Teil 2
Jasper POV
10:30 Uhr
Es war nicht zu beschreiben, was in den letzten zwei Stunden um mich herum geschah. Ein Flugzeug, dann ein zweites krachten in das WTC. Beim Ersten gingen wir noch von einem Unfall aus, doch nach dem zweiten gingen alle schnell von einem Anschlag aus. Als dann auch noch die Nachricht aus Washington vom Pentagon zu uns durch drang, war alles andere als ein terroristischer Anschlag ausgeschlossen.
Ich war nur erleichtert, dass Alice sicher Zuhause war. Ansonsten, ich wollte kaum daran denken, hätte ich sie wahrscheinlich verloren. Ihr Design Büro war ziemlich weit oben im Nord-Turm.
Die Sicherheit, dass meine schwangere Freundin Zuhause war, verschaffte mir zwar etwas Erleichterung, aber dennoch wusste ich, ein paar Freunde verloren zu haben, denn Alice Firma war für sie, wie eine kleine Familie und ihre Kollegen waren zu Freunden geworden.
Vor ein paar Minuten brach der zweite Turm zusammen. Unbegreiflich, wie diese, angeblich so starken Türme, wie ein Kartenhaus in sich zusammen fallen konnten. Ich hoffte nur inständig, dass Bella es rechtzeitig aus dem Süd-Turm geschafft hatte. Alice braunhaarige kleine Freundin war mir mittlerweile sehr ans Herz gewachsen.
Edward und Emmett hatte ich beim Zusammensturz des Süd-Turmes verloren. Hoffentlich hatten sie es beide rechtzeitig aus der Schusslinie geschafft. Ich hatte hinter einem Krankenwagen Schutz gefunden, welcher danach völlig demoliert war.
Die Schuttwolke hatte sich noch immer nicht gelegt, als ich ein Handy auf dem Boden liegen sah. Ich hob es auf und seufzte erleichtert, dass es noch an war. Auf dem Display war ein Mann mit einer Frau zu sehen. Wahrscheinlich seine Freundin, da sie sich sehr verliebt ansahen. Ich würde es ihm oder ihr wiedergeben, doch erst einmal musste ich es selber nutzen und wählte Alis Handy-Nummer.
„Ja?", hörte ich Alice verweinte Stimme.
„Süße? Ich bin's."
„Oh Jazzy. Es ist so schrecklich."
„Ich weiß, Baby."
„Geht es dir gut? In deiner Wache war niemand zu erreichen."
„Mir geht es gut, Baby. Ich war draußen, als alles passierte."
„Edward und Emmett?", fragte sie gleich darauf.
Wir sechs hatten in den letzten zwei, drei Jahren, seitdem ich aus dem Kosovo wiederkam, eine enge Freundschaft gebildet. Man konnte uns schon beinahe als Familie betrachten.
„Ich weiß es nicht, Ali. Wir haben uns aus den Augen verloren, aber sie waren ebenfalls draußen, als die Türme einstürzten."
„Und.. Und hast du was von Bella gehört? Hat sie es rechtzeitig raus geschafft?"
„Sorry, Babe. Aber ich weiß es nicht. Sobald ich was weiß, melde ich mich wieder bei dir."
„Du musst sie finden, Jazzy", schluchzte sie verzweifelt.
„Schsch. Beruhige dich, Baby. Ich werde sie suchen, OK? Ich melde mich wieder. Liebe dich, Ali."
„Und ich dich. Sei vorsichtig", sagte sie noch und legte auf.
Ich sah nach oben, wo einst die riesigen Türme des World Trade Centers standen und betete zu Gott, dass Bella, Emmett und Edward sicher und unverletzt waren.
Emmetts POV
11:30 Uhr
Seit über einer Stunde suchte ich meine kleine Schwester mit den rehbraunen Augen, die mit mir machen konnten, was sie wollte. Ich wuchs als Einzelkind auf, obwohl ich mir immer eine kleine Schwester gewünscht hatte. Doch meine Eltern hatten wohl mit mir genug zu tun. Deshalb war ich glücklich, als Bella Swan in mein Leben trat. Die süße Freundin meines Kollegen und Kumpels Edward hatte schnell mein Herz erweicht. Dass sie den gleichen Humor hatte wie ich, spielte nur in meine Karten.
