Kapitel 1: Eine Eule in meinem Bad

Inzwischen war mehr als ein Jahr vergangen und der selbe Junge, der damals so gespannt auf den Kometen wartete, mitten in der Nacht und frierend in seinem Schlafanzug, saß jetzt auf seinem Bett, nicht in einen Pyjama, sondern in einfache Jeans (mit Flicken an den Knien versteht sich) und ein T-Shirt mit der Aufschrift „Rum And Beer" gehüllt, und schaute gedankenverloren aus dem Fenster seines Kinderzimmers. Dieser Junge, Kenneth Shellblood, war eigentlich ein ganz normaler Junge und doch unterschied ihn augenscheinlich etwas ganz deutlich von den anderen Kindern in seinem Alter. Vielleicht etwas kleiner als der durchschnittliche Junge seines Alters, von sehniger Konstitution, eine sehr moosiggrüne Augenfarbe, schlanke, lange Finger, ein dünn auslaufendes Kinn, weiche Wangenkonturen und den Anflug von Schollohren, also durchaus im Rahmen der Definition eines normalen Jungen, wäre da nicht sein unverschämt unnormales und ungewöhnliches Haar gewesen. Dieses war dermaßen verstrubbelt, sodass seine Mutter ihm manchmal scherzhaft vorwarf, er habe einen Kamm-Abweis-Zauber auf seine Haare gesprochen. Doch mehr als die Konsistenz und Unbändigkeit seiner bis zur Mitte seines Nackens reichenden Haare war doch die eigentliche Haarfarbe ganz und gar unnormal. Wobei es besser heißen sollte: Die Haarfarben waren ganz und gar unnormal, denn von rechts nach links durchlief sein Haar eine Farbe von dem hellen, fast platinfarbenen blond seiner Mutter, dann dunkler werdend, bis zum kohlenähnlichen Pechschwarz der Haare seines Vaters. Dies war tatsächlich seine natürliche Haarfarbe, auch wenn Kenneth seine Mutter sich nach jedem Elternsprechtag an seiner Schule wieder darüber ärgern hörte, dass die Lehrerin ihr wieder einmal vorgeworfen hatte, ihre eigenen Modekomplexe an der Frisur ihres Kindes auszulassen, in Form von punkigen Färbungen. Dabei hatte seine Mutter ihm doch bis zu seinem achten Lebensjahr tatsächlich die Haare gefärbt, jedoch in nur einer einheitlichen Farbe, um ihn wie ein ganz normales Kind aussehen zu lassen, das keine sozialen Repressalien zu befürchten hat. Mit neun Jahren jedoch hatte er sich immer mehr dagegen gewehrt und seine Mutter ließ ihm schließlich die Freiheit, seine ungewöhnliche Haarpracht der Öffentlichkeit der lokalen Grundschule Tag für Tag präsentieren zu dürfen.

Aus dem Fenster in der schrägen Wand gegenüber starrend, schweiften seine Gedanken immer wieder zu seinem elften Geburtstag am darauf folgenden Tag, während er dem Himmel dabei zusah, wie er eine immer rötlichere Färbung annahm.

Bei einem Jungen in seinem Alter würde man eigentlich annehmen, er denke über die Geschenke nach, die er am nächsten Tag bekommen würde, doch es war viel mehr sein Vater, über den er nachdachte, denn je näher Kenneths elfter Geburtstag rückte, umso brummiger und anscheinend missgelaunter wurde er.

Immer wenn er diesen Status der Sturheit, des Stirnrunzelns und des ärgerlich Murmelns erreichte, zog er sich in seinen alten ausgeblichenen, grauen Lieblingssessel, genau vor dem großen, altväterischen Kamin im Wohnzimmer, zurück, um in alten Wälzern aus den etlichen Bücherschränken zu schmökern.

