Kapitel 2

Die letzte Verwandlung hatte Spuren hinterlassen. Seit Tagen litt ich unter üblen Magenproblemen – vermutlich hatte der Werwolf in mir großen Hunger gehabt.

Reden wollte ich ungern darüber, da das bedeutet hätte, dass ich den Anderen von meinem „pelzigen Problem" hätte erzählen müssen. Da von uns allen Offenheit verlangt wurde, würde das früher oder später eh geschehen. In der Regel bevorzugte ich später.

Leider machte mir Sirius am ersten Abend unseres Zusammentreffens einen Strich durch die Rechnung. Schon bald wusste jeder im Orden, dass Remus Lupin ein Werwolf war. Dass das keine böse Absicht von Sirius gewesen war, stand außer Frage. Allerdings wäre ich froh gewesen, wenn die Gedanken etwas mehr um den eigentlichen Zweck unserer Zusammenkunft gekreist wären.

Den Rest des Abends hatte ich wortkarg neben einem vor Tatendrang fast platzenden Sirius Black verbracht. Während es mich bedrückte, dass der Widerstand und damit das Kämpfen erneut begonnen hatte, ließ mein alter Freund jeden an seiner Begeisterung darüber teilhaben.

Besonders charmant verhielt er sich gegenüber Tonks, die, wie ich erfuhr, die Tochter von Andromeda und damit seine Cousine war. Als Angehörige der Familie Black schienen beide ein bisschen aus der Art geschlagen zu sein; eine Tatsache, die von Sirius' Mutter mit höhnischen Bemerkungen quittiert wurde. Auch Kreacher, der Hauself, ließ keine Gelegenheit ungenutzt, sich über die vielen Mitglieder des Phönixordens zu beklagen, die fortan im Hause ein und aus gingen.

Aus den Gesprächen, die wir zwischen Tür und Angel führten, da nie jemand viel Zeit hatte, ging eine Sache deutlich hervor: Uns alle beschlich ein ungutes Gefühl. Draußen braute sich ein Sturm zusammen, doch niemand wusste, wann das Unwetter beginnen würde. Diese Art des Nichtwissens versetzte gerade die Neuen in Unruhe, zumal Nachrichten von Dumbledore rar und meistens knapp ausfielen.

„Das kann doch nicht wahr sein", maulte Tonks eines Tages. Die Hitze draußen grenzte an Körperverletzung, sodass wir uns in das düstere, aber immerhin kühle Wohnzimmer des Hauses Black zurückgezogen hatten. Es war nun Anfang August und außer Sirius, Molly, die in der Küche beschäftigt war, ihr und mir hörte und sah man niemanden. Mit Ausnahme des Hippogreifs Seidenschnabel, der seit einer halben Stunde ununterbrochen spitze Schreie ausgestoßen hatte. Aus dem Nebenzimmer drang Mollys Stimme: „Bei Merlins Barte! Sirius, unternimm' endlich etwas gegen diesen Lärm!"

Sirius, der soeben zu einer Erwiderung angesetzt hatte, stieß einen Fluch aus: „Was will dieses dumme Tier? Nichts für ungut, Remus." Ich brummte nur und blätterte im Tagespropheten. Polternde Schritte verrieten, dass er aufgesprungen und die Treppen hoch geeilt war.

Nun musste ich wohl auf Tonks' Klage reagieren. Etwas ratlos faltete ich die Zeitung zusammen und spähte zu ihr herüber. Seit dem Tag, an dem wir uns kennengelernt hatten, hatten wir nicht viele Worte miteinander gewechselt. Wenn sie da war, schien die junge Aurorin ihrem Cousin an den Fersen zu kleben. Jetzt allerdings schaute sie mich mit einem spöttischen Lächeln an.

„Meinetwegen musst du dein Schweigen nicht brechen, Remus."

Ertappt, dachte ich. Smalltalk war noch nie eine meiner Stärken gewesen. Mein Unwohlsein verstärkte sich, und das lag nicht allein an meinen andauernden Magenbeschwerden. Aber was hätte ich ihr auch erzählen können? Für angeberische Anekdoten war ich zu alt. Wobei, Sirius hielt sich damit auch nicht gerade zurück... Kurz spielte ich mit dem Gedanken, ihr ein Stück Schokolade anzubieten. Dann fiel mir ein, dass mein gesamter Vorrat gestern wegen der Hitze geschmolzen war.
In diesem Augenblick betrat Molly das Zimmer mit einem Tablett. „Dein Tee, Remus. Tonks, dir habe ich eine Saftschorle gemacht."

