Kapitel 2 – Vom Apparieren und von Portschlüsseln

Juni 1978

Gegen Abend, als die Sonne schon lange untergegangen war verabschiedete sich James von den Evans. Jedoch nicht ohne eine lange Umarmung mit Lily, die sie in dem kleinen heimelichen Flur teilten.

„Kommst du Morgen zu uns?", fragte er hoffnungsvoll. „Nachdem Dad, Sirius und mir bald die Rippen gebrochen hat wollte er sofort wissen wo du bist und wann du vorbei schaust. Man könnte fast denken er mag dich", stichelte er.

Seine Freundin lächelte und versetzte ihm einen kleinen Knuff.

„Ich habe auch Eltern. Die kann ich nicht vernachlässigen. Besonders jetzt nicht, nachdem ich sie durch ihre persönliche Hölle geschickt habe!"

Prongs zog die Augenbrauen hoch. „Jetzt übertreibst du aber."

„Vielleicht", grinste sie breit.

„Nimmst du morgen das Flohnetzwerk?", erkundigte er sich.

„James, dass ist ein Muggel- Haus. Wir sind nicht ans Netzwerk angeschlossen."

„Dann solltest du es anmelden."

„Meine Eltern werden einen Schock bekommen, wenn plötzlich jemand aus dem Kamin fällt! Mom wird mit den Stricknadeln attackieren und Dad hat den Schlüssel zum Waffenschrank immer bei sich!"

„Deine Eltern sind aufgeschlossene Muggel. Dein Vater wird begeistert sein und niemanden mit einem Gehtolver erschießen", frohlockte James.

Lily kicherte. „Revolver, James. Ich befürchte, wenn Dad raus bekommt wie einfach es ist, wird er sich nicht mehr anders fortbewegen wollen."

„Aber sieh es doch mal von der Seite, wenn wir zusammen leben und deine Eltern zu Besuch kommen wollen ist es der einfachste Weg", machte er klar.

„Mh, du hast Recht."

„Sag ich doch! Du solltest gleich morgen früh ins Ministerium apparieren."

Lily seufzte resignierend und vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter. „OK, meine Eltern werden an das Flohnetzwerk angeschlossen."

„Außerdem möchten sich unsere Eltern bestimmt kennen lernen und unsere Mütter werden sich gemeinsam über die Hochzeit den Kopf zerbrechen wollen", James streichelte ihren Rücken. „Du tust mir jetzt schon leid", bedauerte er seine Freundin.

„Warum das denn?"

„Meine Mutter ist die ungekrönte Königin der Feste. Da wird selbst aus dem schlichten Nachmittagstee eine Gartenparty, die denen der Queen alle Ehre macht", er blickte sie vielsagend an.

„Na da passen unsere Mütter ja gut zusammen. Ich ahne, dass sich meine richtig austoben will, weil Petunia heimlich ohne uns geheiratet hat."

„Und deswegen braucht ihr einen Kamin am Flohnetzwerk. Das macht es für unsere Mütter einfacher."

„Ich werde das Gefühl nicht los, dass du das alles sehr witzig findest", bemerkte Lily misstrauisch.

„Ja, das tue ich", lächelte er und drückte sie näher an sich, ohne einen weiteren Satz von ihr zuzulassen.

Die kleine Wandleuchte flackerte. Eine Uhr tickte rhythmisch. Mrs Evans klapperte etwas mit dem Geschirr. Man hörte Mr. Evans tiefe Stimme leise vor sich hin brummen und dann ein Maunzen von Nero, der wohl auf sein Brummen antwortete.

„Bleib heute Nacht bei mir", bat Lily.

„Haben deine Eltern nichts dagegen?"

Sie blickte ihn ungläubig an.

„James, wir sind volljährig und wir sind verlobt. Ich glaube nicht, dass meine Eltern denken, wir sitzen nur brav nebeneinander und trinken Tee."

Er lächelte unbeholfen. „Da hast du auch wieder Recht. Aber ich muss ja nichts heraus fordern."

Lily nahm seine Hand und zog ihn einfach mit sich die Treppe hinauf.

