sich nicht mehr so häufig sehen konnten und einmal sahen sie sich ganze zwei Wochen nicht, nicht mal an den Samstagen wie früher. Sie hatte irgendwie das Gefühl, dass er sie von sich wegstieß, und es machte sie traurig. Gerade jetzt, wo es nicht gut ging, hätte sie Zuwendung von ihm gebraucht und gerade jetzt verweigerte er sich ihr völlig.

Sie vermisste die Nächte mit ihm, vermisste es, sich an ihn schmiegen zu können. Wenn sie bei ihm war, dann waren alle Sorgen vergessen und sie konnte neue Kraft schöpfen. Es tat ihr weh, dass er sie nicht mehr zu sich ließ.

Wenn sie ihn fragte, dann fand er nur fadenscheinige Ausreden, warum er keine Zeit hatte und warum sie sich nicht mehr treffen konnten. Je mehr sie ihn brauchte, desto mehr schob er sie weg. Sie tröstete sich mit Süßem, auf das sie in der letzten Zeit seltsamen Appetit entwickelt hatte.

Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus und stellte ihn am Freitagabend in seinem Büro.

„Wieso gehst du mir aus dem Weg?", fragte sie ihn.

Amycus drehte ihr den Rücken zu und sah sie nicht an. „Amycus, ich…" Vorsichtig trat sie näher. Er atmete tief durch und wandte sich langsam um.

„Was willst du?", fragte er. Sie konnte seinen Gesichtsausdruck nicht deuten.

„Ich will wissen, was los ist. Du bist so komisch in letzter Zeit. Wir treffen uns nicht mehr und ich…"

Sie berührte ihn zaghaft am Arm. „Ich vermisse dich und… das du weißt schon."

Er sah erschöpft aus. Er ließ sie gewähren, als sie sich an ihn schmiegte und ihre Arme um ihn legte, aber Vanessa spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Er erwiderte ihre Geste nur halbherzig und es war ihm offenbar unangenehm.

Ihre Hände glitten unter seinen Umhang und sie begann ihn zu küssen. Sie hatte in den vergangen Tagen solche Sehnsucht nach ihm gehabt, dass sie meinte ersticken zu müssen. Sich an ihn lehnen zu können, war wie ein rettender Anker.

Amycus war zurückhaltend und für einen Moment befürchtete Vanessa schon, er würde sie von sich stoßen, doch allmählich ging er auf sie ein. Er erwiderte ihren Kuss und Augenblicke später waren sie miteinander zu Gange. Sie verschlungen sich regelrecht. Amycus hob Vanessa hoch, sodass sie auf seinem Schreibtisch sitzen konnte, dann küsste er sie am Hals. Sie legte ihren Kopf zurück und ein leises Stöhnen entfuhr ihr.

Er stoppte, um keuchend Luft zu holen und sie sahen sich in die Augen.

„Ich… Ich kann nicht mehr. Das geht nicht mehr mit uns", sagte er leise. Er kämpfte mit sich.

„Bitte", flehte Vanessa und drückte ihn fest an sich. „Ich brauch dich. Wir können zusammen sein, ich meine… Ich… Ich bin doch reinblütig und… Niemand muss von uns wissen, bitte…"

Sie küsste ihn erneut, doch Amycus wehrte sich dagegen. Er schüttelte den Kopf. Bevor sie etwas sagen konnten, hörten sie ein Geräusch von der Tür.

Sei sprengten förmlich auseinander und Vanessa richtete ihre Schuluniform zurecht. Gerade rechtzeitig, denn Alecto Carrow kam in das Büro.

„Und denken Sie daran, ich bekomme noch Ihre Arbeit", sagte Amycus streng.

„Ja, Professor", sagte Vanessa und wandte sich zum Gehen.

Alecto Carrow warf ihr einen misstrauischen Blick zu, als sie den Raum verließ.

„Was soll das denn? Was macht die denn schon wieder hier? Um diese Uhrzeit?", fragte Alecto, nachdem die Geschwister allein waren.

„Nichts. Es ging nur um eine Hausaufgabe", sagte Amycus schlicht, doch seine Schwester schüttelte den Kopf und fixierte ihn mit ihren dunklen Augen.

„Das glaube ich dir nicht!"

„Glaub, was du willst", sagte Amycus wütend. Er war frustriert, dass er und Vanessa unterbrochen worden waren und dass er innerlich so hin und her gerissen war zwischen dem Mädchen und seiner Begierde und der Tatsache, dass ihre Beziehung verboten war.