Rose war anfangs zwar eifersüchtig, merkte aber schnell, dass Bella wirklich nur eine Freundin und kleine Schwester für mich war. Meine große Liebe war schon immer Rosalie Hale. Auch, bevor sie ihre Modelkarriere begann.
Ich war noch nie so glücklich, dass sie ganz weit weg in Italien war, um dort irgendwelche Shootings zu machen. Heute Morgen war ich noch traurig, ohne sie neben mir im Bett aufzuwachen. Doch jetzt war ich nur froh, dass sie sicher in der Südsee war.
Mittlerweile hatte ich schon sämtliche Ambulanzen aufgesucht und fragte nach Bella, doch niemand konnte mir weiterhelfen. Jedes Mal wenn sie mir ihren entschuldigenden Blick zeigten, sah ich Edwards verzweifelten Blick. Wie er mich anflehte, seine Verlobte zu finden.
In zwei Monaten wollten sie heiraten. Ganz ruhig im beschaulichen Forks, wo beide aufgewachsen waren. Edward hatte mich sogar gefragt, sein Trauzeuge zu sein. Was konnte ich anderes antworten, als ja.
Aber zuerst musste ich Bella finden, damit diese Hochzeit auch stattfinden konnte.
Um mich herum liefen viele Menschen orientierungslos hin und her. Selbst erfahrene Feuerwehrleute und Polizisten standen unter Schock. Und wenn ich nicht auf einer Mission wäre, Bella zu finden, würde es mir wahrscheinlich ähnlich ergehen.
Mittlerweile hatte sich das Trümmerfeld am WTC etwas gelichtet, doch was sich hinter der Schuttwolke verbarg, wollte ich gar nicht sehen. Die Trümmerteile hatten sich so weiträumig verteilt. Ich war mir sicher, dass darunter keiner überlebt hatte.
Edwards POV
12:30 Uhr
Ich starrte vergebens auf das Telefon neben mir. Noch immer keine Nachricht von Emmett. Oder Carlisle.
Die Ambulanz hatte mich in das Krankenhaus gebracht, in welchem auch mein Vater arbeitete. Sie hatten mir das Metallstück entfernt, mussten eine Arterie flicken und nähten meinen offenen Oberschenkel wieder zu. Zudem hatte ich mir, unbemerkt, auch noch zwei Rippen gebrochen. Aber diese Schmerzen waren nichts zu dem, was ich fühlte, bei der Ungewissheit um Bella.
Keiner konnte mir etwas sagen. Ein Lichtblick war, dass es Angela Weber, Bellas Assistentin, sicher rausgeschafft hatte. Sie hatte ein kleines Mädchen ins Krankenhaus begleitet. Angela versicherte mir, dass Bella hinter ihr war, sie aber irgendwann aus den Augen verloren hatte.
Mittlerweile war auch meine Mutter, Esme, eingetroffen. Sie hielt meine Hand und versuchte immer wieder, jemanden zu erreichen, der vielleicht etwas wissen könnte. Doch immer wieder wurde sie mit einem Nein abgewiesen, wenn sie überhaupt jemand erreichte.
„Sie lebt, Edward. Daran musst du glauben", versuchte sie für mich stark zu sein.
Doch so allmählich schwand meine Hoffnung.
15:30 Uhr
Drei weitere Stunden waren vergangen, in denen Esme und ich viele Tränen vergossen. Carlisle war die ganze Zeit im Einsatz. Ich konnte mir kaum ausmalen, was im Krankenhaus los sein musste. Wahrscheinlich waren alle rund um Manhattan überfüllt.
Das Chaos am Trümmerfeld vom WTC konnten wir live im TV mitverfolgen. Ich sah es mir eigentlich nur an, in der Hoffnung, etwas von Bella zu sehen. Doch auch dort wurde ich enttäuscht.