*~*~*

Lily lag noch immer zwischen den Kissen und streckte sich wie eine Katze. Dann rollte sie herum um drückte ihr Gesicht in die Matratze. Haarsträhnen verdeckten ihr Gesicht und hingen über den Bettrand. Ihre Haut schimmerte seidig in der Morgensonne, die durch das Fenster schien. James saß am Bettrand und betrachtete sie sehnsüchtig.

„Was wirst du heute machen?", ertönte ihre gedämpfte Stimme.

„Mit Sirius eine Wohnung suchen."

Lily warf den Kopf hoch. „Eine Wohnung?"

„Ja, jetzt da er aus Hogwarts raus ist will er eine eigene Wohnung. Einer seiner Onkel hat ihm ein hübsches Sümmchen hinterlassen und da ist das kein Problem." Geschickt zog er seine Socken an.

„Ophelia wird traurig sein, oder?"

„Ich denke schon. Padfoot wollte es ihr gerade sagen, als ich zu dir wollte."

„Und da hast du dich einfach aus dem Staub gemacht?"

Ihr Freund grinste und knöpfte sein Hemd zu.

„Klar, Sirius soll auch was davon haben", und er beugte sich zu Lily hinunter. James platzierte einen Kuss auf ihre Stirn, ihre Nasenspitze und dann auf ihren Mund.

„Bis heute Abend."

Sie lächelte. „Ich werde durch den Kamin kommen."

„Nein! Das ist nicht dein ernst. Du wirst durch den Kamin kommen?", fragte er übertrieben.

„Ja, ich werde durch den Kamin kommen, kaum zu glauben, oder?", antwortete sie übereifrig.

„Durch eueren neu erworbenen ‚Flohnetzwerkkamin'?", fragte er erneut.

„Ja, ist das nicht unglaublich?", konterte sie.

Bevor James jedoch noch eine weitere ironische Antwort geben konnte, versiegelte sie seine Lippen mit ihren.

*~*~*

Etwas später schlenderte Lily in die Küche und verkündete ihren Eltern, dass sie den Kamin im Wohnzimmer beim Flohnetzwerk anmelden würde. Mrs Evans fand diese Nachricht erst etwas beunruhigend, aber nachdem ihre Tochter ihr alle Vorzüge erklärt hatte schien sie eher begeistert.

Nun stand sie im Atrium des Zaubereiministeriums. Geschäftiges Treiben herrschte auf den Gängen, so das dass Plätschern des Brunnens mit der Hexe, dem Zauberer, Zentauren, Kobold und Hauself unterging. Ministeriumsangestellte besprachen wichtige Themen im vorbeigehen und Memos und Eulen sausten über ihre Köpfe hinweg. Lily trat mit einigen anderen Hexen und Zauberern in einen Fahrstuhl. Die Gitter schlossen sich krachend und der Aufzug setzte sich in Bewegung. Eine kühle Frauenstimme ertönte.

„Siebter Stock, Abteilung für Magische Spiele und Sportarten, mit der Zentrale der Britischen und Irischen Quidditch- Liga, dem Offiziellen Koboldstein- Klub und dem Büro für Lächerliche Patente."

Ein Zauberer mit einem Kasten, der bedrohlich rumpelte, stieg aus. Einige Memos schossen ihm nach und streiften sein Haar.

Die Gitter schlossen sich wieder und es ging weiter.

„Sechster Stock, Abteilung für Magisches Transportwesen, mit der Flohnetzwerkaufsicht, dem Besenregulationskontrollamt, dem Portschlüsselbüro und dem Apparier-Test-Zentrum."

Das war Lilys Etage und mit einer jungen Hexe drängte sie sich aus dem Aufzug. Vor einem Jahr war sie schon einmal hier gewesen, als sie ihren Appariertest hatte. Damals war sie total aufgeregt gewesen, weil ihr Vater sie gebeten hatte sich nicht unbedingt über halb England zu verstreuen und Muggel wegen vermeintlichen Leichenteilen in Panik zu versetzen.

Zielsicher schritt sie auf eine Türe zu, an der das Schild

‚FLOHNETZWERKAUFSICHT'

hing.

„Na dann", sprach sie zu sich und trat ein.