„Ich wollte dich eigentlich fragen, ob wir etwas trinken gehen."

„Ich trinke nicht mehr", gab er zurück.

„Das habe ich gemerkt. Amycus, was zum Teufel ist mit dir los?!", schimpfte Alecto verärgert. „Du benimmst dich einfach..."

„Wie denn, eh?", fragte ihr Bruder aggressiv zurück.

„Kindisch… Unangemessen… Was in Merlins Namen ist mit dir los? Und was macht die schon wieder bei dir?"

„Was soll los sein?! Alecto, es ist nichts!", sagte Amycus zu seiner Verteidigung.

„Das sehe ich ein bisschen anders", sagte Alecto wütend. „Du und diese Vanessa Lenormand, ihr trefft euch ständig, oder? Nicht nur wegen dem Nachsitzen! Ihr wart zusammen in Hogsmeade und du hast ihr geholfen, in die Schule aufgenommen zu werden! Und Freitagabend um halb neun finde ich sie bei dir im Büro!"

Amycus erwiderte nichts. Er hob seine Arme in die Luft und ließ sie resignierend an seine Seite fallen. Er schüttelte den Kopf.

„Was läuft da zwischen euch?", fragte Alecto. „Da ist doch was? Gib es zu. Sie ist nicht bloß eine Schülerin, sie… Du hast dich so verändert! War das für sie?"

„OK", sagte Amycus erschöpft. „Also schön, du willst die Wahrheit wissen?! Vanessa und ich… wir schlafen miteinander."

Alecto lachte kurz auf. „Das ist nicht lustig, Amycus", sagte sie ungläubig. „Wieso sagst du sowas? Was soll das?!"

„Es. Ist. Kein. Scherz", sagte Amycus. „Vanessa und ich haben in den Stunden, als sie bei mir nachsitzen musste, eine Affäre angefangen. Das geht seit ein paar Monaten. Wir schlafen miteinander."

Alecto sah ihren Bruder fassungslos an. Sie öffnete ihren Mund, als wolle sie etwas sagen, doch schloss ihn wieder, weil sie nicht die richtigen Worte fand. „Ich… bin… sprachlos."

Eine betretene Stille entstand zwischen den Geschwistern. Alecto erkannte ihren Bruder nicht wieder. Es kam nicht oft vor, dass sie sich stritten oder sich über etwas uneinig waren und wenn, dann waren Meinungsverschiedenheiten meist schnell gelegt. Ihr geschwisterliches Band war eng. Diesmal jedoch war Amycus zu weit gegangen.

„Ich kann nicht fassen, dass du so was tust", sagte Alecto ernst. Sie fragte sich gerade, was aus ihrem Bruder geworden war. „Ich… weiß gerade nicht, was ich noch sagen soll. Wir reden später darüber. Jetzt… ich… wüsste ohnehin nicht, was ich tun sollte. Du wirst das beenden und zwar umgehend. Sie ist eine Schülerin."

„Sie ist 17", sagte Amycus.

„Was spielt das für eine Rolle?! Das macht es nicht besser!", sagte Alecto erbost, dann kam ihr ein schrecklicher Gedanke. „Du… zwingst sie doch nicht dazu, oder?"

Amycus wirbelte herum und sah Alecto wütend an. Er zitterte vor Wut auf ihren Kommentar hin und am liebsten hätte er seine Schwester verhext. Er war vor Wut wie gelähmt und konnte nicht einmal seinen Zauberstab ziehen.

„Weißt du, Alecto, ich weiß, ich war ja noch nie bei Frauen sonderlich begehrt", sagte Amycus mit vor Sarkasmus triefender Stimme. „Ich bin ja immerhin nicht gerade der Attraktivste. Aber so armselig bin nicht mal ich. So was habe ich nicht nötig."

„Tut mir Leid", sagte Alecto, der die Bedeutung ihrer Worte klargeworden war. „Ich wollte nicht…"

„Lass es. Lass es einfach."

Er stürmte an ihr vorbei aus dem Raum.