Das Wohnzimmer der Shellbloods verlief über die gesamte Breite ihrer einstöckigen Wohnung, direkt unter dem Dach eines alten Mehrfamilienhauses. Dieser Altbau hatte den Zweiten Weltkrieg fast völlig unbeschadet überstanden, so berichtete es Kenneths Vater ihm jedes Mal wenn der Zweite Weltkrieg gerade thematisch in einer Zeitung oder einem Magazin aufbereitet wurde oder lediglich im TV erwähnt wurde. Nur das Erdgeschoss, sowie die erste Etage wurden damals beschädigt, so erfuhr Kenneth. Die oberen Stockwerke blieben völlig unversehrt vom Krieg.

Jedenfalls war Kenneth betrübt über die schlechte Laune seines Vaters, nur einen Abend vor dem Geburtstag seines einzigen Kindes. Doch Kenneths Mama hatte ihm gut zugeredet, dass sein Vater bestimmt wieder guter Dinge sein würde, wenn es daran ging, den Geburtstag seines Sohnes zu feiern.

Die helle Stimme seiner Mutter drang von der Küche, so vermutete Kenneth, durch das Wohnzimmer und den Flur zu seinem Kinderzimmer durch: „Kenneth, Schatz, kommst du bitte und deckst den Tisch?" Dies war eine dieser Elternfragen, die eigentlich keine Frage oder Bitte, sondern ein Befehl waren, jedoch schön verpackt in ein blumiges Gewand. Das, dachte Kenneth feixend, hatte seine Mutter gut drauf. Sie bekam sogar seinen Vater dazu, ab und zu einkaufen zu gehen, wenn sie es selbst aus zeitlichen Gründen nicht schaffte, obwohl dieser es auf den Tod nicht ausstehen konnte, in Supermärkte oder andere, mit Menschenmengen (was bei Kenneths Vater schon fünf Personen heißen konnte) gefüllte, Plätze zu gehen.

Träge tapste er aus seinem Zimmer, durch den kleinen Flur und blieb im Türrahmen zum Wohnzimmer stehen. Er sah sich in dem weitläufigen Zimmer um, ganz so als wäre er dort nie zuvor gewesen. Zu seiner linken, am nicht befeuerten Kamin, in seinem alten Ohrensessel, saß Kenneths Vater, Patrimus, las in einem Buch und machte sich nebenbei Notizen. Er sah nicht zu Kenneth auf. Völlig vertieft in seine Lektüre und seine Niederschrift saß er da, vorn übergebeugt, während er nicht die weiche Lehne des Sessels ausnutzte. Kenneth sah zu, wie sein Vater beim Schreiben lautlos mitsprach, jedoch nur mit minimalen Mundbewegungen.

Alle paar Sekunden kratzte er sich mit dem Bleistift an seinem kantig markanten Kinn, welches von einem kratzigen Dreitagebart besät war. Die Stoppeln, die Patrimus Shellbloods Wangen und Kiefer zierten, verliehen ihm, zusätzlich zu seinem oft mürrischen Verhalten, einen kantigen und verwegenen Look.

Aber auch andere Faktoren trugen durchaus ihren Teil zu dem abenteuerlichen Aussehen von Kenneths Vater bei: Zu allererst seine strubbelig wilden Haare, die, kürzer als Kenneths Haare und ausschließlich von rabenschwarzer Farbe, von seinem Haupt abstanden, ganz so als wäre er gerade aus dem Bett gekrochen, auch wenn es Zeit war für das Abendessen. Unter seinem Kraushaar lagen zwei tiefkobaltblaue Augen in ihren tiefen Höhlen. Dieses Blau war von so unwahrscheinlicher Stärke, dass Kenneth gut verstehen konnte, warum seine Mutter immer wieder von den wunderschönen Augen ihres Ehegatten schwärmte, auch wenn es ihm gehörig auf die Nerven ging. Das verwegenste und mysteriöseste am Aussehen von Kenneths Vater war jedoch die nicht geringe Menge an größeren und kleineren Narben, die seinen Körper zierten. An den Händen, Armen, Beinen, sowie am Hals und auf der Brust waren einige vorhanden und auf Nachfrage seines Sohnes lieferte Patrimus nur eine Antwort ab, auf die Frage, was die Quelle dieser und jener Narbe sei: „Ich war mal in der Metallverarbeitung. Da gings hart zur Sache." Diese Auskunft verwunderte Kenneth immer noch, da sein Vater nun Schriftsteller war und der Sprung vom einfachen Arbeiter in der Metallverarbeitung zum Autor doch schon ziemlich ungewöhnlich war. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass sein Vater einmal in einer Fabrik geschuftet hatte.

