2.)

Bei Betreten des überaus schön gestalteten Foyers verging ihnen jedoch rasch die Lust zu irgendwelchen Nachforschungen, denn zu ihrem Leidwesen fanden sie es, so groß es war, bereits hoffnungslos überfüllt. Zudem schien es an diesem Abend irgendein Problem mit den Getränken oder dem Buffet zu geben, und in Anbetracht des Gedränges, das in jenem Bereich des Raumes herrschte, zogen alle drei es schnell vor, auf Erfrischungen zu verzichten.

Eine Weile bahnten sie sich mehr, als daß sie schritten, einen Weg durch die Menge, wobei sie nach bekannten Gesichtern Ausschau hielten, jedoch das Schieben und Stoßen, die Hitze und die Enge waren so unangenehm, daß insbesondere Miss Darcy rasch die Lust daran verlor. Soeben überlegte man, das Foyer aufzugeben und die Pause lieber plaudernd in der Loge zu verbringen, als eine Stimme Mr. Darcy beim Namen rief. Er wendete sich um und sah Viscount Whitby in Begleitung etlicher Damen und Herren in einer Nische des Raumes stehen, der ihn lächelnd an seine Seite winkte. "Kommen Sie hier herüber, wenn Sie möchten. Hier ist ein wenig mehr Luft." In der Tat sorgten mehrere livrierte Diener, die rund um die Gruppe des Viscounts postiert waren, höflich aber bestimmt dafür, daß die übrigen Besucher des Foyers ein wenig Abstand hielten.

Das Angebot war natürlich verlockend, zumal niemand große Lust verspürte, sich noch einmal den Weg durch das Gedränge bis zum Ausgang zu erkämpfen, und mit einer Verbeugung nahm Mr. Darcy an. Lord Whitby schmunzelte zufrieden, als er sich mit seinen beiden Damen zu ihm gesellte.

"Wie schön, daß wir uns heute Abend noch einmal begegnen, Mr. Darcy. So kann ich mich doch wenigstens revanchieren und Sie im Gegenzug für die mir erwiesene Freundlichkeit mit meiner Familie bekannt machen." Er deutete auf seine Begleitung, die soeben im Begriff war, sich von einem vornehm gekleideten, ältlichen Paar zu verabschieden, und wartete, bis die drei Personen, zwei Damen und ein junger Herr, sich zu ihnen gesellten, woraufhin er sie mit aller Höflichkeit als seine Frau, seine Tochter und seinen Sohn vorstellte.

Elizabeth war nicht wenig überrascht, als sie Lady Whitby zum ersten Mal ins Auge faßte, denn nie in ihrem Leben hatte sie eine Frau gesehen, die weniger nach einer "Krämerstochter" aussah, wie Lady de Bourgh sich kurz zuvor ausgedrückt hatte, als die Viscountess von Durben. Ohne Übertreibung ließ sich sagen, daß Lady Caroline an diesem Abend zu den beeindruckendsten Damen im Theater gehörte. Sie war hochgewachsen und schlank und überaus geschmackvoll gekleidet und frisiert, und nichts an ihrer jugendlichen Erscheinung hätte vermuten lassen, daß sie in der Tat alt genug war, um bereits zwei erwachsene Kinder zu haben. Auch in ihrer Haltung, ihrem Gang und ihrer Gestik versammelte sie alle nur erdenkliche Ruhe, Würde und Gelassenheit, und sie bewegte sich voller Eleganz und Anmut. Figur und Gesichtszüge waren von makelloser Schönheit. Kurzum, jeder Zoll an Lady Whitby erschien einer Viscountess, ja, selbst einer Herzogin, wahrhaft würdig.

An Ausstrahlung und Grazie war Lady Whitby ihrem Mann, der ohne Umstände zu plaudern begann, als seien sie alte Bekannte, und sich nebenbei nachlässig mit einer Hand die Krümel eines Canapés vom Rock fegte, dem Anschein nach weit überlegen, dachte Elizabeth während der Vorstellung. Freundlichkeit und Offenheit jedoch brachte er weit mehr auf, denn aus den knappen, wenngleich höflichen Antworten auf die Begrüßung und den angelegentlichen Fragen, die Ihre Ladyschaft nach den familiären Verbindungen der Darcys stellte, schloß Elizabeth, daß sie lediglich herauszufinden wünschte, inwieweit sie hoch genug in der Gesellschaft standen, um Lady Caroline weiter denn als flüchtige Zufallsbekanntschaft zu interessieren. Die auffallend ausdrucksvollen, aber verhangenen grauen Augen der Viscountess schienen alle drei binnen Augenblicken zu taxieren und in ihrer Wichtigkeit einzustufen, und das Ergebnis konnte wohl nur wenig schmeichelhaft ausfallen. Es war diese merkliche Zurückhaltung und berechnende Kühle, die verhinderte, daß Elizabeth trotz deren angeregtem, intelligentem Geplauder, das gleichermaßen gute Erziehung wie Bildung und Geschmack bewies, größere Wertschätzung für Lady Caroline empfand.

Desto mehr Gefallen fand sie an den beiden Kindern des Hauses, wenngleich beide sich zunächst nur zurückhaltend am Gespräch beteiligten. Die Tochter, Miss Laureen, mochte ungefähr zwanzig sein und befand sich somit im Alter gerade zwischen Mrs. und Miss Darcy, was sie für beide gleichermaßen interessant machte. Auch sie war durchaus hübsch, sogar schön zu nennen, mußte jedoch gegenüber ihrer alles überstrahlenden Mutter notgedrungen ein wenig in den Hintergrund treten, wo sie sonst vielleicht die Königin des Abends gewesen wäre. Es schien ihr jedoch wenig genug zu bedeuten, zumal ihr noch immer genügend männliche Blicke zuflogen, und Eitelkeit war ihr offensichtlich fremd. Selten hatte Elizabeth ein Geschöpf gesehen, das so sehr in sich zu ruhen schien wie Miss Whitby. Während Lady Whitby von ihrer Ausstrahlung und ihrem Charme Gebrauch machen konnte wie von einem Werkzeug, das dem Erreichen eines bestimmten Zweckes dient, schien beides bei ihrer Tochter ein natürlicher Bestandteil ihres Charakters, von Erziehung lediglich zur Vollendung verfeinert.

In ihrer ganzen Art, ihrem von Herzen kommenden Lächeln, und auch in einigen Aspekten ihres Äußeren, schien Miss Whitby mehr ihrem Vater nachzuschlagen, während der Sohn zumindest in Zügen und Haltung sehr an die Mutter gemahnte. Selten hatte Elizabeth einen so attraktiven jungen Mann gesehen wie den achtzehnjährigen Erben des Viscounts von Durben. Mr. Cedric Whitby hatte dieselbe hochgewachsene Gestalt wie seine Mutter und auch deren ausdrucksstarke Augen. Allerdings endete die Ähnlichkeit offenbar in seinem Wesen, denn während die Blicke seiner Mutter stets kühl und unbeteiligt blieben, nahm er selbst lebhaften Anteil an allem, was gesagt wurde, und man konnte ihm anmerken, wie schwer es seinem Temperament fiel, an einigen Stellen nicht mit seinen Antworten dazwischen zu platzen und mehr von dem Gespräch an sich zu reißen, als der Anstand ihm gestattete. Er war lebhaft, von heiterer Wesensart und schien gern zu plaudern und zu lachen, und Mrs. Darcy konnte nicht umhin, zu bemerken, wie bewundernd die Blicke ihrer jungen Schwägerin an ihm hingen.

