Fünf ganze Minuten waren vergangen, nachdem Merante die Mädchen darauf aufmerksam gemacht hatte, dass das Training für Heute beendet sei und Felicie tanzte immer noch. Fröhlich lachend wie immer. Mit einem amüsierten Kopfschütteln wartete der Tanzlehrer darauf, dass seine beste Schülerin aufhören würde. Camille seufzte tief ,,Felicie" rief sie aber ihre Freundin schien alles zu überhören. Nach einer weiteren Weile räusperte sich Merante schließlich und stieß seinen Gehstock auf den Boden. ,,Danke für die extra Einlage Mademoiselle". Mit einem breiten Lächeln hörte Felicie auf und schnaufte erschöpft. ,,Danke Monsieur". ,,Nun, wenn ihr mich entschuldigt, ich habe noch etwas zu erledigen" bemerkte Merante ,,Ihr könnt gehen". Camille warf Felicie einen eindringlichen Blick zu. ,,Na dann" entgegnete Felicie und lief vorraus. ,,Kommst du später mit in den Park spazieren"? Fragte sie nach einer Weile Camille, die neben ihr herlief. ,,Ich würde ja wirklich gerne, aber ich habe noch ein paar Dinge zu erledigen" erwiderte die Blonde. ,,Oh, na gut" lächelte Felicie ,,Das nächste Mal dann vielleicht. Wie wärs mit Morgen"? Camille schüttelte entschuldigend den Kopf. ,,Tut mir leid". Etwas enttäuscht zog Felicie die Lippen zur Seite. ,,Hmm schade". ,,Hallo"? Camille wedelte vor Felicies Gesicht ,,Hast du vergessen was übermorgen ist"? Die Rothaarige blinzelte irritiert ,,Freitag"? Camille starrte ihre Freundin kurz fassungslos an. ,,Das ist ein Scherz Felicie. Du hast übermorgen Geburtstag"! Und die Erinnerung kam zurück. ,,Oh" machte Felicie ,,ja richtig. Ich habs voll vergessen" sie lachte. ,,Wie kann man denn seinen eigenen Geburtstag vergessen"? japste Camille. ,,Naja" hob Felicie an ,,im Waisenhaus gab es so viele Kinder, Geburtstage wurden nie groß gefeiert" sie hob die Schultern ,,nur Viktor hat mich mit aufs Dach genommen und den Abend mit mir verbracht. Eigentlich wie immer. Er hat noch nie meinen Geburtstag vergessen. Immer kam er mit einer neuen Erfindung". Camille staunte. ,,Ein richtig toller Freund was"? ,,Der Beste"! lächelte Felicie stolz. Camille schmunzelte wissend. Sie wusste ganz genau was Viktor plante. Allerdings rätselte sie an Merante und Odette. Außerdem waren da noch die anderen Schülerinnen, die ebenfalls eine Überraschung planten. Rudolph würde auch nicht mit leeren Händen auftauchen. Der blonde Romeo war zwar ein Draufgänger und Charmeur aber auch ein Gentleman. In gewisser Weise und sicherlich hatte er ein gutes Herz. Vor dem Tor der Oper hielten Beide noch einmal an. ,,Also Felicie, ich gehe jetzt in die Stadt. Meine Tante wartet dort auf mich". Felicie hatte sie schon einmal gesehen. Diane le Haut war das komplette Gegenteil von dem Monster einer Mutter, welches Regina war. Mutter konnte man sie eigentlich gar nicht nennen. Diane war die Schwester von Camilles verstorbenen Vaters. Eine edle und liebevolle Person. Soweit Camille es Felicie erzählte hatte, wusste sie, dass Diane eine Schneiderei führte. Felicie brachte ein dezentes Lächeln über ihre Lippen. ,,Viel Spaß Camille. Bis morgen". Die Mädchen umarmten sich. ,,Bis Morgen prima Ballerina" lachte die Blonde und Felicie erwiderte die Geste.

