Es war stockdunkel. Die Luft roch feucht und modrig. Ich hatte panische Angst. Irgendetwas war da in der Dunkelheit. Etwas Böses, das ich nicht sehen konnte. Ich wollte fliehen, egal wohin; aber meine Füße wollten sich nicht bewegen. Sie klebten tonnenschwer am Boden. Ich konnte nicht einmal schreien, Panik schnürte mir die Kehle zu. Mein Herz begann zu rasen. Was auch immer da war, kam näher, auch wenn ich nichts sehen konnte, spürte ich, dass es näher kam. Auch konnte ich bis auf leise rieselndes Wasser nichts hören.
Doch jetzt … ich konnte es riechen. Ein unangenehmer ekelhaft süßer Gestank stieg mir in die Nase, füllte meine Lungen, ließ meine Augen tränen und drehte mir den Magen um. Der Gestank wurde immer intensiver, bis er das Einzige war, das ich wahrnehmen konnte. Er brannte mir schmerzhaft in der Nase; ich konnte ihn schmecken und mir wurde übel. Was auch immer da war, wäre im nächsten Augenblick bei mir. Gleich wäre es so weit. Ich war fast wahnsinnig vor Angst.
Plötzlich fuhr ein fast unerträglicher sengend heißer Schmerz mein Rückgrat hinunter.
Ich fuhr hoch; schweißgebadet und schwer atmend. Ich konnte wieder sehen und schaute mich hektisch um. Erst wusste ich nicht, wo ich war. Ich brauchte einige Sekunden um mich daran zu erinnern. Erleichtert sank ich auf mein Kissen zurück. Ich hasste diesen Traum. Er verfolgte mich, solange ich denken konnte. Immer nach dem gleichen Muster; ich konnte nie erkennen, wovor ich solche Angst hatte, ich hatte immer den gleichen brennenden Gestank in der Nase und am Ende kam der heiße Schmerz.
Ich griff nach meiner Uhr. 6 Uhr an einem Samstag, nicht unbedingt die übliche Zeit um aufzustehen, da ich nach diesem Traum üblicherweise nicht mehr besonders gut schlief, entschloss ich mich trotzdem aufzustehen. Ich krabbelte also dem Bett, angelte mir frische Kleidung aus meinem Koffer und ging duschen.
Nachdem ich mich angezogen hatte, band ich meine Haare zum Pferdeschwanz, schaute in den kleinen Spiegel über dem Waschbecken und entschied wie jeden Morgen, dass kein Make-up nötig war. Warum ich das jeden Morgen tat, wusste ich selbst nicht so recht. Ich besaß nicht einmal welches; ich hatte es einfach nie gebraucht. Außerdem wirkte jede Art von Schminke in meinem Gesicht irgendwie seltsam. Bei mir hob sie nicht wie bei allen anderen meine Vorzüge hervor, sondern schien sie ehr zu verdecken. Aber irgendwann war mir dieser Blick zur Gewohnheit geworden und gehörte nun zum Morgen wie das Zähneputzen.
Anders als erwartet, war ich nicht allein, als ich nach unten kam. Ben saß mit einer Tasse Kaffee in seinem Ledersessel und schaute Nachrichten im Fernsehen; links und rechts von ihm lagen Angus und Beth auf dem Boden und hoben nur träge die Köpfe, als ich herunterkam. Ben bemerkte mich, erst als ich am Ende der Treppe auf eine knarrende Diele trat.
„Guten Morgen.", sagte er und zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Du bist früh wach. Schlecht geschlafen?"
„Nein, eigentlich sogar ziemlich gut; nur ein bisschen schlecht geträumt."
Er lächelte. „Dann ist es ja gut. In der Küche müssten noch Cornflakes sein, aber ich glaube die Milch ist alle. Ich habe vergessen einzukaufen; das werde ich heute Vormittag noch nachholen. Schau einfach was du findest."
Viel zu finden gab es nicht. Im Kühlschrank fand ich eine einsame Tomate, Trockenfleisch, ein Stück Käse, das schon bald das Laufen anfangen würde und eine halb volle Flasche Mineralwasser. Das Gefrierfach war bis auf einen Beutel Eiswürfel leer. In einem Schrank über der Arbeitsfläche fand ich schließlich eine angefangene Packung CocoaPuffs und –Halleluja – gefüllte Toasterwaffeln; und das Haltbarkeitsdatum war noch nicht abgelaufen.