"Sie müssen wirklich verzeihen, Mr. Darcy", sagte der Viscount soeben, "daß wir Sie hier so mit Beschlag belegen, nach einer Bekanntschaft von kaum zehn Minuten. Aber meiner Treu, es ist so: Sie und Ihre beiden Damen waren die einzigen erfreulichen Gesichter an diesem Abend bisher, und mit Ihnen zu plaudern rettet mich vor einem Dutzend weiterer aufdringlicher Unbekannter, die offenbar besser zu wissen glauben als ich selbst, wessen Bekanntschaft ich zu machen wünsche. Ich bin in Ostindien von Einheimischen beschossen worden, die ich lieber gesehen hätte als manche meiner heutigen Besucher."

"Papa!" rief seine Tochter, lächelnd und doch tadelnd, und ihr Bruder ergänzte lachend, vor allem an Mrs. und Miss Darcy gewendet:

"Hören Sie nicht zu genau hin, ich bitte Sie. Mein Vater ist ein großer Spötter. Es gibt nichts, was vor seinen beißenden Bemerkungen sicher ist, aber meist meint er es nicht halb so schlimm, wie er es sagt."

"Ich meine es im Gegenteil genau so, wie ich es sage", verbesserte Lord Raymund. "Was hatten wir denn von diesem heutigen Theaterbesuch? Wieviel von dem Stück habe ich gesehen, und wie oft wurden wir durch das Klopfen an der Tür in unserem Genuß unterbrochen, und wie viele Visitenkarten mit unbekannten Namen habe ich studiert, während ich ins Programmheft kaum einen Blick getan habe?"

Mrs. Darcy bemerkte in verbindlichem Ton, daß ein Übermaß an gesellschaftlichen Verpflichtungen freilich ebenso unangenehm sein könne wie ein völliges Fehlen derselben, aber Lady Caroline schüttelte mit leisem Lächeln den Kopf.

"Seine Lordschaft übertreibt maßlos, denn das Interesse an uns war nicht größer, als erwartet werden durfte. Immerhin sind wir neu in der Stadt und erst vor einigen Monaten nach England zurückgekehrt; daß viele uns Unbekannte nun versuchen, unsere Bekanntschaft zu machen, ist nicht anders denn natürlich. Aber wie Sie vermutlich schon erraten haben: mein Mann ist kein großer Freund repräsentativer Verpflichtungen." Sie maß ihren Gatten mit einem langen Blick und bemerkte etwas spöttisch. "Du überraschst mich überhaupt, Whitby, mit deiner Klage über die häufigen Störungen. Seit wann interessierst du dich denn für das Theater?"

"Seitdem du, meine Liebe, uns Karten dafür besorgt hast", entgegnete der Viscount trocken, ohne sie auch nur anzusehen, und fügte, wieder an seine Gäste gewendet, hinzu: "Nennen Sie mich altmodisch, aber wenn ich schon ins Theater gehe, interessiert mich dort vor allem die Bühne und das dortige Geschehen, nicht jenes im Foyer."

Diese Bemerkung führte zu einer längeren, angeregten Unterhaltung über das Stück, die vor allem von Mr. und Miss Whitby und, nachdem sie sich von ihrer Schwägerin ins Gespräch ziehen und durch Blicke wortlos ermutigen hatte lassen, auch von Miss Darcy bestritten wurde. Georgiana glänzte mit etlichen klugen Betrachtungen sowohl zum Inhalt wie auch zur Aufführung, und an der Art, wie Miss Whitby und ihr Bruder ihr antworteten, war deutlich zu merken, daß die jungen Leute großes Gefallen aneinander fanden.

An diesem Punkt stellte Mr. Whitby plötzlich mit Entsetzen fest, daß weder Mrs. noch Miss Darcy mit Getränken versorgt waren, und er schalt sowohl sich selbst als auch in spöttischem Ton seinen Vater wegen dieser Nachlässigkeit.

"Bitte bemühen Sie sich nicht", wehrte Elizabeth liebenswürdig ab. "Wir haben das Gedränge am Buffet gesehen. Sich dort hinein zu stürzen, hieße die eigene körperliche Unversehrtheit aufs Spiel zu setzen, und um nichts in der Welt würde ich Sie dazu verleiten wollen."

"Oh, ich hatte nicht vor, selbst zu gehen", entgegnete er mit einem Lachen, und rief, wobei er sich suchend umsah: "Rajit?" Im gleichen Augenblick stand derselbe indische Diener, den sie zuvor bereits in der Loge Lady de Bourghs gesehen hatten, auch schon neben Mrs. Darcy und hielt ihr mit einer tiefen Verbeugung ein silbernes Tablett entgegen, auf dem etliche Gläser und ein Teller mit Canapés standen. Mr. Whitby lachte herzlich, als er seine Anordnung bereits ausgeführt sah, bevor er noch dazu gekommen wäre, sie auszusprechen, und sein Vater kommentierte spöttisch:

"Sehen Sie, das sind die Gewohnheiten in unserem Haus. Gibt es ein Problem, ruft man Rajit, und mein Kammerdiener schafft das Problem aus der Welt. Um ehrlich zu sein, wir wissen nicht, wie er es macht. Aber ich bin zuversichtlich, sollte ich ihm heute befehlen, daß die Sonne morgen im Westen aufgehe, er würde dafür sorgen. - Oder irre ich, Rajit?"

Der Diener verneigte sich mit einem Lächeln, und da der Viscount den Bediensteten einmal auf so ungewöhnliche Weise ins Gespräch mit einbezogen hatte, nahm Elizabeth die Gelegenheit wahr, ihn zu mustern. Er war noch sehr jung, um die zwanzig Jahre, hellhäutig für einen Inder, obgleich der Schnitt seines Gesichts und sein tiefschwarzes Haar keinen Zweifel an seiner Abstammung ließen, und wirkte intelligent und diszipliniert. Während er mit dem Tablett höflich weiter ging, zunächst zu Miss Darcy, dann zu Mr. Darcy, erkundigte er sich bei seinem Herrn in einem Ton, der fast schon schelmisch genannt werden mußte, und in völlig akzentfreier Sprache:

"Ist es denn der Befehl Eurer Lordschaft?"

Lord Whitby lachte. "Nehmen wir einmal an, es wäre so. Was würdest du tun?"

"Ich müßte Eure Lordschaft um einen kurzen Urlaub ersuchen", gab der Diener ruhig lächelnd zurück. "Um schnellstmöglich die Royal Geographic Society davon zu überzeugen, die Himmelsrichtungen bis morgen früh umzutaufen."