„Danke, Molly", sagte ich. Tonks verzog das Gesicht. „Du trinkst Tee - bei diesen Temperaturen?"
„Ich muss", entgegnete ich schmunzelnd. Sie schien eine unbefangene Art zu haben – ziemlich erfrischend. „Auftrag von Severus Snape."

„Snape...dieses unerfreuliche Etwas von Zaubertranklehrer mit den öligen Haaren und dem miesepetrigen Gesicht?" Ich verschluckte mich am meinem Tee. Nie hatte jemand Snape so treffend beschrieben.

„Genau."

„Und warum musst du für ihn Tee trinken?"

„Um sicherzustellen, dass er an Vollmond niemandem gefährlich wird", warf Molly ein. Tonks machte große Augen. „Ich wusste nicht, dass der Stand der Forschung schon so weit ist", sagte sie und klang neugierig.

„Um genau zu sein, entwickelt er sich kaum weiter. Snape experimentiert zur Zeit ein wenig herum. Er möchte den Wolfsbanntrank effektiver, die Verwandlung weniger schmerzhaft machen." Ich nahm noch einen Schluck und war froh, ein Thema gefunden zu haben, das sie interessierte. „Leider unternimmt das Ministerium nicht gerade viel, um die Situation für Tierwesen zu verbessern. Tatsächlich ließ eine gewisse Dolores Umbridge vor kurzem verlauten, dass sie uns am liebsten alle „tot oder wenigstens eingesperrt" sehen würde."

„Du solltest weniger von dem Geschwätz lesen, das im Tagespropheten steht", meinte Molly vorwurfsvoll. Tonks sah nachdenklich aus.

„Und ich wollte mich wegen meiner Langeweile beschweren", sagte sie.

Ich lächelte schwach. „Auch ohne Voldemort haben wir genug Probleme in dieser Welt."

Molly zuckte zusammen. Doch bevor sie mir eine Schelte dafür verpassen konnte, dass ich Voldemorts Namen ausgesprochen hatte, hörten wir an dem Geschrei von Sirius' Mutter, dass eine Person das Haus betreten hatte. Jemand schien rasch die Vorhänge zu zuziehen, dann stand plötzlich Arthur mit einem blassen Gesicht und Schweißperlen auf der Stirn im Zimmer.

„Harry ist angegriffen worden", sagte er. Einen Moment lang herrschte Stille. Dann drang Sirius Stimme von oben: „Wenn das so weiter geht, werde ich diesen Hippogreif höchstpersönlich ausstopfen und neben den Hauselfen aufhängen!" Er betrat das Zimmer, erblickte Arthurs versteinerte Miene und fragte überrascht: „Was ist passiert?"

„Harry ist angegriffen worden", wiederholte er. Molly stieß einen spitzen Schrei aus.

„WAS?"

„Geht es ihm gut?!"

„Wer hat ihn angegriffen?", fragte ich alarmiert.

„Dementoren", entgegnete Arthur. „Am hellichten Tage - noch dazu in einer Muggelsiedlung! Sein Cousin war bei ihm, er steht unter Schock. Und nein, niemand weiß, wer die auf die beiden gehetzt hat."

Sirius ballte die Hände zu Fäusten. „Wenn ich denjenigen in die Finger kriege..."

„Aber Harry hat als Minderjähriger Zauberei eingesetzt...", setzte Tonks an. Arthur nickte. „Seine Anhörung vor dem Zaubergamot findet am 12. August statt", beantwortete er die unausgesprochene Frage.

„Aber Harry wird doch gute Chancen haben, nicht wahr, Arthur?", flüsterte Molly. „Dumbledore wird doch dabei sein, oder?"

„Im Moment weiß ich weder, was Dumbledore treibt, noch, was mit Harry passiert. Alles, was wir tun können, ist, auf weitere Anweisungen warten."

Sirius platzte der Kragen. „Warten! Immerzu warten! Wozu gibt es den Orden denn?! Herum gesessen habe ich in Askaban lange genug." Ich packte seinen Arm: „Bleib ruhig. Dumbledore wird wissen, was er tut."

In der darauf folgenden Stelle hing jeder seinen Gedanken nach. Dementoren hielten sich für gewöhnlich nicht in der Nähe von Muggelwohngebieten auf. War es Voldemort höchstpersönlich oder ein Todesser gewesen, der sie auf Harry angesetzt hatte?