Nachdem Ben seinen Kaffee ausgetrunken und ich meine Toasterwaffeln verspeist hatte, gingen wir in mein Zimmer um das Möbelchaos zu beseitigen.
Das Bücherregal war nicht weiter kompliziert; schwierig wurde es, als wie meinen Schreibtisch aufbauen wollten und feststellen mussten, dass einer der Hunde die Anleitung für einen Snack gehalten hatte. Meine Versuche die Überreste wieder zusammen zu puzzeln, waren leiden nicht von Erfolg gekrönt. Und nach über einer Stunde erfolglosen Herumprobierens, entschied Ben, dass ein Schreibtisch sowieso gar nicht so wichtig wäre; ich könnte ja meine Hausaufgaben genauso gut unten am Esstisch oder seinem Schreibtisch machen. Ich würde dann wahrscheinlich den Esstisch bevorzugen. Selbst in aufgeräumtem Zustand umgab Bens Schreibtisch eine Aura des Chaos.
Kurz vor 10 Uhr standen dann auch endlich meine Kommode und der Kleiderschrank.
„Na wer sagt's denn! Das war doch gar nicht so schlimm" Ben stand mitten im Raum, hatte die Hände in die Hüften gestemmt schaute sich um als hätte er gerade eigenhändig ein Haus gebaut. Die Schreibtischteile hatte er ziemlich schnell und unter Verwünschungen nicht genannter schwedischer Möbelhäuser in seinem Werkzeugschuppen verschwinden lassen.
„Dann schlage ich vor, du fährst jetzt einkaufen." Den leeren Kühlschrank hatte ich die ganze Zeit im Hinterkopf gehabt.
Ben nickte zustimmend. „Ja, sonst sehe ich schwarz für unser Mittagessen. Würdest du mir einen Gefallen tun und in der Zeit ein bisschen mit den Hunden spazieren gehen?"
„Sicher, dann kann ich mir die Gegend gleich etwas anschauen."
„Sehr schön. Dann würde ich sagen, ich nehme dich mit bis ins Dorf und du könntest zurücklaufen. Aber bevor wir los können, muss ich erst mal schauen, wo mein Portemonnaie liegt."
Ich grinste. Ben war ein Chaot allererster Güte. In seinen Erinnerungen hatte ich einen kurzen Blick darauf bekommen, wie das Haus ausgesehen hatte, bevor er aufgeräumt hatte; ein einziges Durcheinander aus Kleidung, Papieren, Büchern und Hundespielzeug. Ich hoffte inständig, dass wir es schaffen würden, das Haus in dem Zustand zu belassen, in dem es sich jetzt befand. Ich war zwar selbst nicht besonders ordentlich, aber eine gewisse Grundordnung hielt ich dennoch für notwendig.
Während Ben sich auf die Suche nach seiner Brieftasche machte, zog ich schon einmal meine Jacke an und kramte ein Paar Stiefel aus meinem Koffer. Nicht dass ich irgendeines von beiden gebraucht hätte, eher im Gegenteil; am liebsten wäre ich einfach in T-Shirt und Turnschuhen hinausgegangen, aber es fiel auf, wenn man mitten im Januar in Sommerkleidung draußen herumlief.
10 Minuten später hatte Ben endlich alles beisammen und wir konnten los. Dieses Mal bekam ich mit, wo wir entlang fuhren, und prägt mir den Weg ein um mich nicht auf dem Rückweg zu verlaufen. Die Strecke war allerdings auch nicht weiter kompliziert. Vom Schotterweg, der zu Bens Haus führte, bog er auf eine einspurige asphaltierte Straße ein und folgte ihr etwa eine halbe Meile, bevor die ersten Häuser von La Push auftauchten.
Nach wenigen Minuten stellte Ben den Wagen vor einem kleinen Laden ab, sah sich kurz nach den Hunden auf der Ladefläche um und sah dann mich an.
„Ist es wirklich in Ordnung, wenn ich dich hier rausschmeiße?", fragte er etwas unsicher.