Diese schlagfertige Antwort, wiewohl für einen Bediensteten reichlich freimütig, erregte allgemeine Heiterkeit, außer bei Lady Whitby, die den Sprecher in stummer Verachtung musterte. Als der Diener kurz darauf ihr das Tablett reichen wollte, lehnte sie denn auch brüsk ab, während ihre Tochter und ihr Sohn eifrig zugriffen. Lord Whitby entließ den Diener schließlich mit einer Handbewegung und einem gutmütigen "Verschwinde!", und bald danach trennte die kleine Gesellschaft sich auch bereits wieder, als der Gong das Ende der Pause ankündigte. Da das schlimmste Gedränge sich inzwischen aufgelöst hatte, gelangte man problemlos zu den jeweiligen Logen zurück.

Der Weg durch die kostbar tapezierten Flure gab Elizabeth reichlich Zeit, sich über das Gesehene und Gehörte zu wundern, und da sowohl ihr Mann als auch ihre Schwägerin sich ungewöhnlich schweigsam verhielten, ging sie davon aus, daß auch diese beiden ihren eigenen Gedanken nachhingen.

Nichts von dem, was Mrs. Darcy gesehen hatte, ließ sich mit der traurigen Erzählung von Lady de Bourgh in Einklang bringen. Weder paßte der vertraute Umgangston zwischen Lady und Lord Whitby, wenn sich auch manchmal kühle Höflichkeit in ihn mengte, zu der grausamen Geschichte ihrer Eheschließung, noch das joviale Verhalten Seiner Lordschaft gegenüber dem Kammerdiener zu seinen angeblichen Standesdünkeln und seinem Stolz. So sehr sie auch sann und die Ereignisse des Abends in Gedanken drehte und wendete, sie kam zu keinem rechten Ergebnis.

"Und?" spöttelte Mr. Darcy, als alle wieder in der Loge Platz genommen hatten. "Wie weit sind meine Damen in der Lösung des Rätsels gelangt?"

"Du siehst mich ratloser als zuvor, Darcy", mußte Elizabeth zugeben, und er lächelte.

"Dann geht es dir ja wie mir. Das einzige, dessen ich mich versichert habe, ist, daß es gewiß keine unangenehme Bekanntschaft wäre, so sie sich denn vertiefen ließe."

"Ganz gewiß nicht", bestätigte Miss Darcy eifrig. Sie errötete dabei ein wenig, fuhr aber tapfer fort: "Ich habe mich mit Miss Whitby über Musik unterhalten. Sie spielt das Pianoforte, so wie ich, hat aber erst spät damit begonnen und meinte, sie werde es wohl nie zu großer Meisterschaft bringen, so sehr sie dieses Instrument auch schätzt. Wie gern würde ich ihr vorspielen!"

"Es ist fraglich, ob sich die Gelegenheit ergeben wird", sagte ihr Bruder, wenn auch mit allen Anzeichen des Bedauerns. "So umgänglich gerade die beiden jungen Leute zu sein schienen, so ist es doch an ihnen als den Höhergestellten, zu bestimmen, inwieweit sie an einer Vertiefung der Bekanntschaft interessiert sind. Laßt uns nicht auf zu viel hoffen." Er lächelte. "Wer weiß, ob wir im Licht des morgigen Tages noch eines zweiten Blickes für würdig befunden werden, wenn die beiden feststellen, daß vielleicht auch Barone und Grafensöhne um ihre Aufmerksamkeit buhlen. - Und nun, wenn ihr nichts dagegen habt, würde ich gerne die Mahnungen Lord Raymunds befolgen und wenigstens in diesem Akt, der soeben begonnen hat, dem Stück lauschen, wenn wir schon im Theater sind."

Man befolgte die Aufforderung, wenn auch besonders Miss Georgiana merkbar noch etliche rühmende Bemerkungen über Mr. und Miss Whitby auf der Zunge gelegen hätten, die sie sich nun für die Zeit der Heimfahrt in der Kutsche aufsparen mußte. Auf der Bühne strebte das Stück im letzten Akt seinem unaufhaltsam dramatischen Ende zu, die Hauptdarstellerin starb in einem packenden Schlußmonolog, und ihr unglücklicher Liebhaber folgte ihr nur wenig später in einem nicht weniger fesselnden Freitod. Man applaudierte gerührt, die Damen, die sich wider Willen mehr von dem Stück hatten in Bann schlagen lassen, als sie das selbst erwartet hatten, kämpften beide mit den Tränen und lachten dabei über sich selbst, während Mr. Darcy großzügig beide verspottete. In solch heiterer Stimmung verließ man gemächlich die Loge und schlenderte die Treppe hinunter, nachdem Mr. Darcy den Diener vorausgeschickt hatte, um die Kutsche zu holen.

Während sie auf das Eintreffen ihres Wagens warteten, sahen Miss Darcy und Mrs. Darcy sich heimlich nach ihren neuen Bekannten um, aber entweder war der Viscount mit seiner Familie bereits fort, oder sie hatten ihre Loge noch gar nicht verlassen, denn zu sehen waren sie nirgends. Stattdessen ergab es sich, daß auch Lady de Bourgh mit ihrer Tochter in nicht allzu großer Entfernung stand, die ebenso wie sie darauf warten mußte, daß ihr Wagen vorfahre. Mr. Darcy benützte diesen Umstand, um zu seiner Schwester zu sagen:

"Georgiana, ich denke, es wäre eine gute Idee, deine Cousine für morgen einzuladen. Wolltest du dich nicht mit Elizabeth in der Stadt nach Hutbändern und ähnlichem Putzzeug umsehen? Sicher würde es Miss de Bourgh doch Freude machen, euch dabei zu begleiten, sofern sie nicht schon andere Pläne hat?"

Miss Darcy schien von dieser Annahme weniger überzeugt als ihr Bruder, aber sie ging dennoch, wenn auch mit klopfendem Herzen, unverzüglich hinüber, um die Einladung auszusprechen. Elizabeth und ihr Mann standen zu weit entfernt, um Lady de Bourghs Reaktion einschätzen zu können, aber als Georgiana nach kaum ein paar gewechselten Sätzen mit vor Aufregung leicht geröteten Wangen zurückkehrte, brachte sie die Nachricht mit, daß die Einladung gnädig angenommen worden sei. Lady Catherine werde Miss de Bourgh, sofern das Wetter nicht zu unfreundlich sei, am morgigen Vormittag mit ihrer eigenen Kutsche in die ... Street bringen lassen und sie, sobald man es wünsche, auf demselben Weg wieder abholen.

Kurz darauf kam der Wagen, sie nahmen Platz, der Diener schloß den Schlag, und Miss Georgiana konnte sich endlich in allen Lobpreisungen über Lady Carolines elegante Garderobe, Miss Whitbys Freundlichkeit und Mr. Whitbys gefällige Erscheinung ergehen, die sie so lange hatte hinunter schlucken müssen.

Der nächste Morgen erfreute mit erstaunlich mildem und trockenem Wetter, und so gab es nichts, was gegen die geplante Unternehmung gesprochen hätte. Schon beim Frühstück bildeten die geplanten Einkäufe folglich das hauptsächliche Gesprächsthema, was Mr. Darcy zum einzigen einem Gentleman zur Verfügung stehenden Verteidigungsmittel greifen ließ, indem er hinter der Morgenzeitung Zuflucht nahm. Darüber wiederum lachten die beiden Damen herzlich, und Elizabeth erklärte, nun erst, da sie sehe, daß Mr. Darcy sich wie ein wirklicher Ehemann verhalte, fühle sie sich auch tatsächlich verheiratet.