Der Unterschied konnte nicht größer sein, als sie vom hellen Flur herein kam. Das Büro war dämmrig und eine unsichtbare Quelle spendete gedämpftes Licht. Gleich vor Lily baute sich ein mächtiger Tresen auf, hinter dem die junge Hexe aus dem Aufzug platz genommen hatte. Hinter ihr standen mehrere Schreibtische, an denen sich Hexen und Zauberer durch Pergamentstapel kämpften die gefährliche Höhen erreichten und bedrohliche wackelten. Auf einer großen Tafel an der gegenüberliegenden Wand war eine überdimensionale Karte angebracht, die Großbritannien darstellte. Viele Punkte blinkten, die mit Linien verbunden waren, die sich zu immer dickeren Bündeln vereinten.

„Kann ich Ihnen helfen?", fragte die Hexe freundlich.

„Ähm, ja. Ich würde gerne den Kamin meiner Eltern an das Flohnetzwerk anschießen lassen."

„Aha. Na gut.", darauf hin zog die junge Frau ein Pergament und eine Pinke Schreibfeder hervor.

„Name?"

„Evans."

„Wohnort?"

„Cranford."

„Straßenname?

„Rose Hip Street."

Lily blickte auf ein Schild.

„Madame Edgecombe" stand darauf.

Mrs Edgecombe kritzelte die Daten auf das Papier. Dann drehte sie sich um und zeigte mit ihrem Zauberstab auf die Karte. Wie durch Zauberhand erschienen die Umrisse von Cranford. Vier Punkte leuchteten auf. Von jedem ging eine Linie ab, die sich dann zu einer vereinten.

„Warum wollen sie den Kamin jetzt erst anmelden? Wie haben sie es ohne einen je ausgehalten? Richtige Zauberer brauchen einen Flohnetzwerkanschluss", lächelte Mrs Edgecombe

„Ich war bis jetzt in Hogwarts, wir brauchten keinen", erwiderte Lily kühl.

„Sind ihre Eltern Muggel?", erkundigte sich ihr Gegenüber erstaunt.

„Ja, ist das ein Problem?", fragte Lily nun etwas ärgerlich. Diese Hexe vermittelte Lily das Gefühl, als wäre es eine Benachteiligung Muggel Eltern zu haben und sie beschloss diese Frau nicht zu mögen.

„Nein, natürlich nicht. Es ist nur etwas ungewöhnlich", entschuldigte sich die junge Hexe.

„Aber warum ist das ungewöhnlich?"

„Nun ja, es erfordert etwas mehr als nur den üblichen Anschluss. Er muss mit einer Sperre versehen werden, dass nur Zauberer, Hexen und ihre Eltern durch das Flohnetzwerk reisen können."

„Aber warum muss er für andere Menschen gesperrt werden?"

„Sie wissen sicherlich um die Bestimmung zur Geheimhaltung der Magischen Welt", fragte Mrs Edgecombe, als sollte man dieses Gesetz immer im Hinterkopf haben.

„Ja, natürlich", antwortete Lily nun ungehalten.

„Nun gut", lächelte die Ministeriumsangestellte plötzlich. „Heute Abend wird der Anschluss fertig sein. Sie bekommen vorher eine Eule."

„Danke", zwang sich Lily.

„Keine Ursache", lächelte Mrs Edgecombe noch immer.

Unsympathische Frau, schnaufte Lily, als sie zum Aufzug ging und drückte den Knopf fester als nötig der darauf hin fauchte.

Die Gitter öffneten sich und sie schlüpfte hinein.

„Lily?", fragte jemand erstaunt hinter ihr.

Sie wirbelte herum und blickte in Thaddäus Potters Augen.

„Mr. Potter, äh, ich meine Thaddäus", stammelte Lily überrascht und ihr Ärger verflog.

„Wie geht es dir?", fragte ihr zukünftiger Schwiegervater freundlich.

„Danke, sehr gut. Und dir?"

„Oh, du kennst mich ja", zwinkerte er ihr zu.

Lily lächelte ihn an.

Neben Thaddäus stand ein Zauberer, der den Eindruck machte als gehöre er zu Mr. Potter. Der Unbekannte hatte graues Haar. Sein Gesicht war wettergegerbt und etwas vernarbt. Er betrachtete Lily misstrauisch.