Aber eine überstürzte Tat wie diese trug nicht die Handschrift Lord Voldemorts. Der Dunkle Lord würde ein solches Risiko nicht eingehen. Ein Handlanger schon eher, der dafür sicher bezahlen musste...

Erst spät am Abend, als endlich die anderen Mitglieder des Ordens und ein Patronus in Gestalt eines Phönix am Grimmauldplatz Nr. 12 eintrafen, fiel die Anspannung von uns allen ab. Wie immer war es Dumbledore, der die Übersicht behielt, auch wenn selbst er sich keinen Reim aus dem Angriff machen konnte.

Fest stand, dass Harry nicht bei den Dursleys bleiben konnte. Eine Gruppe von neun Ordensmitgliedern würde eine Eskorte bilden und ihn am 5. August vom Ligusterweg zum Grimmauldplatz bringen. Per Besen, da Harry zum Apparieren zu jung war und Verkehrsmittel wie das Flohnetzwerk vom Ministerium überwacht wurden. Das Ganze sollte sich bei Nacht abspielen und die Dursleys würden unter einem Vorwand aus dem Haus gelockt werden. War Harry erst hier, wusste Dumbledore bereits, wie er den Jungen aus seiner misslichen Lage retten konnte.

Kingsley Shacklebolt, Mad-Eye Moody, Emmeline Vance, Elphias Doge, Sturgis Podmore, Hestia Jones, Dädalus Diggle, Tonks und ich. Sirius protestierte heftig, weil Dumbledore ihm aus Sicherheitsgründen verboten hatte, uns bei der Mission zu unterstützen.

„Wenn ich könnte, wie ich wollte, hätte ich mich schon längst an die Fersen dieser Dementoren geheftet", knurrte er mir zu.

„Damit sie dich wieder nach Askaban bringen?", entgegnete ich. Sirius blickte mich enttäuscht an. Natürlich hatte ich einen wunden Punkt getroffen, doch es war mir ernst. „Wann bist du nur so ein Warmduscher geworden, Moony?", fragte er.

„Das hier ist kein Spiel. Jemand hat es auf Harry abgesehen und wird möglicherweise nicht nur ihn jagen, sondern auch jeden, der auf seiner Seite ist", erklärte ich. Aus den Augenwinkeln registrierte ich, wie Kingsley Tonks, die nervös aussah, die Hand auf die Schulter legte. „Das ist ein todsicherer Auftrag. Nichts wird passieren", meinte er.

Da wurde mir bewusst, wie wenig wir uns untereinander kannten und wie unerfahren einige der Ordensmitglieder waren. Gerne wäre ich zu Tonks gegangen und hätte ihr Mut zugesprochen, doch da war schließlich schon Kingsley, der diese Aufgabe ganz gut auszufüllen schien. Außerdem war ich wütend, dass Sirius sich benahm wie ein Sechzehnjähriger. Gerade er hätte die Gefahr eigentlich besser einschätzen müssen.

„Der Orden ist wieder vereint!", verkündete Elphias Doge überschwänglich.

„Endlich lernen wir Harry Potter kennen", sagte Emmeline Vance.

„Na Lupin, bist du aufgeregt?", wollte Mad-Eye wissen. Doch das wusste ich selbst nicht so genau.

Tonks

Trotz des ungemütlichen Hauses schien der Grimmauldplatz Nr. 12 der Ort zu werden, an dem ich den größten Teil meiner Freizeit verbrachte. Nach meiner bestandenen Prüfung hatte ich mir selbstverständlich noch einen schönen Abend mit meinen Eltern gemacht, die wirklich stolz auf mich, wenn auch ein bisschen besorgt um meine Sicherheit waren. Dahingehend hatte ich sie beruhigen können: Bisher hatte ich im Aurorenbüro nur Verwaltungsaufgaben bekommen und im Ministerium sitzen müssen – was auch seinen Vorteil hatte, denn unter der Erde war es wenigstens recht kühl. Etwas unangenehmer war es gewesen, von meiner letzten Prüfung zu erzählen, denn obwohl ich diese natürlich glanzvoll bestanden hatte, konnte ich das Gesprächsthema Bellatrix Lestrange nicht vermeiden. Normalerweise schwieg sich meine Mutter über sie aus und erntete bei der Erwähnung ihres Namens mitfühlende Blicke von meinem Vater, aber langsam war ich es leid, nicht wirklich etwas über die genauen Umstände des Bruchs mit ihrer Familie zu wissen. Liebend gern hätte ich sie über Sirius ausgefragt, aber dann hätte ich ihnen vom Orden erzählen müssen. Da die beiden in letzter Zeit ohnehin leicht besorgt wirkten, wollte ich sie nicht auch noch damit belasten, obwohl mir klar war, dass ich irgendwann die Wahrheit würde sagen müssen.