Miss de Bourgh erschien pünktlich und allein, ohne die Begleitung von entweder ihrer Mutter oder jener allgegenwärtigen Gouvernante, ohne die Mrs. Darcy sie in Rosings keinen Schritt hatte tun sehen. Sie blieb in der Halle stehen, ohne Pelisse und Muff abzulegen, knickste, wartete, bis man sie gebührend begrüßt hatte und sagte dann selbst stockend einen Gruß in die leere Luft, bei dem sie niemanden ansah. Im Anschluß fiel sie in ein Schweigen, das selbst Elizabeth mit ihren höflichen Erkundigungen nach ihrem Befinden und dem der Abwesenden nur für einige einsilbige Bemerkungen aufbrechen konnte. Einige Fragen schien sie komplett zu überhören, entweder, weil sie sie nicht beantworten wollte, oder weil sie nichts darauf zu sagen wußte. Ihrem Gesicht war bei alledem nichts anzumerken als gelangweilte Ratlosigkeit, so als wisse sie weder mit sich selbst, noch mit ihrer Umgebung irgendetwas anzufangen, und als sehe sie auch keinen Grund, sich darum zu bemühen.

Unter derart reizenden Vorzeichen also begannen die drei Damen ihren Tag, und Mrs. Darcy war fest entschlossen, ihn dennoch weder für sich noch für ihre Schwägerin weniger vergnüglich werden zu lassen. Sie zwang sich zu übergroßer Höflichkeit gegenüber dem wortkargen Gast und verleitete durch ihr Beispiel auch Georgiana, diesem zu folgen, obwohl die überaus wohlerzogene Miss Darcy, die sich selbst trotz ihrer großen Schüchternheit stets um gefälliges Benehmen in der Gesellschaft bemühte, soviel Überwindung es sie auch kostete, für die kapriziöse Art ihrer Cousine merklich wenig Verständnis aufbrachte.

Elizabeth mußte sich selbst mehrmals daran erinnern, wie wenig Erfahrung Miss de Bourgh im Umgang mit anderen Menschen vermutlich besaß, denn wegen ihrer Kränklichkeit hatte sie die unmittelbare Umgebung von Rosings wohl in den vergangenen Jahren nur äußerst selten verlassen. Und das Haus und Herrschaftsgebiet ihrer Mutter war sicherlich die schlimmstmögliche Schule für ihren Charakter gewesen. Denn von denen, die sie dort kannten, waren ihr stets nur äußerste Aufmerksamkeit und Unterwürfigkeit zuteil geworden aus dem einzigen Grund, daß sie Lady de Bourghs Tochter war. Mit Schaudern dachte Charlotte an die plumpen Versuche eines Mr. Collins, sich der herrschaftlichen Familie anzubiedern, an seine zur Schau gestellte Demut und die Art, wie er bedenkenlos alles pries und gut hieß, was auch nur im entferntesten mit dem Namen 'de Bourgh' verbunden war.

Was mochte der Umgang mit Menschen wie Mr. Collins bei dem leicht zu beeindruckenden Gemüt eines Kindes und einer heranwachsenden jungen Dame bewirkt haben? Eine völlige Vergiftung selbst des günstigsten Charakters mit Eitelkeit, übersteigertem Gefühl für die eigene Wichtigkeit und mangelnder Disziplin war mehr als nur zu befürchten, ja, man hätte sich für alles andere wohl glücklich preisen müssen. Es blieb abzuwarten, wieviel von dem angerichteten Schaden man zu so später Stunde noch würde beheben können.

Während der Fahrt spähten sowohl Miss Darcy wie Elizabeth immer wieder aus den Fenstern des Wagens, um die Gebäude und Passanten zu betrachten, an denen sie vorüber fuhren, und sie fanden darin schon den Beginn des vormittäglichen Vergnügens. Elizabeth ermunterte Miss de Bourgh, dasselbe zu tun, indem sie auf die eine oder andere Sehenswürdigkeit hinwies, erhielt aber jedes Mal eine einsilbige, verneinende Antwort. Schließlich, da sie über keine anderen Gesprächsthemen mehr verfügte und die Sprachlosigkeit ihrer Gefährtin ihr zunehmend Sorge bereitete, erkundigte sie sich angelegentlich nach Miss de Bourghs Befinden, fragte sie, ob sie bequem sitze, ob ihr auch nicht kalt sei, und entschuldigte sich sogar, falls Miss de Bourgh Mr. Darcys Wagen vielleicht eng und unbequem finde, zumal sie aus Rosings sicher andere Gefährte gewohnt sei.

Es war wohl der Name 'Rosings', der bis in Miss de Bourghs Gedankenwelt vordrang, jedenfalls verstieg sie sich zu einem ganzen Satz als Antwort. "In Rosings habe ich einen Phaeton."

Erfreut, ihrem Gegenüber überhaupt eine Bemerkung entlockt zu haben, wenn sie auch nur mittelbar Bezug zu dem hatte, was zuvor gesagt worden war, erklärte Elizabeth, sie erinnere sich noch gut, Miss de Bourgh an einigen Tagen damit im Park von Rosings gesehen zu haben, und erkundigte sich, ob sie denn an solchen Ausfahrten Vergnügen finde. Die Antwort, die sie erhielt, paßte freilich nicht recht zur Frage.

"Einen Phaeton, mit einem weißen Pony." Nach dieser erschöpfenden Auskunft sank die Tochter Lady Catherines zurück in ihr Schweigen und überließ es ihren beiden Gefährtinnen, sich einen Reim darauf zu machen, bis der Wagen schließlich hielt und sie in der Nähe der Geschäfte, die Mrs. Darcy aufsuchen wollte, auf die Straße entließ.

Wäre sie allein oder nur mit ihrer Schwägerin hier gewesen, so hätte Elizabeth den milden Tag gerne benutzt, um zunächst einmal ein wenig die Straße entlang zu spazieren, aber in Anbetracht von Miss de Bourghs gesundheitlicher Verfassung erschien es ihr klüger, kein unnötiges Risiko einzugehen und lieber die relative Wärme des nächstgelegenen Ladens aufzusuchen. Trotz der relativ frühen Stunde (denn man war zeitig aufgebrochen, sobald die ärgste Morgenkühle abgeklungen war) war das Geschäft bereits recht belebt, und Miss Darcy ging sogleich eifrig daran, das Angebot zu begutachten und verschiedene Bänder, Spitzen und Seidenblüten aus den Regalen zu nehmen und vergleichend nebeneinander zu legen, zu denen sie sowohl die Meinung ihrer Schwägerin als auch die ihrer Cousine einzuholen gedachte. Von letzterer erfolgte jedoch kaum eine Reaktion darauf, und in Anbetracht der stummen Verwunderung, mit der Miss de Bourgh sich in dem Ladengeschäft umsah, und des offenbar maßlosen, aber schweigenden Erstaunens, das den ausgestellten Waren und den vielen anwesenden Leuten galt - Leuten zu allem Überfluß, die nicht die geringste Notiz von ihr zu nehmen schienen! -, argwöhnte Mrs. Darcy, daß ihre Beleiterin wohl noch nie in ihrem Leben einen ähnlichen Laden betreten habe.