Carlisles POV
15:30 Uhr
Der 11. September 2001 wird für mich als der schlimmste Tag meines Lebens für immer in Erinnerung bleiben. Nicht nur, dass die Geschehnisse am und um dem WTC eine Katastrophe waren. Wenn dann auch noch dein eigenes Kind dabei so schwer verletzt wurde, ein Graus.
Ich hatte Edward und seiner Mutter extra nicht gesagt, dass er hätte sterben können, wäre er nur einige Minuten später bei uns eingetroffen. Dann hätte er zu viel Blut verloren. Aber ich musste ihnen diese Sorge abnehmen, denn der Tag war für uns erst überstanden, wenn wir wussten, dass auch Bella in Sicherheit war.
Auch wenn sie es noch nicht offiziell war, war sie schon, seit sie mit Edward als Teenager zusammen kam, meine Tochter. Ich könnte mir keine andere, bessere Schwiegertochter wünschen.
Ich wusste nicht, wie viele Menschen ich heute schon behandelt hatte. Jedes Mal hoffte ich, dass auch Bella dabei war, mit einer leichten Blessur. Hauptsache, ich könnte sie wieder in meine Arme schließen und Edward endlich die frohe Kunde tun, dass es Bella gut ginge.
Doch leider konnte ich dies nicht. Meinen Sohn so leiden zu sehen, war schlimmer, als alles andere. Ich wusste um seine starke Liebe zu Bella. Er liebte sie genauso, wie ich Esme liebte. Und wenn ich daran dachte, wie es wäre, wenn Esme diejenige wäre, die als vermisst galt, dann wäre ich nicht fähig, zu arbeiten, geschweige denn, irgendetwas zu machen.
Ich hatte schon mehrere Krankenhäuser angerufen, in der Hoffnung, dass dort Bella vielleicht eingeliefert wurde. Aber auch dabei hatte ich kein Erfolg. Mittlerweile war das Krankenhaus auch so überfüllt, dass wir keine Patienten mehr annehmen konnten.
Die Flure waren voll mit blutenden Menschen und weinenden Kindern. Alles verfügbare Personal war da. Jeder kam aus seinem freien Tag oder Urlaub und wollte helfen. Denn eines konnten die Terroristen nicht erreichen, dass wir nicht mehr zusammenhielten. Im Gegenteil. Jeder kümmerte sich um den Anderen. Egal, welche Hautfarbe er hatte, oder welchen Alters die Person war.
Amerika hielt zusammen.
Edwards POV
18:30 Uhr
Noch immer nichts von Bella. Es machte mich verrückt, nicht zu wissen, wo sie war, ob es ihr gut ging oder ob sie überhaupt noch lebte. Ich versuchte, nicht diesen Gedanken zu hegen, aber sobald sie im TV die Zahl der Toten erhöhten, überlegte ich, ob Bella dazugehörte.
Esme versuchte schon gar nicht mehr, mich aufzumuntern. Sie merkte, dass jeder Versuch scheitern würde. Zudem machte sie sich ihre eigenen Gedanken. Meine Mutter vergötterte Bella. So sehr, dass ich manchmal glaubte, sie liebte Bella mehr als mich. Aber was könnte ich mir schöneres wünschen, als dass meine Eltern Bella genau so liebten, wie ich sie.
Es klopfte an der Tür. Esme und ich blickten hoffnungsvoll dahin, als Emmett hineinkam. Sein Gesicht verschrammt, hatte er einen dicken Verband um seinen Kopf und einen vergipsten Arm in der Schlinge.
„Es tut mir so leid, Ed. Ich konnte sie nicht finden", füllten sich seine Augen mit Tränen.
Esme umarmte ihn und zerrte Emmett auf ihren Stuhl, wo er zusammenbrach. Emmett war für mich immer die Definition von Stärke. Diesen Hünen so zusammengekauert zu sehen, zeichnete diesen Tag aus und machte deutlich, was dieser Tag für eine Tragödie war. Nur hoffte ich, dass er für mich nicht als Tragödie enden würde.