Die sommerliche Hitze schien meine Geduld und Motivation auf kleiner Flamme zu zerkochen, sodass ich mich nur noch zur Arbeit und zurück schleppte. Die einzigen Lichtblicke waren meine Aufenthalte im Hauptquartier, auch wenn diese ebenfalls mäßig spannend waren. Ich hatte erwartet, dass die Ordensmitglieder über die Aktivitäten der Todesser besser informiert sein würden, aber dem war nicht so. Im Gegenteil, ich spürte bei vielen eine gewisse unterschwellige Frustration, auch wenn niemand sie aussprach. Wenigstens konnte ich Zeit mit einigen Ordensmitgliedern verbringen und diese besser kennenlernen, was für einen echten Einsatz sicher einmal nützlich sein würde.

Molly und Arthur hatte ich schnell ins Herz geschlossen. Beide waren immer freundlich und hilfsbereit zu mir; vor allem Molly kümmerte sich fürsorglich um mich (und alle anderen). Auch ihre jüngsten Kinder, die im Sommer selbstverständlich schulfrei hatten, hielten sich im Hauptquartier auf. Bei gemeinsamen Abendessen hatte ich sie besser kennenlernen können. Trotzdem schien etwas mit den beiden nicht zu stimmen, was mir spätestens an einem Abend Ende Juli klar wurde, als Molly und ich in der Küche saßen. Genauer gesagt: Ich saß, während Molly spülte und aufräumte, denn unverständlicherweise lehnte sie meine Hilfe stets kategorisch ab, seitdem ich einmal einen Stapel Teller samt Besteck obendrauf die paar Schritte zum Esstisch getragen hatte. Zugegebenermaßen waren zwar die Teller schadlos auf dem Tisch angekommen, das Besteck hatte ich aber irgendwie geräuschvoll auf dem Küchenboden verteilt – ein selbstverständlich einmaliges Versehen.

Als Molly und ich uns also eines Abends in der Küche aufhielten und ich im Tagespropheten las und dabei ausprobierte, wie lang ich meinen Pony zaubern konnte, ohne dass er mir in die Augen fiel, merkte ich plötzlich, wie Molly innehielt, sich an das Spülbecken lehnte und die Augen schloss. Sie atmete unruhig und es schien mir, als sähe ich etwas Glitzerndes in ihren Augenwinkeln. So geräuschlos wie möglich erhob ich mich vom Stuhl, trat zu ihr und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Sie zuckte zurück und öffnete die Augen, in denen ein schmerzlich-besorgter Ausdruck lag.

„Was ist?", fragte ich schließlich etwas unbeholfen.

Molly seufzte. Sie drehte sich wieder um und trocknete mit einem Wink des Zauberstabs das Geschirr, das frisch gewaschen auf der Spüle stand (wofür ich sie unheimlich bewunderte, denn ich bekam das nie hin, ohne dass auf mysteriöse Weise ein paar Teller Sprünge bekamen). Dann forderte sie mich mit einer Handbewegung auf, mich wieder an den Tisch zu setzen und nahm ebenfalls Platz.

„Sag mal, hast du deinen Eltern erzählt, dass du beim Orden bist und was er macht?"

Die Frage überraschte mich und ich wusste nicht so recht, wie ich mein Verhalten erklären sollte.

„Ich … also … sie machen sie eh schon Sorgen, weil ich einen gefährlichen Beruf habe, deswegen dachte ich, es ist erst mal besser, wenn sie nicht noch mehr Grund dazu haben."

„Und wenn du es ihnen erzählen würdest, wärest du dir dann sicher, dass sie bis auf die Gefahr nichts dagegen hätten? Glauben sie Dumbledore und Harry?"
Erst jetzt fiel mir auf, dass ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht hatte – andererseits würde das erklären, warum sie in letzter Zeit so besorgt gewesen waren. Ich zweifelte natürlich keinen Moment daran, auf welcher Seite die beiden standen – eine Verstoßene der Familie Black und ein Muggelstämmiger –, doch ich konnte mir nicht sicher sein, wie viel sie über die Ereignisse im Juni überhaupt erfahren hatten. Und dennoch … immer hatten sie nur voller Bewunderung und Respekt von Dumbledore gesprochen.

