Kapitel 2
Etwas wie ein Schlag in die Magengrube riss Poe aus dem tiefsten Traum. Prustend schlug er die Lider auf und seine Hand fuhr unter das flache Kopfkissen bevor er überhaupt bemerkte, dass dort kein Blaster war und dass es ohnehin nur Polly war, die mit den Vorderpfoten halb auf ihm stand. Mit einem vernehmbaren Stöhnen ließ er sich auf die Matratze zurückfallen und hob eine Hand um die Finger im dichten Fell des Tieres zu vergraben.
Der Körper neben ihm regte sich, offensichtlich von seinen plötzlichen Bewegungen aufgeschreckt. Sie war also noch da. Kein gutes Zeichen, wusste er. „Es ist mir immernoch ein Rätsel, warum General Organa dir erlaubt hat den Kerl zu behalten." Ihre melodische Stimme klang rau, noch immer belegt vom Schlaf.
Poe legte einen Arm in den Nacken und zog Polly näher an sich. „Ich bin ja nicht mehr Teil des Militärs der Republik", brummte er, ohne sie darauf hinzuweisen, dass Polly ein Weibchen war. Es konnte ihr doch wohl auch gleich sein, welche persönlichen Absprachen er mit General Organa getroffen hatte und er hörte ohnehin nicht gern, was er auch so wusste. Der Weltraum und das Leben beim Widerstand waren nicht zwangsläufig gut für ein wildes Tier. Polly hatte er vor einigen Monaten im Wald gefunden. Noch ein Jungtier war sie gewesen und nur wenige Augenblicke bevor Poe über sie gestolpert war, hatte irgend ein Raubtier ihre Mutter getötet. Poe hatte das kleine, schutzlose Tier nicht zurücklassen können und mittlerweile hatte er sich an das Tier mit dem schwarzen Fell, den bernsteinfarbenen Augen und den spitzen Ohren gewöhnt und er wollte sie auch nicht mehr missen. Trotz allem. Und dass die Frau neben ihm sich herausnahm ihn zurechtzuweisen machte ihn auf unbestimmte Art wütend.
Polly gähnte herzhaft und entblößte dabei die spitzen Zähne, dann schob sie sich über seine Brust, sodass sie darauf zu liegen kam. Die Wärme, die von dem Tier, dessen Spezies vollkommen unbekannt zu sein schien, ausging, war ihm um einiges angenehmer als die Nähe der Person, die ihr Knie sein Bein hinauf schob. So war es auch nicht abgemacht gewesen. Von Anfang an hatte er ihr gesagt, dass es ihm nicht darum ging am nächsten und an allen darauf folgenden Morgenden neben ihr aufzuwachen, als sie ihn am Abend zuvor in der Kantine angesprochen hatte.
„Poe?" Sein Name von ihren Lippen war ihm ein paar Stunden zuvor nicht unangenehm gewesen, alles andere als das. Jetzt ließ der einsilbige Laut seine Nackenhaare aufstehen. Trotz allem wollte er nicht unhöflich sein. Es war ja nicht ihre Schuld, dass er ihrer Nähe überdrüssig war. Mehr hätte er ihr auch niemals geben können. Der Krieg mit der Ersten Ordnung erlaubte es einfach nicht.
Er räusperte sich und sah sie an mit einem Blick, der so entschuldigend war, wie er ihn nur zustande bringen konnte. Ihre dunklen Augen weiteten für einen Moment. Sie verstand. Sie biss sich auf die Unterlippe und richtete sich dann auf, offensichtlich mit einem Mal beschämt. Der Kloß, den er plötzlich in seiner Kehle spürte, drohte ihm die Luft abzuschnüren. Er hasste das. Hasste es, wenn jemand mehr von ihm erwartete, als er geben konnte. Vielleicht genau deswegen, weil er so selten etwas verweigerte. Aber das, was sie offensichtlich suchte, eine Beziehung nach dem, was sie in der letzten Nacht geteilt hatten... das stand einfach außer Frage. Und es brachte auch nichts ihr zu sagen, dass es ihm leid tat. Dass er nicht konnte, weil er sich darauf nicht konzentrieren konnte... die musste es doch auch selbst wissen. Er fuhr sich mit der freien Hand über's Gesicht, während sie das Laken versuchte um sich zu ziehen. Immerhin war sie ein Stück von ihm weg gerutscht. Polly hatte den Kopf auf Poes Brust gebettet und betrachtete die Frau, die ihre Anwesenheit in der kleinen Kabine so offen infrage gestellt hatte.