„Selbstverständlich. Es ist sicher keine schlechte Idee, wenn ich mir etwas mehr von meinem neuen zu Hause anschaue. Und zurück finde ich auch.", antwortete ich und lächelte ihm aufmunternd zu. Hin und wieder war Ben mir gegenüber irgendwie verunsichert; ich war mir nicht ganz sicher, woran das lag. Wahrscheinlich, weil wir uns nicht gesehen hatten, seit ich ein Kind gewesen war und uns im Grunde nicht kannten; zumindest hoffte ich das. Die Alternative war, dass er wusste, wie seltsam ich war und Angst vor mir hatte – was wohl verständlich wäre.
„Also gut. Ich will nur noch schnell etwas im Laden besorgen."
Ich nickte nur und wir stiegen aus. Während er direkt in den Laden ging, öffnete ich die Klappe der Ladefläche und um die Hunde herunter zu lassen. Danach kletterte ich selbst hinauf um die Leinen aus der Transportbox zu holen – nur für alle Fälle. Ich glaubte zwar nicht, dass es nötig sein würde Angus und Beth anzuleinen, aber man konnte ja nie wissen.
Als ich von der Ladefläche sprang, fielen mir zwei junge Männer ins Auge. Beide waren ziemlich groß und muskulös, wobei der eine etwas kleiner und breiter war als der andere. Beide hatten glänzende schwarze Haare und Haut wie schwarzer Tee – offenbar Quileute. Ihr Alter fand ich schwer zu schätzen, obwohl ich darin normalerweise eher gut war. Was mir allerdings besonders auffiel, war, dass sie ohne oberkörperfrei und ohne Schuhe im kalten Wind standen.
Aber bevor ich mir darüber weiter Gedanken machen konnte, blieb mein Blick irgendwie im Blick des größeren der beiden hängen und erst eine leichte Berührung von Ben, als er wieder einstieg, lenkte mich ab. Der Blick war so intensiv gewesen, nicht starrend oder unangenehm, er war … ich fand kein passendes Wort dafür. Bens ernste Stimme brachte mich von der Suche nach einem passenden Adjektiv ab.
„Ich bin so schnell wie möglich wieder da.", sagte er und reichte mir meinen Rucksack aus dem Fenster. „Sollte irgendetwas passieren, rufst du mich auf meinem Handy an. Verstanden?"
„Jawohl, mein General.", sagte ich und salutierte, aber Ben fand das wohl nicht lustig.
„Ich meine das vollkommen ernst, Theodora." – ich hasste diesen Namen, denn immer wenn ihn jemand gebrauchte, bedeutete das, Ärger für mich – „Das hier ist nicht irgendein kleines Wäldchen in Kent. Wenn du dich hier verläufst, kommst du nicht spätestens nach 4 Meilen wieder auf freies Feld. Also bleib auf der Straße."
„Alles klar. Ich bleibe auf der Straße und rufe dich an, sollte etwas Ungewöhnliches passieren."
„Gut. Dann sehen wir und zu Hause.", meinte er befriedigt, strich mir einmal kurz über den Kopf und fuhr dann los.
Ich drehte mich wieder zum Laden um, aber die Objekte meines Interesses waren verschwunden. Würde ich mich nicht so genau an den Blick des einen erinnern, hätte ich sie ohne Weiteres für Trugbilder gehalten.
Ich entschloss mich ein Stück am Strand entlang zu gehen, den ich von hier aus sehen konnte. Also schulterte ich meinen Rucksack und ging auf das Meer zu, währen Beth und Angus vor mir her tobten.
Embry
Als ich sie das erste Mal sah, traf es mich wie ein Schlag. Die Luft blieb mir weg und mein Herz begann zu rasen. Alles um mich herum rückte in den Hintergrund, wurde bedeutungslos. Sie war das Zentrum meines Universums, sie war es immer gewesen, doch erst jetzt als ich sie sah wurde ich mir dessen bewusst.
Der Klang ihrer Stimme löste ein Glühen in meinem Inneren aus. So klar und weich und voller Wärme.