Die nächsten Tage ging Amycus seiner Schwester aus dem Weg. Er mied sie konsequent. Er wollte ihr nicht mehr unter die Augen treten. Er war wütend und verletzt, dass ihm seine eigene Schwester so etwas unterstellt hatte. Dass Alecto auch nur auf eine solche Idee kam, ging ihm sehr nahe. Er sollte Vanessa zu irgendetwas zwingen? Dass er nicht lachte! Jedes Mal, wenn sie zu ihm kam, war sie mehr als willig und gab sich ihm hin. Sie bettelte ihn praktisch an, es ihr richtig zu besorgen. Ihr zufriedenes Stöhnen und Seufzen war Beweis genug, wie sehr sie es genoss. Er hatte es nicht nötig, jemanden zu zwingen.

Die Beziehung zu seiner Schwester war im Moment mehr als nur unterkühlt, sie war eisig. Am meisten ärgerte Amycus, dass Alecto in einem Punkt Recht hatte. Er und Vanessa konnten nicht länger zusammen sein. Er war ihr Lehrer und sie nur eine Schülerin, ihre Beziehung war verboten. Er musste die Affäre beenden. Oder was auch immer sie hatten. Er wusste nur nicht, wie er das anstellen sollte. Die Samstagabende oder gelegentlichen Treffen unter der Woche waren ein fester Bestandteil seines Lebens geworden. Genauso wie das Mädchen.

Er fühlte sich fast ein bisschen geehrt, dass sie ihn so begehrte, immerhin war er nie sonderlich beliebt bei Frauen gewesen und Vanessa Lenormand hätte jeden anderen Jungen oder Mann haben können. Warum sie sich ausgerechnet für ihn entschieden hatte, das war ihm völlig unbegreiflich.

Irgendetwas musste zwischen ihnen sein, dass sie wie magisch zueinander hinzog. Das junge Mädchen hatte etwas, das Amycus faszinierte. Vielleicht war es die Tatsache, dass sie stur war und klare Ziele hatte, die sie verwirklichen wollte und dafür auch kämpfte. Sie ließ sich nicht unterkriegen, sie war direkt und sagte ihre Meinung. Oder vielleicht war es einfach nur die Tatsache, dass sie das hübscheste Mädchen war, das er jemals gesehen hatte.

Wenn er zurücksah, dann merkte er erst jetzt richtig, wie sehr sie ihn verändert hatte. Er hatte das Trinken aufgegeben, weil sie ihn darum gebeten hatte, und er achtete mehr auf sich und sein Äußeres, weil er ihr zeigen wollte, dass er begehrenswert für sie war. Jahrelang hatte das keine Rolle in seinem Leben gespielt, er hatte sich nur um sich selbst gekümmert und weil er gedacht hatte, dass er nie wieder mit einer Frau zusammen sein würde, hatte er sich gehen lassen und sich selbst vernachlässigt. Vanessa war unvorhergesehen in sein Leben getreten und hatte Veränderungen in ihm bewirkt, die er nicht für möglich gehalten hätte. Er hätte nichts davon rückgängig machen wollen. Er bereute gar nichts. Und er wollte die Beziehung mit Vanessa nicht beenden.

Trotz allem wusste er, dass er es musste. Er war Lehrer in Hogwarts und Beziehungen mit Schülern waren verboten. Außerdem hätte er ihr Vater sein können. Er war viel zu alt für sie. Sie war ein junges Mädchen, das Pläne für die Zukunft hatte, er hingegen hatte diesen Teil seines Lebens schon lange hinter sich gelassen. Sie hatten nicht wirklich etwas gemeinsam und er konnte sich nicht vorstellen, wie ihre Beziehung weitergehen sollte, wenn sie erst die Schule verlassen hatte.

Er zerbrach sich tagelang den Kopf, dann traf er eine Entscheidung. Eine äußerst schwere Entscheidung.


Es passierte schon wieder. Nach dem Frühstück flüchtete sich Vanessa in ein abgelegenes Mädchenklo, von dem sie wusste, dass nicht oft Leute dorthin kamen. Sie taumelte zum Waschbecken und klammerte sich haltsuchend daran fest. Sie atmete schwer und war kreidebleich. Sie drehte den Hahn auf und spritzte sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht, doch es half nichts. Sie hatte nicht mal mehr Zeit, den Hahn wieder zuzudrehen, als sie auch schon in eine Kabine stürmte und sich in die Toilette übergeben musste.

Minutenlang kniete sich auf dem Boden vor der Schüssel und würgte ihr klägliches Frühstück wieder hervor. Sie keuchte und brauchte einige Zeit, um sich wieder hochzustemmen und schließlich die Spülung zu betätigen. Völlig fertig ließ sie sich auf dem geschlossenen Klodeckel nieder.