„Alastor, dass ist meine zukünftige Schwiegertochter!", stellte Thaddäus Lily unweigerlich dem ganzen Fahrstuhl vor. Obwohl es nur für den unfreundlich, grummelig aussehenden Zauberer gedacht war.

„Freut mich", lächelte Lily erneut und streckte ihm ihre Hand entgegen. „Lily Evans.", stellte sie sich vor.

Der Zauberer sah sie etwas überrascht an. Thaddäus rempelte ihn an. „Ich versichere dir, mit ihr ist alles in Ordnung!", bezeugte Mr. Potter.

Erst darauf hin nahm er Lilys Hand. „Alastor Moody.", sagte er etwas schroff und drückte ihre Hand. Wie schon sein Gesicht, so waren auch seine Hände rau und vernarbt.

Die kühle Frauenstimme ertönte wieder und sagte, dass sie im Atrium angekommen wären. Alle Zauberer, Hexen und Memos strömten aus dem Aufzug.

„James meinte, du wirst heute Abend zum Essen kommen" erinnerte sich Thaddäus und strahlte.

„Ja, das stimmt. Ich habe gerade unseren Kamin angemeldet, damit ich nicht irgendwo in Bergenfield apparieren muss."

„Sehr gut", nickte Mr. Potter zustimmend. „Wir erwarten dich gegen 18 Uhr."

„Ich werde da sein."

Lily verabschiedete sich ausgiebig von den beiden Zauberern und apparierte nach Hause. Als sie ihren ganzen Körper wieder spürte, nahm sie noch die letzten Atemzüge eines Schreies wahr und das Klirren von einem Teller.

„Liebling, hast du mich erschreckt. Daran werde ich mich wohl auch nie gewöhnen", atmete Julie schwer und nahm ihre Hand von ihrer Brust.

„Entschuldige Mom, demnächst werde ich besser im Flur apparieren."

„Macht nichts. Aber könntest du das Geschirr wieder ganz machen?", fragte Mrs Evans.

„Ja, klar", und Lily zog ihren Zauberstab.

„Kommst du mit mir zum Einkaufen? Wir müssen uns doch schon einmal informieren, was es in den Brautgeschäften so gibt", sagte ihre Mutter plötzlich und zwinkerte freundlich.

Ihre Tochter grinste. „Du kannst es kaum erwarten, stimmt's?"

„Kannst du es mir verübeln?"

„Nein."

„Na dann komm!", und ihre Mutter schleifte sie aus der Küche.

Gemeinsam schlenderten sie durch die Geschäfte der Einkaufspassage. Die Innenstadt von Cranford war um die Mittagszeit sehr belebt und Horden von Menschen drängelten sich durch die Straßen.

In einem Geschäft für Hochzeitskleider hatten Lily und Julie halt gemacht.

„Manche Hochzeitskleider sehen wie Gardienen aus", flüsterte Lily ihrer Mutter verstohlen zu und versuchte so leise wie möglich zum nächsten Kleiderständer zu gehen um nicht die Aufmerksamkeit der Verkäuferin zu erregen. „Außerdem stehen mir die Farben gar nicht. Was will ich mit einem champagnerfarbenen Kleid, oder einem cremefarbenen. Da sehe ich aus wie ein Törtchen mit einer Dessertkirsche oben drauf."

Julie Evans fing an zu lachen. „Du bist unmöglich."

„Mom, mir steht dunkelblau und schwarz. Aber nicht das da.", sie zeigte auf die Törtchenkleider.

Mrs Evans schaute sie skandalös an. „Du kannst kein dunkelblaues, oder schwarzes Hochzeitskleid haben!"

„Das weiß ich auch."

Ihre Mutter seufzte resignierend. „Wir haben ja noch Zeit. Wir finden schon noch was."

Sie verließen das Geschäft, sehr zum Missfallen der Verkäuferin und bummelten die Schaufenster entlang. Sie machten sich gerade über ein Paar Schuhe lustig, als es einen großen Knall gab. Schreie erfüllten die Luft.

Julie und Lily wirbelten herum.

„Was war das?", fragte Mrs Evans ängstlich.

„Ich weiß es nicht, Mom."