Mit einem Seufzen warf Poe die Beine aus dem Bett um der jungen Frau Platz zu machen. Er genierte sich nicht vor ihr aufzustehen und in mit Polly auf dem Arm in Richtung des winzigen Bades zu gehen. Einer der wenigen Vorteile, die er gegenüber anderen Piloten hatte, weil er eben Commandeur der kleinen Flotte war, war eine etwas größere Kabine auf dem Frachter. „Ich lasse dir mal den Platz...", sagte er über die Schulter in einem Tonfall, der so freundlich klingen sollte wie nur möglich, dann ließ er die Tür hinter sich zu gleiten. Polly stellt er auf dem strahlend weißen Boden ab, damit sie an ihren kleinen Wassernapf und an ihre flache Box mit Sand darin kam, in der sie sofort ihr Geschäft erledigte. Poe setzte sich auf dem Schneidersitz auf den Boden und fuhr dem Tier über's weiche Fell, traute sich wenigstens für den Moment nicht selbst seine Notdurft zu verrichten, bis die Frau nicht aus der Kabine verschwunden war. Polly schmiegte sich vertrauensvoll an seine große Hand und Poe wurde schmerzlich bewusst, dass er dieses Haustier tatsächlich nicht für immer behalten konnte. Bei dem Gedanken daran zog sich etwas in seiner Brust schmerzhaft zusammen und ihm blieb beinahe die Luft weg.
Endlich hörte er die Schritte in der Kabine, hörte wie die Tür zum Flur geöffnet wurde und sich dann wider schloss. Erleichtert atmete Poe aus, lehnte sich mit dem Rücken gegen die einfache Wand aus Kunststoff und sah auf Polly hinab. Sie richtete sich auf, sodass sie wieder auf zwei Beinen vor ihm stand und legte den Kopf schief, so als wolle sie erfragen, was er jetzt als nächstes vorhatte. „Wenn ich wüsste, wie spät es ist...", murmelte er und kam auf die Füße. Er betätigte den Knopf neben dem Spiegel und bemühte sich, sich nicht direkt in die Augen zu schauen, ehe der Statusreport des Schiffes sein Spiegelbild überdeckte. Das Schiff würde den Hyperraum in einer guten halben Stunde verlassen. Sie waren also so gut wie angekommen auf der neuen Basis.
„Dann kannst du auch wieder raus", er sah auf Polly hinab, die sich auf den Boden der Sanidusche gelegt hatte. Poe lachte, ließ den Statusreport vom Spiegel verschwinden und folgte deinem Haustier unter die Dusche. Von Anfang an war klar gewesen, dass Polly das warme Wasser, dass von oben herunter kam liebte und Poe hatte es ihr auch nicht absprechen wollen ihn zu begleiten. Erleichtert darüber, dass er Polly nicht noch weiter auf einem Schiff einsperren musste, schaltete er das Wasser ein. „Ich denke...", murmelte er und sah zu Polly hinab, die die Vorderpfoten ausstreckte und sich damit durch das spitze Gesichtchen fuhr, „dass ich dich bei meinem Vater abliefern sollte." Poe griff nach der Seife. Es tat ihm leid um Polly, aber das hier... das war kein Leben für ein Tier, war es doch schon schwer genug für die Kämpfer des Widerstands. Und ein Haustier... so gern er Polly auch hatte: er durfte nicht selbstsüchtig sein. „Ich muss ihn sowieso bei Gelegenheit besuchen." Er nahm es sich so oft vor. So unendlich oft und tat es dann doch so gut wie nie.
