Hermine betrat zögernd den Gemeinschaftsraum und lies ihre Blicke schweifen. Überall waren Schüler die sich, unter Zuhilfenahme von Händen und Füssen, ihre Ferienerlebnisse erzählten. Das Feuer im Kamin war aus, denn noch war es zu warm um diese Jahreszeit – obgleich es selbst an den wärmsten Tagen immer irgendwie kühl war hinter den dicken Mauern des Schlosses.
Sie ließ ihre Augen von einem zum anderen wandern, doch der rothaarige Schopf von Ron Weasley war nirgends zu entdecken. Auch Harry, ihr gemeinsamer Freund - durch eine blitzförmige Narbe auf der Stirn gekennzeichnet – befand sich scheinbar nicht im Tumult des Gemeinschaftsraumes.
„Suchst du Ron?", erklang dicht hinter ihr eine etwas spöttische Stimme. Hermine drehte sich erschrocken um, um sich Lavender Brown gegenüber zu sehen.
„Ja – weißt du wo er ist?" Hermine lächelte das Mädchen freundlich an. Lavender hatte ein hübsches Gesicht, war für ihren Geschmack aber viel zu schrill und aufdringlich. Genau wie ihr Parfüm, wie sie naserümpfend feststellte.
Lavender erwiderte ihr Lächeln um keinen Millimeter. Mit hochmütigem Gesicht blickte sie von oben auf Hermine herab. „Ron ist mit Harry draußen auf dem Quidditch Feld. Ich wollte gerade auch dort hin und den beiden ein bisschen zuschauen." Damit ließ sie Hermine stehen, lief die Treppen an ihr vorbei hinunter, und verschwand durch das Portraitloch.
Hermine seufzte leise während sie ihr hinterher sah. Wenn Lavender wirklich in Ron verknallt war dann musste sie einen ganz schönen Hass auf sie haben. Hoffentlich nahm sich Ron ihre Trennung nicht zu sehr zu Herzen und hoffentlich konnte Ginny die Situation retten und etwas für Lavender tun. Hermine gönnte es den beiden.
Langsam stieg sie die Treppen hinab und kämpfte sich durch die ständig neu eintreffenden Schüler. Plötzlich blieb ein Sechstklässler in einiger Entfernung zu ihr stehen, und deute hell aufgeregt und mit zitterndem Zeigefinger direkt auf sie. „Ein großes Unglück ist geschehen!", dröhnte er lautstark über die Köpfe der anderen hinweg. Viele blieben stehen und schauten erstaunt oder erschrocken zu der jungen Hexe.
Auch Hermine war stehengeblieben und starrte den Jungen an, ohne zu begreifen, was er von ihr wollte. „Hermine Granger ist ohne auch nur ein einziges Buch unterwegs! Es MUSS etwas Schreckliches passiert sein!", posaunte er und die letzten Worte gingen in ein hämisches, meckerndes Lachen über.
Hermine spürte wie alle sie anstarrten und wurde rot – vor Wut, Zorn und Scham. Viele fielen in das Gelächter mit ein und feixten lauthals und schadenfroh. Hermine senkte schnell den Blick, zog ihren Umhang enger um ihre Schultern und machte das sie durch das Portraitloch davon kam.
Nein – hier war niemand der Interesse an ihr hatte. Und auch niemand den sie interessant gefunden hätte. Den Abschlussball würde sie wahrscheinlich nur für eine halbe Stunde besuchen – damit ihre Freunde Ruhe gaben. Dann wollte sie sich irgendwohin zurückziehen, wo sie in Ruhe und ungestört lesen konnte und ihre Einsamkeit nicht zu schmerzhaft wurde.
Stille Kühle empfing sie wohltuend als die Tür hinter ihr zu fiel. Nur das immerwährende Rumpeln der sich bewegenden Treppen war zu hören, unterbrochen hier und da durch ein paar vereinzelte Stimmen, von Schülern, die noch nicht in ihren Gemeinschaftsräumen angekommen waren.
Sie schloss kurz die Augen, atmete tief durch und machte sich auf den Weg die Treppen hinab, nach draußen zum Quidditchfeld.
„Oh unsere kluge Miss Granger! Willkommen, willkommen!" Sie drehte den Kopf in die Richtung aus der die nasale Stimme gekommen war, und sah ins Gesicht eines vornehmen älteren Herrn, der auf einem der Portraits, die zahlreich im Treppenhaus hingen, in einem gemütlichen Ohrensessel saß und ein Lexikon in der Hand hielt.
