Endlich, zu Ende! Ich konnte schon nicht mehr aufrecht sitzen. Ich ließ wie immer erst den Massen den Vortritt, um nicht irgendwo zwischen Polylux (Overhead-Projektor) und Türrahmen zerquetscht zu werden. Das passierte mir nämlich laufend und meine Mutter beschwerte sich dann immer, dass meine blauen Flecken auf die Anziehsachen abfärben würden.
Nachdem der erste Ansturm auf die Tür vorüber war, traute ich mich
auch hinaus. Luise wartete schon.
"Na? Wieder hängengeblieben?", meckerte sie.
"Nein, ich wollt bloß nicht drängeln!", meckerte ich zurück.
"Was ist nun, gehen wir essen?"
"Klar, aber was ist das?", fragte sie und deutete auf einen riesigen
Schmutzfleck auf meinem schönen neuen wollweißen Pullover. "Hast
du dich irgendwo hingelegt?"
"Nicht, dass ich mich erinnern könnte. Ich denke, ich bin nur mal
kurz eingeschlafen. Aber hör mal, so ein Dreck liegt doch nicht in den
Räumen. Sieht aus wie Schlamm. Und regnet's?"
"Nein!", sagte Luise, nachdem sie sich umgeschaut hat. "Es scheint
die Sonne!"
Und wie zum Henker kam dieser Drecksfleck auf meinen Pullover?
"Ah...ich bin da vorhin mit jemandem zusammengestoßen, der war relativ
dreckig."
"Was du nicht sagst...", murrte Luise.
"Was hast du denn jetzt schon wieder?"
"HUNGER!"
Schon gut, um die liebe Luise nicht noch wütender zu machen, ging ich
ganz schnell voran und lotste sie in die Mensa. Es gab Grießbrei und Luise
verzog das Gesicht.
"IIIIIIIihhhgitt!"
Also, ich mag Grießbrei, ist so schön schlapperig und süß.
Doch Luischen mochte es wohl nicht.
"Dann iss doch ein Brötchen oder so...", schlug ich vor. Ich war nicht besonders kreativ, da ich immer noch versuchte herauszufinden, wie dieser Schmutzfleck auf meinen Pulli gekommen war.
"Aber so ein Brötchen ist doch überhaupt nicht nahrhaft. Ich
will Lembas!", nörgelte sie.
"Dann back dir welches!", meckerte ich zurück. "Oder frag
den merkwürdigen Typen, der sah aus als hätte er welches."
"Hä?", machte Luise und starrte mich groß an.
"Na der Heinzel hatte so eigenartige Sachen an, sah ein bissel aus wie
eine Rüstung. Und er hatte lange blonde Haaaa..."
Luise ließ alles fallen. "Bist du blöde?", schrie sie.
"Warum hast du den nicht festgehalten? Das war bestimmt ein Elb!"
"Klar!", sagte ich und tippte ihr an die Stirn. "Du spinnst wohl!"
"Warum?", fragte sie, wieder total ruhig.
"Elben? Hier?", sagte ich und dachte erst wieder mal danach nach.
"Du hast Recht! Es könnte schon gut sein, wenn es solche Zufälle
gibt, die das häufige Entstehen von lustig-leuchtenden Zeitfenstern ermöglichen,
die sozusagen gleich NULL sind!"
Doch ich redete schon wieder gegen eine Wand, denn Luise hatte bereits ihre
Sachen vom Boden aufgerafft und sich auf den Weg zur Essensausgabe gemacht.
Die armen Köchinnen konnte ich jetzt schon bemitleiden, denn Luischen würde ihnen sicherlich gleich die Hölle heiß machen.
Und richtig: Kaum war sie am Tresen angelangt, als sie auch schon in einer Lautstärke losbrüllte, die mein Trommelfell in sehr schmerzhaften Schwingungen vibrieren ließ.
Autsch!, dachte ich. Jetzt gibt´s Ärger.
Und tatsächlich: Die sonst so resolute Köchin wich ängstlich
zurück und hob die Arme schützend vor´s Gesicht, als würde
Luise gleich hochgehen.
Was, wenn man die momentane Farbe ihres Gesichts betrachtete, gar nicht so unwahrscheinlich
war.
Mittlerweile waren bereits mehrere Teller zu Bruch gegangen und die Schlange an der Essensausgabe hatte sich rasch dezimiert - immerhin ein Vorteil (den ich auch gleich zu nutzen wusste).
Inzwischen war es erstaunlich ruhig geworden in unserer Mensa.
Luise stand noch immer mit hochrotem Gesicht und in die Seiten gestützten Armen vor der hilflosen Köchin, die ihrer Kollegin zurief, doch bitte eine große Portion Spagetti zu kochen.
Während ich mir vorsichtig einen Teller Greisbrei grapschte und zur netten Dame an der Kasse schlenderte, um ihr in möglichst kleinen Münzen den Betrag für das Essen abzuzählen, nicht ohne bei jeder ausländischen Münze freudig in Verzückung zu geraten und "Ach wie schön die doch ist!" zu rufen.