Ich wollte ihn trösten und ihm sagen, dass es schon OK sei, weil er Bella nicht gefunden hatte, aber stattdessen konnte ich nur raus aus dem Fenster starren. Natürlich wusste ich, dass es nicht seine Schuld war, aber ich hatte gehofft, dass er mir meine Bella wiederbringen würde.
„Hast du schon mit Rosalie gesprochen?", fragte ihn meine Mutter.
„Nur kurz. Sie hat sich sofort auf dem Weg zum Flughafen gemacht, als sie mich nicht erreicht hatte. Allerdings wurden alle Flüge in die USA gestrichen, da sie Angst haben, es könnten noch mehr Flugzeuge entführt werden. Sie hat jetzt einen Flug nach Toronto genommen und fährt von da aus mit dem Auto. Sie müsste jetzt schon in den USA sein", klang er erschöpft.
Mich wunderte es, wie er noch aufrecht sitzen konnte.
Plötzlich klingelte das Telefon neben mir. Schnell, zu schnell, griff ich danach, denn sofort spürte ich meine Rippen. Aber ich schluckte es runter, so lange mir derjenige an der Leitung endlich sagte, dass Bella in Sicherheit sei.
„Ja?"
„Edward. Ich bin's, Jasper", seine Stimme verriet mir schon, dass auch er keine guten Nachrichten für mich hatte.
„Hast du was von Bella gehört?", fragte ich dennoch hoffnungsvoll.
Emmett und Esme blickten mich zuversichtlich an, allerdings änderten sich ihre Blicke, sobald sie meine fallenden Schulter bemerkten.
„Tut mir Leid, Mann. Ich hab überall nach ihr gesucht und gefragt. Keiner konnte mir weiterhelfen. Der Chief sagte mir dann nur, dass du im Krankenhaus bist. Hast du was von Emmett gehört?"
Jasper hatte Schwierigkeiten, seine eigene Enttäuschung zu verstecken.
„Er ist hier bei mir. Hat sich den Arm gebrochen. Wo bist du?"
„Zuhause. Bei Alice haben die Wehen eingesetzt."
„Hat sie nicht erst in sechs Wochen Termin?"
„Ja. Aber die ganze Aufregung war zu viel. Ihre Eltern sind jetzt hier. Ihre Mutter konnte die Wehen unter Kontrolle bringen. Sie hofft, dass die Geburt damit noch nicht eingeleitet wurde und Alice noch ein paar Wochen hat."
Alice Mutter war Hebamme. Sie wusste also, was sie tat.
„Gib nicht auf, Edward."
„Ich versuch es", unterdrückte ich ein Schluchzen.
„Pass auf Ali auf", sagte ich noch und legte auf, um danach erneut bitterlich zu weinen.
‚Wo bist du nur, Bella?'
Charlies POV
19:30 Uhr
Ich sah auf meine Frau hinab, die mit ihrem Kopf auf meinem Schoß vor Erschöpfung eingeschlafen war. Mittlerweile waren wir Zuhause. Meine Jungs von der Wache würden sich melden, sobald sie Nachricht bekamen.
Jacob Black, der Sohn meines besten Freundes, hatte uns nach Hause gefahren. Zusammen mit Billy hofften wir endlich auf ein Zeichen von Bella. Ich berichtete den beiden, was ich wusste, wobei Jacob immer blasser wurde. Seine Sorge um seine gute Freundin ließen ihn Tränen vergießen. Selbst der starke Kerl konnte seine Emotionen nicht unterdrücken. Aber wer will es ihm verdenken. Ihn und Bella verband eine enge Freundschaft. Sie kannten sich schon länger, als Edward Bella kannte.
Es stellte sich nach einiger Zeit heraus, dass Seth Clearwater, der jüngste Sohn von Harry und Sue Clearwater heute Morgen ein Vorstellungsgespräch in Bellas Firma hatte. Auch er galt noch immer als vermisst.
Grausam. Einfach nur grausam.