Lily fixierte das Ende der Einkaufspassage an. Menschen rannten die Straße entlang. Sie schienen sich in Sicherheit zu bringen vor... mehreren schwarzen Punkten, die sich rasch auf sie zu bewegten. Lichtstrahlen gingen von diesen Punkten aus und dann wurde ihr klar, was vor sich ging.

„Du musst hier weg!", sagte Lily, als hätte sie gerade einen Marathon hinter sich und zerrte ihre Mutter am Arm. „Komm schon!"

Mrs Evans blickte sie verwundert an.

„Mom, komm schon!", drängte ihre Tochter und zog sie mit sich.

Beide rannten so gut es ging die Passage entlang. Flüche schossen über ihre Köpfe hinweg. Lily blickte sich schnell um. Die schwarzen Umhänge kamen immer näher. Es schien, als gäbe es kein Entrinnen.

„Mom, hier rein!", und sie zog Julie in einen Laden. Das Spielzeuggeschäft war verlassen. Fieberhaft suchte sie nach einem zweiten Ausgang im hinteren Teil des Ladens.

„Verdammt!", fluchte Lily und fuhr sich entnervt mit den Händen durch ihr Haar.

Mrs Evans sah sie perplex an. „Lily, was geht hier vor?", fragte sie.

„Das ist ein Angriff von Todessern, Mom. Ich muss dich hier weg bringen und das Ministerium alarmieren!", brauste ihre Tochter ungestüm auf.

„Aber...", setzte ihre Mutter an.

„Mom, ich schicke dich jetzt mit einem Portschlüssel nach Hause", erklärte Lily in aller Eile und nahm willkürlich einen Plüschhund aus einem Regal. „Der bringt dich direkt heim!"

„Aber...", versuchte Julie erneut, doch sie war zu fasziniert davon, als Lily „Portus" sagte und der Plüschhund kurz aufleuchtete.

„Nimm ihn!", und Mrs Evans bekam das Stofftier in die Hand gedrückt. „Ich komm sofort nach, Mom. Mach dir keine Sorgen um mich. Ich zähle jetzt von drei abwärts und dann spürst du ein Ziehen unter deinem Bauchnabel", warnte Lily vor. „Sei vorsichtig, wenn du landest. Drei, zwei, eins."

Julie Evans fühlte einen mächtigen Ruck hinter ihrem Bauchnabel, sie spürte den Boden nicht mehr unter ihren Füßen und ihre Hand klebte an dem Stofftier fest. Ein Wirbel von Farben umgab sie. Noch eine Millisekunde zuvor hatte sie in das angespannte Gesicht ihrer Tochter gesehen und nun umgaben sie Farben, die sie zuletzt in ihrer Jugend gesehen hatte, nachdem sie an einem Joint gezogen hatte. Doch plötzlich traf sie wieder auf die Wirklichkeit und auf den harten Fußboden in ihrem Wohnzimmer, in Cranford, in der Rose Hip Street.

Mühsam rappelte sie sich auf. Angst fuhr ihr in die Glieder. „Lily!", flüsterte sie und drückte den Plüschhund an sich.

Lily atmete auf. Ihre Mutter war in Sicherheit. Aber was war mit anderen Muggeln? Flink rannte sie zum Ausgang des Geschäftes und verbarg sich hinter einem nahen Pfeiler. Die Todesser waren schon bis in die Mitte der Einkaufsstraße vorgedrungen. Vorsichtig spähte sie um eine Ecke.

In ihrer Nähe schrie ein Mann vor Schmerzen und ihre Nackenhaare stellten sich auf. So hört sich der Cruciatus wirklich an, dachte sie und machte sich bereit.

„Petrificus Totalus", flüsterte sie und der Fluch traf einen Todesser genau auf die Brust. „Stupor!", wisperte sie erneut und der Lichtblitz schoss einem anderen zwischen die Schulterblätter. Der Muggel, den er gerade mit einem Impedimenta Fluch belegt hatte versuchte so schnell wie möglich davon zu kommen. „Finite", dachte Lily um nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und der Fluch wurde aufgehoben. Der Muggel machte zuerst ein erstauntes Gesicht, doch dann rannte er so schnell er konnte.

„Da hinten ist jemand!", rief eine tiefe Stimme, die sie von irgendwo her kannte und Sekunden später schlug ein Fluch über ihr ein.