Die Übelkeit hielt bereits zwei volle Wochen an. Was sie anfangs auf den Stress oder auf eine Magen- Darm- Geschichte geschoben hatte, entpuppte sich als hartnäckiger als sie angenommen hatte. Dazu kamen ihre ständige Müdigkeit und ihr seltsames Essverhalten.

Konnte es sein, dass sie…? Nein. Sie schob diesen Gedanken schnell zur Seite. Das konnte einfach nicht sein. Das war unmöglich!

Vor dem Unterricht kehrte sie in ihren Schlafsaal zurück und zog ihren Kalender aus ihrem Koffer. Sie zählte die Tage nach und bei jedem Tag, wo sie keine Markierung fand, sank ihr das Herz immer mehr. Ihre Periode war überfällig, sogar mehr als überfällig.

„Scheiße", murmelte sie.

Sie war auf einmal völlig unruhig. Sie schwänzte die ersten paar Stunden und lief heimlich ins Dorf hinunter zur Apotheke. Sie brauchte unbedingt Gewissheit.


Vanessa hatte noch nie einen Schwangerschaftstest benutzt und vor allem hätte sie sich nie im Leben vorgestellt, ihn mit 17 benutzen zu müssen, wenn sie noch eine Schülerin ohne Abschluss war, die ihr gesamtes Leben noch vor sich hatte. Aber genau diese Katastrophe war nun eingetroffen.

Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie den Unterricht schwänzte und es war sicher, dass sie Ärger von McGonagall und Sprout bekommen würde, aber das war ihr im Moment egal. Die Apothekerin hatte sich mit einem skeptischen Blick gemustert, als sie den Test verlangt hatte, und hatte sich mit Sicherheit einen Kommentar verkniffen. Vanessa hatte ein nettes Lächeln aufgesetzt und die peinliche Situation schnellstmöglich vergessen.

Nun saß sie im Badezimmer der Vertrauensschüler vor einer kleinen Glasphiole und wartete. Sie hatte wie in der Anleitung angegeben einen Blutstropfen aus ihrem Finger in die durchsichtige Flüssigkeit gegeben und musste nun warten, welche Farbe der Zaubertrank annehmen würde. Es gab zwei Optionen: rot für schwanger oder blau für nicht schwanger. Und Vanessa hoffte inständig, dass es nicht rot sein würde.

Nach quälenden fünf Minuten, die ihr wie eine Ewigkeit vorgekommen waren, hatte sie das Ergebnis. Sie ging nervös im Raum auf und ab und wagte es kaum, sich umzudrehen und die Farbe zu sehen.

„Komm schon, nimm dich zusammen", murmelte sie zu sich selbst. „Es wird schon alles gut werden. Nur keine Panik."

Sie hatte die Hände vor den Augen, als sie sich zum Waschbecken umdrehte. Vorsichtig sah sie durch ihre Finger hindurch.

„Oh, oh." Es war das einzige, das ihr entfuhr.

Der Trank hatte eine leuchtend rote Farbe angenommen.


Er musste unbedingt mit ihr reden, doch Amycus wusste nicht wie. Dazu fühlte er sich hundsmiserabel. Schon in der letzten Zeit, seit Alecto ihn zum ersten Mal wegen Vanessa und ihrer „besonderen Beziehung" angesprochen hatte, war er Vanessa sehr oft aus dem Weg gegangen und sie hatten sich nicht mehr getroffen. Schon damit hatte er sich schlecht gefühlt. Ihr Gesicht war stets traurig und sie war enttäuscht und verletzt über seine plötzliche Zurückweisung.

Er mochte sich gar nicht ausmalen, wie sie reagieren würde, wenn er mit ihr Schluss machte.


Vanessa war mit ihrer Erkenntnis völlig überfordert. Sie wusste nicht mehr, was sie tun sollte. Sie war schwanger, von Amycus. Sie hätte sich ohrfeigen können, dass sie sich in so eine verzwickte Lage gebracht hatte. Es sah ihr gar nicht ähnlich, solche Dummheiten zu machen. Normalerweise achtete sie auf sich, aber seit sie mit Amycus schlief, hatte sich ihr Verstand wohl verabschiedet. Oder sie war einfach nur hoffnungslos verliebt.