Nun gut, er war nicht gerade schmächtig, also keineswegs ein Hungerhaken, doch Kenneth stellte sich unter einem Metallarbeiter jemanden sehr kräftig gebautes vor, hatte sein Vater doch eher eine drahtige, athletische Figur. Und genau diese Figur reckte sich nun, nachdem sie den Notizblock nebst Stift, sowie das Buch auf den schienbeinhohen Stubentisch aus Holz, mit einer Tischplatte aus Marmor, gelegt hatte und ging hinüber zu einem der Schränke, voll mit Büchern, die fast die gesamte Wandfläche des heimeligen Wohnzimmers bedeckten. Patrimus Shellblood klapperte mit den Augen die Buchtitel ab und zog schließlich ein dünnes, senfgelbes Exemplar aus dem Schrank, um sich danach mit wehendem Bademantel, den er über seinen normalen Sachen trug, wieder in den Sessel fallen zu lassen. So langsam verlor Kenneth das Interesse, seinem Vater beim Lesen und Kritzeln zuzusehen und so wandte er den Blick zur Einbauküche, die sich nahtlos zur Rechten an das Wohnzimmer anschloss.

Ein Schreck durchfuhr ihn! Seine Mutter stand genau vor ihm, die Hände in die Hüfte gepresst und gespielt ärgerlich hinabblickend auf ihren Sohn.

„Hast du vor, dort den ganzen Abend zu stehen oder willst du mir auch noch mal helfen, den Tisch zu decken?" Kenneth folgte seiner Mutter mit hängenden Schultern zur Küche, während sie selber dahinzuschweben schien. Sie nahm drei flache Teller aus dem mattgrünen Küchenschrank und gab sie Kenneth, obwohl die Entfernung zum Küchentisch, so war er sich sicher, dieselbe war. Elaine Shellblood, so der komplette Name von Kenneths Mutter, wirbelte geradezu durch die kleine Küche.

Drehte hier den Speck um, holte da ein Gewürz, schaute dort nach dem Teig.

Und dabei wehten ihre engelsblonden, fast bis zur Hüfte reichenden Haare eindrucksvoll hinter ihr her. Wieder versank Kenneth in Gedanken, während er seiner Mutter zusah, wie sie durch die Küche huschte.

Seine Mutter war ein wahrer Sonnenschein, besser könne man es einfach nicht beschreiben, so überlegte er. Sie war jederzeit enthusiastisch und fröhlich.

Nicht ein einziges Mal hatte Kenneth sie betrübt oder in wirklich negativer Stimmung erlebt. Sie war der genaue Gegenpol zu seinem Vater und genau deshalb passten sie auch so hervorragend zusammen, dachte Kenneth. Sie ergänzten sich einfach in jeder Beziehung und Kenneth hatte seinen Vater nie mit einer anderen Person jemals auch nur halbwegs so nett, und liebevoll schon gar nicht, reden hören.