Verdammt, ich muss hier weg, und Lily disapparierte bevor sie jemand daran hindern konnte.

Das große Atrium des Zaubereiministeriums lag vor ihr. So schnell sie konnte lief sie durch die Menge und stieß Hexen und Zauberer beiseite. Einige riefen ihr empört nach. Anscheinend wusste noch niemand von dem Angriff. Sie rannte an dem Sicherheitszauberer von heute Morgen vorbei. Dieser blickte sie fassungslos an, doch als er sich endlich erhoben hatte war Lily schon in einem Aufzug verschwunden.

„Komm schon", sagte sie ungeduldig und drückte den Knopf für die zweite Etage. Nicht einmal, nicht zweimal, sondern gleich fünfmal und es ertönte lautes zischen und fauchen. Dem Knopf gefiel diese Behandlung anscheinend gar nicht.

Umstehende Ministeriumsangestellte und Besucher betrachteten sie argwöhnisch.

„Los, mach doch endlich", trippelte sie von einem Bein auf das andere.

„Sechster Stock...", ertönte die kühle Frauenstimme.

Oh jetzt mach doch endlich, fluchte Lily innerlich. Wegen diesem blöden Fahrstuhl müssen vielleicht Muggel sterben.

Mittlerweile waren sie im Dritten Stock angekommen.

Ein Zauberer marschierte gemächlich aus dem Aufzug.

„Machen Sie doch schneller", herrschte Lily den Mann an. „Ich muss unbedingt in die Aurorenzentrale! Es geht um Leben und Tod!"

Der Zauberer blickte sie verstört an, beeilte sich dann aber, nachdem er ihren grimmigen Gesichtsausdruck gesehen hatte. Die Gitter krachten wieder zu. Nur noch wenige Sekunden trennten sie davon Thaddäus zu alarmieren.

„Zweiter Stock- Abteilung für Magische Strafverfo...", hörte Lily nur noch die kühle Frauenstimme und sie raste aus dem Fahrstuhl und auf eine Tür zu, über der ein Schild hing.

„Aurorenzentrale"

Nun stand sie inmitten eines Raumes, der in viele Bürozellen unterteilt war. Stimmengewirr waren von allen Seiten zuhören. Fotos, von gesuchten Zauberern und Hexen blinkten ihr von den Wänden entgegen. Doch Lily ignorierte alle diese Sachen und lief auf den erst besten Auror zu.

„Wo finde ich Thaddäus Potter?", bestürmte sie den Zauberer mit dem kleinen Pferdeschwanz.

Dieser war so überrascht, dass er gleich antwortete. „Da hinten", und er deutete auf den hinteren Teil des Raumes. Er sah nur noch Lilys wehendes Haar.

„Mr. Potter!", rief Lily von weitem. Das zog die Aufmerksamkeit aller anwesenden Auroren auf sich.

Thaddäus blickte erstaunt von einem Gespräch mit einem Mann auf, der fast das Aussehen eines Löwen hatte.

„Lily? Was..?"

„In Cranford, in der Einkaufspassage sind Todesser. Ich konnte meine Mutter gerade noch in Sicherheit bringen!"

„Wie lange ist das her?"

„Vielleicht fünf Minuten..."

Mit einem Mal setzte sich alles in Bewegung. Sämtliche Auroren sprangen auf Mr. Potters Befehl von ihren Plätzen und hasteten davon.

„Hat dich jemand gesehen?", wollte der Mann mit der Löwenmähne wissen.

„Ich weiß es nicht genau, ich konnte noch zwei Muggel befreien und dann bin ich hier her appariert."

„Das hast du gut gemacht", tätschelte ihr Thaddäus die Schulter. „Du apparierst jetzt zu deiner Mutter. Sie wird sich bestimmt Sorgen machen. Rufus, lass uns gehen!"

Darauf hin disapparierte Mr. Potter und sein Kollege. Lily stand in einem leeren Büro und starrte auf den Punkt, wo zuvor noch ihr zukünftiger Schwiegervater gestanden hatte.

„Man kann hier her apparieren?", rief sie mit hysterischer Stimme in die Stille.