Das Telefon machte mich wahnsinnig. Ich sehnte den erlösenden Anruf herbei, doch wenn das Telefon klingelte, waren es meistens Freunde von Bella. Und jedes Mal, wenn ich ihnen erklärte, dass Bella noch immer als vermisst galt, wurde mir immer mehr bewusst, dass ich meine süße, kleine Tochter nie wieder sehen könnte.
Sobald ich nur meine Augen schloss, sah ich sie vor mir, wie sie mich als 4-jährige auf ihrem Bett hüpfend angrinste und darauf wartete, dass ich meine Arme ausbreitete, um sie aufzufangen. Ihr fröhliches Lachen war ein Klang für die Seele.
Trotz ihrer Tollpatschigkeit war Bella immer ein lebensfrohes Kind. Es verging kein Tag, an dem ich sie nicht lachen sah. Und sei es nur über ihre Mutter, über die sie lachte, weil sie mal wieder ihre Lesebrille suchte, welche auf ihrem Kopf war.
Bella tat mir auch noch als Teenager den Gefallen, mich ab und zu zum Angeln zu begleiten. Obwohl sie das Fischen hasste, genoss sie die Zeit, die sie mit mir verbrachte und ich konnte nicht glücklich sein.
Ich wüsste nicht, wie ich leben könnte, wenn Bella nicht mehr bei uns wäre. Sie war unser Ein und Alles. Wir konnten sie einfach nicht verlieren. Wir brauchten sie.
Renée rührte sich im Schlaf. Und selbst in diesem Zustand liefen ihr die Tränen, welche ich versuchte, vorsichtig trocken zuwischen, als plötzlich das Telefon klingelte. Meine Frau schreckte sofort hoch und war hellwach. Ich sah aufs Display und erkannte Esme Cullens Nummer.
„Esme?", fragte ich mit erstickter Stimme.
„Wir haben sie gefunden, Charlie."
Edwards POV
20:30 Uhr
Weitere Stunden vergingen. Weiterhin ohne ein Wort von Bella.
Emmett war mittlerweile völlig fertig auf dem Boden meines Zimmers, was ich mir mit mehreren Verletzten teilte, eingeschlafen. Esme hatte ihm wenigstens eine Decke und Kissen gebracht. Rosalie war vor einer halben Stunde durch Scranton gefahren. Was bedeutete, dass sie noch mindestens 2 Stunden Fahrt vor sich hatte.
Aber dann wären sie wiedervereint. Meine Wiedervereinigung mit Bella schien weiter weg denn je. Ich wollte nicht aufgeben, doch die Hoffnung schwand minütlich. Hätte Bella gekonnt, hätte sie längst irgendwie versucht, Kontakt aufzunehmen.
An Schlaf war für mich nicht zu denken. Ich schloss nur die Augen, um Bella sehen zu können. Wir haben so viele schöne Dinge erlebt. Unvergesslich unser Urlaub in Australien. Bellas Firma hatte endlich Fahrt aufgenommen, darum gönnten wir uns den ersten Urlaub seit Jahren.
Es war so ein schönes Erlebnis. Nicht nur, dass Bella den ganzen Tag mit fast nichts rumlief, sie war einfach relaxt und nicht die Geschäftsfrau, wie sie sie seit Jahren war. Ich wollte gar nicht mehr weg aus diesem Sonnenmärchen.
Aber unser Leben war in New York. Und auch dort hatten wir schöne Zeiten erlebt. Vor allem, als sich unsere kleine Clique zusammenfand, wussten wir, in New York glücklich zu werden. Niemals hätte ich daran geglaubt, dass uns dieses Glück einmal so aus den Händen gerissen wird. Von Terroristen, die einen Hass auf das westliche Leben hatten.
Durch meine Sorge um Bella konnte ich wenigstens eines verdrängen: Dass dort draußen hunderte meiner Kollegen ihr Leben verloren hatten. Sie waren gestorben, als sie anderen helfen wollten. Aber das trug unser Beruf leider mit sich. Dennoch würde ich ihn um nichts auf der Welt aufgeben. Emmett, Jasper und ich hatten nur Glück, dass wir nicht eingeteilt wurden, in den Türmen zu helfen.