„Ich glaube nicht, dass sie sonst etwas dagegen hätten."

Molly nickte und seufzte erneut.
„Das Problem ist", sagte sie, „dass sich da nicht alle Familien so einig sind."

Fragend blickte ich sie an.

„Ich denke, du kennst ihn nicht, aber unser Sohn Percy … er hat letztes Jahr im Ministerium angefangen und war, um ehrlich zu sein, zwar ehrgeizig, aber ein wenig ungeschickt. Im Juni ist er befördert worden und hat jetzt direkt mit Fudge zu tun – und eben auch mit dessen Äußerungen und Maßnahmen gegenüber Dumbledore und Harry. Und leider haben ihn diese scheinbar mehr überzeugt als unsere. Er ist ausgezogen."

„Oh."

Mir war bewusst, dass das kein besonders intelligenter Kommentar war, aber mir fiel absolut nichts ein, was in der Situation angemessen war, sondern konnte nur hoffen, dass mein Gesichtsausdruck und meine Anwesenheit genug Anteilnahme zeigten.

Auch mit Kingsley und Alastor – es war immer noch ungewohnt, sie beim Vornamen zu nennen – hatte ich im Hauptquartier einige Zeit verbracht. Erstaunlicherweise waren auch diese beiden kaum informiert über die Ereignisse, doch es schien ihnen am wenigsten auszumachen. Alastor war es wahrscheinlich eh gewohnt, sich auf kaum eine Information wirklich zu verlassen und immer auf der Hut zu sein, weswegen ihm der momentane Zustand nicht wirklich zusetzte. Kingsley hingegen zeigte ein unerschütterliches Vertrauen in Dumbledore, sodass es ihm des öfteren gelang, die Frustration und Unruhe der Anderen zu vertreiben. Ich war beiden für ihre Art sehr dankbar und erfuhr alles, was über die Aktivitäten der Todesser bekannt war, von ihnen. Beispielsweise berichteten sie mir von einem geheimen Auftrag auf dem Festland, den Hagrid und irgendeine Französin (das schloss ich aus dem Namen) von Dumbledore erhalten hatten, auch wenn mir schleierhaft war, warum Hagrid ausgerechnet mit einer Französin die verbleibenden Riesen Europas aufsuchten sollte.

Mit Lupin hatte ich seit meinem ersten Abend im Hauptquartier nicht mehr wirklich gesprochen. Er wirkte kränklich und müde, was nicht gerade zu einem Gespräch einlud. Er schien mir ohnehin ein eher verschlossener und nachdenklicher Mensch zu sein.

Und natürlich verbrachte ich viel Zeit mit meinem Cousin. Er langweilte sich sehr im alten Haus seiner Familie und war besonders frustriert, einerseits über den Mangel an Informationen und andererseits aufgrund der Tatsache, dass Dumbledore wenigstens in einem Punkt absolute Klarheit geschaffen hatte: Sirius durfte das Haus nicht unnötig verlassen. Umso mehr freute er sich, wenn ich ihm Gesellschaft leistete, und war bei diesen Gelegenheiten immer zu Späßen aufgelegt, über die ich bereitwillig lachte, um ihn ein wenig aufzuheitern, denn auch wenn es diesen Sommer wegen der Gluthitze wirklich kein Vergnügen war, draußen zu sein, konnte ich mir vorstellen, wie schlimm es sein musste, nach 13 Jahren Askaban erneut irgendwo eingesperrt zu sein.

Sirius hatte sich beispielsweise angewöhnt, meinen Zauberstab zu verstecken, den ich meist irgendwo in meiner Nähe liegen ließ und dann ewig im ganzen Haus suchen musste. Glücklicherweise wurde das Haus langsam von unliebsamen Überraschungen wie Ungeziefern und schwarzmagischen Gegenständen befreit – von Mollys und Arthurs Kindern, wie mir Sirius berichtete –, aber trotzdem war es immer ein spannendes Unterfangen, das die Langeweile vertrieb. Eines Abends wollte ich schon etwas früher als gewöhnlich in meine kleine Londoner Wohnung zurückkehren, als ich feststellte, dass mein Zauberstab erneut verschwunden war. Ich verdrehte die Augen. Ich hatte Sirius doch gesagt, dass ich heute früher gehen würde, um die Wohnung aufzuräumen, da ich für den morgigen Abend eine Freundin eingeladen hatte. Dennoch konnte ich eine gewisse Erheiterung nicht unterdrücken.
„Sirius!", rief ich. Einen Moment später hörte ich seine Schritte auf dem Flur.