Als sie ausstieg, fuhr ihr der Wind durch das kastanienbraune Haar und trug ihren Duft zu mir herüber. Genau im selben Moment atmete ich, wie fremdgesteuert tief ein und füllte meine Lungen bis in die kleinste Ecke mit ihrem Duft. So etwas hatte ich noch nie gerochen; er war wie ein Spiegel ihrer Stimme, so warm, weich und klar. Er war perfekt, hatte nicht die leiseste falsche Note.
Ihr Duft und ihre Stimme erfüllten mich bis in jede Pore und ich würde sie in mir tragen, bis an mein Lebensende. Ich würde keines von beiden je wieder vergessen können, konnte mir aber auch nicht vorstellen, das jemals zu wollen.
Quil stieß mir einen Ellbogen in die Rippen, aber ich konnte und wollte den Blick nicht von ihr wenden. Mein Herz stolperte und das Glühen in meinem Inneren nahm zu, als sie mich ansah. Einen kurzen Moment lang – einen zu kurzen Moment lang – blieben unsere Blicken ineinander verschränkt; dann wandte sie sich wieder ab.
Quil stieß mir erneut in die Seite; dieses Mal so hart, dass es wehtat und ich mich wiederstrebend zu ihm umwandte.
„Hast du Jake nicht gehört? Wir sollten los, und zwar gleich." Damit packte er mich am Arm und zog mich mit sich. Fort von ihr.
Er zerrte mich bis zum Waldrand zwischen die Bäume. Als ich sie nicht mehr sehen konnte, spürte ich wie jede einzelne Zelle meines Körpers wieder zurück wollte, in ihrer Nähe sein wollte, sie beschützen wollte. Es machte mich unruhig nicht zu wissen, wie es ihr ging, ob es ihr gut ging, ob sie irgendetwas brauchte.
In mir führte mein Pflichtgefühl gegenüber dem Rudel, einen harten Kampf gegen das heftige Bedürfnis bei ihr zu sein. Das Pflichtgefühl gewann, wenn auch nur knapp.
Kaum hatte ich mich verwandelt, hatte ich Quil in meinem Kopf.
‚Man, Embry. Was ist mit dir los?'
Seine Frage beantwortete ich, ohne es wirklich zu wollen.
‚Oh!' Ich sah immer noch ihr Gesicht vor mir, hatte den wundervollen Klang ihrer Stimme im Ohr. Ich konnte mich kaum auf etwas anderes konzentrieren und währe einmal beinahe gegen einen Baum gelaufen. Die Gedanken der anderen nahm ich nur am Rande wahr.
Ich schnappte nur ihren jeweiligen Tenor auf. Jake war überwiegend besorgt, Quil schien sich über irgendetwas sehr zu freuen, Seths Gedanken sprangen unruhig mal hierhin mal dorthin und Leah war genervt – wie üblich.
Quil und ich erreichten die Lichtung zeitgleich mit Leah, Seth war bereits da. Ich zwang mich dazu, mich auf die geführte Unterhaltung zu konzentrieren. Jake führte das Wort.
‚Es sieht so aus als hätten immer noch nicht sämtliche Blutsauger, die die Volturi angeschleppt haben die Gegend verlassen. Bis her ist zwar noch nichts vorgefallen, aber Sam und ich sind der Meinung, dass wir es nicht darauf ankommen lassen sollten.'
‚Einer von denen war auf unserem Territorium, aber ich habe nur seine Spur gefunden. Er ist ziemlich schnell von allein wieder verschwunden.' Fügte Seth etwas enttäuscht hinzu.
‚Ja deshalb wird die Patrouille nachts um zwei verstärkt. Die heutige Schicht übernehmen Leah und ich und die morgige Embry und Quil, die nächsten drei Tage deckt Sam mit seinem Rudel ab dann sind wir wieder dran. Währen damit alle einverstanden?'
Wir stimmten alle zu; Seths leichte Unzufriedenheit, weil er bei dieser Einteilung übergangen worden war, wurde allgemein ignoriert.
‚Sind wir dann fertig? Kann ich gehen?', fragte ich und scharrte unruhig mit den Pfoten im Boden.
‚Sicher, das war so weit alles. Hast du noch was vor?', antwortete Jake; verwundert über meine ungewöhnliche Nervosität.
‚So in etwa.', meinte ich, bereits in vollem Lauf durch den Wald Richtung La Push.
Wie bereits erwähnt, bitte kritisieren falls nötig. :)