Leider hatte ich nur zwölf Zehncent-Stücke, so dass ich ihr den Restbetrag in zwei Zwanzig- und einem Haufen Fünfcent-Stücken geben musste.
Hinter mir stauten sich bereits wieder mehrere hungrig und entnervt aussehende
Leute, die schwer beladene Tabletts trugen und seeehr ungeduldig drein sahen.
Für mich eher ein Grund, noch einen draufzugeben.
Denn etwas Psychoterror muss einfach sein, also entschloss ich mich, der Kassiererin
zu erzählen, ich hätte vergessen, mir ein Getränk zu holen (in
Wahrheit habe ich immer meine eigene Wasserflasche dabei, um Geld zu sparen)
und schlenderte seelenruhig davon, um mir ein großes Glas Fassbrause einzuschenken.
Die Leute in der Schlange blickten nun nicht mehr ungeduldig, sondern ziemlich wütend, was mich aber nicht im geringsten störte.
Stattdessen zog ich Luise, die ziemlich wie hinten in der Schlange stand, mit zu meinem Tablett an der Kasse und bot ihr an, ihres gleich mitzuzahlen, damit die Leute hinter uns nicht allzu lange warten müssten.
Dabei schaffte ich es, mein beinahe engelsgleiches Unschuldslächeln aufzusetzen, so dass die Kassiererin fast kollabierte, als ich jetzt anfing, den Restbetrag in Fünfzigcent-Stücken zusammenzusuchen.
Endlich - und für meinen bösartigen Geschmack leider viel zu schnell - hatte ich die geforderte Summe vor der Kassiererin aufgetürmt, die jetzt begann, das ganze Geld in die Kasse zu zählen.
Statt ihr aber viel Spaß zu wünschen, wartete ich geduldig auf meine zwei Cent Wechselgeld (aber natürlich wusste die Kassierein das noch nicht, da sie vorher das Geld erst mal zählen musste ^^), die ich ihr dann strahlend, mit der Bemerkung, das hätte sie sich für ihre Mühe redlich verdient, in die Hand drückte.
Luise war mit ihrem Essen bereits vorgelaufen und saß vermutlich am anderen Ende der riesigen Mensa und ließ es sich schmecken.
Mühsam mein Lachen über das verdatterte Gesicht der armen Kassiererin verkneifend schnappte ich mir mein Tablett und machte mich auf die Suche nach Luise.
Erstaunlicherweise saß sie gar nicht allzu weit entfernt und winkte mir mit sehr zufriedenem Gesicht zu.
Ich lotste mich durch die engen Gänge zwischen den Stuhlrücken, bis
ich Luise endlich erreichte und mein Tablett vor ihr auf den Tisch knallte,
so dass ihr der Inhalt meines Glases ins Gesicht schwappte, doch die strahlte
mich weiterhin an.
Ihren Teller hatte sie bereits zur Hälfte geleert - genau, wie ich´s
mir gedacht hatte.
„Ha! Die olle Essenstante hat mir doch tatsächlich versprochen, ab jetzt
immer ein Alternativgericht anzubieten!", freute sich Luise, doch ich winkte
ab, da ich schon beim Gedanken an die Show, die Luischen gerade wieder abgezogen
hatte, herzhaft hätte lachen müssen.
Daher schwieg ich und manschte stattdessen in meinem Grießbrei herum.
Luise hatte sich derweil wieder einer neuen Aufgabe gewidmet: dem Zeichnen.
Eigentlich interessierte mich das nicht (und außerdem war mir mein Essen im Moment - nein, eigentlich immer - wichtiger), aber ich legte mich trotzdem eine Runde quer über den Tisch und riskierte einen Blick auf Luises „Schmierblock", wie sie ihn manchmal liebevoll nannte.
Tatsächlich blickte mich da allerdings ein Typ an, der mich stark an den
Haldir-Darsteller Craig Parker erinnerte.
Dabei sahen sich die beiden eigentlich gar nicht allzu ähnlich.
„Frag nicht - das ist Andy Garcia. Ich find´ auch, dass er einen an unseren Craiggie erinnert. Aber als Schauspieler find ich den Garcia fast noch überzeugender. Der spielt so-", doch ich schnitt ihr mit einer raschen Handbewegung das Wort ab, so dass sie sich beleidigt wieder ihrem Bild zuwandte.
Gott, verstehe einer dieses verrückte Mädel!
Wenn mich nicht alles täuschte, sabberte sie beim Zeichnen sogar leicht.
Offenbar war sie doch nicht sooo einseitig auf die Leute aus Mittelerde und
Hogwarts fixiert.
Aber eigentlich konnte ich es ihr wirklich nicht verdenken, dieser Garcia war
wirklich zum Anbeißen!
Noch einen letzten Happs und auch ich hatte aufgegessen.
Mhm! Grießbrei ist doch immer wieder etwas Feines!
Den letzten Löffel spülte ich mit einem großen Schluck der wunderbar
überzuckerten Fassbrause hinunter und blickte Luise nachdenklich an, die
ganz in ihre Träume über einen gewissen Menschen versunken war. Oder
dachte sie gerade an einen Elben?