Als das Schiff den Hyperraum verlassen hatte, hatte Poe sich auf den Weg zum Hangar gemacht. Polly folgte ihm dicht auf den Fersen. Zwar hatte er General Organa versprochen, dass das Tier nicht frei herumlaufen würde, sie jedoch in eine Transportbox zu stecken um sie auf die Planetenoberfläche zu befördern. Natürlich stand sie vor dem Transport, den auch er betreten wollte. Sie schien tief in ein Gespräch mit einem Techniker vertieft. Immerhin das. Poe schluckte schwer und wünschte sich sehnlichst im Boden verschwinden zu können. Sie hatte ihn allerdings schon gesehen, zog spöttisch eine Braue in die Höhe, als sie Polly sah, dann wandte sie sich ab und verschwand im Inneren des Schiffs.
Schnauben stemmte Poe die Hände in die Seiten, während der Techniker noch einmal um das Shuttle herum ging, wie um sicherzustellen, dass alles abflugbereit war. „Als wär das alles meine Schuld...", zischte Poe, mit einem Mal wirklich ungehalten um das Verhalten der jungen Frau. Warum gab es hier immer noch Personen, die der Ansicht waren diesen Krieg noch weiter verkomplizieren zu müssen?
„Was ist deine Schuld?"
Poes Kopf fuhr so plötzlich herum, dass er ein Knacken im Nacken spürte. Finn. Der junge Mann stand mit einem Mal neben ihm, die neue Kleidung etwas in Unordnung, aber ansonsten schien er munter zu sein. Poe hatte ihn am Abend zuvor mit einigen Piloten reden sehen, kurz bevor er selbst mit der Frau verschwunden war. Seine Kehle war wie ausgetrocknet, als er merkte, dass die junge Frau dem Aussehen nach Finns Schwester hätte sein können. Du machst auch alles falsch, Dameron..., dachte er ärgerlich. „Gut geschlafen?", fragte er, ohne auf Finns Nachfrage einzugehen.
Finn lachte verhalten und kratzte sich am Hinterkopf. „Hmm... ein bisschen ungewohnt einen Raum für mich zu haben", erklärte er.
„Kann ich mir vorstellen", sagte Poe mit einem Nicken. „Wie geht's deinem Rücken?"
Finn hob die Schultern. „Geht schon." Offensichtlich wollte er nicht darüber reden und Poe war erleichtert.
Polly zu seinen Füßen gähnte herzhaft und stellte sich auf Poes Schuhe, wie sie es schon so oft getan hatte und umklammerte sein Bein mit ihren Vorderpfoten. Finns Blick glitt sofort hinab und er hob überrascht die Brauen. „Beebee-Ate hat sich aber verändert."
„Finn, das ist Polly. Polly... Finn." Erleichtert über den Themenwechsel hob Poe sein Bein an, wie um Polly Finn auch physisch näher zu bringen. „Ich habe sie vor einiger Zeit aufgelesen und bin sie nicht mehr losgeworden." Er lachte, dabei war ihm gar nicht danach zumute. Nicht nach dem, was er vor einer guten halben Stunde beschlossen hatte.
„Und das geht? Ich meine... sie ist doch ein wildes Tier oder?" Es war im Grunde dieselbe Frage, die die Frau ihm gestellt hatte doch jetzt, wo es Finn war, schien es Poe nicht so viel auszumachen. Finn, rief er sich ins Gedächtnis, war mit dem Konzept von Haustieren überhaupt nicht vertraut. Nicht als Sturmtruppler. Nicht bei der Ersten Ordnung.
„Es geht schon", antwortete Poe. „Wenigstens bis ich eine bessere Lösung gefunden hab." Er sah auf und Finn ins Gesicht, das von einem schiefen Grinsen gezeichnet war. Ein Grinsen, das Poe mehr als nur verunsicherte. „Was?"
„Du hast ein Talent davor Lebensformen aufzusammeln, hm?" Finn hob wieder die Schultern. Die Bewegung schien ihm nicht sonderlich schwer zu fallen. Bevor sie am Abend zuvor auf das Schiff zurückgekehrt waren, hatte man ihm angewiesen vor dem Zubettgehen noch einmal in der Krankenstation vorbei zu schauen und es schien tatsächlich alles gut verheilt zu sein. Poe hatte sichergehen wollen, dass es auch wirklich so war, hatte Finn begleiten wollen... doch Finn schien sich mit den Piloten gut genug zu verstehen, insbesondere Jess hatte es ihm nicht schwer gemacht und dann war da die Frau gewesen.