Auch nicht mit ihm. Natürlich, er war sein Vater und er liebte Kenneth ebenso sehr wie seine Frau, doch vermochte er dies seinem Sohn nie in der Form zu zeigen, wie er es Elaine zeigen konnte. Kenneth fand dies jedoch nicht weiter tragisch, gut, manchmal hätte er sich ein wenig mehr Wärme von Seiten seines Vaters gewünscht, doch Kenneth fand immer wieder auf eines zurück, was seine Eltern betraf und dies sagte er sich oft, auch weil er einfach stolz war, so tolle Eltern zu haben: „Mein Vater ist der Geist und meine Mutter das Herz der Familie." Mit seinem Vater verband Kenneth den Wissensdurst. Er konnte ihm stundenlang zuhören, wenn sein Vater etwas erzählte, sei es über Astronomie, für die sich Kenneth brennend interessierte, oder auch irgendein anderes Thema. Sein Vater wusste eigentlich zu allem etwas und manchmal pflegte er einfach aus seinem Schneckenhäuschen hinauszukommen und dann konnte er gar nicht mehr aufhören, Kenneth hiervon und davon zu erzählen. Diese gelegentliche Nähe zu seinem Vater genoss Kenneth in vollen Zügen. Seine Mutter dagegen war immer für ihn da, wenn es in der Schule Probleme gab, was nicht sehr oft war, da Kenneth ein relativ guter Schüler war, oder wenn er traurig war, doch konnte er auch seine Freude jederzeit mit ihr teilen und dies baute ihn sehr auf. „Kenneth? Was hältst du davon, wenn du die Teller auch mal auf den Tisch stellst?" Kenneth sah sich um. Wieder war er völlig in seinen Gedanken versunken. Er stellte die Teller auf dem Tisch ab und verteilte sie auf die Plätze.

„Du denkst wohl schon an deine Geschenke, wie?" fragte seine Mutter und zwinkerte ihm verspielt zu. „Da wirst du dich aber noch gedulden müssen bis morgen früh.

Und du stellst dir nicht extra früh deinen Wecker!" Sie wedelte mit dem Zeigefinger vor seinem Gesicht, so als ob er dies jemals getan hätte, und lachte.

Während des Abendessens beobachtete Kenneth seinen Vater, der, auf die Ellenbogen gestützt, lustlos in seiner Portion „Toad In The Hole" herumstocherte, als wäre die Gabel ein Degen und das Gericht sein Gegner in einem Fechtduell.

Er war sich nun nicht mehr so sicher, ob sein Vater am nächsten Morgen schon besserer Laune sein würde, denn er erschien Kenneth nicht nur ungewöhnlich grimmig, wie er da auf seinen Teller herabstarrte, nein, er sah auch zum ersten Mal bei seinem Vater einen Anflug von, und Kenneth traute seinen Augen nicht, Traurigkeit. Oder war es doch etwas anderes als Traurigkeit? Nie hatte Kenneth solch ein Anzeichen von Schwäche bei seinem Vater gesehen und er musste sich dazu zwingen, weiter zu essen als sei nichts Besonderes geschehen, wenn er schon dasaß und seinen Vater mit aufgerissenen Augen anstarrte. Auch seine Mutter schien etwas bemerkt zu haben, denn, eben noch völlig ruhig und zufrieden dasitzend und essend, schwatzte sie wie aus der Kanone geschossen los: „Also ich muss sagen, irgendwie schmeckt der Teig anders. Die haben auch die Verpackung geändert. Ich verstehe gar nicht warum. Ich frage mich ob die die Zutaten auch verändert haben, denn es schmeckt ja schon ein wenig ungewohnt. Hm, vielleicht hab ich auch zu viel Salz rein getan. Auf jeden Fall schmeckt der Teig anders als sonst. Ich mach's einfach nächste Woche noch mal und dann werde ich ja sehen ob es an zu wenig Salz lag." Sie beendete dieses Satzstakkato mit einem verlegenen, schulmädchenhaften Kichern, wobei Kenneth der verstohlene Blick zu ihrem Gemahl auffiel. Zu Bett ging Kenneth mit einem Gefühlsmischmasch aus Unsicherheit, wie die Laune seines Vaters wohl an seinem Geburtstag aussähe, und der Befürchtung, dass wenn die Laune nicht besser oder sogar schlechter geworden sei, Kenneths Geburtstag wohl der trostloseste in seinem bisherigen Leben sein würde, auch wenn seine Mutter sicherlich alles daran setzen würde, dass dies nicht der Fall sein würde, doch gewiss mit dem gleichen Effekt wie am Abendtisch.