Dieser Tag würde die Welt verändern, dies war mir schon gewiss.
Esme war neben mir gerade eingenickt, als plötzlich Carlisle mit weit aufgerissenen Augen ins Zimmer kam, sein Handy fest ans Ohr gedrückt.
„Kannst du das bitte wiederholen, Jim?", stellte Carlisle sein Handy auf Lautsprecher und hielt es in meine Nähe.
Esme war längst wach und starrte hoffnungsvoll zu ihrem Mann. Auch Emmett stand wieder neben mir und ich hörte ihn leise beten.
„Gegen 16 Uhr wurde bei uns eine junge Frau eingeliefert. Sie hatte schwere Verletzungen an beiden Beinen und Armen. Gebrochene Rippen, verletzte Organe, innere Blutungen, Schädeltrauma. Ich weiß nicht, wie sie es geschafft hat, aber sie hat überlebt. Vor wenigen Minuten ist sie endlich aufgewacht und hat ständig den Namen deines Sohnes gemurmelt, weshalb ich dich angerufen habe."
Esme schlug ihre Hand vor den Mund und weinte Freudentränen. Doch noch hatten wir keine Bestätigung, dass es wirklich Bella war.
„Wie sieht sie aus, Jim?"
„Braune Haare, schmales Gesicht, braune Augen. Ich schätze 1,66 m groß, schlanke Figur."
„Hatte… ähm… hatte sie eine Ring am Finger?", fragte ich.
„Ein Moment."
Man hörte es im Hintergrund rascheln.
„Oh. Ja. Da ist er. Ein silberner Ring, mit drei grünen Steinen. Und eine Kette mit einem Schwan hatte sie auch dabei."
„Oh Gott. Jim. Es ist meine Schwiegertochter. Bella Swan."
Alles drehte sich um mich herum. Noch kurz vor dem Anruf hätte ich Bella fast aufgegeben. Und nun hatten wir sie gefunden und sie war am leben. Knapp, aber sie lebte.
„Bist du dir sicher, Carlisle?"
„Wir sind es. Die Beschreibung passt auf sie. Der Ring ist ihr Verlobungsring von unserem Sohn. Und die Kette hat sie von mir und Esme vor einigen Jahren zum Geburtstag bekommen."
„Im Ring ist eine Widmung", fand ich meine Stimme kaum noch.
Emmett griff nach meiner Schulter und versuchte, mir Kraft zu geben. Ich war froh, dass er noch immer hier war.
„Für immer, Edward", las Jim, wie auch immer, vor und bestätigte uns endgültig, dass es Bella war.
Esme schluchzte in meine Bettdecke und versuchte, mich zu umarmen. Carlisle strich ihr liebevoll über den Rücken, während er mich anlächelte. Auch in seinen Augen schimmerten Tränen der Erleichterung.
„Wie geht es ihr?"
„Für die Verletzungen, die sie erlitten hat, recht gut. Das Schädeltrauma scheint nicht so schlimm, wie vermutet. Sie reagiert auf Licht und auf unsere Stimmen, ist aber noch nicht ganz bei uns. Ihre kollabierte Lunge und gerissene Niere konnten wir erfolgreich operieren. Sie hat viele weitere Knochenbrüche an Armen und Beinen, wie an ihren Rippen. Aber sie lebt", klang er wirklich zuversichtlich.
„Wir müssen sie sehen, Jim. Ist es ok wenn…?"
„Natürlich, Carlisle."
„OK. Bis gleich."
Carlisle hatte noch gar nicht aufgelegt, da hatte ich mich schon, wenn auch unter Schmerzen, aufgesetzt. Ich sah zu meinem Vater, welcher mich wahrscheinlich gerade davon abhalten wollte. Doch er kannte mich besser, als jeder andere, als dass er mich jetzt aufhalten könnte.
„Ich muss Charlie anrufen", hörte ich Esme sagen, während Carlisle aus dem Zimmer lief.
„Sie lebt, Edward. Ich wusste es", freute sich Emmett sichtlich.