Hermine erinnerte sich dunkel, ihm im letzten Jahr mehrere Fragen beantwortet zu haben, bezüglich einiger Begriffe die er ständig irgendwo las, im Lexikon aber nicht finden konnte. Tiere, Pflanzen, andere Länder – ihn schien einfach alles zu interessieren. Und seitdem er entdeckt hatte, dass Hermine über fast alles sehr gut Bescheid wusste, hatte er immer eine Frage auf Lager wenn sie, auf dem Weg zum Gemeinschaftsraum, an ihm vorbeilief.
Normalerweise machte ihr das auch immer sehr viel Spaß sich mit dem klugen, älteren Herrn zu unterhalten, aber heute hatte sie ihren Kopf für seine Fragen nicht frei.
Sie lächelte, grüßte ihn freundlich im Vorbeigehen und beschleunigte ihre Schritte bevor er sie in ein längeres Gespräch verwickeln konnte.
Unten am Eingangsportal angekommen trat sie hinaus in den warmen Sommertag, und verhielt ihre Schritte einen Moment. Sie war aufgrund ihres schnellen Laufs außer Atem gekommen und genoss den leisen Windhauch, der in ihren Haaren spielte.
Auf dem Pflasterweg vor ihr krakeelten eine Schar Spatzen und aus dem entfernten verbotenen Wald drangen merkwürdige Tierstimmen an ihr Ohr. Und vom Quidditchfeld her euphorische Jubelrufe.
Sie konnte aus der Entfernung auf dem Besen vor den Torringen einen roten Schopf erkennen. Ron. Ihr fröstelte leicht bei dem Gedanken, was sie ihm jetzt sagen wollte. Was sie ihm sagen musste. Sie ließ einen kurzen Moment verstreichen, in dem sie ihn mit einem liebevollen Lächeln beobachtete, und die gemeinsamen Erlebnisse in ihren Gedanken vorbeiziehen ließ.
Dann gab sie sich einen Ruck, straffte ihre Schultern und ging mit entschlossenen Schritten auf das Feld zu.
Als Ron sie aus der Luft erblickte, winkte er ihr überschwänglich zu und vollführte ein Looping , wobei es ihn fast vom Besen geworfen hätte. Mit hochrotem Kopf strahlte er sie an und es gab Hermine einen leichten, schmerzhaften Stich im Herzen und ihr wurde ganz beklommen zumute.
Sie wandte sich der Zuschauertribüne zu, von der sie ein wütender Blick aus Lavenders blauen Augen empfing. ‚Deine Chance kommt bald', dachte sie und zwang sich zu einem Lächeln. Sie suchte sich einen Platz ziemlich weit außen am Rand und beobachtete emotionslos das Spiel, während ihre Gedanken um das bevorstehende Gespräch kreisten.
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Eine knappe Stunde später - Hermine hätte sich unter normalen Umständen nie solange am Quidditchfeld aufgehalten - stand ein strahlender Ron vor ihr. Sie zwang sich zu einem Lächeln, während sich ihr Magen zu einem Knoten zusammen zu ziehen schien.
„Und? Wie war ich?", strahlte ihr rothaariger Freund sie mit stolzgeschwellter Brust an. „Toll. Wirklich.", antwortete sie lau, versuchte ihr klopfendes Herz zu ignorieren und wischte sich verlegen die Handflächen an der Hose ab.
„Du Ron, ich –„
„Seit wann interessierst du dich eigentlich für Quidditch?" Stirnrunzelnd sah er sie an.
„Ich-„
„Ist ja auch egal", unterbrach er sie wieder. Das Strahlen war in sein Gesicht zurückgekehrt. „Ich zieh mich schnell um und dann gehen wir etwas zum See hinunter – ok?" Ohne eine Antwort abzuwarten küsste er sie flüchtig auf die Wange und sauste Richtung Umkleide davon.
Hermine sah ihm hilflos hinterher. „Du hättest ihm ja ruhig was Nettes sagen können", zischte ihr Lavender zu, die gerade an ihr vorbei lief. Hermine seufzte. So wurde das nie etwas. Sie musste Ron dazu bringen ihr zuzuhören. Die Idee mit dem Spaziergang zum See war vielleicht gar nicht so schlecht.
Sie setzte sich auf eine Bank und wartete. Die Sonne neigte sich langsam dem Horizont entgegen, die Luft war schwer von spätsommerlichen Gerüchen und der Himmel färbte sich leicht orange. Die sanfte Brise hatte sich gelegt und es war absolut windstill. Ein traumhafter Sommerabend.
Hermine schloss die Augen und sog genießerisch die Luft in ihre Nase. Mit einem spitzen Schrei fuhr sie erschrocken in die Höhe, als sich plötzlich zwei Arme von hinten um sie legten. Sie wirbelte herum und sah einem lachenden Ron ins Gesicht.
