"Du siehst nachdenklich aus", stellte Dave Rossi ein paar Tage später fest und stellte seinem Freund und Kollegen Aaron Hotchner einen Kaffee auf den Tisch.
"Kolumbianisch/Peruanisch, extra für mich gemischt. Ich dachte, zumindest Du würdest ihn zu schätzen wissen. Reid hat meinen Kaffee nämlich mit Zucker regelrecht ermordet." Rossi schüttelte den Kopf, angesichts dieses Sakrilegs.
"Jack will Reitstunden nehmen", sagte Hotch unvermittelt und Rossi bekam ein schlechtes Gewissen. "Asche auf mein Haupt, ich hätte ihn wohl kürzlich nicht zu diesem Poloturnier mitnehmen sollen. Aber meine Agentin meinte, ich sollte mich dort sehen lassen, würde mein Buch besser verkaufen."
Rossi seufzte, "Du kannst mich Bücher-Nutte nennen, wenn Dir das hilft."
Hotch grinste kurz, "nicht Deine Schuld, Dave. Jack bettelt schon seit einem Jahr."
"Wo ist dann das Problem?"
"Kein Problem."
Rossi kratzte sich verwirrt an seinem Bart. "Versteh ich jetzt nicht."
Hotch nippte an Rossi´s Spezialmischung und brummte anerkennend. Rossi wusste, was gut war. "Ich sehe mir heute einen Reitstall an, mit Deirdre Donnelli."
"Deirdre Donnelli? Woher kennst Du die denn? Ihr Mann ist momentan der angesagteste Politiker in DC. Er wird sogar schon als kommender Präsidentschaftskandidat gehändelt. Auf das Eis würde ich mich nicht begeben."
"Welches Eis, Dave? Ich habe nicht vor, Donnelli die Frau auszuspannen. So weit solltest Du mich doch kennen."
"Ich kenne aber auch Deinen Typ, Aaron. Und Deirdre Donnelli ist ein zartes, kleines Wesen. Also höre auf einen alten Mann und sei vorsichtig."

Aaron überlegte auf der Fahrt in den Reitstall. Hatte Dave recht? War DeeDee sein Typ? Was zog ihn an, an dieser Frau? War es nur berufliches Interesse, weil er den Verdacht hatte, dass ihr Mann sie schlug?
Nun, er würde es herausfinden.
Hotch stellte den Wagen ab und sah sich schon mal ein bisschen um. Der Reitstall machte einen gepflegten Eindruck, so weit er das erkennen konnte.

"Agent Hotchner!", rief Deirdre, die eben aus der Limousine stieg. "Schön, dass Sie es einrichten konnten."
"Jack hat mir keine Wahl gelassen", gab Hotch mit einem kleinen Lächeln zu. Sie sieht müde aus, stellte Hotch fest und ganz offenbar stand sie unter Beobachtung. Der Chauffeur war ein muskelbepackter, vierschrötiger Kerl, der Deirdre nicht aus den Augen liess. Sie trug Reitkleidung, was sie in Hotch´s Augen noch ein bisschen schmaler machte.
"Ist das Ihr Reitstall?", wollte Hotch wissen und DeeDee nickte. "Also nicht 'meiner', aber ich reite hier. Ähm...Kincade? Sie dürfen gerne hier warten."
Der Leibwächter warf DeeDee einen strengen Blick zu. "Ich habe meine Anweisungen, Ma'am."
"Natürlich", flüsterte DeeDee resigniert. Keinen Schritt konnte sie unbeobachtet machen, Kincade war wie ein Schatten, der ihr überall hin folgte.
Für einen Augenblick war Hotch versucht, seinen Ausweis zu zeigen, aber wenn sein Verdacht richtig war, dann würde er damit die Situation für Deirdre noch schlimmer machen. Hotch konnte sehen, wie sie sich innerlich straffte und ein Lächeln aufsetzte, das ihre Augen nicht erreichte.