Der Morgen Kenneths elften Geburtstages kam und nachdem seine Mutter ihn unsanft durch ihre glockenhelle Stimme und das heftige Aufziehen der Jalousien seines Fensters aus einem wunderbaren Traum, in dem er von einem riesigen Vogel in dessen Klauen über das ganze Land geflogen wurde, riss, umarmte sie ihn und wünschte ihm alles Gute zum Geburtstag. Sein Vater saß wie üblich in seinem Sessel, die Hände im Schoß gefaltet und auf die Geschenke auf dem Wohnzimmertisch starrend, so als wolle er sie jeden Moment anschreien.

Auch er gratulierte seinem Sohn, jedoch nicht einmal annähernd so herzlich wie Elaine. Er schüttelte Kenneth energisch die Hand und klopfte ihm zweimal auf die Schulter, während er ihm ein zugegebenermaßen nicht sehr gelungenes Lächeln schenkte. Die Probleme seines Vaters, soweit er denn wirklich welche hatte, waren also nicht wie von Geisterhand über Nacht gelöst worden und er hatte seinen Gemütszustand mit in den neuen Tag genommen. Das Auspacken der Geschenke förderte einen 50 Dollar Schein seiner Großeltern mütterlicherseits (sie lebten in Detroit, in den USA), ein Buch über Astronomie, ein Brettspiel mit mittelalterlicher Aufmachung (beides Geschenke seiner Eltern), sowie ein Buch über Birmingham City (ein Geschenk des alten Ehepaares ein Stockwerk unter den Shellbloods), den Fußballclub der Stadt, zutage. Am meisten freute sich Kenneth natürlich über das Astronomiebuch, indem alles Mögliche über die verschiedenen Planeten stand.

„Du hast eines übersehen, Kenneth." wies ihn sein Vater zurecht.

Dem Blick seines Vaters folgend, sah Kenneth, dass noch ein weiteres Geschenk, ebenfalls von auffälliger Buchform, anscheinend vom Tisch gefallen war und nun daneben lag. Kenneth hob es auf und fragte, ohne es auszupacken: „Und von wem ist das?"

„Dieses Buch ist von mir." Kenneths Mutter warf ihrem Mann einen überraschten Blick zu und sagte: „Davon wusste ich ja gar nichts. Wann hast du das denn gekauft?"

„Vor ein paar Wochen. Und stimmt, ich habe es bewusst alleine gekauft."

Kenneth, der das Geschenk immer noch eingewickelt in der Hand hielt, schaute seinen Vater ebenso überrascht an, wie es auch seine Mutter noch tat.

Ihr Blick begann sich jedoch zu lösen, wie der Knopf eines zu engen Hemdes am Bauch einer dicken Person. Ihr erstaunter Gesichtsausdruck wich der ihrem Gesicht so vertrauten Verspieltheit. „Wolltest mich wohl ausstechen bei den Geschenken, wie?" Sie zwinkerte Patrimus zu, dessen Miene undurchdringbar blieb, und widmete sich wieder der Zubereitung des schlaraffenartigen Frühstücks.

„Willst du es nicht öffnen?" fragte Patrimus seinen Sprössling mit ruhiger Stimme und dem scheinbar für immer bleibenden Pokerface.

Kenneth murmelte verdutzt etwas: „Hm… Ähm… J-Ja." und riss das silbrig schimmernde und amateurhaft verpackte Geschenkpapier ab.

Es war wirklich ein Buch. Es hatte eine schwarze Buchdecke aus einem ledergleichen Material und, diese Tatsache verwunderte Kenneth, weder Titel noch sonst irgendetwas, was den Inhalt oder die Herkunft des Buches auswies.

Als Kenneth das Buch aufschlug und die Seiten zwischen seinen Fingern durchfließen ließ, wurde seine Verwunderung nicht gerade geringer.

Auch der Buchblock war vollkommen leer. Das Buch bestand aus nichts als einem schwarzen Einband mit blassgelben Seiten darin. Kein Titel, kein Autor, kein Inhalt.

Den Mund geöffnet, sodass nur ein Fragezeichen herauskommen konnte, sah er auf zu seinem Vater und dieser ließ den Anflug eines hochgezogenen Mundwinkels aufblitzen. „Du wirst es noch brauchen, da bin ich mir sicher."