Reflexartig schob sie seine Arme von sich weg, und erntete dafür einen fragenden, erstaunten Blick. Ein Schatten lief über sein Gesicht, der aber im selben Augenblick wieder einem breiten Grinsen Platz machte. „Komm lass uns gehen", sagte er leise und streckte seine Hand nach ihrer aus.
Hermine tat als hätte sie diese Geste nicht bemerkt und schlang ihre Arme um ihren Oberkörper. Verblüfft hielt er inne. „Was ist los Hermine? Stimmt etwas nicht?" Irritiert blickten seine wasserblauen Augen sie an und wieder spürte sie den Knoten im Magen, der ihr nun irgendwie auch die Luft abdrückte.
Sie löste ihre Augen von den seinen, lies ihren Blick in unbestimmte Ferne schweifen und holte Luft. „Ron, ich – ich muss mit dir reden" Sie versuchte ihre Worte ruhig klingen zu lassen, konnte aber ein leichtes Zittern ihrer Stimme nicht verhindern. Sie sah wie ihr rothaariger Freund in sich zusammensank. Mit hängenden Armen stand er vor ihr und wartete ergeben auf das, was jetzt kommen würde. Und sie konnte seinem plötzlich traurigen Blick ansehen, dass er es irgendwie schon ahnte.
„Du weißt dass ich dich sehr mag – über die ganzen Jahre hinweg bist du mir wahnsinnig ans Herz gewachsen. I-ich finde es toll so jemanden wie dich an meiner Seite zu haben. Jemanden auf den man sich verlassen kann, der immer für einen da ist – nur…", sie zögerte und suchte seinen Blick.
„Du willst keine Beziehung mit mir – richtig?" presste er hervor und trat einen Schritt zurück.
Verzweifelt hielt sie seinen Blick fest. "Ich – das wird mir alles zu viel Ron! Glaub mir – ich habe es wirklich versucht, aber wir sind zu verschieden! Wir haben uns nur gestritten in den letzten zwei Wochen – und wir sind erst ein Jahr zusammen!" Sie hob in einer hilflosen Geste die Hände, und suchte nach Worten, die ihm erklären konnten, was ihr schon seit Wochen die Luft nahm.
„Ron ich habe Angst dich als Freund zu verlieren – ich kann aber so nicht weitermachen! Das wäre falsch!" Nun traten ihr doch die Tränen in die Augen. Verdammt. Sie hatte eigentlich geglaubt dass sie stärker wäre, und es einfacher sein würde. Das war es aber ganz und gar nicht, und ein leichter Schmerz zog sich auch durch ihre Brust. Sie biss sich auf die Zunge und sah den Jungen vor sich an. Nein – das war nicht ganz richtig. Aus dem Jungen war ein junger Mann geworden, wie sie leicht verblüfft feststellte.
Sein Blick war ruhig und ernst geworden. „Ich hatte so was befürchtet Hermine – und wahrscheinlich hast du Recht. Ich habe mich wohl unbewusst schon länger mit dem Gedanken angefreundet, dich nicht halten zu können. Keine Angst – wir bleiben Freunde. Auf jeden Fall!" Seine Mundwinkel zuckten leicht. „Ich brauche ja jemanden der mir bei den Hausaufgaben hilft-„
„RON!", rief Hermine entrüstet und knuffte ihn unsanft in den Oberarm.
Ron riss in spielerischer Abwehr die Hände hoch und sein Grinsen wurde noch etwas stärker, während er rasch aus ihrer Reichweite glitt. Beide schauten sich an und bis auf die fehlenden Schmetterlinge in Hermines Bauch war es fast wie am Anfang ihrer Beziehung. Unausgesprochene Gefühle leuchteten ihr aus seinen traurig-lachenden, feucht glänzenden Augen entgegen und versetzten ihrem Herzen einen erneuten Stich.
Dann ließ er langsam die Hände wieder sinken und sein Blick wurde Ernst. „Gib mir Zeit Mine. Ich habe keine Ahnung wie lang – aber gib mir bitte Zeit. I-ich empfinde immer noch viel zu viel für dich um dir jeden Tag begegnen zu können, und zu tun als ob nie etwas zwischen uns war."
Hermine nickte leicht und schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter. Hoffentlich machte sie nicht gerade einen riesigen Fehler. Unbewusst tat sie einen Schritt auf den Rothaarigen zu und biss sich auf die Lippe. Sie wollte ihm noch so viel sagen – doch wo sollte sie anfangen? Und wozu? Alles was gesagt werden musste war gesagt. Es gab nichts was ihren Entschluss beschönigen oder mildern würde. Und so sah sie ihn einfach nur stumm an.
Ron zuckte die Schultern und schaute betreten zu Boden. „Tja – das war's dann wohl. Ich geh jetzt rein, was essen. Wir sehen uns." Mit einem letzten traurigen Blick auf sie wandte er sich ab und schlurfte davon. Hermine wischte sich hastig die Feuchte aus den Augenwinkeln und ihr Augen folgten seiner kleiner werdenden Gestalt. Hoffnungslos sah er aus, wie er da so davon ging.