Nach einem kurzen Blick auf die Uhr, der mir sagte, dass wir schon wieder viel zu spät dran waren, stupste ich Luise vorsichtig an, was natürlich den gewünschten Erfolg hatte: eine dicke, dunkle Linie zog sich quer über einen großen Teil ihrer Zeichnung.
Doch sie sah mich nur böse an und brummelte irgendwas von „war eh nur
´ne Skizze" in ihren nicht vorhandenen Bart, während sie alles Mögliche
um sie herum verteilte Zeug in ihren ausgebeulten Rucksack zurückbeförderte.
Offenbar hatte sie tatsächlich kapiert, dass wir uns beeilen sollten. Eine
erstaunliche Leistung, die ich ihr nicht so ohne Weiteres zugetraut hätte…
Ich war schon aufgestanden und versuchte, mich zur Tellerrückgabe durchzudrängeln,
was mir überraschend gut gelang.
Dann winkte ich Luise kurz zu und überlegte fieberhaft, in welches Seminar
ich jetzt musste.
Meinen Plan hatte ich natürlich zu Hause gelassen und so versuchte ich
auf gut Glück, den Weg in die Eingangshalle zu finden, um anschließend
in ein gegenüberliegendes Gebäude zu entschwinden, in dem ich jetzt
möglicherweise anwesend sein sollte.
Pech gehabt - abgeschlossen. Manche Leute müssen eben nie arbeiten…
Also setzte ich mich auf die Bordsteinkante, streckte die Beine von mir und
überlegte.
Es musste eines der Gebäude in dieser Straße sein.
Dumm nur, dass ich dieses Seminar die letzten beiden Wochen geschwänzt
und somit absolut keinen Plan hatte, worum es dort überhaupt ging, geschweige
denn, wo es sich befand.
Sei´s drum, so könnte ich endlich mal wieder der Bibliothek einen
Besuch abstatten.
Ich stand also wieder auf und schlenderte die Straße entlang, als es mir
wieder einfiel: „Spätantike und frühmittelalterliche Texte des südlichen
deutschsprachigen Raumes".
Heiliger Strohsack, worauf hatte ich mich da bloß eingelassen?!
Ich legte einen Zacken zu und meinte im Vorbeirennen, den blonden Typen, in
den ich vorhin hineingerannt war, auf einer Parkbank vor sich hinvegetieren
zu sehen.
Aber dazu hatte ich jetzt keine Zeit.
Ich musste so schnell wie möglich das richtige Gebäude samt passendem
Raum finden.
Keine leichte Aufgabe in diesem Uni-Dschungel…
Da vorne war es.
Natürlich befanden sich die Seminarräume in einem der Seitenflügel
und natürlich lief ich zuerst in den falschen Flügel.
Nachdem ich einen Alt-´68er, der hier Professor zu sein schien, eine aufgeputzte Sekretärin (dem schmiegen Lächeln nach *musste* sie einfach Sekretärin sein!) und einen verwirrten Studenten nach dem Weg gefragt hatte und mir alle drei nicht nur sehr schwammige und sehr verschiedene, sondern auch, wie ich in Kürze feststellen sollte, grottenfalsche Antworten gegeben hatten, erreichte ich mut Müh und Not (und mehr als nur einigen Minütchen Verspätung) mein Seminar, wobei ich eine Kommilitonin in ihren Referat unterbrach, entschuldigte mich demütig und scheinbar zutiefst verstört über meine Unpünktlichkeit bei meinen Seminarleiter, der mich wie ein Mondkalb anglotzte (offenbar hatte er bisher nicht von meiner Existenz gewusst) und setzte mich in die hinterste Reihe, wo ich meine Füße auf den Nachbarstuhl legen und erst mal verschnaufen konnte.
Ich kann heute nicht mehr sagen, was damals passierte, aber vermutlich, aber vermutlich das bei mir Übliche: Ich bin eingeschlafen. Mal wieder.
Als ich aufwachte war es draußen bereits dunkel und ich war allein im
Raum.
Mine Fresse, ich sollte mir das Einschlafen im Unterricht wirklich langsam abgewöhnen,
sonst könnte ich noch ernsthafte Probleme bekommen…
Sei´s drum. Es war jedenfalls Unterrichtsschluss, also raffte ich im Aufstehen meine Tasche und machte mich auf den Weg, den Ausgang zu finden, was jedes Mal auf´s Neue ein faszinierendes Suchspiel für mich war.
Irgendwann war ich dann draußen und machte mich auf den Weg zur U-Bahn.
Mein Bus, der mich dorthin hätte bringen können, war vermutlich vor
wenigen Minuten abgefahren und kam frühestens in zwanzig Minuten wieder.
In den kleinen Seitenstraßen, die ich durchlief, gab es nur spärliches
Licht - wenn überhaupt. (Offenbar gingen die hiesigen Anwohner nach Einbruch
der Dunkelheit nicht mehr aus dem Haus.)
Daher sah ich auch den Boden unter meinen Füßen kaum und so kam es,
dass ich plötzlich an irgendetwas Großem hängen blieb und mich
der Länge nach auf die Fresse packte.