Mit dieser mehr als unbefriedigenden Antwort stand er auf und setzte sich an den fertig gedeckten Tisch, der alle möglichen Bestandteile eines ausgiebigen Frühstücks duftend zur Schau stellte.

Nach dem überaus reichlichen Frühstück, während dem Kenneth das Rätsel um das Buch ohne Buchstaben kurzzeitig beiseite schob ob einer Übermacht an Speck, Würstchen und Weißbrot, setzte er sich in das kleine, dunkelblaue Velourssofa, welches genau neben der Einbauküche stand und schmökerte in dem Buch über Astronomie, wobei er immer wieder kurz in das unbeschriftete, schwarze Buch schaute, so als würde er erwarten, dass das Buch sich doch noch dazu entschied, seinen Inhalt preiszugeben. Langsam beschlich Kenneth allerdings das Gefühl, dass dieses Buch schlicht und ergreifend ein einfaches Notizbuch war.Diese Alternative schien ihm aber trotzdem sehr unattraktiv, könnte man auf einem ganz einfachen Block doch auch Notizen machen, so wie sein Vater dies immer tat.

Patrimus blieb am Küchentisch sitzen und schaute Kenneth dabei zu, wie er die beiden Bücher abwechselnd durchblätterte, wobei der Inhalt des Astronomiebuches selbstverständlich ein wenig interessanter war und daher eine längere Inspektion des Enthaltenen weitaus lohnenswerter war. Wie Kenneth aus den Augenwinkeln auffiel, nippte sein Vater immer noch an seiner ersten Tasse schwarzen Kaffees, die nun sicherlich nur noch lauwarm bis einfach nur kalt war.

Währenddessen wuselte Elaine Shellblood durch die Wohnung und nachdem sie das Geschenkpapier, dass Kenneth vor lauter Verwunderung über das leere Buch einfach auf dem Wohnzimmertisch liegen gelassen hatte, in den Müll geworfen hatte, sammelte sie die dreckige Wäsche aus dem Eltern- und dem Kinderschlafzimmer in einem pinkfarbenen Plastikkorb und marschierte damit ab ins Badezimmer.

Während des Frühstücks hatte sie sich laut denkend daran erinnert, noch die Wäsche machen (also waschen) zu müssen und nun… kreischte sie laut auf!

Man hörte den Wäschekorb auf die Fliesen des Badezimmers knallen und die überraschten Männer der Familie Shellblood sahen, wie ihre Mutter aus dem Bad stürmte, einen zu Tode erschrockenen Blick auf dem sonst so anmutigen Antlitz, und in die Küche rannte. Sie krallte sich an die Schultern ihres Mannes, der den eben genommenen Schluck Kaffee prompt wieder in seine Tasse gespuckt hatte ob des plötzlichen Schreies seiner Gattin.

„Eine Eule in meinem Bad!" schrie Elaine aufgebracht und zeigte zum Flur.

Ihr ausgestreckter Arm zitterte heftig und wurde dabei nur von dem ebenfalls ausgestreckten Zeigefinger übertroffen, der wild hoch- und runterschaukelte.

Patrimus atmete plötzlich tief ein und, Kenneth rechnete bereits nicht mehr damit, dass sein Vater jemals wieder ausatmen würde, ließ die Luft sausend aus seinen Lungen entweichen. Er stand auf und, entgegen der Erwartung Kenneths, ging er nicht zum Badezimmer um den nachtaktiven Vogel wieder zu verscheuchen, der hörbar im Bad mit den Flügeln schlug, sondern drehte sich herum, packte die Hände seiner Frau und sagte mit friedlich eingehauchter Stimme: „Beruhige dich, Schatz."

Diese Reaktion konnte Kenneth nicht im Geringsten verstehen. Er selbst hatte zwar keine Angst vor Eulen, fand sie sogar durchaus faszinierend, doch es wunderte ihn schon, dass sein Vater anscheinend nichts unternahm um das Ungetüm fortzujagen, welches seiner Frau einen solchen Schrecken eingejagt hatte.