Keine 20 Sekunden später kam Carlisle mit einem Rollstuhl ins Zimmer.
„In welchem Krankenhaus arbeitet Jim?", fragte ich meinen Vater.
„Im St. Josephs…"
„In Yonkers? Das sind über zehn Meilen."
„Edward. Es sind tausende verletzte. In New York sind alle Krankenhäuser überfüllt. Wir können schon seit Stunden keine Patienten mehr aufnehmen."
„OK. Dann auf nach Yonkers", quälte ich mich in den Rollstuhl.
Bellas POV
21:45 Uhr
„Wacht sie auf?", hörte ich.
Alles schmerzte und ich flehte, schnell wieder untertauchen zu können, wo immer ich gerade war.
„Bella?"
Nun konnte ich doch nicht untertauchen, als ich die Stimme von Edward hörte. Ich spürte, wie er meine Hand drückte und versuchte zurück zu drücken.
„Oh Bella, Liebes. Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin", hörte ich seine Verzweiflung.
„Hast uns einen ganz schönes Schrecken eingejagt, Missy", hörte ich nun meinen Bro.
Ich kämpfte gegen die Schwerkraft meiner Augenlider an, doch es war schwerer, als ich dachte. Edward küsste mich auf meine Augen, als würde er mir so sagen wollen, dass ich sie endlich öffnen sollte. Tatsächlich gab es mir Kraft.
Nur langsam gelang es mir, aber schon bald sah ich verschwommene Gesichter über mir.
„Hey, Baby", spürte ich Edwards Kuss auf meiner Stirn.
Nichts fühlte sich besser an, als diese Berührung. Als hinter mir der Turm eingestürzt war und ich Liam aus meinen Armen verlor, war ich unter Trümmern eingeschlossen. Ungefähr eine Stunde rief ich unter Schmerzen um Hilfe, bis ich ohnmächtig wurde und nun aufwachte.
„Edward", schluchzte ich.
„Schsch. Es ist alles gut, Liebes. Du wirst wieder gesund und das ist das Wichtigste", küsste er mich nun auf die Schläfe.
„Wir sind so froh, dass es dir gut geht. Deine Eltern sind schon unterwegs", hörte ich meine zukünftige Schwiegermutter.
Sie stand mit Carlisle hinter Edward. Beide waren sichtlich gerührt und vor allem erleichtert. Ich war es auch, sie lebend zu sehen. Nur vage hatte ich nebenbei mitbekommen, welch Tragödie Amerika heute zum Stillstand brachte.
Ich war nur froh, dass Edward lebte und nicht in einem der Türme war. Dort hätte er wahrscheinlich nicht so viel Glück gehabt wie ich.
11. September 2011
Zehn Jahre ist es nun her, dass Terroristen Flugzeuge entführten. Zwei davon ins World Trade Center krachen ließen und ein anderes ins Pentagon stürzten. Ein weiteres sollte ebenfalls viele Tode bringen. Aber mutige Passagiere des Fluges 93 hatten die Terroristen aufgehalten. Sie starben als Helden. Ohne sie, wäre die schon größte Tragödie noch viel schlimmer ausgefallen.
2970 Menschen kamen an diesem Tag ums Leben. Darunter auch viele Freunde, Kollegen. Auch Mike und Eric waren unter den Opfern. Sie waren wahrscheinlich bis zum Zeitpunkt des Einsturzes in den Büros.
Auch Edward verlor viele Kollegen. Um es genau zu sagen waren es 343 Feuerwehrleute, die im Kampf um das Leben anderer, ihres verloren.
Ein wichtiger Teil New Yorks wurde zerstört. Und es fühlte sich an, als wurde ein Stück vom Herzen Amerikas herausgeschnitten.
Im Mai diesen Jahres wurde der Drahtzieher dieses Anschlags getötet. Manche feierten es, wie einen gewonnen Krieg. Für mich war es nur ein wenig Erleichterung, denn da draußen gab es weiterhin genug verrückte Menschen.
Mein Leben musste schon viel früher weitergehen.