Sie konnte es nicht leugnen. Immer wenn sie Amycus sah, wenn sie zusammen waren, wenn er sie anlächelte oder ihr zuzwinkerte, dann klopfte ihr Herz wie verrückt und Schmetterlinge tanzten in ihrem Bauch. Es war wohl offenkundig, dass sie total in ihn verschossen war. Und dafür schämte sie sich. Sie war so blauäugig und naiv gewesen, sich mit ihm, einem Todesser einzulassen. Jetzt musste sie die Konsequenzen tragen. Sie konnte es sich überhaupt nicht vorstellen, jetzt Mutter zu werden. Das hatte sie sich eigentlich für später vorgenommen.

Sie musste unbedingt mit ihm reden. Er musste wissen, was passiert war.

Die ganze Woche zerbrach sie sich den Kopf darüber, wie sie Amycus die Nachricht überbringen sollte, dass er Vater wurde. Die Übelkeit war mal schlimmer, mal ging es. Vanessa verheimlichte es vor ihren Freundinnen und ging auch nicht in den Krankenflügel. Was hätte sie sagen sollen? Sie konnte sich nur allzu gut bildlich vorstellen, welchen Ärger sie bekommen würde, wenn herauskam, dass sie schwanger war. Wahrscheinlich hätte man sie zu Snape zitiert, womöglich hätte man sie von der Schule verwiesen. Im schlimmsten Fall hätte man sie gedrängt, den Vater ihres Kindes preiszugeben. Spätestens dann hätte man sie mit Sicherheit der Schule verwiesen. Und was hätten ihre Eltern gesagt? Sie wären enttäuscht von ihr.

Sie hatte sich ausgerechnet, dass sie die Schwangerschaft auf jeden Fall bis zum Ende des Schuljahres verheimlichen konnte, damit niemand etwas merkte. Die verbliebenen drei Monate mit den Prüfungen musste sie noch durchalten. Danach wollte sie weitersehen. Aber das wichtigste war jetzt, dass sie Amycus Bescheid sagte.

Zu ihrer Überraschung musste sie gar nicht zu ihm gehen. Er bat sie zu sich.

„Wir müssen reden, Vanessa", sagte er ernst.

„Ja, das müssen wir wirklich", sagte Vanessa, froh für den Einstieg.

„Hör mal, Mädchen, das mit uns, das… Das geht nicht mehr. Wir können uns nicht mehr sehen."

„Was?! Aber wieso denn?", fragte Vanessa. „Du hast das schon öfter gesagt, aber nie hast du dich dran gehalten. Du willst es doch gar nicht beenden."

„Ich weiß, ich weiß", sagte Amycus. „Aber diesmal ist es ernst. Das mit uns geht nicht. Ich bin viel zu alt für dich. Ich gehöre zu den Todessern, OK? Ich kann mich nicht um dich kümmern. Noch dazu bin ich dein Lehrer. Ich darf keine Beziehung mit dir haben."

Vanessa spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. „Was… was soll das heißen?"

„Es ist Schluss mit uns. Aus und vorbei. Ich möchte, dass du gehst und nie wieder Kontakt mit mir hast, verstanden?"

„Amycus, nein!", protestierte sie.

„Vanessa", sagte er, diesmal lauter. Er schimpfte mit ihr und sah sie böse an. Sie hatte plötzlich Angst vor ihm. „Das mit uns war ein Fehler! Und das wird nie wieder passieren, verstanden?! Du wirst jetzt gehen und nie wieder dieses Büro betreten! Ich möchte mit dir nichts mehr zu tun haben. Und was auch immer du dir eingebildet hast, das wir haben, das war nichts und das ist jetzt vorbei. Geh!"

Entsetzt starrte sie ihn an. In ihrem Magen hatte sich ein Knoten gebildet und sie stand wie gelähmt da. Amycus drehte sich von ihr weg und sagte nichts mehr.

Sie hatte völlig vergessen, wegen was sie eigentlich gekommen war. Tief verletzt rannte sie, so schnell es ging, weg von ihm. Sie wollte einfach nur weg. Sie wollte ihn nicht mehr sehen. In einem verlassenen Klassenzimmer angekommen, verkroch sie sich in eine Ecke und weinte bitterlich.