„Setz dich bitte und bleib ruhig. Die nächsten Minuten werden nicht einfach für dich." Schlagartig war Elaine ruhig. Diese Aussage ihres Mannes war sowohl schockierend, als auch ernüchternd in ihrer krassen Ausführung.

Kenneth konnte nichts anderes als immer wieder von seinem Vater, zu seiner Mutter und zum Flur zu sehen, dann wieder von Vorne, in völliger Brachlegung aller Gedanken, die sich noch vor ein paar Sekunden in seinem Kopf abgespielt haben mögen. Als Kenneth gerade wieder den Blick vom Flur zu seinem Vater richten wollte, drangen erneut Geräusche von aufeinander reibenden Federn an sein Ohr und nur Millisekunden darauf hoppelte die Eule, es war ein gebieterischer, großer Kauz, aus der offenen Badezimmertüre durch den kleinen Flur ins Wohnzimmer und direkt auf Kenneth zu. Er hielt den Atem an und auch der Kauz hielt an, nicht mehr als einen Meter von ihm entfernt. „Nimm der Eule bitte den Brief ab, Kenneth." gebot ihm sein Vater mit der üblichen harten Stimme, aber vermischt mit einer Idee Belustigung. Jetzt fiel auch Kenneth der kleine Brief auf, der am linken Bein der Eule befestigt war. „Nur zu, sie wird dich nicht beißen." Kenneth schob sich sachte vom Sofa, ohne wirklich aufzustehen, und sank vor dem Kauz auf die Knie.

Er wartete einen Moment, ob der Kauz nach ihm schnappen würde, doch dieser beobachtete ihn nur aus ernsten Augen. Na los dachte Kenneth, sich selbst auffordernd, den Mut aufzubringen, seine Hände auszustrecken.

Dann tat er es, nicht einmal bewusst. Er streckte die Hände aus und entband den Brief samt goldener Schnur, mit welcher der Brief an der Extremität befestigt war, vom Bein der Eule. Der Kauz klapperte kurz mit seinem Schnabel, als wolle er etwas sagen, drehte sich um und flog schnurstracks auf den Lieblingssessel von Kenneths Vater, wo er sich niederließ und in aller Seelenruhe sein Gefieder putzte.

Anscheinend zur weiteren Beruhigung seiner Frau sagte Patrimus: „Er wartet jetzt da. Wenn es Zeit ist, schicke ich ihn wieder weg." Dabei strich er über den linken Oberarm seiner Frau. Dann setzte er sich wieder auf den Stuhl, neben Kenneths Mutter, die immer noch ruhig, doch zugleich geschockt war. „Ich werde euch alles erklären, aber zuerst: Kenneth, mach bitte den Brief auf und lies ihn laut vor."

Während Kenneth den kleinen, gelblichen Umschlag in seiner Hand drehte, sah er, dass darauf kein Absender verzeichnet war. Lediglich der Empfänger stand dort in schnörkeliger Schreibschrift und smaragdgrüner Tinte:

Mr. K. Shellblood

Kinderzimmer

Shaw's Passage 33

Aston

Birmingham

Dieser Brief war unmissverständlich an ihn adressiert. Aber wer schrieb auf den Brief denn eine so genaue Adressatenangabe? Kenneth hatte zwar noch nie einen Brief verschickt, doch wusste er, dass dies sicherlich nicht normal war.

Dazu trug das wunderliche Äußere des Briefs natürlich ihr übriges.

Kenneth drehte den Brief um und bestaunte die blutrote Wachsversiegelung des Schreibens. Es war irgendein Logo oder Emblem. Genaueres konnte er nicht erkennen. Nur das in der Mitte des Emblems ein großes „H" stand.

Er fand dieses Siegel sehr interessant, doch musste er es zwangsläufig zerstören um an den noch viel spannenderen Inhalt des Umschlags zu gelangen.

Kenneth entnahm zwei Blätter desselben schweren Pergaments, aus dem auch der Briefumschlag selbst gemacht war. Er schlug die Blätter in seinen Händen auf, so als wolle er bewirken, dass sie sich weiter entfalteten.