„Ja?", lächelte er, als er durch die Tür trat.

„Wo bei Merlins Unterhose hast du schon wieder meinen Zauberstab versteckt?", fragte ich halb vorwurfsvoll, halb amüsiert. Er sah mich erstaunt an.

„Ich hab ihn nicht, ehrlich."

„So ein Unsinn, das hatten wir doch schon x-mal. Wo ist er? Du weißt doch, dass ich heute früher los muss."

„Ja, eben! Deswegen habe ich der Versuchung ausnahmsweise mal widerstanden, als du ihn vorhin in der Küche hast liegen lassen."

Ich spürte, wie ich rot wurde. Das hatte ich natürlich vergessen. Ich konnte nicht immer Andere dafür verantwortlich machen, dass ich meine Sachen verlegte.

„Oooh, da wird mein Cousinchen ganz rot", witzelte er und strich mit einem Finger über meine brennende Wange. Der Rotton verstärkte sich.

Er zog seine Hand weg und ging zur Tür, die er mir aufhielt. Mit hochgezogener Augenbraue und einem rätselhaften Gesichtsausdruck ließ er mich vor ihm in den Flur treten.
„Und ich dachte, du wolltest, dass ich noch ein bisschen bleibe", grinste ich, bevor ich wirklich darüber nachdenken konnte, was ich da eigentlich sagte. Hoffentlich hatte er es als Scherz verstanden.

Obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, wie das möglich war, wurde es Anfang August noch heißer. Als ich am 2. August wieder beim Phönixorden vorbeischaute, traf ich auf einige schlecht gelaunte Ordensmitglieder. Wie ich erfuhr, hatte es keine Neuigkeiten gegeben, Dumbledore hielt sich bedeckt und die Hitze ließ sich nur noch im düsteren Wohnzimmer des Hauses Black aushalten, was zusätzlich auf die Stimmung schlug. Außerdem begann, kurz nachdem ich angekommen war, Seidenschnabel ununterbrochen spitze Schreie auszustoßen.

„Das kann doch nicht wahr sein", entfuhr es mir schließlich. Die Gesamtsituation ging mir gehörig auf die Nerven. Fast gleichzeitig hörte man Mollys Stimme aus dem Nebenzimmer: „Bei Merlins Barte! Sirius, unternimm' endlich etwas gegen diesen Lärm!"

Sirius, der soeben zu einer Erwiderung angesetzt hatte, stieß einen Fluch aus: „Was will dieses dumme Tier? Nichts für ungut, Remus."

Er erhob sich und eilte nach oben – und plötzlich war ich mit Remus allein. Dieser hatte die ganze Zeit im Tagespropheten gelesen, faltete ihn nun zusammen uns sah mich unsicher an. Ich hatte das Gefühl, dass er aus Höflichkeit ein Gespräch mit mir anfangen wollte, aber eigentlich störte mich auch Stille nicht. Auch wenn ich mich gerne mit den Ordensmitgliedern unterhielt, hatte ich nichts gegen ein einvernehmliches Schweigen, denn mit Sirius hatte auch ein großer Teil der Anspannung den Raum verlassen.

„Meinetwegen musst du dein Schweigen nicht brechen, Remus", sagte ich freundlich und auch ein wenig spöttisch. Remus war ein wirklicher Bücherwurm. Anscheinend war dieser Kommentar ein Fehler gewesen, denn er schaute nun noch unsicherer drein. Doch bevor ich etwas Nettes sagen konnte, kam Molly mit einem Tablett ins Zimmer.

„Dein Tee, Remus. Tonks, dir habe ich eine Saftschorle gemacht."

„Danke, Molly", sagte Remus. Ich verzog das Gesicht. „Du trinkst Tee - bei diesen Temperaturen?"
„Ich muss", entgegnete er schmunzelnd. „Auftrag von Severus Snape."

„Snape... dieses unerfreuliche Etwas von Zaubertranklehrer mit den öligen Haaren und dem miesepetrigen Gesicht?"

Natürlich war mir klar, dass Snape für den Orden wichtig war, aber mögen musste ich meinen ehemaligen Lehrer und Peiniger nun wirklich nicht. Remus verschluckte sich an seinem Tee.

„Genau", hustete er.

„Und warum musst du für ihn Tee trinken?"