*~*~*

Als Lily im Wohnzimmer ihrer Eltern apparierte erkannte sie sofort ihre Mutter zusammengekauert auf dem Sofa. Diese blickte auf und atmete erleichtert auf. Ihre Tochter setzte sich neben sie.

„Liebling, ich habe mir solche Sorgen gemacht!", Julie drückte Lily fest an sich.

„Mom, geht es dir gut?", erkundigte sie sich unter Luftmangel.

„Ja...", Mrs Evans hatte eine weinerliche Stimme.

„Mom, alles ist gut", tröstete die jüngere Frau. „Wer apparieren kann entkommt immer", lächelte sie aufmunternd.

„Es war gut, dass du da warst", atmete Julie tief. „Ich hätte nicht entkommen können, wenn du nicht gewesen wärst."

„Mom, deswegen will ich Auror werden", sagte Lily schlicht. „Damit ich Menschen helfen kann zu entkommen", sie blickt ihrem Gegenüber fest in die Augen.

Ihre Mutter nickte.

„Ja, du solltest Auror werden, Liebling!", und sie strich ein Haar aus ihrem Gesicht.

Bei diesen Worten fiel Lily ein Stein vom Herzen. Ihre Eltern hatten zwar widerwillig zugesagt, sie zu unterstützen, aber jetzt, da ihre Mutter vollends hinter ihr stand fühlte sie sich sehr erleichtert.

Gemeinsam saßen sie auf der Couch. Der Plüschhund lag auf dem Wohnzimmertisch.

„Wenn dein Vater das erfährt...Wann glaubst du können wir das Auto wieder holen? Meinst du es ist sicher vor denen?", wollte Julie wissen.

„Das Auto sollten wir morgen erst holen. Die Innenstadt wird nur so von Auroren und der Eingreiftruppe wimmeln."

Lily blickte auf die Uhr über dem Kamin. Es war später Nachmittag. Der Flohnetzwerkanschluss müsste bald bereit sein. Außerdem musste sie sich fertig machen.

„Mom, ich nehme jetzt ein Bad. Wenn eine Eule kommt, dann nimm ihr den Brief ab. Das ist die Benachrichtigung, dass wir ans Flohnetzwerk angeschlossen sind."

Mrs Evans nickte und Lily begab sich in ihr wohl verdientes Bad.

Der Wasserdampf schwebte durch den Raum und beschlug Spiegel und Fließen. Schaum bedeckte die Wasseroberfläche. Auch wenn es mitten im Sommer war, ein heißes Bad konnte durch nichts ersetzt werden.

Es klopfte.

„Lily? Kann ich rein kommen?", rief ihre Mutter.

„Ja."

Julie steckte den Kopf in die Tür. „Zwei Briefe sind gekommen. Der eine ist von der Flohnetzwerkdingsda und der andere von einem Thaddäus."

„Was schreibt er?", wollte Lily begierig wissen.

„Danke!", antwortete Mrs Evans.

„Mehr nicht?"

„Nein, nur „Danke!"

Etwas später betrachtete sich Lily im Spiegel. Sie trug einen schwarzen, knielangen Rock und ein ärmelloses mindgrünes Oberteil. Akzeptabel, grübelte sie und bedauerte, dass ihr Spiegelbild kein Kommentar abgeben konnte. Sie nahm ein kleines Säckchen mit Flohpulver von ihrem Schreibtisch und ging ins Wohnzimmer.

„Wir sehen uns morgen, Mom", verabschiedete sie sich.

„Pass auf dich auf und grüß die Potters von uns."

„Ja, das werde ich machen", versprach sie.

Nachdem Lily den Kamin vergrößert hatte trat sie in die Feuerstelle, in der bereits grüne Flammen züngelten. „Bergenfield, Potter Anwesen!", sagte sie gelassen und warf mehr Flohpulver auf den Boden. Es zischte und qualmte und dann sauste sie durch das Flohnetzwerk.

Lily taumelte aus dem Kamin in der Küche als eine Hand sie auf fing und ihr Halt gab.

„An das Flohnetzwerk gewöhnst du dich nie, oder?", fragte jemand und sie blickte in Sirius Gesicht. „Prongs, sie ist hier!", rief er lauthals.

Schritte ertönten und James eilte auf sie zu, entriss sie Padfoot und drückte sie mit aller Kraft an sich.