Sehnsüchtig, sah die Rothaarige Camille zu, wie sie ihrer Tante in die Arme lief und gemeinsam mit ihr in einer Kutsche verschwand und davon fuhr. Etwas machte Felicie traurig. Camille hatte eine leibliche Familie. Felicie hatte Odette und sie war wie eine Mutter für sie geworden, aber es stand nicht auf Papier und somit hatte sie weiterhin keine richtige Familie. Eigentlich hatte sie nie eine. Sie war schon sehr lange eine Waise und schon immer war sie mit Viktor zusammen gewesen. Apropos Viktor. Das Lächeln kam zurück als sie an ihren besten Freund dachte und sie beschloss zu ihm zu gehen. Später würde sie Odette beim Putzen der Oper helfen. Und vielleicht wenn keiner mehr da war, könnte sie in den Opernsaal schleichen und dort auf der großen Bühne tanzen. Sie liebte die Vorstellung. Sie schloss ihre Augen und in ihrem Inneren sah sie dann die hellen Lichter, das volle Publikum und sie konnte einfach eintauchen in ihre Fantasie.
Odette beobachtete sie dann immer heimlich und schmunzelnd. Es machte die junge Frau überglücklich, die kleine Felicie so tanzen zu sehen. Felicie hatte ihre Zukunft offen und sie würde tanzen. Sie würde tanzen mit Herz und Seele und Odette würde alles in ihrer Macht stehende tun, dass das auch so bleiben würde. Manchmal stach es Odette auch wie süßes Gift ins Herz, dass sie nicht mehr tanzen konnte. Der Vorfall vor 17 Jahren war daran Schuld. Zur falschen Zeit am falschen Ort. Außgerechnet unsere Prima Ballerina, hieß es damals. Die Zeilen waren groß auf schwarz weiß gedruckt überall in Paris umgegangen. Es war eine Katastrophe. Ein schrecklicher Brand. Sie hätte sterben können, damals in dieser Nacht. In der Nacht in der alle Lichter für sie erloschen und nur das lodernde Feuer den Himmel von Paris erhellte.

Gerade am Putzen und gerade heute erinnerte sich Odette. Sie erinnerte sich weil sie an Felicie dachte. Sie würde Übermorgen dreizehn werden und sie wollte ihr einen ganz besonderen Geburtstag schenken. Sie hatte nur wenig Geld aber sie arbeitete seit Monaten härter als sonst. Ihre Beziehung mit dem Tanzlehrer Louis Merante hielt sie so gut geheim wie nur möglich. Es war eine Schande, ein Jammer und ein Missgeschick. Es wäre ein Fiasko, würde man herausfinden, dass sich ein so wohlhabender und hoch angesehener Mann der Oper Garnier einer einfachen Putzfrau versprach. Sie lebten nun mal in einer Zeit, in der es im Folk nicht gerne gesehen war, wenn Reiche und Arme zusammen waren oder gar heirateten. Wie sehr es Odette verletzte, dass man schon lange vergessen hatte, wer sie einst gewesen war. Mit sechzehn Jahren war sie die beste Tänzerin von ganz Paris gewesen. Eliteschülerin Nummer 1 unter den Mädchen und Prima Ballerina. Merante war das männliche Gegenstück. Damals war alles so einfach gewesen. Damals waren Beide auf dem selben Stand. Er und sie und wäre das Feuer nicht gewesen, dann wäre es einfacher sich der Liebe hinzugeben und eine Beziehung ohne Angst einzugehen. Seit Jahren liebte sie ihn. Seit Jahren sah sie zu ihm auf. Seit Jahren bewundere sie ihn. Und bis vor wenigen Monaten hätte Odette nicht mal im Traum gedacht dass ihre Gefühle erwidert würden. Nie hätte sie gedacht, dass er genauso fühlte. Er war es gewesen, er hatte sie gerettet und auch er war immer für sie da gewesen. Aber sie hatte es immer abgetan. Plötzlich vernahm die Brünette eine Melodie. Ein Stück, dass sie nur zu gut aus der Vergangenheit kannte und es jagte ihr eine Gänsehaut über. Das konnte nicht sein oder? Bestimmt war es Rudolph der für seinen Auftritt übte. Aber waren die Übungszeiten nicht schon längst um?