Unwillkürlich fragte sie sich, inwieweit Miss de Bourgh sich über den Zweck der Unternehmung überhaupt zur Gänze im Klaren war, und ob irgendeine jener Beschäftigungen, die im Haus von Miss Bennet zum Alltag der heranwachsenden Töchter gehört hatten, das Aufputzen von Hüten, das Verzieren von Kleidern, das Arrangieren von Blumensträußen ebenso wie die häufigen Spaziergänge in die nahegelegene Stadt, um die dortigen Geschäfte heimzusuchen oder doch wenigstens ihre Schaufenster zu inspizieren, ihr überhaupt etwas sagten. Sicher hatte Miss Anne de Bourgh für ihre Kleider vielmehr exzellente Näherinnen und für die Hüte Putzmacherinnen gehabt. Doch wieviel Freude, wieviel anregende Betätigung und wieviel geselliges Beisammensein, so wie Miss Elizabeth Bennet es täglich im Kreise ihrer vier Schwestern erlebt hatte, war ihr dabei entgangen. Mrs. Darcy konnte also gar nicht umhin, Miss de Bourgh weit mehr zu bedauern, als daß sie sich über deren ungewöhnliches Verhalten geärgert hätte.

Mit allem Takt vermied sie es zunächst, Miss de Bourgh weiter ins Gespräch zu ziehen, und überließ sie ganz deren tiefer Verblüffung. Nur gelegentlich richtete sie eine Frage oder eine Bemerkung an sie, mehr um sie merken lassen, daß sie sich nicht ausgeschlossen fühlen möge, als weil sie tatsächlich eine Antwort erwartet hätte. Und folgerichtig erhielt sie auch keine, jedoch hatte sie nach einer Weile das Vergnügen, zu erleben, wie Miss de Bourgh, die zunächst ganz in der Nähe des Eingangs, mit dem Rücken zum Fenster, stehen geblieben war, von sich aus einige Schritte tiefer in den Laden hinein tat, die Hände aus ihrem Muff zog und einige der Seidenbänder, die Georgiana schon bereit gelegt hatte, in vorsichtigem Interesse aufnahm und betrachtete. Miss Darcy nahm diese Veränderung mit ebensolcher Freude wahr wie ihre Schwägerin und begann sofort, einige der Bänder neben Miss de Bourgh zu halten, um zu erproben, wie die Wirkung dieses Zierrats auf die Farbe ihres Teints, ihrer Haare und ihrer Augen sein möge. Ohne es zu wissen, besaß Miss Darcy den sicheren Geschmack derer, die nie durch finanzielle Nöte in ihren Entscheidungen beeinflußt wurden und deren ästhetisches Empfinden durch gute Erziehung und den Kontakt mit feinsinnigen Menschen geprägt wurde, und mit leichter Hand wählte sie unter den Seidenblüten und Zierbändern etliche aus, von denen sie fand, daß sie ihrer Cousine am besten passen würden, und die sie ihr zum Geschenk machen wollte. Für sich selbst war sie weniger glücklich, denn die Auswahl in ihren eigenen Lieblingsfarben erschien ihr in diesem Geschäft doch arg beschränkt, und da auch Mrs. Darcy nichts fand, das sie zu kaufen gereizt hätte, beschloß man, den nächsten Laden aufzusuchen.

Als sie auf die Straße traten, erkundigte Elizabeth sich vorsichtshalber bei Miss de Bourgh, ob sie auch nicht müde sei, und versicherte ihr, es sei gar keine Mühe, den Bummel verfrüht abzubrechen, falls Miss de Bourgh sich etwa unwohl fühle. Es dauerte einen Moment, bis Miss de Bourgh darauf etwas sagte, aber dann stotterte sie doch etwas von "sich wohl fühlen" und "gerne weitergehen", das sie in einem Tonfall von sich gab, als sei sie über diese Erkenntnis selbst am meisten überrascht. Dennoch bot Elizabeth ihr an, sich bei ihr einzuhängen, da sie doch zweifellos so lange Spaziergänge nicht gewohnt sei, und nachdem das Angebot stumm angenommen worden war und Miss Darcy den anderen Arm ihrer Cousine ergriffen hatte, schlenderten die drei vergnügt gemeinsam weiter, ohne den interessierten Blicken diverser Herren, die im Vorbeigehen, aus ihren Kutschen heraus oder von ihren Pferden herab, das Trio wohlgefällig beäugten, auch nur die geringste Beachtung zu schenken - die eine, weil sie zu sehr in ihren eigenen Gedanken fest hing, um sie zu bemerken, die andere, weil sie zu schüchtern war, um anders darauf zu reagieren als mit heimlicher Freude, und die dritte, weil sie verheiratet war und wußte, was sich gehörte, ohne daß sie freilich ihrer Eitelkeit die kleine Bestätigung insgeheim mißgönnt hätte.

Das Geschäft, das sie als nächstes betraten und das Elizabeth von ihrer in London ansässigen Tante empfohlen worden war (wenn auch mit der augenzwinkernden Bemerkung, daß Mrs. Gardiner selbst sich leider nur leisten könne, die Auslage der Schaufenster zu betrachten, aber daß dasselbe für die Herrin von Pemberley wohl weniger ein Problem darstellen sollte), versprach bedeutend mehr Auswahl als das erste, und das Sortiment stellte sich als überaus reichhaltig heraus. Binnen einer halben Stunde hatte Elizabeth nicht nur etwas Zierrat und einen neuen Hut für sich selbst, sondern auch einen für Mrs. Gardiner gefunden, den sie ihr beim abendlichen Dinner, zu dem sie und ihr Mann heute geladen waren, zu schenken gedachte. Miss Darcy fand Bänder und Blüten in exakt jenen Farben, nach denen sie gesucht hatte, und nach einer Weile überredete man auch Miss de Bourgh zum Kauf eines neuen Hutes, den sie ja gleich, wie Georgiana vorschlug, nach dem Lunch bei den Darcys selbst verschönern und verzieren könne, so wie sie es mit ihren Erwerbungen auch vorhabe. Dieser Antrag wurde zumindest einmal nicht zurückgewiesen, was ausreichte, um Miss Darcy und ihre Schwägerin in Entzücken zu versetzen, denn mit einer Verlängerung des Besuches über den Lunch hinaus war kaum zu rechnen gewesen. Mrs. Darcy rechnete sich und Georgiana daher, was Miss de Bourghs Vergnügen an diesem Vormittag betraf, somit doch etliches Verdienst zu.