Das schmale Lächeln erwidernd betrachtete Poe sein Gegenüber. „Kann sein... die Lebensformen werde ich auch nicht so schnell los, scheint mir. Wollen wir?" Pollys Gewicht auf seinem Fuß war ihm ein wenig unangenehm, doch er schüttelte das Tier nicht ab. Vielmehr war er froh, dass sie nah bei ihm blieb, damit sich niemand beschweren konnte. Mit einigen, langgezogenen Pieplauten schoss Beebee-Ate aus einer Ecke des breiten Hangars auf Poe und Finn zu, wo der Astromech in einer Ladebuchse gesteckt hatte. „Na, Kumpel, bist du so weit?" Poe lachte und war froh um Finns Gesellschaft als er das Shuttle betraf und sein Blick sofort auf die Frau fiel.
Finn hob die Hand zum Gruß, schien sich offensichtlich an sie zu erinnern, dann warf er Poe einen Blick zu, als sie sich zu einer der letzten Sitzreihen begaben. „Warum sieht sie so aus, als würde sie dich am liebsten erdolchen? Was hast du gemacht?"
Poe schnaubte, war aber froh um das Halbdunkel, das sie jetzt umgab. Er nickte ein paar vertrauten Gesichtern zu, dann setzte er sich hin und schnallte sich an. Finn neben ihm tat das gleiche. Sofort kletterte Polly an Poes Bein herauf und nahm auf seinem Schoß Platz, während Beebee-Ate zu einem besonders für Droiden ausgezeichneten Bereich rollte, von wo er nicht verrutschen konnte, sollte es Turbulenzen geben. Poe spürte Finns Blick auf sich und war froh, dass zwischen ihnen und dem nächsten Passagier ein paar Plätze frei waren. „Ich habe gar nichts gemacht", gab er flüsternd zurück und hielt Polly fest. Die Rampe des Transports wurde eingefahren und er spürte, wie die Maschine unter ihm zum Leben erweckt wurde. „Sie..." Er winkte ab, mit einem Mal verlegen. Finn hiervon zu erzählen war seltsam und es wirkte auch nicht richtig. Was zwischen ihm und der Frau geschehen war, ging Finn nichts an, sagte er sich. Er räusperte sich wieder und sah nach vorn, Finns Blick weitgehend ignorierend und ein Gefühl, das nur Scham sein konnte, kroch seinen Rücken hinauf. Unangenehm berührt rührte er sich und als das Shuttle abhob und den Hangar verließ seufzte er wieder vernehmlich.
Mit kraus gezogener Stirn lehnte Finn sich zurück. „In der Ersten Ordnung gibt es auch so etwas wie Stressabbau...", sagte er so leise, dass Poe sich für einen Moment fragte, er habe sich verhört.
„Bitte, was?", fragte er ungläubig, während Polly sich auf seinem Kopf eindrehte und anfing an seinem Zeigefinger zu saugen. Das Gefühl lenkte ihn ein wenig ab, doch den Blick von Finn nehmen konnte er trotzdem nicht. Meinte Finn, was Poe dachte, das er meinte. Offensichtlich denn Finn zuckte mit den Schultern.
„Wenigstens ab einem gewissen Rang. Also... hab ich gehört?"
„He...", machte Poe und sah wieder nach vorn. Stressabbau... Seine Kehle war wieder wie ausgedörrt. Was Finn ihm da gerade eröffnete, so als sei es die normalste Sache der Welt, war eine Spur beunruhigend, musste er zugeben... Stressabbau... hatte er das getan? Mit der jungen Frau und mit so vielen anderen auch? Wie die Erste Ordnung es einigen Offizieren gestattete? Er presste die Lippen aufeinander und atmete tief durch. Diese Eröffnung machte den angebrochenen Vormittag nicht besser. Bei weitem nicht.
A/N: Ich habe lange an diesem Kapitel gesessen und einen Chara eingebaut, den ich in meiner Kurzgeschichte „Kurze" eingeführt hatte, weil ich das Gefühl habe, dass sie Poes Situation ganz gut symbolisiert. Wenn es euch gefallen hat, dann lasst doch bitte ein Review da, damit ich weiß ob ich in die richtige Richtung steuere ;)