Er presste seine Augenlider kurz zusammen um sie zum Lesen bereit zu machen und begann dann Wort für Wort vorzulesen:

„HOGWARTS-SCHULE FÜR HEXEREI UND ZAUBEREI

Schulleiterin: Minerva McGonagall

(Orden der Merlin, Zweiter Klasse, Hexenmst.)

Sehr geehrter Mr. Shellblood,

wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei aufgenommen sind. Beigelegt finden Sie eine Liste aller benötigten Bücher und Ausrüstungsgegenstände.

Das Schuljahr beginnt am 1. September. Wir erwarten Ihre Eule spätestens am 31. Juli.

Mit freundlichen Grüßen

Filius Flitwick

Stellvertretender Schulleiter"

Kenneth wollte etwas sagen, doch es ging nicht, da sein Mund aufgeklappt war und sein Unterkiefer tonnenschwer schien. „Weiter. Weiter." sagte sein Vater mit einer flüchtigen Handbewegung. Kenneth nahm sich nun den zweiten Zettel vor:

„HOGWARTS-SCHULE FÜR HEXEREI UND ZAUBEREI

Uniform

Im ersten Jahr benötigen die Schüler:

1. Drei Garnituren einfache Arbeitskleidung (schwarz)

2. Einen einfachen Spitzhut (schwarz) für tagsüber

3. Ein Paar Schutzhandschuhe (Drachenhaut o. Ä.)

4. Einen Winterumhang (schwarz, mit silbernen Schnallen)

Bitte beachten Sie, dass alle Kleidungsstücke der Schüler mit Namensetiketten versehen sein müssen.

Lehrbücher

Alle Schüler sollten jeweils ein Exemplar der folgenden Werke besitzen:

- Miranda Habicht: Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 1

- Bathilda Bagshot: Geschichte der Zauberei

- Adalbert Schwahfel: Theorie der Magie

- Emeric Wendel: Verwandlungen für Anfänger

- Phyllida Spore: Tausend Zauberkräuter und –pilze

- Arsenius Bunsen: Zaubertränke und Zauberbräue

- Lurch Scamander: Sagentiere und wo sie zu finden sind

- Oppulus Nubs: Dunkle Magie, Abwehr für Amateure

Ferner werden benötigt:

- 1 Zauberstab

- 1 Kessel (Zinn, Normgröße 2)

- 1 Sortiment Glas- oder Kristallfläschchen

- 1 Teleskop

- 1 Waage aus Messing

Es ist den Schülern zudem freigestellt, eine Eule ODER eine Katze ODER eine Kröte mitzubringen. Das Mitbringen eines Tieres einer anderen Tierart wird nur in Spezialfällen bei rechtzeitiger Zusendung eines schriftlichen Antrages und der daran anschließenden Einverständniserklärung seitens der Schulleiterin genehmigt.

DIE ELTERN SEIEN DARAN ERINNERT, DASS ERSTKLÄSSLER KEINE EIGENEN BESEN BESITZEN DÜRFEN"

Langsam ließ Kenneth die Hände, die die beiden Zettel verkrampft in ihrem Griff hielten, auf seine Oberschenkel sinken. Sein Gehirn begann erst jetzt wieder richtig damit, den Denkprozess aufzunehmen, wie eine alte verrostete Maschine, die für Dekaden ungenutzt geblieben war und nun wieder in Gang gebracht wurde.

Er stammelte etwas, dass eigentlich einmal als Frage aus seinem Munde kommen sollte und sah zu seinen Eltern. Seine Mutter war es, die sich zuerst ein Herz fasste um die eine Frage zu stellen, die auch Kenneth auf der Seele brannte: „Was hat das zu bedeuten?" Ihre Stimme klang zittrig, doch Kenneth konnte es seiner Mutter nicht verdenken, dass sie nervös war, fühlte er sich doch genauso.

Sein Vater schluckte, sah hinunter auf den Tisch und dann wandte er sein Gesicht Kenneth zu und sagte: „Du, mein Sohn, bist ein Zauberer."