In der Zeit, die über all dem Aussuchen, Vergleichen und Probieren vergangen war, hatte sich das Geschäft, das anfangs nur spärlich belebt gewesen war, doch merklich gefüllt, so daß inzwischen eine schon fast unangenehme Enge entstanden war. Prompt widerfuhr Elizabeth, als sie ihren neuen Hut aufsetzte und einige Schritte rückwärts vom Spiegel weg trat, um sich besser damit betrachten zu können, das Unglück, eine andere junge Dame anzurempeln, die soeben im Begriff stand, sich beim Verkäufer nach einer bestimmten Sorte Seidenblüten zu erkundigen. Wie groß war aber auf beiden Seiten die Überraschung, als man feststellte, daß es sich bei dieser Dame um niemand anderen als Miss Whitby handelte! Erfreut erneuerte man die Bekanntschaft vom Vorabend, Miss Whitby versicherte Elizabeth heiter, der Hut stehe ihr hervorragend und sei selbst einen blauen Flecken wert, Miss de Bourgh wurde vorgestellt, und wenn die wortkarge Art, in der Miss de Bourgh dieses neue Geschöpf wahrnahm und begrüßte, das sich da mit ihr beschäftigte, in irgendeiner Form Miss Whitbys Verwunderung erregte, so war sie jedenfalls zu taktvoll, es merken zu lassen.

Man plauderte noch einmal über den gestrigen Abend und das tragische Ende des Theaterstücks, verglich die Einkäufe auf beiden Seiten, und schließlich wagte Miss Laureen, wenn auch merklich zögernd, sich nach den weiteren Plänen der drei Damen für diesen Vormittag zu erkundigen. Zwar liege ihr fern, sich aufdrängen zu wollen, und selbstverständlich verstehe sie, falls andere Verpflichtungen entgegen stünden, aber da sie selbst nun einmal bisher nur wenige Bekanntschaften in der Stadt habe, sie noch ein weiteres Geschäft besuchen wolle und sie sich, wenn sie ehrlich sei, alleine fürchterlich verloren dabei vorkomme, wolle sie höflich anfragen, ob die drei Damen nicht vielleicht Lust hätten, sie auf dem restlichen Spaziergang zu begleiten.

Nun, Elizabeth selbst hatte sogar große Lust, eine Erkundigung über Georgianas Gemütszustand erübrigte sich angesichts ihres strahlenden Gesichts, und nachdem Miss de Bourgh begriffen hatte, daß man auf ihre Meinung zu der Frage wartete, nickte sie, und zur Bekräftigung sogar noch ein zweites Mal.

"Ich bin Ihnen ja so dankbar", sagte Miss Whitby zum wiederholten Mal, als die nun zum Quartett verstärkte Gruppe wieder auf der Straße war. Da sie neben Miss Darcy voran ging und Elizabeth mit Miss de Bourgh dahinter, sprach sie halb über ihre Schulter. "Besorgungen zu machen ohne Gesellschaft macht mir überhaupt keinen Spaß. Was für ein Vergnügen hat man denn daran, Geld für eitlen Putz auszugeben, wenn man keine Freundin zur Seite hat, deren Meinung man einholen kann, mit der zusammen man sich erträumen kann, wie großartig dies oder jenes aussehen wird, und die die schlimmsten Mißgriffe verhindert?" Sie lächelte. "Wir sind ja selbst erst vor einigen Tagen in London angelangt, nachdem wir den Sommer bislang in Durbany Hall gewohnt hatten, und mir ist hier alles doch sehr fremd. Es ist dies ja nicht nur mein erster Winter in der Stadt, sondern auch mein erster in England. Und unser Mädchen und der Diener, den ich dabei habe, sind ebenfalls fremd hier. Es ist viel gesagt, daß wir uns nicht auf dem Weg hoffnungslos verlaufen haben und mit Hilfe eines Schutzmanns zurück zu unserer Kutsche geleitet werden mußten."

Man lachte über diese Befürchtung, aber Elizabeth mahnte doch etwas besorgt, Miss Whitby möge doch beim nächsten Mal einen ortskundigen Bediensteten mitbringen, denn es gebe, nach allem, was sie gehört habe, durchaus Viertel in der Stadt, in denen eine junge Dame von Stand ihres Lebens oder doch ihrer Tugend und ihrer Börse nicht sicher sei. Miss Whitby suchte die Befürchtung zu zerstreuen mit dem Scherz, sie halte es für unwahrscheinlich, daß in solchen Gegenden viele seidene Bänder und Spitzenborten verkauft würden, weswegen sie sie gewiß nicht aufsuchen wolle, wurde dann freilich selbst ein wenig ernst darüber. "Aber ich weiß, was Sie meinen, und ich danke Ihnen für Ihren Rat. Mein Vater gestattet, daß ich die Zeitung ganz nach meinem Belieben lese, ohne daß er mir Teile davon verbietet, weswegen ich über die Ereignisse, auf die Sie anspielen, durchaus zum Teil informiert bin. Es ist schrecklich, zu wissen, daß solche Abscheulichkeiten sich vielleicht in dieser Stunde nur wenige Straßen entfernt von uns abspielen, und wie oft dabei ein vielleicht edler Charakter nur dem blanken Elend anheim gefallen ist und hehre Grundsätze der schieren Not geopfert wurden. - Und denken Sie nicht", setzte sie hinzu, bemüht, den früheren leichten Tonfall wieder anzuschlagen, "ich hätte aus purem Leichtsinn gehandelt. Ich wollte Rajit mitnehmen. Zwar ist er ebenso fremd hier wie ich selbst, findet sich jedoch im Gegensatz zu mir immer irgendwie zurecht. Aber mein Vater und mein Bruder haben beschlossen, diesen milden Vormittag zu benutzen, um in Kensington auszureiten, und wollten auf die Begleitung von Vaters Kammerdiener nicht verzichten." Sie lachte und gab vor, ein wenig zu schmollen. "Ich bin sicher", spottete sie dann, "er hätte es bei weitem vorgezogen, den Vormittag zwischen seidenen Tüchlein, Perlenbesätzen und bestickten Borten zu verbringen. Welcher Mann würde das nicht?"

Sie sprach weiter, über die Notwendigkeit, ganz neues Dienstpersonal anzulernen, da von dem ihres verstorbenen Onkels so viele aus Altersgründen den Dienst aufgekündigt hätten, weswegen sie nur wenige Leute hätten behalten können, und über die grundsätzlichen Beschwerlichkeiten, sich in einem ganz neuen Haus einzurichten, aber Mrs. Darcy war zu abgelenkt, um ihrem Geplauder mehr als ihre halbe Aufmerksamkeit zu widmen. Denn Miss Whitbys letzte Bemerkung, so wenig sie Georgiana oder gar Miss de Bourgh aufgefallen zu sein schien, gab Mrs. Darcy etlichen Anlaß zu grübeln.