„Um sicherzustellen, dass er an Vollmond niemandem gefährlich wird", warf Molly ein. Überrascht sah ich sie an. „Ich wusste nicht, dass der Stand der Forschung schon so weit ist", wunderte ich mich.

„Um genau zu sein, entwickelt er sich kaum weiter. Snape experimentiert zur Zeit ein wenig herum. Er möchte den Wolfsbanntrank effektiver, die Verwandlung weniger schmerzhaft machen."

Ich wandte mich Remus zu, begierig darauf, mehr zu erfahren.

„Leider unternimmt das Ministerium nicht gerade viel, um die Situation für Tierwesen zu verbessern. Tatsächlich ließ eine gewisse Dolores Umbridge vor kurzem verlauten, dass sie uns am liebsten alle „tot oder wenigstens eingesperrt" sehen würde."

„Du solltest weniger von dem Geschwätz lesen, das im Tagespropheten steht", meinte Molly vorwurfsvoll.

Um ehrlich zu sein, empfand ich das Wort „Geschwätz" als eine ziemliche Untertreibung. Es schien mir sehr bedenklich, dass Ministeriumsangestellte solche schwachsinnigen und gefährlichen Gedanken äußern durften – völlig ohne Grund. Denn Remus war nun wirklich nicht gefährlich – eher etwas langweilig.

„Und ich wollte mich wegen meiner Langeweile beschweren", sagte ich schließlich.

Lupin lächelte schwach. „Auch ohne Voldemort haben wir genug Probleme in dieser Welt."

Molly zuckte zusammen und auch ich war überrascht, dass Lupin diesen Namen ausgesprochen hatte. Das hatte ich von einem so unscheinbaren Mann eher nicht erwartet – mutige und mächtige Zauberer wie Dumbledore konnten sich so etwas wohl eher erlauben.

Molly machte den Mund auf, als wolle sie etwas sagen, als plötzlich Arthur ins Zimmer kam.

„Harry ist angegriffen worden", sagte er. Einen Moment lang herrschte Stille. Dann drang Sirius Stimme von oben: „Wenn das so weiter geht, werde ich diesen Hippogreif höchstpersönlich ausstopfen und neben den Hauselfen aufhängen!" Er betrat das Zimmer, erblickte Arthurs versteinerte Miene und fragte überrascht: „Was ist passiert?"

„Harry ist angegriffen worden", wiederholte er. Molly stieß einen spitzen Schrei aus. Erst jetzt realisierten wir wirklich, was Arthur da gesagt hatte und fingen an, wild durcheinander zu fragen:

„WAS?"

„Geht es ihm gut?!"

„Wer hat ihn angegriffen?"

„Dementoren", entgegnete Arthur. „Am hellichten Tage - noch dazu in einer Muggelsiedlung! Sein Cousin war bei ihm, er steht unter Schock. Und nein, niemand weiß, wer die auf die beiden gehetzt hat."

Sirius ballte die Hände zu Fäusten. „Wenn ich denjenigen in die Finger kriege..."

Da Arthur nicht erwähnt hatte, dass Harry verletzt war, nahm ich an, dass er sich erfolgreich verteidigt hatte. Erleichtert atmete ich auf, bis mir klar wurde, was genau das bedeutete.

„Aber Harry hat als Minderjähriger Zauberei eingesetzt...", sagte ich langsam und blickte Arthur fragend an. Unsere Blicke trafen sich und er nickte. „Seine Anhörung vor dem Zaubergamot findet am 12. August statt", verkündete er in ernstem Ton.

„Aber Harry wird doch gute Chancen haben, nicht wahr, Arthur?", flüsterte Molly. „Dumbledore wird doch dabei sein, oder?"

„Im Moment weiß ich weder, was Dumbledore treibt, noch, was mit Harry passiert. Alles, was wir tun können, ist, auf weitere Anweisungen warten."

Sirius platzte der Kragen. „Warten! Immerzu warten! Wozu gibt es den Orden denn?! Herum gesessen habe ich in Askaban lange genug."

Mitfühlend blickte ich ihn an, auch wenn es ihn nicht zu interessieren schien. Verständlicherweise machte er sich Sorgen um seinen Patensohn, um den er sich so lange nicht hatte kümmern können, was jetzt erneut der Fall war.

Remus hingegen schien sich nicht in die Lage seines besten Freundes hineinversetzen zu können. „Bleib ruhig. Dumbledore wird wissen, was er tut", fuhr er ihn an. Wütend stürmte Sirius aus dem Raum.