"Der Stall ist nicht sonderlich groß, aber mir ist so etwas immer lieber. Die Besitzer, Mr. und Mrs. Edwards kümmern sich um viele Dinge persönlich. Das Personal ist nett und aufmerksam und die Pferde werden gut gepflegt."
Deirdre führte Hotch zu den Pferden und begrüßte Sam, einen der Stallburschen. Sam tippte an seine Kappe. "Mrs. D! Schön, dass sie mal wieder hier sind. Wir haben Sie letzte Woche vermisst. Lancelot war schon ganz unruhig."
"Ich...wurde zuhause gebraucht, Sam", erklärte DeeDee unsicher, mit Blick auf Kincade. "Ähm...das ist Mr. Hotchner, sein Junge möchte gerne Reitstunden nehmen. Ich dachte, vielleicht wäre Lady Grey was für ihn?"
Sam nickte, "Hallo Mr. Hotchner. Wie alt ist Ihr Junge denn?"
"Er wird 10 in drei Monaten. Und er hat eigentlich keine Erfahrung, was das Reiten angeht. Er ist ein, zweimal auf einem Pferd gesessen."
Sam nickte wieder, "dann ist die Lady perfekt für ihn. Lammfromm und geduldig. Machen Sie doch ein paar Probestunden mit Mr. Edwards aus, er ist im Haus." Sam tippte noch einmal an seine Kappe und verteilte weiter Kraftfutter.

"Möchten Sie Lady Grey sehen? Sie hat die Box neben Lancelot, die zwei verstehen sich sehr gut."
"Lancelot ist wohl ihr Tier", wollte Hotch wissen und ein kleines Lächeln huschte über DeeDee´s Gesicht. "Ich hab ihn mit zur Welt gebracht, Mr. Hotchner. Der Tierarzt steckte beim Nachbarn fest also musste ich ran." DeeDee hielt vor der Box eines riesigen Apfelschimmels, der sofort freudig wieherte und seine Besitzerin begrüßte. "Hallo, mein Liebling", sagte DeeDee leise und strich über seine Nase. "Du hast mich vermisst, hab ich gehört?"
Lancelot schnaubte ungeduldig, er wollte raus, wollte laufen. Deirdre konnte das nachvollziehen und sattelte auf. Wenigstens dafür war Kincade gut, den Sattel und das Zaumzeug aus der Sattelkammer zu holen.
Hotch warf derweil einen Blick in die Nachbarbox, wo ihn sanfte, braune Augen neugierig musterten. "Na Du", sprach Hotch die Pferdedame ruhig an und zauberte einen Apfel aus seiner Hosentasche hervor. "Das ist okay, oder?", versicherte er sich bei DeeDee.
"Aber natürlich. Äpfel und Karotten sind immer willkommen. Einfach auf die flache Hand...genau so."
Lady Grey nahm vertrauensvoll den Apfel aus Hotch´s Hand. Es knirschte, als sie ihn genüsslich verspeisste.
"Danke für die Vermittlung, Mrs. Donnelli", Hotch sah DeeDee ernst an. "Wenn es etwas gibt, das ich für Sie tun kann, dann zögern Sie bitte nicht."
Deirdre wurde rot, "danke für das Angebot, Mr. Hotchner. Ich..."
"Mrs. Donnelli, wenn Sie noch ausreiten wollen, sollten sie jetzt los. Sie wissen, welch engen Zeitplan der Senator hat.", unterbrach Kincade rüde DeeDee´s Antwort.
Er macht seine Sache als Wachhund gut, dachte Hotch ärgerlich. Je mehr Zeit er mit Deirdre verbrachte, umso mehr kam er zu dem Schluss, dass sie in Schwierigkeiten war. Ihr Mann war ganz offenbar ein Kontrollfreak, Hotch gefiel das ganz und gar nicht. Aber ohne einen Hinweis oder Hilfeersuchen von DeeDee konnte er nichts tun. Gar nichts.

