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„My mind´s a river running through a storm." – Hangman, Black Stone Cherry
"Mein Geist ist ein Fluss, gebeutelt vom Sturm." – Hangman, Black Stone Cherry
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"Verdammt!" Der Löffel fiel laut scheppernd auf die Arbeitsplatte, verursachte ein hallendes dröhnen in der stillen Küche. Dean hob ihn auf und schleuderte das Objekt wütend durch den Raum, als hätte ihn der Löffel persönlich gekränkt. In seinen grünen Augen blitzten Wut und Verzweiflung auf. Seine Hände krallten sich um den Rand der stählernen Küchenoberfläche, pressten, bis die Muskeln in seinen Armen straff gespannt waren, die Sehnen hart unter seiner gebräunten Haut hervor traten. Sein Kopf fiel zwischen seine nach oben gezogenen Schultern, als er mit sich selbst rang. Versuchte, sich zu beruhigen. Als ob ihm das gelingen würde.
Sammy war verschwunden.
Seit 83 Tagen, 9 Stunden und 16 Minuten. Und Dean hatte immer noch keine Ahnung, wo er sein könnte. Der Schmerz, die Panik, die Einsamkeit hatten sich zu etwas vermengt, dass beständig knapp unter der Oberfläche seine Haut brodelte und kochte. Es lähmte ihn, legte seine Sinne lahm. Und doch konnte er diese Gefühle nicht verdrängen, nicht ignorieren.
Ein Seufzen entrang sich seiner Kehle, als die Anspannung sich löste und seine Schultern nach vorne sackten. Der ältere Winchester hob seinen Kopf und ließ den Blick durch den leeren Raum schweifen. Die Küche wirkte schon immer recht unpersönlich und steril. Jetzt wirkte sie jedoch so unbewohnt, wie sie war, als die Jungs den Bunker zum ersten Mal betreten hatten. Alles stand an seinem angestammten Platz: Teller, Tassen, Töpfe standen in den Regalen, überzogen von einer dünnen Staubschicht. Seit Dean vor 83 Tagen zurückkam, war er kaum lange genug im Bunker gewesen, um zu essen, geschweige denn etwas aus der Küche zu verwenden. Während er sich auf einen der harten Hocker am Tisch sinken ließ, wanderten seine Gedanken zurück zu jener Nacht, in der Hoffnung, sich an etwas zu erinnern, das er bisher übersehen hatte.
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„Mom?"
Sie war genauso schön wie in seiner Erinnerung! Goldblonde Haare fielen in sanften Wellen über ihren Rücken. Weiche Strähnen rahmten ihr Gesicht ein, dessen leichte Sonnenbräune von Sommern erzählte, die sie mit ihren Söhnen im Garten spielend verbracht hatte. Ihre Stirn war gefurcht, Verwirrung zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab, als verstünde sie nicht so recht, wo sie sich befand. Ihr Blick wanderte suchend umher, bis er schließlich auf Dean ruhen blieb. Ein paar unsichere Augenblicke vergingen, als sie versuchte, sein Gesicht mit der Umgebung in Einklang zu bringen. Als es ihr gelang, erstrahlte ein Lächeln purer Freude in ihren rauchgrauen Augen.
„Dean." Ihre Stimme umhüllte ihn, weich wie Honig. Dean fühlte sein Herz überfließen vor Freude, eine Glückseligkeit wie er sie lange nicht mehr verspürt hatte. Er schloss die Lücke zwischen ihnen mit zwei schwungvollen Schritten, schloss seine große, starke Mutter fest in seine Arme. Sie erwiderte die Umarmung genauso innig, die Arme liebevoll um seine Schultern geschlungen. Sein Gesicht in ihrem Nacken vergraben, atmete er ihren lange vermissten und doch nie vergessenen Geruch ein. Mary Winchester duftete nach Zuhause: einem wirklichen Zuhause. Nicht der Bunker, nicht das Haus in Lawrence, sondern ein Zuhause aus Freude, Gelächter und Sicherheit.
Mary spürte, wie sich die Muskeln im Rücken ihres ältesten Sohnes lösten, als hätte sie ein großes Gewicht von seinen Schultern genommen. Er war groß geworden, ihr Junge. Stolz erfüllte sie. Sie war erstaunt, wie ihre Söhne immer wieder über sich selbst hinaus wuchsen. Sie hatte zwar nie das Leben eines Jägers für sie gewollt, doch dieses Leben hatte sie geformt, sie zu dem gemacht, was sie heute waren. Ihre Söhne waren so viel besser als sie selbst – oder John.
Als sie so stand, eingehüllt in Deans starke Umarmung, ihren Sohn fest in ihren Armen haltend, ließ sie diesen Stolz durch sich hindurch strömen. Dean konnte regelrecht spüren, wie er in warmen Wellen über ihn wusch. Widerstrebend löste er die Umarmung schließlich, lächelte auf seine Mutter hinab, ihre Arme immer noch sanft umfassend. Mary hob eine Hand und legte sie liebevoll auf seine Wange.