Der Knoten in ihrem Magen wurde fast unerträglich schwer und groß, als sie ihn aus der Entfernung leise schniefen hörte. Hoffentlich hatte sie das Richtige getan.
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Sie wanderte gedankenverloren zum See hinunter und blieb dort noch lange am Ufer sitzen. Sie sah den sich kräuselnden Wellen zu und vernahm ab und zu leise Bruchstücke des klagenden Liedes der seltsamen Geschöpfe, die an seinem Grund lebten.
Die Zeit strich an ihr vorbei ohne dass sie es bemerkte. Die Sonne versank hinter dem Horizont und bald erstreckte sich über ihr ein samtiger, dunkelblauer Himmel, in dem unzählige Sterne blitzten.
Eine kühle Brise strich über ihre nackten Arme und bescherte ihr eine Gänsehaut. Schaudernd fand sie aus den Tiefen ihrer Gedankenwelt zurück in ihre Umgebung und blinzelte irritiert.
Sie zog den Umhang wieder über ihre Schultern, erhob sich schwerfällig und machte sich mit müden Schritten auf den Rückweg zum Schloss. Ginny würde vor Sorge schon ganz krank sein und außerdem machte sich ein Hungergefühl in ihren Eingeweiden breit.
Sie fand es höchst erstaunlich dass sie in dieser Situation so etwas wie Hunger empfinden konnte und lauschte aufmerksam in sich hinein. Der Knoten in ihrem Magen hatte sich aufgelöst, die Trauer war verschwunden.
Wenn sie das Gefühl, welches sie gerade in sich verspürte, beschreiben sollte, dann würde sie es am ehesten mit dem Wort FREI tun. Ja sie fühlte sich auf eine unbeschreibliche, noch sehr zögerliche Art frei.
Sie blieb vor dem Schlossportal stehen, drehte sich um und warf einen Blick zurück auf den sternefunkelnden See, lies ihren Augen einen Moment über die dunklen Ränder des verbotenen Waldes gleiten und atmete tief durch.
Dann öffnete sie das große Tor und glitt in die Eingangshalle. Aus der großen Halle klang das muntere Geplapper einiger Schüler. Sie hatte wohl Glück und das Abendessen war noch nicht vorbei.
Als sie die Tür öffnete schwoll der Lärm, nach der Ruhe am See, fast unerträglich an. Schnell durchquerte sie den Raum und freute sich ,als sie Ginny bemerkte, die mit finsterem Gesicht am Gryffindortisch saß, die Wand anstarrte und eine Haarsträhne um ihren Finger wickelte.
„Hallo Ginny.", sagte sie leise während sie neben dem Mädchen auf die Bank rutschte. Ginny sprang auf „Hermine! Wo, bei Merlins Bart warst du?! Ich habe mir verdammte Sorgen gemacht!"
Hermine legte ihr beschwichtigend eine Hand auf den Arm. „Ich brauchte noch etwas Zeit."
Ginny schnaubte leise und lies sich wieder neben sie auf die Bank fallen. „Du meine Güte – Ron kam mir vorhin entgegen mit einem Gesicht das ich dachte er hätte zu heiß geduscht, so rot war es – und du tauchst einfach nicht wieder auf!" Sie atmete heftig und schlug mit der Handfläche auf die Tischplatte.
Hermine starrte die Wand ihr gegenüber an. „Wird er darüber hinwegkommen?", fragte sie leise. „Wer – Ron? Ich denke schon. Bei der Portion die er vorhin schon wieder gegessen hat mache ich mir da keine Sorgen. Wie geht es dir?" Die Verärgerung im Blick ihrer rothaarigen Freundin hatte sich gelegt, und Besorgnis machte sich jetzt breit.
Hermine zuckte die Schultern. „Ich dachte einen Augenblick lang ich schaff das nicht, aber seit ein paar Minuten fühle ich mich richtig gut. Wie neugeboren." Sie lächelte leicht. „Verstehst du das?" Ginny nickte heftig. „Ja – das hatte ich damals auch nach Dean… es ist ein blödes Gefühl, aber nach einiger Zeit tut es gut und man kann wieder atmen."
Hermine tauchte ihren Löffel in die Suppe und hielt kurz inne. Genau das traf es, dachte sie – sie konnte wieder atmen. Zwei Teller von der leckeren Kürbiskernsuppe mussten daran glauben, bevor sich die beiden Mädchen auf den Weg in ihre Betten machten und - die eine voller Freude, die andere voller Frust – dem ersten Schultag in Hogwarts entgegen sahen.