Die nächsten Wochen waren die Hölle für sie. Es ging ihr nicht gut. Sie weinte und konnte nachts nicht schlafen. Sie hatte Kummer und diesmal konnte sie es nicht verheimlichen, dass etwas nicht stimmte. Ihre Freundinnen stellten ihr Fragen, die sie aber abblockte. Sie wollte nur noch allein sein und scheuchte jeden weg, der in ihre Nähe kam. Den einzigen, den sie jetzt gebraucht hätte, war Amycus, aber dieser hatte sie von sich weggestoßen und ihr zu verstehen gegeben, dass es mit ihnen vorbei war. Sie hatte nicht mal Gelegenheit gehabt, ihm zu sagen, dass sie schwanger war.

Sie stand jetzt ganz allein und wusste nicht, wie es weitergehen sollte.

Sie schaffte ihre Schularbeiten irgendwie mit der letzten Kraft, die ihr noch geblieben war, aber bald würde sie nicht mehr durchhalten. Dass sie Amycus nicht mehr sehen konnte, machte ihr schwer zu schaffen. Ohne ihn schien alles keinen Sinn mehr zu haben und am liebsten hätte sie aufgegeben. Sie ertrug es kaum, in seinem Unterricht zu sitzen und oft blieb sie seinen Stunden auch fern. Er verübelte es ihr nicht.

Seine Schwester freilich musterte sie immer mit einem verächtlichen, abschätzigen Blick und Vanessa beschlich das untrügliche Gefühl, dass Alecto Carrow genau wusste, was zwischen ihrem Bruder und Vanessa passiert war. Mit Sicherheit hatte sie ihn gedrängt, die Beziehung zu beenden, denn Amycus, und davon war sie überzeugt, hätte sie sonst nie so behandelt.

Körperlich ging es ihr nicht rosig. Der Schlafmangel und der Kummer zehrten an ihr und sie konnte kaum etwas essen. Sie versuchte einmal ein paar Kräuter gegen ihre Übelkeit, aber es half kaum etwas und sie traute sich nicht, zu Madame Pomfrey zu gehen.

Ausgerechnet in Muggelkunde passierte es dann. Es war die erste Doppelstunde nach dem Frühstück und Vanessa wurde im Unterricht so schlecht, dass sie es nicht mehr bis zum Stundenende aushielt. Sie ignorierte Alecto Carrows Protest und rannte einfach aus dem Klassenzimmer hinaus in die nächste Toilette, wo sie dann blieb und nicht mehr zurückkehrte. Natürlich bedeutete dies bald wieder Ärger für sie.

Ewig konnte sie Amycus´ Stunden freilich auch nicht schwänzen. Sie war bereits das dritte Mal in Folge nicht erschienen und wenn sie sich nicht mit ihm auch noch Ärger einhandeln wollte, dann musste sie sich notgedrungen überwinden hinzugehen.

Die ganze Doppelstunde lang verhielt sie sich vollkommen still und unauffällig, aber es ging ihr schlecht. Sie ertrug seine Gegenwart kaum und die Blicke, die er ihr zuwarf, waren unerträglich. Und sie hatte schon wieder das Bedürfnis, sich zu übergeben. Sie spürte, wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich. Immer wieder sah sie auf die Uhr, in der Hoffnung, dass die Stunde, nein die Folter, bald ein Ende haben würde.

Amycus schien aufzufallen, dass es ihr schlecht ging. War es Sorge oder Ärger, die in seinem Blick lagen? Vanessa vermochte es nicht zu deuten. Sie musste sich abmühen, ihr Mittagessen nicht wieder auszuspucken.

Kurz vor Stundenende sah Amycus auf die Uhr. „Es sind nur noch fünf Minuten", sagte er. „Der Unterricht ist für heute beendet. Geht jetzt, alle, sofort!"

Vanessa war schon dankbar dafür und wollte umgehend mit den anderen Schülern hinausgehen, doch da fügte er hinzu: „Ms. Lenormand, in mein Büro."

Nein, schoss es ihr durch den Kopf. Die Klasse packte ihre Sachen zusammen und ging hinaus. Vanessa, die sich zu schnell erhoben hatte, verspürte plötzlich Schwindel und ließ sich zurück auf ihren Stuhl sinken, sie glaubte nicht, dass sie länger stehen konnte. Die schreckliche Übelkeit übermannte sie völlig.

Als der letzte Schüler den Raum verlassen hatte und die Tür ins Schloss gefallen war, kam Amycus auf sie zu.

„In mein Büro habe ich gesagt!" Sein Tonfall war nicht laut, aber bedrohlich. Für einen Moment schien der Todesser in ihm durchzukommen. Nach ihrem Streit vor ein paar Wochen schüchterte sein Auftreten sie ein. Sein Gesicht war ernst. Sie tat wie geheißen und erhob sich langsam.