Er sah ihr beim Aufsteigen zu, sie benötigte keine Hilfe und sass wie eine Amazone im Sattel.
"Auf Wiedersehen, Mr. Hotchner und grüßen Sie Jack von mir", dann war sie aus dem Stallgebäude.
"Auf Wiedersehen", murmelte Hotch und wusste jetzt endlich, an wen DeeDee ihn erinnerte. Seine Mutter. Sie hatte sich immer genau so verhalten, wie DeeDee...Hotch wusste jetzt genau, was für eine Art Ehemann Carlton Donnelli war. Einer von der schlimmen Sorte.

oOo

Jack schmiss seine Büchertasche ungeduldig in die Ecke, als er aus der Schule kam. "Und, Dad? Wie ist der Reitstall? Darf ich da hin? Ach bitte, ich möchte soooo gerne!"
"Erstmal einen guten Tag, Jack. Wie wars in der Schule?" Hotch schmunzelte und Jack rollte mit den Augen. "In der Schule wars wie immer, Dad." Jack schubste seinen Vater spielerisch. "Darf ich?"
"Du wirst vorher keine Ruhe geben, oder? Ich habe ein paar Probestunden vereinbart, wenn Du möchtest, können wir am Samstag früh die erste nehmen."
Jack machte einen glücklichen Hüpfer und umarmte seinen Vater, "Danke, Dad. Du bist klasse. Wird DeeDee auch da sein?"
"Das weiss ich leider nicht, Jack."
"Du weisst das nicht? Hast Du sie nicht gefragt?" Jack schüttelte den Kopf, Erwachsene waren aber auch kompliziert.
"Das musst Du machen, Dad. Bitte?" Jack setzte seinen Hundeblick auf und Hotch seufzte leise. Wie konnte er dem widerstehen. "Ich sehe, was ich tun kann, in Ordnung? Ich verspreche aber nichts."
Jack machte einen weiteren Hüpfer und enterte die Küche. Er schnupperte und zog einen kleinen Flunsch. "Gibts heute nichts zu Essen, Dad? Ich hab echt Hunger."
Hotch schmunzelte. "Also, zumindest nichts selbst gekochtes. Wir waren schon lange nicht mehr im Burgerladen, was meinst Du?"
"Echt?" Jack kriegte sich kaum noch ein. Sein Vater legte Wert auf gesunde Ernährung und Burger waren nur ab und zu mal drin.
"Aber, wir essen auch einen Salat dazu, einverstanden?"
"Wenn Du willst, ess ich auch noch ein Eis hinterher", grinste Jack.

oOo

Carlton kam spät aus dem Büro, mit ziemlich schlechter Laune. Einer der Lobbyisten wollte nicht so, wie er das erwartete und brachte Donnelli in die Zwickmühle, mit einem anderen Senator. Und diesen Kerl würde sich gekümmert werden, er hatte schon entsprechende Anweisungen erteilt.
"Deirdre? Wo zum Teufel treibst Du Dich wieder herum?"
"Ich bin im Esszimmer, Carlton. Das Dinner habe ich warm gehalten, ich nahm an, Du bist hungrig, wenn Du nach Hause kommst."
"Warmes Essen? Die Köchin soll gefälligst was frisches auf den Tisch bringen! Wofür bezahle ich sie denn?"
"Magda ist früher gegangen. Ihr Sohn ist krank. Ich dachte, das ist in Deinem Sinn."
"Du dachtest? Ist ja mal was ganz neues, Frau. Ich habe Neuigkeiten für Dich: Es ist nicht in meinem Sinn!" Carlton holte aus und versetzte Deirdre eine Ohrfeige.
DeeDee schossen sofort die Tränen in die Augen. "Ich...ich...ich kann Dir was kochen", stotterte sie unsicher.
"Du? Du bist doch zum Wasserkochen zu dumm. Es gibt nur eine Sache, zu der Du nütze bist. Komm her!" Carlton zog sich die Jacke aus und machte den Reissverschluss seiner Hose auf.
"Auf die Knie mit Dir", sagte er leise. Deirdre wich zurück. "Bitte, Carlton. Du hast gesagt, Du lässt mich in Ruhe, wenn ich aus Montana komme."
"Hab ich das?" Donnelli riss seine Frau grob an den Haaren. "Dann hab ich wohl gelogen. Immerhin bin ich Politiker, da gehört das in die Berufsbeschreibung. Muss ich Dich nochmal bitten, Frau?"