Es war nicht nur ungewöhnlich, daß eine junge Dame, noch dazu eine von so hoher gesellschaftlicher Stellung wie Miss Whitby, sich über die persönlichen Vorlieben eines Bediensteten Gedanken machte - es war geradezu unerhört! Mochte ein entsprechendes Verhalten von Seiten ihres Vaters vielleicht durchaus als besondere Umgänglichkeit und Freundlichkeit schätzenswert sein, so hatte eine ähnliche Vertrautheit und Bevorzugung von Seiten der Tochter etwas geradezu Anstößiges. Umso mehr, als Miss Whitby, ohne es deutlich auszusprechen, ihrem indischen Diener die Gewohnheiten anderer Männer unterstellt hatte und damit implizierte, daß sie ihn tatsächlich als jemanden vom anderen Geschlecht wahrnahm - was Mrs. Darcy an der Stelle von Lady Whitby in allerhöchste Besorgnis versetzt hätte. Lag darin vielleicht der Grund für die namenlose Verachtung, mit der Lady Caroline den Kammerdiener ihres Mannes am Vorabend betrachtet hatte? Wußte sie um eine Neigung ihrer Tochter zu diesem Bediensteten, die, selbst wenn Mrs. Darcy einem so wohlerzogenen Geschöpf wie Miss Whitby nicht unterstellen wollte, ihr je nachzugeben, doch in höchstem Maße gegen jede Sitte und Moral verstieß? Es war zumindest etwas, das sie zu späterer Stunde, wenn sie allein waren, mit ihrem Mann besprechen wollte, denn falls sich tatsächlich ein weiterer Kontakt zu der Familie des Viscounts entspinnen sollte, wonach im Augenblick alles aussah, dann wollte Elizabeth sich nicht vorwerfen müssen, durch mangelnde Offenheit ein etwaiges Unglück heraufbeschworen zu haben. Alleine schon um Georgianas willen, die sie aufrichtig schätzte, war sie sich ein gewisses Maß an Vorsicht schuldig.

Es blieb freilich der einzige Schatten auf diesem Tag, und selbst dieser verzog sich so schnell, daß zumindest zwei der vier Damen ihn nicht einmal bemerkt hatten. Miss Whitby plauderte angeregt von ihren ersten Eindrücken in London und auf Miss Darcys Frage, ob sie Indien nicht sehr vermisse, schwankte sie merklich zwischen Lächeln und Tränen. An manchen Tagen überkomme sie das Heimweh mit solcher Macht, daß es sie ganz schwermütig mache, gestand sie. Immerhin sei es das Land, in dem sie geboren sei, und England und seine Eigenheiten, die Landschaft, das Klima, das andere Wechselspiel des Lichts, seien ihr letztlich von Grund auf fremd. Und doch, darum müsse sie bitten, dürften ihre Gefährtinnen sich nicht vorstellen, ihr Leben sei bis zum letzten Jahr etwa sonderlich exotisch verlaufen, eher im Gegenteil. Auch die Gesellschaft in Ostindien habe ganz und gar nach britischer Sitte gelebt, "auch wir hatten unsere Gouvernanten, unsere Zeichen- und Musikstunden und hin und wieder einen kleinen Hausball, auf den wir uns dann alle freuen konnten wie kleine Kinder". Jedoch das strenge Reglement gesellschaftlichen Benehmens, wie es in der Stadt geübt werde, sei ihr doch neu, und sie lebe folglich, wie sie halb lachend, aber doch deutlich errötend gestand, in der beständigen Furcht, etwa unabsichtlich gegen irgendeine Regel zu verstoßen und deswegen einen gewaltigen Skandal vom Zaun zu brechen.

All das brachte sie in so offener und aufrichtiger Art vor und verhielt sich auch während der Folgezeit zu allen, auch zu Miss de Bourgh, so gleichbleibend heiter und liebenswürdig, daß Mrs. Darcy gar nicht anders konnte, als ihrem ersten Impuls nachzugeben und sie für eine überaus schätzenswerte Bekanntschaft zu halten. Nachdem alle Einkäufe zufriedenstellend getätigt waren, nahm Miss Whitby sich die Freiheit, sie alle spontan für denselben Abend einzuladen; leider sei sie für den Tee mit ihrer Mutter schon bei einer Familie de Courcy eingeladen, deren Bekanntschaft sie vor etlichen Tagen gemacht hätten, so daß man diesen nicht gemeinsam einnehmen könne, aber für den Abend sei ihre Runde nach einer krankheitsbedingten Absage bisher bedauerlich klein, und sie wisse, wie sehr ihre Mutter eine stattliche Abendgesellschaft liebe, weswegen sie weitere Gäste sicherlich mit offenen Armen willkommen heißen würde.

Leider mußte Mrs. Darcy das freundliche Angebot mit Hinweis auf ihre eigene Verpflichtung zum Dinner ablehnen, und da Miss de Bourgh sich vorgenommen zu haben schien, sich in allem an ihr zu orientieren, tat letztere dasselbe. Stattdessen schlug Elizabeth vor, Miss Laureen möge doch ihren Kutscher vorerst nach Hause entlassen, sich den drei anderen Damen anschließen und den Lunch noch bei ihnen einnehmen, ehe sie rechtzeitig für ihre Verabredung wieder nach Hause zurückkehrte. Das wiederum wurde in aufrichtiger Freude angenommen, und nachdem ein Teil der Einkäufe den Dienern ausgehändigt worden waren und die vier Damen sich mit den restlichen Schätzen, von denen sie sich nicht hatten trennen wollen, in den Wagen Mr. Darcys gezwängt hatten, ging es in schneller Fahrt zu einem kurzen Lunch nach Hause.

Mr. Darcy war überrascht, aber durchaus erfreut über den zusätzlichen Gast an seiner Tafel und begrüßte Miss Whitby aufs Herzlichste, wenn er auch selbst natürlich nicht am Lunch teilnahm, und das Essen verging noch einmal unter angeregtem Geplauder. Es wäre auch überaus eigenartig gewesen, hätte eine so weitgereiste Dame wie Miss Whitby für die Ohren ihrer neuen Bekannten nicht allerlei Staunenswertes zu berichten gewußt, und da sie zumindest in den zwei Damen Darcy überaus wißbegierige Zuhörerinnen gefunden hatte, die sie an allen richtigen Stellen mit erschrockenen, faszinierten oder mitfühlenden Ausrufen unterbrachen und gleichzeitig zum Weitererzählen ermunterten, wurde sie ihrer Berichte auch nicht so schnell müde. Besonders erheiternd war der Bericht ihres ersten Eindrucks beim Betreten von Durbany Hall, als sie nach ihren eigenen Worten, gewohnt an die farbenfrohen Mosaiken und leuchtenden Wandmalereien indischer Paläste, beim Anblick der steifen englischen Vorfahren, die sie streng von den Wänden herab aus ihren vergoldeten Ahnenporträts heraus musterten, das Gefühl beschlich, gleich werde eine zänkische alte Gouvernante durch eine der Türen treten und sie zwingen, ein Fischbeinkorsett zu tragen. Sie wolle gewiß nicht despektierlich erscheinen gegenüber der ehrwürdigen Familie ihres Vaters, aber sie und ihr Bruder seien so weit entfernt von jedem Gedanken an Titel und Besitzungen eines Viscounts aufgewachsen, daß es ihr noch heute schwer falle, ihn mit sich selbst in Verbindung zu bringen. Sie halte die gesellschaftlichen Verpflichtungen, die diese Stellung mit sich bringe, für so weitreichend, daß sie derzeit selbst noch nicht sagen könne, ob ihr die Veränderung mehr als Segen oder als Fluch erscheine. "Freilich, Ihrer aller Bekanntschaft gemacht zu haben, ist immerhin schon einmal etwas, das ich zu den großen Vergünstigungen meines neuen Lebensabschnittes rechne."