Eine Seite in Odette zog sie förmlich in die Richtung von der die Musik kam und die andere Seite wehrte sich mit Hand und Fuß dagegen. Vielleicht war es aber auch einfach nur die sogenannte Vernunft die Erwachsene hatten. Wäre sie jetzt Felicie, wäre sie ohne Zögern hingelaufen das wusste sie. Nach einigem Überlegen fand sich die Brünette doch kurz vor dem Raum für Eliteschüler der damaligen Generationen. Ein Raum der schon seit mehreren Jahren nicht mehr genutzt wurde. Die Musik kam tatsächlich aus ihm und Odette lunzte etwas um die Ecke um durch die Glasscheibe der Tür zu spähen. Was sie sah, hatte sie tief in ihrem Inneren schon beinahe erwartet nur abgestritten. Es war nicht Rudolph, nein es war kein anderer als sein Tanzlehrer. Louis Merante. Eigentlich müsste es für Odette ein gewohnter Anblick sein. Merante tanzte nicht erst seit gestern und es war auch nicht so, als hätte sie ihn noch nie tanzen sehen. Etwas in ihr hatte sich gerührt. Und während sie damals hysterisch rot angelaufen wäre und davon gerannt, dass er sie bloß nicht sieht. Lehnte sie sich nur schnell gegen die Wand und legte sich die Hand an die Brust. Ihr Puls war in die Höhe geschossen und ihr Gesicht fühlte sich doch leicht hitzig an. Wie ein Reiz musste sie erneut hinsehen um sich zu versichern, dass sie keine Geister sah. Im Prinzip verhielt sie sich wie eine Idiotin. So fand sie. Sie war keine sechzehn mehr sondern ganze dreiunddreißig Jahre. Eine erwachsene Frau und dennoch brachte sie der Anblick dieses Mannes völlig um den Verstand. Wie sollte sie jetzt vorgehen? Vor dem Raum weiter putzen und so tun als hätte sie nichts gesehen? Oder an der Tür klopfen? Nein das wäre zu offensichtlich. Schließlich nahm sie den Wischmop und huschte an der Tür vorbei. Den Blick gesenkt. Wie ein fieses Omen öffnete sich die Tür kurz nachdem sie vorbei gegangen war. ,,Odette"? Bei dem Klang der Stimme, zog sie leicht die Schultern hoch während sie sich um den Wischmop krallte. Ok ganz ruhig. Sie musste einfach so reagieren wie immer. Seit dem Auftritt von Felicie, seit dem Kuss und seit dem sie wusste was er empfand, war es teilweise unmöglich einfach ruhig zu bleiben. ,,Ja Louis"? Und sie drehte sich um. Sekunden darauf weiteten sich ihre Augen und sie blinzelte. Von allem was sie erwartet hatte, war ein Oberkörper freier Merante das Letzte gewesen. ,,Auch du meine Güte"! schnappte sie nach Luft und hob die Hand an die Stirn. ,,Überrascht"? Und er kam auf sie zu. ,,Überrascht? Hm" und sie räusperte sich laut. Atmete tief durch um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. ,,Sollte ich überrascht sein"? Und sie klang wieder selbstsicher und standfest. Innerlich lief sie allerdings gerade über vor Scham. Himmel und wie sie überrascht war und wie gerne sie diesen wohl gebauten Körper länger angestarrt hätte. ,,Wenn du mich entschuldigst, ich habe noch Arbeit zu erledigen" erwiderte sie rasch. Gerade wollte sie sich wegdrehen, um der Situation zu entfliehen, da wurde sie am Handgelenk gezogen. In einer Walzerdregung landete