„Mein geliebter Junge. Mein Dean. Ich habe so lange darauf gewartet", murmelte sie mit leiser, aber fester Stimme.
„Aber was ist das hier?", fragte Dean vorsichtig. Sein Bauchgefühl warnte ihn mit einem Zwicken, dass alles seinen Preis hatte. Die Winchesters bekamen nie etwas geschenkt. Machte es da einen Unterschied, dass dies ein Geschenk von Chuck und Amara war? Vermutlich nicht.
„Das ist, was du dir gewünscht hast, Liebling!"
„Bist du…?"
„Lebendig? Es tut mir Leid, Dean, das bin ich nicht. Du weißt wie sehr es das Gleichgewicht durcheinander bringt, wenn Leute von den Toten zurückkommen. Selbst Gott will das nicht unbedingt verursachen.", erklärte Mary mit einem traurigen, entschuldigenden Lächeln.
Da war der Haken.
Das war nicht ganz, was er sich gewünscht hatte. Aber genug.
„Ich wünschte, du wärst noch hier, Mom. Ich wünschte, dir wäre das nie zugestoßen! Wir haben versucht, das alles aufzuhalten. Wir haben es so sehr versucht!". Deans Worte kamen erstickt aus seine Kehle, seine Hände, die noch immer auf ihren Armen ruhten, durchfuhr ein leichtes Zittern.
„Ich weiß, das habt ihr. Das ist das Gute daran, wenn man da oben ist." Marys Augen blickten gen Himmel. „Ich sehe alles – Gegenwart und Vergangenheit. Ich weiß ihr seid gekommen, habt versucht die Engel aufzuhalten, habt versucht mich vor Azazel zu warnen. Aber es gibt nun mal Dinge, die kann man nicht ändern."
„Ich vermisse dich." Deans Geständnis kam leise, geflüstert, fast kindlich. Der Schmerz war ein beständiges Pochen in seiner Brust, niemals endend. Mary wischte eine Träne, sie seine Wange hinabrann, liebevoll mit ihrem Daumen weg.
„Das weiß ich, mein Liebling. Ich vermisse dich auch. So kitschig es auch klingen mag, ich habe immer über dich gewacht. Ich habe gesehen, wie du immer für Sammy da warst, wie du jeden beschützt und nie etwas dafür erwartest. Ich könnte mir nicht mehr von dir wünschen. Früher einmal, da hätte ich gewollt, dass du das Jagen aufgibst, dass du ein wohlbehütetes „Apfelkuchenleben" lebst, wie ihr Jungs es immer nennt. Doch das hat sich geändert. Ich möchte, dass du das tust, was du willst und was du am besten kannst. Du musst wissen, ich habe – und werde – immer jede Entscheidung unterstützen, die du triffst. Du bist ein guter Mann, Liebling. Vergiss das nie."
„Ich liebe dich, Mom", flüsterte Dean, seinen Kopf nach vorn beugend, als sie sich streckte um ihn auf die Stirn zu küssen, wie sie es immer getan hatte, als er noch klein war. Dann ließ sie ihre Stirn an seiner ruhen.
„Ich liebe dich auch. Jetzt geh, sei der Mann, auf den ich so stolz bin."
Die Wärme ihrer Hände auf seinen Wangen und an seiner Stirn verflüchtigte sich langsam, hinweggeweht von einer sanften Brise der kühlen Nachtluft. Als Dean seine Augen öffnete, war Mary Winchester verschwunden. Zugleich fühlte es sich an, als wäre eine Last, die er seit Jahren mit sich herum getragen hatte, von ihm genommen. Er blickte zum klaren Nachthimmel auf, richtete den Blick in die Sterne und lächelte. Amara wusste ganz genau, was er sich am Meisten wünschte.
In seiner Hosentasche fühlte er das vertraute Vibrieren seines Handys. In der Erwartung, Sams Namen auf dem Display zu sehen, holte er es hervor. Es war jedoch Cass, der ihn anrief. Er nahm ab und hielt das Telefon ans Ohr. Alles was er hörte, war ein atemloses Keuchen.
„Cass?"
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Dean konnte die Panik in Cass´ Stimme deutlich hören. Irgendetwas war geschehen, und er war nicht da gewesen.
Sam hatte ihn gebraucht.
Die freudige Aufregung, Sam von der Begegnung mit ihrer Mutter erzählen zu können, war nur von kurzer Dauer gewesen. Er war alleine zum Bunker zurückgekehrt, wo er mehrere Blutflecke vorgefunden hatte. Einer auf den Stufen zur Bücherei, die anderen unweit der Treppe, die zum Haupteingang führte.