Sie spürte, wie sich ihr der Magen umdrehte. Sie hangelte sich an den Sitzbänken entlang, als sie zu seinem Büro hinüber ging. Die Übelkeit wurde unerträglich. Amycus ging voraus. Als er bemerkte, dass Vanessa ihm nicht hinterherkam, wandte er sich um. Zuerst musterte er sie streng, doch als er sah, wie schlecht es ihr ging, verschwand die Härte aus seinem Gesicht und er eilte zu ihrer Seite.

„Komm mit", sagte er, diesmal sanft, und legte einen Arm um sie. Froh, sich an ihn lehnen zu können, ließ sie sich von ihm in sein Büro führen. „Hier. Trink das." Er reichte ihr ein Glas Wasser von seinem Schreibtisch. Vanessa nahm es mit zittrigen Fingern und trank einen Schluck des kühlen Nass. Es tat gut, aber die Übelkeit war zu stark.

Sie eilte nach neben an in Amycus´ Badezimmer und übergab sich in das Waschbecken. Amycus trat unsicher näher und streifte ihre Haare zurück. Als sie sich zu Ende erleichtert hatte, führte er sie zu seinem Bett und setzte sie darauf. Es war eine Wohltat nicht mehr stehen zu müssen. Er ging vor ihr in die Hocke und sah sie ernst an.

„Sag mir, was mit dir los ist. Seit einiger Zeit verhältst du dich merkwürdig. Meine Schwester hat mir erzählt, dass du aus ihrem Unterricht rausgelaufen bist, weil dir schlecht war. Was ist los? Ist es wegen den Prüfungen? Manche Schüler leiden unter dem Stress. Oder ist es… wegen dem, was ist gesagt habe? Geht's dir deswegen schlecht?"

Vanessa schüttelte den Kopf.

„Dann sag mir, was es ist", forderte Amycus.

Vanessa entschied, dass es an der Zeit war. Sie konnte es ihm ohnehin nicht mehr lange verheimlichen. Und er hatte ein Recht darauf, es zu wissen.

Vorsichtig nahm sie seine Hand und legte sie auf ihren Bauch. „Ich bin schwanger", hauchte sie. „Du wirst Vater."

Amycus sah sie entgeistert an. „Wa-? Was… Ich verstehe nicht…"

„Es ist wahr. Es tut mir Leid", sagte Vanessa niedergeschlagen. „Deshalb ging es mir in der letzten Zeit so schlecht. Ich hab dann so einen Test aus der Apotheke gemacht und er war positiv. Es tut mir so Leid, ich… Ich wollte es dir eigentlich schon vor Wochen sagen, aber dann hast du… Dann hast du gesagt, dass du mich nicht mehr sehen willst. Ich wusste nicht mehr, was ich tun soll."

Amycus schüttelte den Kopf. „Es… tut mir Leid", sagte er und es war ihm anzumerken, wie er mit sich rang. „Das, was ich vor ein paar Wochen gesagt habe, das habe ich nicht so gemeint. OK? Ich habe mich mit meiner Schwester gestritten, weil sie das mit uns rausgefunden hat. Sie hat… gesagt, ich soll das mit dir beenden. Ich wollte… dich aber nicht… verletzen, oder so."

„Ist schon gut", sagte Vanessa. „Wie soll es denn jetzt weitergehen? Du… du bist der Vater, ich… schaff das nicht allein… ohne dich."

„Wir… wir kriegen das irgendwie hin. Zu allererst gehst du jetzt mal in den Krankenflügel und sagst es Madame Pomfrey, damit sie dir etwas gegen die Übelkeit gibt. Und danach reden wir weiter. Das wird schon irgendwie. Ich… brauch grad einen Moment."

Vanessa nickte schwach. Tränen stiegen in ihre Augen. „Ich hab dich vermisst", raunte sie. „Bitte lass mich nicht allein, ich… Ich kann das nicht ohne dich."

Sie umarmte ihn und schmiegte sich an ihn.

„Ist schon gut", sagte Amycus. „Komm, gehen wir mal, damit es dir besser wird."

Amycus brachte sie in den Krankenflügel und versicherte ihr, dass alles gut werden würde. Vanessa hoffte es inständig, doch kurz darauf sollte alles anders werden.

Die Schlacht von Hogwarts kam und Amycus wurde nach Askaban gebracht.