sie wieder in den den Armen ihres Freundes. ,,Oh" Erneut schnappte Odette verblüfft nach Luft. Gesicht an Gesicht sahen sie sich nun in die Augen. ,,Deine Arbeit kann warten" schmunzelte Merante. ,,Ich bin da anderer Meinung" schluckte sie, während sie sich etwas nach hinten schob um eine Distanz zu schaffen. ,,Du arbeitest ein wenig zu hart in letzter Zeit" bemerkte Merante ,,ich habe dich beobachtet. Du solltest eine Pause einlegen". er seufzte besorgt. ,,Das geht nicht" Odette befreite sich nun gänzlich aus der Umarmung. Wieder im Ernst der Lage, sah sie ihn an. Zweierlei Dinge drückten sie zusammen. Das Erste war, dass sie in der Position kaum ein Recht hatte sich auf eine Beziehung mit Merante ein zulassen und Zweitens musste sie doch härter arbeiten. Für Felicie. ,,Was ist los mit dir Odette? So kenne ich dich gar nicht" Merante musterte sie. ,,Es geht nicht..." meinte sie nun ernst. ,,Was geht nicht"? Und seine Worte waren sanft. Tränen begannen in ihren Augen zu brennen. Sie konnte es nicht. Sie brachte es nicht fertig es ihm zu sagen. Wusste er wie hart es war? Was sie durch machte? Jahrelang als Putzfrau zu arbeiten? Merante könnte sich einer wohlhabenden Frau versprechen. Einer Frau in einer anderen Situation. Nicht einer einfachen Putzfrau. Mittlerweile hatte Merante wieder seine übliche Alltagskleidung angelegt. ,,Lass uns darüber reden" liebevoll legte er seinen Arm um ihre Schulter und führte sie den Gang entlang. ,,Es ist wegen Felicie..." hob Odette an und es war teilweise die Wahrheit. ,,Sie hat doch übermorgen Geburtstag. Ich möchte ihr mehr bieten als das was sie bisher kannte. Ich weiß dass sie mit weniger zufrieden ist aber..". ,,Verstehe" Merante hob die Hand an sein Kinn. ,,Ich möchte dir weiterhin helfen" bemerkte er. ,,Du müsstest wissen wie ich empfinde". Odette starrte ihn an und für diesen Moment wollte sie nicht fort laufen. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. Nicht mal wenn sie wollte würde sie wegrennen. Sie konnte es gar nicht mehr. ,,Aber Ich bin doch nur eine Putzfrau" murmelte sie und Merante hob ihr Kinn sodass sie ihm wieder in die Augen sah. ,,Du bist viel mehr als das und das weißt du". Sie schwieg. Den Tränen näher als vorher. ,,Ich war Louis..." wieder wollte sie den Blick abwenden aber er lies es nicht zu. ,,Denkst du ich werde zulassen, dass dir noch einmal ein Unrecht geschieht? Ich habe mich für dich entschieden und daran ist nichts falsch. Gib mir nur etwas Zeit an den Feinheiten zu Arbeiten". Odette wollte weinen am liebsten wäre sie jetzt wieder ein paar Jahre jünger. Vielleicht auch deshalb weil sie dachte, dass jüngere Frauen eher einen Nervenzusammenbruch haben durften. Vielleicht war sie aber auch einfach zu stur. Manche Reaktionen konnten aber auch nicht aufgehalten werden. Tief ein und ausatmend legte sie ihren Kopf an seine Schulter. ,,Ich danke dir so sehr". Sofort zog er die Arme um ihren Rücken dichter zusammen. ,,Ich verspreche dir und Felicie die Zukunft zu geben, die ihr verdient Odette ich verspreche es dir".