Der Blutfleck auf den Treppenstufen war klein gewesen, ein paar verirrte Tropfen, die auf den Boden fielen, bevor der Zauber zur Engels-Abwehr aktiviert worden war. An der Wand der Säule war immer noch das verblichene Rot der Sigille zu sehen, die die mysteriöse Frau gezeichnet hatte, um Cass damit zu verbannen. Dean hatte stundenlang geschrubbt, aber er bekam das Blut einfach nicht vollständig von der Wand.
Die Blutlache im Vorraum war es, die Dean in Panik versetzte. Die ihn abrupt inne halten, sein Blut in den Adern gefrieren ließ. Als Dean im Bunker ankam, war das Blut bereits zu einer zähflüssigen Masse geronnen, die sich vom Boden vor den Treppen über die Stufen hinauf zur Haustür verteilte. Laut Cass, der schließlich auch seinen Weg zurück zum Bunker gefunden hatte, war die größte Blutlache etwa da, wo er Sam zuletzt gesehen hatte. Für Dean war klar: sein Bruder war verwundet und entführt worden. Er weigerte sich zu glauben, dass Sam tot sei. Er wüsste es, wenn es so wäre. Außerdem brachte man niemanden um, um dann die Leiche mitzunehmen. Und bevor Dean die Leiche seines Bruders sähe, würde er niemals glauben, dass Sam tot sei. Und selbst dann würde er es niemals hinnehmen.
Aber wer steckte hinter all dem?
Abgesehen von allem anderen war der Bunker abgeriegelt für jeden außer den Männern der Schriften. Er war eine Festung, es war unmöglich, einzubrechen. Dean konnte sich höchstens vorstellen, dass Amaras Gegenwart das normalerweise Fehlerlose Sicherheitssystem des Bunkers durcheinander gebracht hatte.
Das einzige, was Cass ihm sagen konnte, war dass der Eindringling eine Frau war und dass sie mit einem starken englischen Oberklasse-Akzent sprach. Die Art von Akzent, die Leute allen Engländern zuschrieben. Der Engel war nicht einmal in der Lage gewesen, einen Blick auf die Frau zu werfen, bevor sie ihn verbannt hatte.
Castiel war genauso schonungslos in seiner Suche nach Sam, wie Dean. Seine Schuldgefühle – bezüglich Luzifer und darüber, die Frau nicht früher wahrgenommen zu haben – hatten dazu geführt, dass er nahezu pausenlos daran arbeitete, Sam zu finden. Und genau da lag das Problem.
„Dean?" Castiels tiefer Bass schallte durch den Bunker, ertönte in der Küche noch bevor er selbst eintrat. Dean sah zu ihm auf. Cass sah, wie angeschlagen er aussah: die dunklen Schatten unter seinen Augen, deren dunkles Tannengrün eine tiefe Erschöpfung ausstrahlten. Blonde Bartstoppeln bedeckten Kinn und Wangen, umhüllten herabgezogene Lippen, die Bände sprachen ohne ein Wort zu sagen. Sein blau kariertes Hemd war zerknittert und stellenweise blutbespritzt. Der Engel fragte sich flüchtig, wessen Blut das wohl sei. Dean war in seiner Suche nach Sam unnachgiebig. „Wann bist du zurückgekommen?"
Dean zuckte mit den Schultern. „Vor etwa zwanzig Minuten. Hast du etwas herausgefunden?"
„Die Engel haben immer noch nichts gehört. Sie halten weiter Ausschau. Aber wie ich schon sagte: Es ist schwierig mit den Schutzsymbolen in euren Rippen, die dich und Sam vor den Engeln verbergen. Engel sind es nicht gewohnt, bei der Suche auf herkömmliche Methoden zurück zu greifen. Es tut mir leid."
„Wie kann er schon so lange verschwunden sein, ohne dass irgendjemand irgendetwas weiß? Und wie kann es sein, dass wir auch noch nichts herausgefunden haben? Ich dachte, wir hätten alle Antworten hier, " grollte Dean mit einer ausholenden Geste, die den Bunker einschloss. „Größte Sammlung übernatürlicher Schriften, von wegen!" Er hatte sich durch jedes Buch, das er auch nur für entfernt relevant hielt, gewühlt und doch nichts gefunden.
„Ich denke immer noch, es kommt auf die eine Frage an – „
„Cass, das hatten wir alles schon. Ich weiß es nicht."
„Ich verstehe deine Frustration, Dean. Aber ich glaube, wir müssen dem weiter nachgehen. Nichts sonst hat uns bisher weiter gebracht."
Dean entfuhr ein entnervtes Seufzen, das mehr wie ein knurren klang. Seine Hand fuhr durch seine unordentlichen Haare.
„Also schön. Warum würde jemand Sam wollen?"