Miss Whitbys Wagen wurde für den frühen Nachmittag wieder bestellt, und dieser Zeitpunkt kam für alle Beteiligten viel zu früh. Man hatte kaum gegessen, sich noch einmal gegenseitig die erstandenen Schätze vorgeführt und über die weiteren Pläne in London geplaudert, als ein Diener bereits das Eintreffen der Kutsche meldete. Doch war er offensichtlich nicht leer angekommen, denn unmittelbar darauf erschien der Diener erneut und meldete Mr. Whitby. Der junge Mann betrat den Salon mit breitem Lächeln, und in zwei Schritt Abstand gefolgt von eben jenem indischen Diener, der Elizabeth am Vormittag Anlaß zu solch unerfreulichen Überlegungen geboten hatte, der sich nun aber vollkommen korrekt und unauffällig verhielt und in einer Ecke des Raumes nachgerade unsichtbar wurde, wie man das von einem Bediensteten erwartete.

Man begrüßte Mr. Whitby mit allseitiger Freude, und er erklärte, er habe sich das Vergnügen nicht nehmen lassen wollen, seine Schwester selbst abzuholen, nachdem er gehört habe, wo sie sich, wie er sich ausdrückte "so unverschämt selbst zum Lunch einquartiert" habe. Er wurde Miss de Bourgh vorgestellt, die sich sogar dazu aufraffte, ihm eine Hand hinzuhalten, und küßte seine Schwester leicht auf die Wange, um sich sofort über das Sortiment an Bändern und Blüten lustig zu machen, das vor ihr auf dem Tisch ausgebreitet lag. "Putzzeug, Putzzeug, Putzzeug. Nie hätte ich mir träumen lassen, eine so eitle Schwester zu haben."

"Ich werde dich an diesen Ausspruch erinnern, wenn du wieder einmal meinen Rat brauchst zur Farbe deines Rocks und deiner Hosen", lachte Miss Laureen herzlich. "Und warum tadelst du nur mich? Sieh dir Mrs. Darcy, Miss Darcy und Miss de Bourgh an, sie haben nicht weniger gekauft als ich."

"Ich tadle überhaupt nicht, liebste Schwester, weil ich mich nicht zu rügen unterstehe, was ich nicht begreifen kann. Und weshalb solch bezaubernde Damen, wie ich sie hier im Raum versammelt sehe, noch glauben, sich mit Perlen und Bändern behängen zu müssen, ist mir in der Tat vollkommen unbegreiflich." Dies hörte sich zwar an wie ein Kompliment für alle anwesenden Damen, aber an dem schnellen Blick, den er dabei auf Georgiana warf, war deutlich zu merken, wem es eigentlich galt. Miss Darcy errötete denn auch tief und blickte starr zu Boden.

"Und wie war euer Vormittag?" erkundigte sich seine Schwester inzwischen, der das Interesse Mr. Cedric Whitbys und die Verlegenheit Georgianas vielleicht ebenfalls aufgefallen waren. Er machte eine unlustige Geste und antwortete: "Nicht halb so angenehm wie deiner, ganz offensichtlich, denn uns war kein so reizendes Treffen vergönnt. Die Pferde waren unruhig und rastlos, weil das Wetter wohl bald umschlägt, und Papa war ärgerlich, als ein Lord Irgendwer glaubte, mit seinem Curricle vollkommen rücksichtslos durch den Park rasen zu müssen, und beinahe einen schlimmen Unfall mit einer Gruppe Damen provoziert hätte." Man erkundigte sich besorgt, ob jemand zu Schaden gekommen sei, was Mr. Whitby aber verneinen konnte. "Der Vormittag aber war uns dennoch verdorben. Wenn mein Vater sich einmal geärgert hat, so ist seine gute Laune gründlich und nachhaltig dahin, und ich bin jetzt ausgeschickt worden, um meine Schwester schleunigst nach Hause zu bringen, damit sie ihn aufheitert."

Das war das Stichwort für ihren Aufbruch. Miss Laureen und Mr. Whitby bedankten sich herzlich für die erwiesenen Freundlichkeiten und bedauerten, daß die beiderseitigen Verpflichtungen keine Möglichkeit ließen, die gemeinsamen Unternehmungen zu verlängern, und wurden mit den besten Wünschen verabschiedet. Ihr Aufbruch sorgte für eine gewisse Unruhe bei Miss de Bourgh, die sich möglicherweise fragte, ob nun auch von ihr erwartet werde zu gehen, aber Mrs. Darcy nahm rasch das Heft in die Hand, indem sie Georgiana bat, ihrer beider Handarbeitskörbe zu holen, damit die drei verbliebenen Damen sich bis zum Tee sinnvoll beschäftigen könnten. Das Prinzip eines solchen Körbchens voller Seidenbänder, Perlenschnüre und Spitzen, mit angefangenen Handarbeiten aller Art (im Falle von Miss Darcy überaus sorgfältig und ordentlich, im Falle von Mrs. Darcy eher wahllos gefüllt), schien Miss de Bourgh fremd genug, um sie noch eine Weile länger in stummer Verwunderung verharren zu lassen, und Miss Darcy vollbrachte im Laufe der nächsten Stunden eine wahrlich glänzende Leistung, indem sie gleichzeitig Miss de Bourgh und, wenn auch in geringerem Maße, Elizabeth bei ihren Arbeiten zur Hand ging und es dennoch schaffte, ihren eigenen Hut aufs Schönste aufzuputzen. Danach gesellte Mr. Darcy sich zum Tee wieder zu ihnen, man plauderte und reichte die Konfektdose herum, und schließlich hielt Mrs. Darcy es doch für geraten, einen Boten zu Lady de Bourgh zu schicken, um den Wagen kommen zu lassen. Beim Abschied verstieg sich Miss de Bourgh zu der Anstrengung, etliche ganze Sätze stockend aneinander zu reihen, und sie gipfelten in der Versicherung: "Wenn Sie nach Rosings kommen, dürfen Sie alle in meinem Phaeton fahren."

Mrs. Darcy lud sie herzlich ein, wiederzukommen, sooft Lady Catherine sie entbehren könne. Die Damen kleideten sich zum Dinner um, und schließlich klang der Tag in einträchtigem Zusammensein mit den Gardiners aus, die sich über die Maßen freuten, Elizabeth wiederzusehen und mit allen über Pemberley und die vielfältigen Ereignisse und Schicksale zu sprechen, die mit der Erinnerung an die Reise im letzten Jahr dorthin verknüpft waren. Mrs. Gardiner erhielt ihren Hut, der sie gleichermaßen entzückte und beschämte und ihr von ihrem Mann ein paar gutmütige Spötteleien und Komplimente eintrug, und zu späterer Stunde, als Georgiana am Pianoforte saß und in ihren eigenen Melodien ganz versunken war, wagten die Gardiners dann auch in halblautem Tonfall den Namen 'Wickham' zu nennen und sich nach Lydias Wohlergehen zu erkundigen. Man trennte sich bester Laune und um viele Neuigkeiten reicher, was auch schon für die kommenden Tage allerhand Gesprächsstoff und gute Unterhaltung versprach.