Es dauerte fast vier Monate, bis ich mich von meinen Verletzungen wieder erholt hatte und einigermaßen normal laufen konnte. Es war, als müsste ich erst wieder alles neu erlernen. Edward war immer an meiner Seite und fing mich auf, sobald ich aufgeben wollte. Ohne ihn hätte ich es nicht geschafft.
Deswegen wollte ich ihn so schnell wie möglich heiraten. Im tiefsten Winter heirateten wir im schneebedeckten Forks. Dort traf ich auch Seth wieder. Ich war so froh, dass er, wie Angela und die Zwillinge, überlebt hatte. Zudem versprach ich ihm, sobald ich meine Firma wieder aufbauen würde, dass er bei mir anfangen könnte. Doch der Junge verzichtete. Er zog wieder zu seinen Eltern, wo er sich am sichersten fühlte.
Für meine Eltern war es eine sehr schwere Zeit. Sie konnten nicht ewig bei mir in New York bleiben. Ihre Sehnsucht nach mir und die weite Ferne der Ungewissheit ließ die Kleinstadt-Menschen Renée und Charlie nach New York kommen. Sie wollte keinen Tag mehr mit mir missen.
Und der 11. September 2001 hatte bewiesen, wie schnell es vorbei sein konnte.
Sie zogen zwar nicht nach New York, sondern etwas näher ans Meer, nach Freeport, was knapp 30 Meilen von New York City lag. Aber dennoch lagen nicht mehr 3000 Meilen zwischen uns.
Nach einem halben Jahr eröffnete ich meine Firma erneut. Zwar wieder in Manhattan, aber diesmal in einem zweistöckigen Haus. Es war nicht billig, aber in ein Gebäude, wie dem WTC konnte ich die Firma nicht wieder aufbauen. Meine Angst vor hohen Gebäuden hätte es nicht mehr zugelassen. Meine alten, aber auch meine neuen Mitarbeiter waren darüber sehr erleichtert.
Alice hatte sich ebenfalls ein kleines Haus gekauft für ihr Design Büro. Ihr ging es nicht anders, als mir. Mittlerweile hatte sie und Jasper drei Mädchen und waren glücklicher denn je.
Emmett und Rosalie waren mittlerweile auch Eltern. Nachdem es nie klappte mit dem schwanger werden, adoptierten sie einen kleinen Jungen, welcher seine Eltern beim Anschlag vom WTC verlor.
Maggie und Liam hatten ihre Mutter tatsächlich verloren. Aber ihr Vater hatte überlebt und sorgte nun alleine für die beiden.
Edward und ich waren Jahre erstmal nur für unseren Job da. Es dauerte, bis meine Firma wieder Fuß fasste.
Vor vier Jahren allerdings kam unser ganzer Stolz zur Welt. Renesmee Carlie Cullen kam am 10. September 2007 putzmunter zur Welt. Ich war über glücklich, dass sie sich keinen Tag länger Zeit gelassen hatte. Denn bis heute fiel es mir schwer, überhaupt über den Tag des 11. September zu kommen.
Mittlerweile war unsere Kleine schon vier Jahre alt und schon bald würde sie einen Bruder bekommen. Im Dezember sollte Anthony zur Welt kommen.
Ich hoffte nur, dass meine Kinder nie so etwas durchmachen müssen, wie wir es mussten.
Wir hatten noch Glück gehabt. Bis auf ein paar Narben und Albträume, blieb nichts nach. Aber anders als wir, hatten viele Mütter ihre Kinder verloren. Viele Kinder wurden zu Waisen. Viele Paare wurden auseinander gerissen.
Ganz Amerika war am 11. September in Trauer. Aber auch, wenn dieser Tag viele von uns nahm und uns verletzlich machte, schweißte es die Amerikaner zusammen. Feuerwehrleute wurden zu Helden und stolz wurde Flagge getragen.
Man konnte nur hoffen, dass irgendwann Frieden einkehren würde in der Welt. Aber das würde ich wahrscheinlich nicht mehr erleben. Vielleicht, aber meine Kinder.
Ende