Dieser übervernünftige Remus. Ich wünschte, Dumbledore möge endlich etwas unternehmen.

Schon wenige Tage später wurde mein Wunsch erfüllt. Dumbledore hatte entschieden, dass Harry von einigen Ordensmitgliedern ins Hauptquartier geholt werden solle – unter anderem von mir. Das war nun also mein erster wirklicher Auftrag.

Am Abend des 5. August fand ich mich also wie abgesprochen im Hauptquartier ein und stärkte mich mit einem kühlen Glas Kürbissaft. Molly und Sirius waren ebenfalls noch in der Küche. Letzterer gab sich keine Mühe, seine schlechte Laune zu verbergen. Ich war versucht, ihm die Hand auf die Schulter zu legen, als die Tür aufging und Snape hereinkam. Wir waren uns im Hause Black noch nicht ohne Dumbledores Beisein begegnet, sodass mir Übles schwante – und tatsächlich.

„Der Orden ist schon arm dran, wenn er auf Leute mit Ihren zweifelhaften Talenten zurückgreifen muss", meinte er verächtlich.

Offensichtlich hatte Snapes Anwesenheit Sirius aus seiner Lethargie geweckt.

„Wenigstens gibt es Leute im Orden, die den anderen nicht mit ungewaschenen Haaren und bissigen Kommentaren den Tag verderben", sagte Sirius bissig und legte mir trotzig den Arm um die Schulter. Unwillkürlich drückte ich mich an ihn und gemeinsam sahen wir Snape finster an.

„Wie süß", kommentierte Snape das und verließ den Raum wieder.

Sofort ließ Sirius mich los und schubste mich zur Tür.

„Los jetzt, ihr müsst doch Harry abholen. Ich hab keine Lust, noch länger auf ihn zu warten, nur weil du die Abfolge des Plans durcheinanderbringst", sagte er ungeduldig.

Das versetzte mir einen Stich. Immer dachte er nur an Harry und kritisierte mich nun auch noch. Ach was – schließlich hatte er Recht. Ich war schusselig. Und ich wollte auf keinen Fall diesen ersten Auftrag des Ordens verderben.

„Wenn ich könnte, wie ich wollte, hätte ich mich schon längst an die Fersen dieser Dementoren geheftet", brummelte mein Cousin, als wir bei den Anderen angekommen waren. Eine ganze Gruppe von Ordensmitgliedern hatte sich in der Eingangshalle versammelt.

„Damit sie dich wieder nach Askaban bringen?", antwortete Remus, der auch zum Team gehörte. Ich musste unwillkürlich grinsen. Recht hatte Remus da, und außerdem war ich noch enttäuscht darüber, dass Sirius mich gerade so kritisiert hatte.

„Wann bist du nur so ein Warmduscher geworden, Moony?", erwiderte er jedenfalls gereizt.

„Das hier ist kein Spiel. Jemand hat es auf Harry abgesehen und wird möglicherweise nicht nur ihn jagen, sondern auch jeden, der auf seiner Seite ist", erklärte Remus.

Oje. Das hörte sich wirklich gefährlich an. Ich kannte Harry nicht einmal und jetzt sollte ich für einen Unbekannten mein Leben aufs Spiel setzen. Einen sehr wichtigen Unbekannten. Aber trotzdem. Ich hatte noch nie wirklich mit Todessern zu tun gehabt, aber aus den kryptischen Bemerkungen meiner Mutter über ihre ungeliebte Schwester hatte ich mir einiges zusammenreimen können. Plötzlich wünschte ich, ich hätte meinen Eltern schon vom Orden erzählt, sodass sie an mich denken und mir Glück wünschen könnten und mich nicht einfach so in die Gefahr ziehen lassen würden.

Kingsley legte mir die Hand auf die Schulter. „Das ist ein todsicherer Auftrag. Nichts wird passieren", meinte er. Auch Remus sah mich kurz besorgt an, bevor er Sirius wieder böse Blicke zuwarf.

„Der Orden ist wieder vereint!", verkündete ein Zauberer, dessen Namen ich leider schon wieder vergessen hatte.

„Endlich lernen wir Harry Potter kennen", sagte eine gewisse … Amelia Fence?

„Na Lupin, bist du aufgeregt?", grinste Alastor und ließ sein magisches Auge rotieren, sodass ich schnell wegschauen musste, damit mir nicht schlecht würde.

Ich jedenfalls war aufgeregt. Sehr aufgeregt.